Tutgutmensch          08.05.2021

 

Noch im Jahr 2006 definierte der Deutsche Journalisten-Verband den Begriff Gutmensch als einen Menschen mit positivem Antrieb, der humanistische, mitmenschliche Lebensziele höher einschätzt als zweckorientierte Argumente. Das hat sich heutzutage jedoch leider grundlegend geändert, mehr noch, es hat sich ins glatte Gegenteil verkehrt. Hochmotivierte Einzelkämpfer unserer Ellbogengesellschaft – ausnahmslos mit zentimeterdicker Hornhaut an den Ellbogen – haben diesen Begriff gekapert und verwenden das Wort „Gutmensch“ als eine Art Schimpfwort, um damit ihrer Meinung nach „verweichlicht-naive“ Artgenossen in abfälliger Form zu titulieren und sich über sie lustig zu machen.

 

Zu allem Überfluss bekam dieser an und für sich doch eigentlich recht schön klingende Begriff im Jahr 2015 noch einen weiteren unrühmlichen Titel verpasst: Die Darmstädter Jury kürte ihn zum „Unwort des Jahres“ und befand, er „verhindere einen demokratischen Austausch von Sachargumenten“. Die Begründung ist durchaus nachvollziehbar: Die Verwendung des Wortes „Gutmensch“ im negativen Sinn ist ein Ablenkungsmanöver jener, die es benutzen, um Menschen mit anderer Einstellung als der ihren auf verächtlich machende Art und Weise herabzuwürdigen und mundtot zu machen. Statt sich auf einen Dialog mit ihnen einzulassen, ob und wie sinnvoll es ist, sich zu engagieren, putzt man sie höhnisch herunter, all diese suspekten Greenpeace-AmnestyInternational-SOS-Kinderdorf-Antikriegs-Gutmenschen.

 

Gut, nicht alle Menschen sind gut, aber ein guter Teil ist es meiner Meinung nach schon. Und ich bin wirklich froh, einige von ihnen, für die Begriffe wie Respekt, Toleranz und Solidarität keine Fremdworte sind, persönlich zu kennen. Aber das Gute, nein, sogar das Beste daran: Unter den Gutmenschen befindet sich so manches Mal sogar ein Tutgutmensch, dessen Gesellschaft einfach nur gut tut und mit dem Unterhaltungen das reinste Vergnügen sind.

 

Aber das Gute gehört den Guten. Und deshalb finde ich, dass die guten Menschen sich diesen Begriff wieder zurückholen sollten, um ihn in seiner ursprünglichen Bedeutung frei von der Gutmenschenleber weg wieder zu verwenden – ganz nach dem Motto: Ich bin ein guter Mensch, kurz gesagt ein Gutmensch... und das ist auch gut so.

 

Und bevor ich's vergesse, hier noch ein kleiner Hinweis an die Vertreter der Ellbogen-Fraktion, die es nicht besonders gut mit den Gutmenschen meinen und die sich zusätzlich ziemlich schwertun mit der Deutung bestimmter Begriffe: Tutgutmenschen sind nicht die, die besonders gut tuten können, wenn schon wieder mal vor ihnen an der Ampel ein (höchstwahrscheinlich von einem dieser ahnungslosen Gutmenschen gelenktes) Fahrzeug steht, das partout nicht anspringen will...

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Im Rucksack          24.04.2021

 

Wie die Leserinnen und Leser meiner Kolumne bestimmt schon festgestellt haben, bin ich eine große Freundin von Sinnsprüchen. Denn viele von ihnen machen ihrem Namen wirklich alle Ehre und sind Lebensweisheiten, die einen nicht nur ein klein wenig weiser machen, sondern das Leben insgesamt bereichern können.

 

Neulich las ich zum Beispiel den wunderbaren Satz: „Jeden Tag beginnt das Leben neu“ – und als ich am kommenden Morgen in der Früh die Augen aufschlug, musste ich sofort an ihn denken. Was für ein Satz! Okay, rein wissenschaftlich betrachtet ist er natürlich Unfug. Man stirbt schließlich nicht jede Nacht, um am nächsten Morgen wieder ein neues Leben beginnen zu können. Das hat die unbekannte Verfasserin beziehungsweise der unbekannte Verfasser gewiss auch nicht gemeint. Nein, dieser Satz mit so viel positiver Strahlkraft soll Mut und Zuversicht vermitteln und ist in vielerlei Hinsicht zu deuten.

 

Mir zum Beispiel sagt er: Gestern ist gestern und vorbei. Egal, was dir da vielleicht misslungen ist, es lässt sich nicht mehr ändern. Akzeptiere es, aber denk auch daran: Das, was du gestern gelernt hast, hilft dir, wenn du einen neuen Anlauf nimmst, heute eventuell dabei, die Sache besser zu machen. Ja, nimm das Gelernte mit, aber nicht den Ärger und den Frust vom gestrigen Tag. Denn das, was du heute in deinem Rucksack zu tragen hast, das ist ohnehin oft schon schwer genug.

 

Auch um das Morgen mach dir nicht allzu viele Gedanken. Denn die Sorgen wegen dem, was morgen möglicherweise passieren könnte (und vielleicht niemals passieren wird), machen deinen Rucksack heute unnötig noch schwerer. Kopf hoch, vertrau auf dich, hol den Zettel aus deinem Rucksack, auf dem du all die vielen Dinge aufgeschrieben hast, die dir dank deiner Kraft und deinem Durchhaltewillen schon gelungen sind, lies ihn ganz genau durch – und sei dankbar. Wer dankbar sein kann, macht sich selbst nämlich eines der schönsten Geschenke. Und so eigenartig es auch klingen mag: Wer ein großes Stück Dankbarkeit in seinem Rucksack hat, für den werden die schweren Dinge darin auf einmal viel leichter.

 

Und während du im Laufe des Tages dann mit deinem Rucksack unterwegs bist, vergiss nicht, zu lächeln, ab und zu ein Liedchen zu summen und Ausschau nach dem kleinen Glück zu halten. Es zu finden, kann zuweilen ganz schön schwierig sein, denn das kleine Glück ist Meister im Verstecken. Und außerdem zeigt es seine Schönheit nur dem, der es auch sehen will und zu schätzen weiß. Das kann ein einsames, zerrupftes Blümchen sein, das sich mutig zwischen Bürgersteig und Mauer empor kämpft, der Abdruck kleiner Gummistiefelprofile im Garten oder die Gewissheit, dass man durch eine kleine Geste den schweren Rucksack eines Mitmenschen ein bisschen leichter hat machen können.

 

Ihre Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Ebbe langts          10.04.2021

 

Wenn andere schon lange nicht mehr still sind, kann ich immer noch ruhig sein. Es hat zwar ein bisschen gedauert, aber im Laufe meines Lebens habe ich gelernt, dass es nicht gut ist, vorschnell zu urteilen. Viele Dinge brauchen ihre Zeit und es gibt nur wenig, das man schnell und einfach mal eben so aus dem Boden stampfen kann. Ganz besonders, wenn man zum ersten Mal in seinem Leben mit einem riesigen Problem konfrontiert wird, das wie ein Orkan über einen hereinbricht und mit dem man mutig und nötigenfalls auch unkonventionell den Kampf aufnehmen muss.

 

Ja, und deshalb habe ich unserer Regierung fast ein ganzes Jahr vertrauensvoll die Stange, an der die schwarz-rot-goldene Fahne hängt, gehalten und bin ruhig geblieben, auch nachdem es schließlich hieß, dass uns genau jene Epidemie bevorsteht, vor der Experten schon viele Jahre zuvor gewarnt hatten. Auch, als Fachleute und Politiker nicht enden wollende Diskussionen über Sinn oder Unsinn des Tragens von Masken und deren Beschaffung führten, habe ich die Ruhe bewahrt. Ebenso, als sich herausstellte, dass die Corona-Warn-App ihren Zweck trotz 69 Millionen Euro Entwicklungskosten noch nicht mal im Ansatz erfüllt. Und selbst, als bekannt wurde, dass man bei der Impfstoffbestellung auf fatale Weise unglaublich versagt hat und dass viele deutsche Gesundheitsämter kolossal überlastet sind, weil nur ein Drittel digital arbeitet und der Rest von Hand ausgefüllte Listen per Fax verschicken muss, habe ich immer noch versucht, ruhig zu bleiben. In einem Land, das den Gesundheitssektor im Laufe der Jahre stets mehr vernachlässigt und viele seiner Krankenhäuser an große, gewinnorientierte Unternehmen verkauft hat, verwundert so etwas nicht weiter. Aber das wird sich schnell ändern, dachte ich mir. Die Probleme werden angepackt und auch wenn man sie nicht sofort beseitigen kann, so wird in einem Land wie dem unseren in einer solchen Katastrophe doch alles daran gesetzt, tatkräftig und umgehend eine Besserung herbeizuführen.

 

Ob Lockdown, Maskenpflicht, Desinfektionsrituale, Abstandsregeln, Kontaktverbote, Ausgangssperren – ich habe alles brav mitgemacht und mich gehorsam an alle Vorschriften gehalten. Und für was? Dafür, dass ich mir jetzt nach über einem Jahr Pandemie das Impfdesaster, die schier endlosen Lockdown-Diskussionen, dieses dauernde Hin und Her, Hü und Hott, die Selbstbeweihräucherung deutscher Politiker im Vorwahlmodus und das traurige Ergebnis der grandios gescheiterten EU-Impfstoffbeschaffung, für das niemand die Verantwortung übernehmen will, mitansehen muss?

 

Nö, jetzt reicht es mir. Der hessische Aufdruck auf einem Kühlschrankmagneten trifft meine derzeitige Gemütslage genau: Ebbe langts... oder um es mit einem Zitat des Hessen Goethe aus einer anderen Tragödie namens Faust deutlich zu machen: Der Worte sind genug gewechselt, lasst mich auch endlich Taten sehn!

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Armes Würstchen          27.03.2021

 

Um ein Haar hätten Sie an diesem Wochenende auf den Meinungs-Senf, den Ihre Kolumnistin alle zwei Wochen in meist mittelscharfer Weise von sich gibt, verzichten müssen. Aber nicht, weil mir die Senfkörner, sprich die Kolumnenideen, ausgegangen sind oder mir passend zum Senf auf einmal alles wurscht geworden wäre. Nein, es gab einen anderen wichtigen Grund: Ich war voll und ganz damit beschäftigt, mir tiefgreifende Gedanken zu machen – und zwar zum Thema Senf dazugeben beziehungsweise Meinung äußern.

 

Nicht, dass ich etwas dagegen hätte, ganz im Gegenteil. Ich war schon immer eine Verfechterin der Meinungsfreiheit und es tut mir in der Seele weh, dass es Regionen auf unserem Erdball gibt, in denen man mit Inhaftierung, Folter oder sogar Ermordung rechnen muss, wenn man auch nur ansatzweise durchblicken lässt, dass man an den Machthabern seines Heimatlandes auch nur das Geringste auszusetzen hat. Nein, Meinungsfreiheit ist ein sehr hohes Gut, für das man dankbar sein sollte und das es zu bewahren gilt.

 

Aber zuweilen tritt in heutiger Zeit eine Art von Meinungsäußerung zutage, die mir ganz und gar nicht gefällt. So kam mir diese Woche zur Mittagszeit in der Obergasse unseres schönen Städtchens ein weniger schöner Vertreter des männlichen Geschlechts entgegen und raunzte mich an mit den Worten: „Ihr mit euren Sch...-Masken!“

 

Ich tat so, als hätte ich ihn nicht gehört und bedauerte gleichzeitig, dass die Maske nicht auch noch meine Ohren schalldämmend bedeckte. Zugegeben, ich war etwas irritiert. Derlei bekommt man selten zu hören, dachte ich beim Weitergehen, eher liest man es in Internet-Kommentarspalten. Dort geht es allerdings teilweise noch weitaus heftiger zur Sache und man kann durchaus den Eindruck gewinnen, dass sich hier zwei kriegerische Parteien voller Hass gegenüberstehen. Jede Äußerung einer gegenteiligen Meinung wird als Kampfansage interpretiert. Andersdenkende werden aufs Gröbste beschimpft, beleidigt und als Feinde betrachtet, die es mit allen Mitteln zu bekämpfen gilt.

 

Der Deutsche Gewerkschaftsbund hat diesbezüglich einen sehr bedenkenswerten Vorschlag gemacht: „Bevor man einen Kommentar postet, stellt man sich vor, wie man ihn abends seinen Kindern, seiner Frau und seinen Eltern vorliest. Würde man sich dafür schämen, postet man ihn nicht.“ Und für die Leute, die Senfkörner, die ihnen nicht schmecken, immer absichtlich in den falschen Hals kriegen, hat der DGB noch einen Zusatz verfasst: „Nennt sich Anstand, nicht Angriff auf die Meinungsfreiheit.“

 

Gute Meinungsäußerung, der meiner Meinung nach nichts hinzuzufügen ist. Nur dem Maskenhasser aus der Obergasse, dem hätte ich doch noch was zu sagen: Da kann es noch so viel von seinem Schwurbler-Senf in der Landschaft verteilen... armes Würstchen bleibt armes Würstchen.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Eselsöhrchen          13.03.2021

 

Bis vor gar nicht allzu langer Zeit dachte ich eigentlich immer, ich sei das Prachtbeispiel einer Perfektionistin. Stundenlang kann ich mich zum Beispiel mit dem Schmücken des Weihnachtsbaumes beschäftigen. Bis alle nach Farben sortierten Kugeln fein säuberlich und gleichmäßig über die Zweige verteilt sind, kann das nämlich schon eine Weile dauern. Doch damit nicht genug. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem unsere Vogelsbergtanne schließlich abgeschmückt ist und in den Christbaumhimmel aufsteigen darf, werden an jedem Tag mindestens zwei Kugeln umgehängt, weil sie sich meiner Ansicht nach immer noch nicht am perfekten Hängeort befinden und dadurch das optimale Erscheinungsbild erheblich beeinträchtigen.

 

Auch bei der Gartenarbeit treten meine perfektionistischen Züge zutage. Wenn er sprechen könnte, wäre unser kleiner roter Fächerahorn imstande, ein Lied darüber zu singen beziehungsweise ausführlich davon zu erzählen, dass die Dame des Gartens Finger und Schere einfach nicht von ihm lassen kann. Fast jeden Tag muss sie ein bisschen an ihm herumschnippeln, weil sie der Meinung ist, er hätte immer noch nicht die perfekte Blätterdachfrisur.

 

Aber so bin ich nun mal. Ich kann falsch herum einsortierte Gabeln, halb zugezogene Gardinen, schief aufgehängte Geschirrtücher und Schuhe, die nicht in Reih und Glied stehen, einfach nicht leiden. So was tut mir in den Augen weh und lässt es mir in den Fingern jucken, bis ich dem vermeintlichen Missstand schnellstmöglich ein Ende bereitet habe. Ja, wie gesagt, ich dachte immer, dass ich in vielerlei Hinsicht manches wirklich ein bisschen zu genau nehme.

 

Bis ich zum ersten Mal von bestimmten Artgenossen hörte. Ich wollte es zunächst nicht glauben, aber es gibt sie wirklich – Menschen, die ein Buch zum Lesen kaufen und das gleiche nochmal fürs Regal. Das tun sie, weil sie nicht möchten, dass in ihrem Bücherschrank etwas „Zerfleddertes“ steht. Dabei wäre das eigentlich gar nicht nötig. Niemals im Leben kämen solche Leute wohl auf die Idee, sich mit ihrer bevorzugten Lektüre auf der Couch zu lümmeln, geschweige denn, gleichzeitig etwas zu trinken oder zu essen. Und wo wir gerade bei der Nahrungsaufnahme sind: Da gibt es tatsächlich auch noch Leute, die haben nicht nur zweimal das gleiche Buch im Regal, nein, die haben sogar zwei Küchen im Haus. Kein Witz. Die Vorzeige-Küche befindet sich im Erdgeschoss und die Benutz-Küche, in der gebraten, gebacken und geruchsbelästigt werden darf, unten im Keller.

 

Ach, welche Beruhigung – so perfektionistisch bin ich also wohl doch nicht. Ich besitze jedes Buch nur einmal und das darf sogar auch mal ein klitzekleines Eselsöhrchen haben. Und in der einzigen Küche, die wir haben, da sieht es manchmal aus wie Kraut und Rüben. Aber mithilfe des professionellen Spül-Weltmeisters, mit dem ich zum Glück sogar verheiratet bin, hält dieser ganz und gar nicht perfekte Zustand nicht länger an, als Missis Lilli Perfect es vermeiden kann.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Versteckte Zeichen          27.02.2021

 

In keinem Jahr habe ich mich so sehr auf den Frühling gefreut wie in diesem. Die Zeit der Erneuerung, der Wiederkehr der Wärme und der frischen Farben, ich konnte sie kaum erwarten. Und als ob er meine Vorfreude und Sehnsucht geahnt hätte, ließ der Frühling dieses Jahr sein berühmtes blaues Band schon im Februar in Begleitung jeder Menge frisch gewaschener Wäsche auf unzähligen Wäscheleinen wieder durch die Lüfte flattern. So, als wolle er uns sagen: Hier habt ihr schon mal einen kleinen Vorgeschmack auf bessere Zeiten, ihr Leidgeplagten. So viel musstet ihr seit meinem letzten Besuch im vergangenen Jahr schon durchmachen, gebt die Hoffnung nicht auf, den Rest schafft ihr auch noch!

 

Der nicht enden wollende Winter, der nach Meinung der Meteorologen nur ausnahmsweise seinem Namen alle Ehre gemacht und uns bedacht hat mit klirrendem Frost und reichlich Schnee, ist endlich vorbei. Viel länger und dunkler als in früheren Zeiten schien er zu sein. Doch jetzt hat der Frühling seine großen, hellen Tore geöffnet und uns in froher Erwartung einen Blick in sein Inneres werfen lassen.

 

Es ist ja nur eine Jahreszeit, die wechselt, aber mir kommt es vor, als sei von jetzt auf gleich ein Riesensprung vom Dunklen ins Helle, von der Kälte in die Wärme, vom Stillstand in muntere Bewegung gemacht worden.

 

Was ist es für eine Freude, die Vögel wieder zwitschern und die Kinder auf dem Spielplatz wieder lachen und juchzen zu hören! Die wenigen Menschen, die einem beim Gang über den Marktplatz begegnen, sind nicht mehr in dicke Winterkleidung gehüllt. Stattdessen tragen sie helle Farben und viel öfter als im Winter trotz Maske unverkennbar ein Lächeln im Gesicht.

 

Man wird das Gefühl nicht los, als wolle die Natur uns diese schwere Zeit ein wenig leichter machen. Nach vielen Jahren lässt sie es im Winter wieder einmal richtig schneien, damit sich die Menschen am Anblick der weißen Pracht erfreuen und die Kinder endlich wieder Schlittenfahren können. Der Frühling kommt schon im Februar für mehrere Tage zu Besuch und roter Staub aus der Sahara beschert uns spektakuläre, wunderschön anzuschauende Sonnenaufgänge.

 

Ja, und auch wenn man ansonsten kein überzeugter Verfechter der Existenz geheimer Signale oder versteckter Zeichen ist, so könnte man jetzt wirklich anfangen, ein klein wenig an sie zu glauben. So wie an Schutzengel zum Beispiel. Schließlich wissen wir ja mittlerweile auch, dass es sogar hier unten auf unserer Erde eine nicht unerhebliche Anzahl richtiger Engel gibt. Man muss nur ganz genau hinschauen, dann kann man sie überall finden: Als ehrenamtlich Tätige, in Rettungsfahrzeugen, bei der Feuerwehr, beim Technischen Hilfswerk, mobilen Pflegediensten, in Krankenhäusern, Arztpraxen, Pflegeheimen und an vielen anderen Orten. Doch eines ist ihnen allen gemein: Sie haben nicht nur ein sehr gutes, sondern auch ein sehr großes Herz... kein Wunder, irgendwo muss so ein Erdenengel ja schließlich seine Flügel verstecken können.

 

Ihre Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Entzugserscheinungen          13.02.2021

 

Wenn ich gewusst hätte, dass es für lange Zeit der letzte sein wird, den ich mir anschauen kann, hätte ich mir zum einen nicht die kleine, sondern die ganz große Tüte Popcorn gekauft und zum anderen wäre ich am nächsten Tag gleich nochmal mit meinem Liebsten ins Alsfelder Kino gegangen, um mir den wirklich sehenswerten Film „Die Wolf-Gäng“, der in unserer noch sehenswerteren Heimatstadt gedreht wurde, ein zweites Mal anzuschauen.

 

Wenn ich gewusst hätte, dass es für lange Zeit der letzte seiner Art sein wird, hätte ich mir beim Besuch des Jüdischen Museums in Berlin mehr Zeit genommen, um die Erklärungen zu den einzelnen Exponaten genauer studieren zu können und alles noch ein bisschen aufmerksamer betrachtet. Und die Besuche des Museumscafés und des Museumsshops, die hätte ich mit Sicherheit noch ein wenig ausgeweitet.

 

Wenn ich gewusst hätte, dass ich in 2020 nicht wieder Karten für ein im alten Güterbahnhof in Alsfeld aufgeführtes köstlich amüsantes Theaterstück à la „Hallo, ich bin's“ kaufen kann, hätte ich versucht, trotz Ausverkauf an allen fünf Abenden vielleicht doch noch irgendwie auf geheimen Wegen eine Art Stehkarte für einen zweiten Besuch zu ergattern.

 

Und wenn ich gewusst hätte, dass es für lange Zeit das letzte Mal sein wird, dass ich in einem bis auf den letzten Platz besetzten Alsfelder Café der tiefen und warmen Stimme von Alix Dudel lauschen darf, die unvergleichlich schöne Texte der mir liebsten Lyrikerin Mascha Kaléko vorträgt, hätte ich den wunderbaren Abend und die angenehme Gesellschaft meiner besten Freundin noch ein wenig mehr genossen.

 

Doch irgendwie ist es auch ein Glück. Ein Glück, dass ich da noch nicht gewusst habe, dass mich nach einem Jahr Pandemie solche Entzugserscheinungen plagen würden. Aber Glück auch in anderer Hinsicht. In meinem Fall das Bewusstsein dafür, wie viel Glück ich doch hatte, derlei Veranstaltungen überhaupt besuchen zu dürfen. Denn, wenn ich ehrlich bin, muss ich gestehen: Obwohl voll Dankbarkeit für sie, war ihr Besuch doch in gewisser Weise selbstverständlich für mich geworden. Niemals hätte ich angenommen, dass sie mir verwehrt werden könnten und für so lange Zeit schon gar nicht.

 

Also heißt es wirklich nicht umsonst, dass allem Schlechten fast immer ein Fünkchen Gutes innewohnt. Zum Beispiel die Erkenntnis, dass es, so sehr wir uns auch an alles gewöhnt haben mögen, nichts gibt, das selbstverständlich ist. Aber wenn dieses gemeingefährliche Monster von Virus jetzt glaubt, ich müsste ihm in irgendeiner Form dafür auch noch dankbar sein, dann hat es sich geschnitten... und zwar ganz schön tief mitten hinein in seine fiesen Spike-Stacheln.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Pieks          16.01.2021

 

Zum Glück zähle ich nicht zu den Menschen, die Angst vor Spritzen haben – ich darf bloß nicht zuschauen, wenn ich eine bekomme. Deswegen sind mir die, die bevorzugt ins rückwärtige Sitzfleisch verabreicht werden, auch die liebsten. Da komme ich aus rein anatomischen Gründen nämlich gar nicht erst in Versuchung, mal kurz einen Blick zu riskieren, um mit Entsetzen festzustellen, dass die Kanüle der Spritze fast so lang ist wie mein Zeigefinger und mindestens so dick wie die Antenne unseres Küchenradios.

 

Nein, ebenso wie bezüglich notwendiger Zahnarztbesuche sehe ich die Sache eher pragmatisch und handele ganz nach dem norddeutschen Motto „Watt mutt, datt mutt“. Aber ganz genau da liegt der berühmte Hase im Pfeffer. Das ist nämlich so eine Sache mit dem Müssen.

 

Da gibt es zunächst mal das gesetzlich vorgeschriebene Müssen. Man muss jederzeit damit rechnen, aus nicht nachvollziehbaren Gründen inhaftiert zu werden und weil (außer der Parteiführung) nur das Schicksal über Leben und Tod entscheiden darf, muss man am Ufer eines Gewässers tatenlos einem Menschen beim Ertrinken zusehen und darf ihm nicht zu Hilfe eilen... in China. Bei uns in Deutschland, da muss man zum Beispiel Feuerwehrzufahrten freihalten, Steuern bezahlen und zur Vermeidung einer Geldstrafe davon absehen, seine Artgenossen als eine mitten im rückwärtigen Sitzfleisch befindliche Körperöffnung zu titulieren.

 

Aber so ist es nun mal: In einer Gemeinschaft, auch in einer demokratischen, sind gewisse Regeln und Bestimmungen, an die man sich halten muss, zum Wohle dieser Gemeinschaft einfach unabdingbar. Das hat nichts mit Diktatur zu tun, in einer Familie muss man das ja auch. Da kann auch nicht jeder machen, was er will, weil das friedliche Zusammenleben sonst nicht mehr funktioniert.

 

Dann wiederum gibt es aber auch Dinge, die man nicht tun muss, bezüglich derer man sich aber aus Vernunftgründen dafür entscheidet, sie zu tun. Zum Beispiel, sich gegen COVID-19 impfen zu lassen. Ja, ich weiß, das ist mehr als nur ein kleiner Pieks. Bisher hat kein anderer Impfstoff eine so kurze Testzeit durchlaufen. Aber ebenso wie alle Urlauber, die sich gegen Gelbfieber und andere Krankheiten impfen lassen, bevor sie in bestimmte Länder einreisen, verlasse ich mich auf die Fachleute und vertraue ihnen. Ganz ohne Risiko ist so gut wie nichts im Leben. Und manche Dinge, die muss man einfach tun, auch wenn man nicht dazu gezwungen wird. Aber mit Leuten diskutieren, die sagen, dass man sie zwingt, in einer deutschen Diktatur zu leben und sie gar nichts müssen außer sterben... das muss ich mir nun wirklich nicht antun.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Miteinander           02.01.2021

 

So, wir haben es geschafft – das alte, vermaledeite Jahr 2020 ist endlich vorbei. Auf der Fensterbank ist der Weihnachtsengel beiseite geschoben worden, um Platz zu machen für den kleinen Glückskleetopf, der in diesem Jahr gerne zwei Nummern größer hätte ausfallen dürfen. Aber wir sind ja bescheiden geworden. Es blieb uns auch gar nichts anderes übrig, mussten wir doch wohl oder übel lernen, unsere Wünsche und Ansprüche in vielerlei Hinsicht herunterzuschrauben.

 

Große Ansprüche, was den Wahrheitsgehalt von Aussagen selbsternannter Hellseher und Wahrsager angeht, die hat ja eh schon lang keiner mehr gehabt. Auch im vergangenen Jahr waren anscheinend alle Kristallkugeln beschlagen, der Kaffeesatz viel zu krümelig, sämtliche Pendel ausgeleiert und deswegen leider niemand der Hellseh-Herrschaften in der Lage, auch nur ansatzweise zu erkennen, was da Schreckliches auf uns zukommt. Zum Glück ist aber auch das mit 99-prozentiger Sicherheit Vorhergesagte wieder mal zu 100 Prozent nicht eingetroffen. Der Weltuntergang hat sein Stattfinden verschoben, Donald Trump hat die Wahl nicht gewonnen (hurra!) und nirgendwo auf der Welt wurde ein überdimensionaler King-Kong-Riesenaffe gesichtet.

 

Stattdessen haben – ebenfalls von keinem einzigen dritten Auge vorhergesehen – ganz viele Menschen scheinbar den Beruf gewechselt. Jetzt haben wir nämlich nicht mehr unzählige Nationalmannschaftstrainer in Deutschland, nein, wir verfügen plötzlich über jede Menge Virologen. Köche, Schlagersänger, Schauspieler, ja sogar Bundestagsabgeordnete, die bevorzugt ihre braunen Bälle rechtsaußen durch den Plenarsaal kicken, haben offenbar nach einem Besuch der nächstgelegenen Baumschule und einem Kurzstudium an der Schwurbler-Akademie entdeckt, wie viel es doch über Viren zu wissen gibt, speziell über die, die ihrer Meinung nach gar nicht existieren.

 

Doch zum Glück gibt es, was das vergangene Jahr betrifft, nicht nur Schlechtes zu vermelden. Viele Menschen sind, obwohl sie Abstand halten müssen, im übertragenen Sinne zusammengerückt. Sie leben bewusster, achten mehr aufeinander und sind hilfsbereiter. Junge Leute, früher oft als egoistisch, rücksichtslos und feierwütig verschrien, führen die Hunde von Senioren aus und kaufen für ihre betagten Mitmenschen ein. Nachbarn übernehmen Fahrdienste zum Arzt oder erledigen Apothekenbesuche. Und ein Herzenswunsch, den ich schon lange hege und der in meinen Kolumnen mehrfach Erwähnung fand, hat sich erfüllt: Endlich erfahren die nicht nur an allen Tagen, sondern auch zu allen Tag- und Nachtzeiten unermüdlich mit Herz, Hirn und Körperkraft für uns arbeitenden Menschen im Pflege- und Gesundheitsbereich die Wertschätzung, die ihnen gebührt. Hoffentlich bleibt das auch so. Denn nur, wenn wir zueinander stehen, können wir im Miteinander erfahren, wie viel wir aneinander haben.

 

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, meine lieben Leserinnen und Leser, ein gutes, glückliches und vor allen Dingen gesundes neues Jahr.

 

Ihre Lilli U. Kreßner

 

 

 

WEIHNACHTSKOLUMNE

 

Auf der Lauer          19.12.2020

 

(siehe Fenjas Kolumnen)

 

 

 

 

Die Herdmanns          05.12.2020

 

Kennen Sie die Herdmanns? Wenn nicht, dann ist Ihnen echt was entgangen. Aber ich beneide Sie trotzdem ein bisschen. Das erste Mal ist nämlich immer unvergesslich, ganz besonders, was das Lesen von Lieblingsbüchern betrifft. Und obwohl man ja eigentlich weiß, dass man Gutes langsam genießen sollte, kann man einfach nicht anders: Seite um Seite wird gierig verschlungen.

 

Genauso ging es mir auch vor Jahrzehnten mit den Herdmanns. Als ich damals im Advent mit „Hilfe, die Herdmanns kommen“ aus dem Buchladen nach Hause kam, schaffte ich es gerade noch mit Mühe und Not, mich des Wintermantels und der Stiefel zu entledigen, denn ich konnte es kaum erwarten, auf unserer Couch Platz zu nehmen, um die nähere Bekanntschaft dieser ungewöhnlichen amerikanischen Familie zu machen, einer Familie, die weit davon entfernt ist, als gutbürgerlich gelten zu können. Nein, ganz im Gegenteil.

 

Schon auf dem Bucheinband wird man vorgewarnt. Da ist zu lesen, dass die Herdmann-Kinder die schlimmsten Kinder aller Zeiten sind. Sie lügen, klauen, rauchen Zigarren (auch die Mädchen) und erzählen schmutzige Witze. Sie prügeln, fluchen, waschen sich kaum, legen Brände und missbrauchen den Namen des Herrn. Das Schlimmste aber: Mit haarsträubenden und äußerst fragwürdigen Methoden schaffen sie es doch tatsächlich, sämtliche Hauptrollen in dem Krippenspiel zu ergattern, das zu Weihnachten aufgeführt werden soll. Dem Fest, dessen Sinn sich ihnen nicht im Ansatz erschließt, das für sie aber ganz okay ist, weil die Jugendfürsorge dafür sorgt, dass die Herdmanns an Weihnachten ein Festessen bekommen.

 

In jeder Adventszeit, in der ich die knapp hundert Seiten dieses Büchleins mit größtem Vergnügen immer wieder aufs Neue lese, muss ich herzlich schmunzeln. Über Hedwig Herdmanns Erklärung, dass mit dem Engel des Herrn nur Batman gemeint sein kann und Klaus Herdmanns Überzeugung, dass die drei Weisen alle schon mal Präsidenten der Vereinigten Staaten gewesen sein müssen. Eugenia Herdmann hingegen fragt sich, warum die Jugendfürsorge nichts dagegen unternommen hat, dass man das kleine Baby Jesus, das ihrer Meinung nach eigentlich Willi hätte heißen müssen, fest in alte Tücher gezwängt und dann einfach so in einer Futterkiste platziert hat.

 

Und da die schlimmsten Kinder aller Zeiten sämtliche Hauptrollen innehaben, sind sich die Zuschauer einig, dass sie nun auch das schlimmste Krippenspiel aller Zeiten zu sehen bekommen, aber ... nein, ich will nicht zu viel verraten aus diesem rührenden Büchlein, das einem wieder mal deutlich macht, dass es völlig egal ist, ob die Haut nun sauber oder schmutzverkrustet ist – Hauptsache, darunter schlägt ein mitfühlendes Herz.

 

Ihnen allen von Herzen eine schöne und gesunde Adventszeit!

 

Ihre Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Ich-freu-mich-trotzdem-Tag      21.11.2020

 

Etwas ganz Gravierendes ist mir in den letzten Wochen aufgefallen: Die Menschen lachen viel weniger. Aber kein Wunder, gibt es doch triftige Gründe, warum das Lachen einem derzeit wirklich vergehen kann. Dabei ist es so unglaublich wichtig. Denn das, was Vitamine und Mineralstoffe für den Körper sind, das ist das Lachen für die Seele.

 

Will das Lachen jedoch nicht von alleine zu uns kommen, dann sollten wir uns auf die Suche nach ihm machen. Und da hilft zum Beispiel ein Blick auf den Kalender. Dort sieht man nicht nur, dass jeder vergangene Tag uns dem mittlerweile ganz schön kräftig flackernden Impfstofflicht am Ende des Coronatunnels ein Stückchen näher bringt, nein, er bietet auch noch gute Gründe, sich über den Einfallsreichtum witziger Artgenossen zu amüsieren.

 

Neben dem Weltkinder-, Weltfrauen-, Weltmänner- und Welttierschutztag finden sich hier nämlich zahlreiche kalendarische Kuriositäten, die von einfallsreichen Witzbolden vermutlich nur deshalb erfunden wurden, damit die Leute was zum Schmunzeln haben. Und auch im jetzigen, als ziemlich trist und grau verschrienen Monat haben die Erfinder/innen dieser Gedenktage dafür gesorgt, dass die Mundwinkel sich beim Blick auf den Kalender kräftig nach oben ziehen. Einhorn, Tastentelefon, Krümelmonster, Unsinn, Gewürzgurke und Toilette – ihnen allen ist ein ganz bestimmter Novembertag gewidmet.

 

Der Putz-Deinen-Kühlschrank-Tag, der Tag des ewigen Chaos und der Umarme-einen-Bären-Tag liegen zum Glück schon hinter uns. Der Kauf-nix-Tag, der Tag des Tortenwerfens, der Über-der-Spüle-Essen-Tag und der Tag, an dem man sein einziges Talent feiern soll, die stehen uns allerdings noch bevor. Und heute, am 21. November, da begehen wir den Tag der Lebkuchen-Plätzchen, den Welt-Hallo-Tag und den Tag des Fernsehens.

 

Und deshalb schicke ich Ihnen heute, am von mir erstmals ausgerufenen Ich-freu-mich-trotzdem-Tag, ein herzliches Hallo und wünsche Ihnen von Herzen, dass Sie gesund bleiben und dass die Freude und das Lachen Ihnen trotz aller Widrigkeiten nicht vergehen möge. Außerdem wünsche ich Ihnen einen gehörigen Vorrat an Lebkuchen-Plätzchen, mit dem sie es sich vor dem Fernseher gemütlich machen können. Aber vergessen Sie nicht, rechtzeitig ins Bett zu gehen. Am morgigen Gründe-deinen-eigenen-Staat-Tag wird es nämlich richtig anstrengend... da brauchen Sie all die Kalorien-Kraft, die sie sich mit den drei Tüten Lebkuchen-Plätzchen vor dem Fernseher angefuttert haben.

 

Ihre Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Im großen Wartezimmer          07.11.2020

 

Es mag Menschen geben, die sie im Übermaß besitzen. Menschen, die ruhig und gelassen einem Ereignis entgegensehen können, ohne ständig auf den Kalender oder die Uhr zu schauen. Solche, deren Geduldsfadenlänge locker ausreichen würde, um damit fein säuberlich das Kräuselband an fünfhundert Wartezimmer-Gardinen anzunähen. Doch wenn ich ehrlich bin, muss ich gestehen: zu dieser Sorte Mensch, da zähle ich nicht. Nein, wenn ich alles habe, aber Geduld habe ich keine. Vielmehr gehöre ich zu den Mit-den-Fingern-auf-den-Tisch-Klopfern, zu den Immer-wieder-an-die-Decke-Kuckern, zu den Auf-dem-Stuhl-hin-und-her-Rutschern. Nichts kann mir schnell genug gehen und zum Nichtstun verdammt auf etwas warten zu müssen ist mir ein Graus.

 

Deshalb kann ich auch Unpünktlichkeit überhaupt nicht leiden. Leute, die 10 Uhr sagen, halb 11 meinen und dann um 11 Uhr schließlich eintrudeln, die sind mir zuwider. Ebenso wie Fernseh-Mehrteiler, die nicht nur deshalb so heißen, weil sie aus mehreren Teilen bestehen, sondern weil man zwischen den Teilen auch noch mehrere Tage voll Ungewissheit auf die Fortsetzung warten muss. Immer wieder kriegt man ein Appetithäppchen serviert, aber bis zum Genuss der finalen Hauptspeise muss man eine Menge Geduld aufbringen.

 

Ein klein wenig besser aushalten lässt sich meiner Meinung nach die Warterei, wenn sie nicht in Teilen stattfindet, sondern wenn von vornherein klar ist, dass sie sich über einen ganz bestimmten Zeitraum erstreckt. Wie bei einer Schwangerschaft zum Beispiel. Da kann man sich nach den von der Natur festgelegten neun Monaten richten und außerdem die Wartezeit zumindest gefühlt mit sinnvollen Beschäftigungen wie Söckchen-Stricken verkürzen, bis man sein kleines rosiges Wunder dann endlich im Arm halten darf.

 

Manchmal geht das Leben allerdings nicht so freundlich mit einem um. Da wird man gezwungen, sein blaues Wunder zu erleben, um nicht zu sagen sein dunkelblaues. So wie jetzt in Form der Corona-Pandemie. Zu Angst, Sorgen, einem Gefühl der Isolation und begründeten Existenzängsten vieler Menschen kommt auch noch das leidige Warten hinzu. Wann gibt es einen Impfstoff, wann wird man dieses Virus erfolgreich in Schach halten können? Zehrende Ungewissheit allenthalben. Die ganze Welt ist praktisch zu einem großen Wartezimmer geworden, das gleichzeitig Klassenraum ist. Neben Mitmenschlichkeit, Vernunft und Rücksichtnahme steht nun jeden Tag neben Hygiene auch eine Doppelstunde Geduld auf dem Stundenplan der Schule des Lebens.

 

Deshalb: Bleiben Sie gesund, geduldig und zuversichtlich, liebe Leserinnen und Leser – und lassen Sie uns nicht vergessen, sorgfältig unsere Hausaufgaben zu machen.

 

Ihre Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Bullshitter          24.10.2020

 

Ach, hätte ich doch besser mal auf die Friseurin meines Vertrauens gehört! Keine Sorge, ich habe mir nicht entgegen ihres wohlgemeinten Rates die Haare knallpink färben oder einen Irokesenschnitt verpassen lassen. Nein, viel schlimmer. Denn ich Ahnungslose hielt es für völlig abwegig, als sie mir an einem schönen Herbsttag anno 2016, nachdem ich in Erwartung des immer wieder phänomenalen Haarschnitts auf dem Coiffeurstuhl Platz genommen hatte, sagte, dass sie überzeugt sei, dass ein (größen-)wahnsinniger Typ namens Donald Trump der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden würde.

 

Im ganzen Leben nicht, sagte ich zu ihr. Man hat ja immer schon mal mitbekommen, dass der Verstand einiger Bewohner des Landes der unbegrenzten Möglichkeiten wirklich ziemlich begrenzt ist, aber so blöd und verblendet kann unmöglich über die Hälfte eines Volkes sein, dass es diesen großmäuligen, selbstverliebten Dödel-TV-Entertainer zu seinem Staatsoberhaupt macht. Jemand, der doch tatsächlich im Vorwahlkampf behauptet hat, seine Fans seien ihm so bedingungslos und treu ergeben, dass er am helllichten Tag mitten auf der Fifth Avenue jemanden erschießen könnte und sie ihn trotzdem wählen würden. Einer, der herabwürdigend und verächtlich über Frauen spricht und meint, dass jede Frau sich bereitwillig von einem Mann unter den Rock fassen lässt, solange er nur reich und berühmt genug ist.

 

Doch dann geschah das Unvorstellbare: Donald Trump nahm mit seinem dicken Hintern auf dem Präsidentenstuhl Platz. Im Weißen Haus wurde es so dunkel wie in einem Gruselkabinett und sämtliche Nachrichten, die dem präsidialen Grusel-Hauptdarsteller nicht passten, wurden fortan zu „Fake-News“ erklärt. Dabei verbreitet er selbst pausenlos dermaßen viele und dreiste Lügen, dass das Weiße Haus eigentlich schon längst hätte in sich zusammenfallen müssen, so sehr biegen sich dort die Balken.

 

Doch es geht schon lange nicht mehr nur um all die Unwahrheiten, die Mister Trump verbreitet. Sehr treffend und trefflich formuliert wirft ihm der republikanische US-Senator Ben Sasse vor, mit „Rassisten zu flirten“, „Diktatoren den Hintern zu küssen“ und ein amerikanischer Philosophieprofessor hat ihm ebenso treffsicher den Titel „Bullshitter“ verliehen.

 

Das Schlimmste jedoch: Dieser Präsident ist lebensgefährlich. Er hat sich über die Benutzung von Masken lustig gemacht, die Gefahr des Coronavirus bewusst heruntergespielt und ist somit verantwortlich für zumindest einen Teil der Menschen in Amerika, die durch dieses Virus ihr Leben verloren haben.

 

Deshalb hoffe ich inständig, dass die amerikanischen Wähler diesen skrupellosen Kerl hochkant aus dem altehrwürdigen Weißen Haus befördern. Noch mindestens zehn Tage müssen wir allerdings mit der brennenden Frage leben, ob dies gelingen wird. Nun ja, ich könnte es ja vielleicht schon früher rauskriegen... aber aus lauter Angst vor der möglichen Antwort befrage ich mein Friseurinnen-Orakel doch besser nicht.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Verdient          10.10.2020

 

Auf unserer schönen Erde, die noch viel schöner sein könnte, als sie ohnehin schon ist, wenn ihre Bewohner sie nicht oftmals mit sehr wenig Achtsamkeit und Wertschätzung behandeln würden, leben über den Globus verteilt derzeit rund 7,8 Milliarden Menschen. Leider ist allerdings unser Heimatplanet neben dem Umstand, dass wir alle Luft zum Leben brauchen und äußerlichen Attributen wie beispielsweise zwei Augen, zwei Beinen und zwei Pobacken so ziemlich die einzige Gemeinsamkeit, die wir Menschen haben.

 

Am deutlichsten zeigt sich der Unterschied in Einkommen und Vermögen. Jeff Bezos, Gründer der Firma Amazon und reichster Mann der Welt, könnte jedem einzelnen Bewohner dieser Erde 25,64 Dollar auszahlen, wenn er sein geschätztes Vermögen von 200 Milliarden Dollar auf ebendiese 7,8 Milliarden Menschen verteilen würde. Mal davon abgesehen, dass er das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wohl nicht tun wird, muss man sich, wie ich finde, die grundlegende Frage stellen, was das aus sozialpolitischer Sicht für eine Welt ist, in der wir leben. Hat ein einzelner Mensch es verdient, so viel Geld zu verdienen? Nein, hat er ganz sicher nicht.

 

Nun mag so mancher anführen, dass in Amerika Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Verhältnisse herrschen. Aber bei uns in Deutschland sieht es vergleichsweise ähnlich aus. Konzernmanager „verdienen“ hier im Jahr 10 Millionen Euro und auf den obersten Plätzen der deutschen Reichtumsliga residieren ausnahmslos bestsituierte Eigentümer großer Wirtschaftsimperien wie beispielsweise Lidl-Besitzer Dieter Schwarz, der – nicht zuletzt dank der Arbeitskraft seiner zahlreichen Angestellten – über ein geschätztes Vermögen von 40 Milliarden Euro verfügt.

 

Das muss man sich mal verdeutlichen: Den obersten zehn Prozent der deutschen Bevölkerung gehören sage und schreibe rund zwei Drittel, dem reichsten Prozent der Menschen in Deutschland über 35 Prozent des Gesamtvermögens und die Hälfte der Bevölkerung hat kein oder nur ein geringes Vermögen. Also ein wirklich gewaltiger Unterschied zwischen oben und unten.

 

Und ebenso wie die in Gucci-Diamant-Gürtel gezwängten Taillen so mancher Millionärsgattinnen ist oben ja bekanntlich auch die Luft immer etwas dünner. Bei uns hier unten herrscht hingegen ob der ungerechten und unverdienten Einkommens- und Vermögensunterschiede ziemlich dicke Luft. Verständlicherweise. Und deshalb ist es meiner Meinung nach höchste Zeit, von den Herrschaften da oben eine gepfeffert dicke Dünne-Luft-Abgabe zu verlangen, um damit zum Beispiel die mickrige Armutsrente angemessen zu erhöhen, die immer mehr Menschen bekommen, obwohl sie ihr ganzes Leben lang hart gearbeitet haben – und endlich den lächerlich geringen Mindestlohn so anzuheben, dass ein vierzig Stunden hart arbeitender Mensch davon auch leben kann. Denn das hat er sich redlich verdient... im wahrsten Sinne des Wortes.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Auf die Pelle          26.09.2020

 

Noch nie habe ich ein Auto besessen, also ein eigenes nur für mich allein. Schon in meinen jungen Saarbrücker Berufsjahren, in denen ich noch nicht in den Diensten des Landes Hessen, sondern in denen eines französischen Automobilherstellers stand, konnten meine Kollegen nicht aufhören, über mich den Kopf zu schütteln. Trotz direktem Zugang zur Quelle, satter Prozente, kostenlosem Werkstattservice und sonstigem Pipapo beziehungsweise französischem et cetera lehnte ich es ab, mir einen vierrädrigen fahrbaren Untersatz zuzulegen und jedes Mal, wenn ich mit meinem Fahrrad auf das Betriebsgelände fuhr, konnten sich die Herren ein sattes Grinsen nicht verbeißen. Ich hingegen war mit diesem Zustand äußerst zufrieden. In zu dunklen, nassen oder frostigen Zeiten stieg ich vom Fahrrad auf den alle fünfzehn Minuten fahrenden Bus um, dessen Haltestelle direkt vor meiner Haustür lag.

Und dann, ja dann verschlug das Leben mich Lebensfrohe zuerst ins schöne Alsfeld (wo ich mich doch tatsächlich dazu hinreißen ließ, den Führerschein zu machen) und ein paar Jahre später ins fast genauso schöne Altenburg. Tja, und dort ging der Fahrbare-Untersatz-Ärger nach ein paar Jahren los. Am Anfang, als der Stadtbus noch fuhr, herrschten rosige Zeiten. Sogar für meine Unterhaltung war bestens gesorgt. An der Bushaltestelle erkundigten sich jeden Herbst- und Wintermorgen mehrere sehr nette ältere Damen nach meinem Befinden, erzählten mir aus erster Hand brandaktuelle Neuigkeiten und versorgten mich mit wirklich sehr nützlichen Koch- und Backtipps. Ach ja, ewig hätte es so weitergehen können, aber zu unser aller Leidwesen wurde die Stadtbus-Linie nach Altenburg schließlich eingestellt. Okay, dachte ich mir: Fährst du halt morgens, wenn es kalt ist oder wie aus Eimern schüttet, mit dem Schulbus nach Alsfeld. Alles gut und schön. Zu schön, um wahr zu sein, denn dann fuhr – zumindest in Ferienzeiten – auch kein Schulbus mehr. Dafür wurde ein so genanntes Anruflinientaxi eingeführt, in dem man sich bis zur Benutzung geräumigerer Fahrzeuge je nach Körperfülle der Fahrgäste auf dem Rücksitz dermaßen auf die Pelle rückte, dass es von mir nur noch „Sardinentaxi“ genannt wurde.

Nun jedoch kam mir überraschend in einem Artikel unserer OZ frohe Kunde zu Augen: Der Fahrgastverband Pro Bahn spricht sich für den erstmaligen Bau einer Bahnhaltestelle in Altenburg (mit Erschließung Alsfeld-Süd) aus. Altenburg-Alsfeld-Süd, ach, wie schön sich das anhört... nach Freiheit und der Leichtigkeit des Seins beziehungsweise Bahn-Fahrscheins! Stellt sich mir nur noch eine Frage: Wem genau muss ich – selbstverständlich unter Einhaltung aller derzeit notwendigen Hygienevorschriften – zwecks Umsetzung dieser ausgesprochen guten Idee auf die Pelle rücken? … sachdienliche Hinweise hierzu nehme ich jederzeit äußerst gerne entgegen.

 

Ihre Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Sieh an          12.09.2020

 

Wenn ich aus meinem Bürofenster schaue, dann sehe ich neben jeder Menge Himmel einen Kirchturm und etwas weiter entfernt mehrere Windräder, auf die mein Blick schon viele Jahre lang immer wieder mal fällt. Ohne nochmal eingehend nachzuschauen, konnte ich allerdings bis vor Kurzem nicht sagen, wie viele Windräder es eigentlich genau sind. Auch, was das Zifferblatt der Kirchturmuhr betrifft, war ich mir unsicher. Sind auf ihm nun arabische oder römische Zahlen zu sehen? Gute Frage, hätte ich bis zur vergangenen Woche gesagt... stellen Sie doch bitte die nächste. Denn ich muss gestehen: Obwohl sich mir über einen langen Zeitraum ausgiebig die Möglichkeit dazu bot, habe ich nie wirklich genau hingesehen und tausende Male nur mit sehr nachlässigem und flüchtigem Blick zur Kirchturmuhr geschaut.

 

Zuerst habe ich mich ziemlich geärgert und mich gefragt, wie so etwas sein kann. Die Unschuld des üblichen Verdächtigen namens Alter war schnell erwiesen, hatte ich doch schon vor über zwanzig Jahren zum ersten Mal vom Bürofenster aus die Zeit von dieser Kirchturmuhr abgelesen. Aber woran lag's dann? Keine Ahnung – an meiner Gehirn-Festplatte vielleicht, die zum Schutz ihrer Speicherkapazität alle Sinneseindrücke, die sie als unnütz erachtet, automatisch sofort wieder löscht.

 

Schließlich bin ich zu der Erkenntnis gelangt, dass es einzig und allein darauf ankommt, dass ich die wirklich wichtigen Dinge sehe. Zum Beispiel, dass der kleine Junge, der mir auf dem Bürgersteig entgegenkommt, Tränen in den Augen hat und ich ihn fragen kann, warum das so ist. Oder dass ich sehe, dass der alten Dame, die vor mir geht, gerade unbemerkt ihr schönes Halstuch zu Boden gefallen ist, das sie vielleicht von ihren Enkelkindern geschenkt bekommen hat und an dem sie sehr hängt.

 

Und wichtig auch, dass ich weiß, wie mein Mann aussieht. Nicht, dass ich vielleicht doch mal den Falschen mit nach Hause bringe und den armen Kerl dann später umtauschen muss. Nee, Spaß beiseite – es scheint schon was dran zu sein, wenn es heißt, dass man nur mit dem Herzen wirklich gut sieht... obwohl man in Anbetracht einer Scheidungsrate von 36 Prozent vielleicht doch feststellen muss: So manches Herz, das hätte eine Brille bitter nötig.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

PS: Es sind übrigens acht Windräder und auf dem Zifferblatt der Kirchturmuhr sind weder arabische noch römische Zahlen zu sehen, sondern zwölf Punkte – dabei hätten die römischen Zahlen so wunderbar gepasst, ist Rom doch die Heimat des obersten (sterblichen) Chefs dieser Kirche.

 

 

 

 

 

 

Unterste Schublade          29.08.2020

 

Ihre Vergesslichkeit gleichen Eichhörnchen durch Fleißarbeit aus. Im Sommer und Herbst sammeln die Tiere, die keinen Winterschlaf halten, unermüdlich Vorräte, die sie an unzähligen Stellen in der Erde vergraben. Auf diese Weise verbuddelt ein einziges Eichhörnchen tausende Nüsse, Eicheln, Bucheckern und andere Baumsamen, damit es, da es sich im Winter an einen Großteil der Verstecke nicht mehr erinnern kann, die kalte und frostige Jahreszeit übersteht.

 

Und so wie den Eichhörnchen geht es zuweilen auch manchen Menschen. Selbst ganze Gemeinschaften akademisch gebildeter Vertreter der Gattung Homo sapiens können von einer Art Vergesslichkeits-Virus befallen sein. So gab im Jahr 2012 die Bundesregierung eine Risikoanalyse in Auftrag, um die Gefahr einer Pandemie und ihrer Folgen für Deutschland abzuschätzen. Schwarz auf weiß lag das Ergebnis zu Beginn des Jahres 2013 sämtlichen Regierungsmitgliedern und Bundestagsabgeordneten vor. Wort für Wort konnten sie nachlesen, wie man sich wappnen kann und welche Vorsorge- und Abwehrmaßnahmen im Falle eines Virus-Ausbruchs zu ergreifen wären. Unter anderem wurde zum Beispiel die Bedeutung von ausreichend Schutzausrüstungen wie Schutzmasken, Schutzbrillen und Handschuhen in dem erdachten Szenario hervorgehoben, das eine von Asien ausgehende weltweite Verbreitung eines neuartigen SARS-Virus beschreibt und auch in anderen Bereichen erschreckende Ähnlichkeit mit der jetzigen Pandemie aufweist.

 

Und was ist dann passiert? Nichts, gar nichts. Die 88-seitige Risikoanalyse verschwand ganz unten in der untersten Schublade und wurde vergessen. Es gab ja schließlich Wichtigeres zu tun. Im Oktober 2013 stand die Bundestagswahl an und ganz oben in den obersten Regierungsschubladen lagen die Manuskripte für das neue Wahlrecht, das durch Neuverteilung der Mandate ermöglichte, noch eine Menge mehr an Mitgliedern der eigenen Partei auf Staatskosten gut bezahlt im Bundestag unterzubringen.

 

Womit wir beim zweiten Armutszeugnis wären. Und auch wieder bei der Vergesslichkeit. Den von uns gewählten Parlamentariern ist nämlich anscheinend völlig entfallen, dass sie in erster Linie zum Wohle des deutschen Volkes handeln sollen und nicht zu ihrem eigenen. Dabei ist es nicht so, dass es keinen Handlungsplan für eine angemessene Wahlrechtsreform gäbe, die für die dringend nötige Verschlankung des Bundestags sorgen könnte, bevor er endgültig aus allen geflickten Nähten platzt. Den gibt es sehr wohl. Leider ist aber auch er, wie wir in dieser Woche feststellen durften, offenbar völlig in Vergessenheit geraten. Und dreimal dürfen Sie raten, wo dieser Plan sich vermutlich befindet – ja, genau, er leistet der Pandemie-Gebrauchsanweisung in der untersten Schublade Gesellschaft und keiner kann ihn mehr finden. Wie ich das finde? Na, das können Sie sich sicher denken: Eindeutig allerunterste Schublade...!

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Sommerlöchrig          15.08.2020

 

Ach ja, das gute alte Sommerloch ist auch nicht mehr das, was es früher mal war. Schlimmer noch: In diesem Jahr gibt es überhaupt keins. Dort, wo es einst zu finden war, hat sich ein großes, bösartiges Monster namens Coronavirus wie ein dicker Stöpsel breitgemacht und posaunt nun vierundzwanzig Stunden rund um die Uhr neue Schreckensnachrichten in die sommerlochleere Welt hinaus.

 

Viele Dinge weiß man halt leider erst zu schätzen, wenn sie plötzlich nicht mehr da sind. Und so ist es auch mit dem Sommerloch. Nie und nimmer hätte ich gedacht, dass ich das mal sagen würde, aber ja, ich vermisse es. Unter anderem auch, weil ich erkannt habe, dass es echt mal guttut, wenn sich so gut wie nix tut. Alles schön ruhig, entspannt und chillig. Müßiggang, Melonencocktail und Mangoeis mitten im entschleunigten Sommerloch... wie herrlich! Nachrichten so gut wie keine und wenn, dann nur ziemlich unwichtige oder welche zum Schmunzeln: Von Klausi, dem Badeweiher-Krokodil, das sich letztendlich als Biber outete oder dem Wunsch eines bayrischen Politikers, man möge Mallorca doch bitte endlich zum siebzehnten deutschen Bundesland küren.

 

Auch das politische Parkett in Berlin ist in normalen Sommerlochzeiten für gewöhnlich wie leergefegt. Glatt gebohnert liegt es da und ist froh, dass mal keiner auf ihm herumtrampelt. Weder ein Verkehrsminister, der von Straßenverkehr keinen blassen Schimmer zu haben scheint, noch eine Ministerin für Landwirtschaft und Ernährung, bei deren Anblick die Volksseele kocht, weil sie in einer Kochsendung, begleitet von einem breitem Grinsen und der nicht zu übersehenden Werbebotschaft eines Lebensmitteldiscounters ihre nicht vorhandenen Kochkünste demonstriert.

 

Ach, was war das doch so schön, als im Sommer noch so richtig schön tote Hose war. Selbst das gähnend langweilige Sommerloch-Fernsehprogramm war doch gar nicht so schlimm, auch wenn einem so mancher Sender aus lauter Verzweiflung „Neuigkeiten“ mitteilte wie jene, dass Poppaea, die Ehefrau des römischen Kaisers Nero, 500 Esel mit in den Urlaub nahm, um in Eselsmilch baden zu können.

 

Und jetzt? Die Eselsmilch kann mir gestohlen bleiben, aber eine schöne, unbeschwerte, sommerlöchrige Ferienzeit, wie sie früher einmal war, die wäre echt schön. Ja, bitte, ich hätte gerne das Sommerloch zurück! Ich verspreche auch hoch und heilig, dass ich mich nie wieder beschweren werde über langweilige Nachrichten, zu dünne Zeitungen und alte Spielfilme aus der Klamottenkiste des letzten Jahrhunderts, selbst, wenn sie vor Schmalz so sehr triefen, dass ich all meine alten Handtücher vor und unter dem Fernseher verteilen muss – Hauptsache wieder unbehelligt von immer neuen Hiobsbotschaften sorglos ausruhen können im tiefen, friedlichen Sommerloch.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Sicherlich          01.08.2020

 

Noch nicht lange her, da flatterte uns ein Brief ins Haus, den mir mein Mann mit einem fragenden Blick seiner schönen braunen Augen überreichte. Ich war etwas irritiert. Bei uns herrscht nämlich ansonsten die Sitte, dass der, der den Weg zum Briefkasten auf sich nimmt, den dort vorgefundenen Inhalt sogleich zur allgemeinen Ansicht auf dem Küchentisch platziert. Aber noch eine zweite Sache irritierte mich. Nach Überreichen des Briefes blieb mein Göttergatte wie angewurzelt vor mir stehen. Das tut er sonst nie, außer, wenn ich Gefahr laufe, mal wieder über das Rasenmäherkabel zu stolpern und mir den Hals oder sonst ein wichtiges Körperteil zu brechen.

 

Ich nahm den Umschlag, aber noch bevor ich einen Blick auf ihn werfen konnte, kamen aus dem Mund meines Mannes die leicht erstaunt klingenden Worte „Für dich... Magistrat der Stadt Alsfeld“. Ach du grüne Neune, hatte ich irgendwas ausgefressen und wenn ja, was? Mein Fahrrad falsch geparkt oder zu laut geschimpft, als der übermütige Autofahrer mich neulich in der Wallgasse mit einem Abstand von gerade mal zwanzig Zentimetern überholte?

 

Na ja, aber vielleicht war es auch gar nichts Schlimmes. Möglicherweise enthielt der Umschlag ja sogar das längst überfällige Belobigungsschreiben mit dem Text: „Der Magistrat der Stadt Alsfeld bedankt sich herzlich bei Ihnen, dass Sie in über 16 Jahren ihrer Tätigkeit als Kolumnistin der Oberhessischen Zeitung nicht müde werden, ihre Heimatstadt und deren Bewohner/innen immer wieder äußerst lobend zu erwähnen“.

 

In Erwartung des baldigen, feierlich zelebrierten Empfangs eines eigens für mich geprägten Alsfelder Verdienstordens 1. Klasse öffnete ich schließlich unter wachsamem Göttergattenblick den Umschlag – um dann festzustellen, dass es sich zum Glück um keine Bußgeldverwarnung handelte, bedauerlicherweise aber auch nicht um die erhoffte Belobigung. Nein, noch 3749 weitere, nach einem Zufallsverfahren ausgewählte Bewohner/innen Alsfelds und seiner Stadtteile fanden einen solchen Brief in ihrem Briefkasten, in dem sie gebeten wurden, an einer vom Hessischen Innenministerium ins Leben gerufenen Sicherheitsbefragung teilzunehmen.

 

Ehrlich, wie ich nun mal bin, habe ich alle in Frage kommenden Fragen wahrheitsgetreu beantwortet. In einer Stadt wie Frankfurt wäre das vermutlich nicht so, aber ja, ich fühle mich in Alsfeld ziemlich sicher. Doch sicher bin ich mir immer noch nicht, in welch konkretem Zusammenhang die Frage „Wie beurteilen Sie Ihre aktuelle wirtschaftliche Lage“ mit dem Sicherheitsgefühl steht, das ich im öffentlichen Raum empfinde. Na ja, aber der Professor der Universität Gießen, der den Fragebogen erstellt hat, der wird doch sicher wissen, warum er das wissen will. Vielleicht bleibt die Antwort auf diese Frage aber auch für alle Zeit ein unergründliches Mysterium des Ministeriums... da kann man sich sicherlich wohl nicht so richtig sicher sein.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Seltene Schalentiere          18.07.2020

 

(siehe Fenjas Kolumnen)

 

 

 

 

Selbstverständlich          04.07.2020

 

Jahrzehntelang haben wir uns keine großen Gedanken gemacht. Warum auch? Es wurde ein Einkaufszettel geschrieben und dann zum Lebensmittelmarkt oder Wochenmarkt gegangen oder gefahren, um die gewünschten Artikel zu kaufen – und außer bei sehr lukrativen Discounter-Angeboten kam es so gut wie niemals vor, dass ein Regal mal leer war. Dann, unter mittlerweile ganz und gar nicht mehr heiterem Himmel, mussten wir uns umstellen. Plötzlich kein Toilettenpapier, keine Nudeln, kein Mehl und keine Hefe mehr käuflich zu erwerben. Sogar bei des Deutschen heißgeliebtem Spargel gab es Probleme.

 

Das alles wäre ja vielleicht noch hinzunehmen gewesen dank guter Tipps aus verschiedenen Ratgeber-Quellen: Kosmetiktücher oder notfalls sogar Zeitungs- statt Toilettenpapier, Kichererbsen-Pasta anstelle von Nudeln, Grieß statt Mehl und selbstgemachte „wilde“ Hefe aus Trockenfrüchten. Eine Zeitlang hätten wir uns zu helfen gewusst und diese Missstände ausgehalten.

 

Doch das war leider nur der Anfang - es sollte noch viel dicker und vor allen Dingen alternativloser kommen. Auf der Gewohnheitsliste fanden sich plötzlich zuhauf noch nie dagewesene Streichungen. Spontan geplante Wochenendtrips... vorbei – Urlaub im Ausland... träum' weiter. Vereinsleben und Partys mit Freunden gestrichen und – ganz schlimm – Familientreffen auf unbestimmte Zeit untersagt. Noch nicht mal auf den Spielplatz durfte man mehr gehen. Irgendwie kam man sich vor wie ein Kind, das von einem launigen und unberechenbaren Erziehungsberechtigten zum wer weiß wie langen Hausarrest verdonnert worden war.

 

Doch man tut gut daran, sich nicht nur auf das Schlechte, von dem es ja heißt, dass es immer auch ein Stückchen Gutes in sich birgt, zu fokussieren. Klar, wir waren verwöhnt und haben uns an viele Dinge gewöhnt, sie als Selbstverständlichkeit betrachtet. Und dabei ist die Dankbarkeit leider auch ein wenig zu kurz gekommen. Nun jedoch hat das Coronavirus uns vor Augen geführt, wie viele Dinge es doch gibt, die Wertschätzung verdienen, sie aber nie wirklich bekommen haben, einfach, weil man dachte, sie stehen einem ja zu – und zwar ohne Unterbrechung für alle Ewigkeit und in Stein gemeißelt.

 

So schlimm und ungewiss in ihrem Verlauf diese Pandemie – in der wir leider immer noch mittendrin stecken – auch sein mag, so hat sie uns doch eines deutlich vor Augen geführt: All das Gute, das wir haben und an das wir gewöhnt sind, ist keinesfalls selbstverständlich, auch wenn wir es, so lange wir denken können, immer so gewohnt waren. Ein schmerzliches, aber sinnvolles Lehrstück... auf das wir alle aber trotzdem wohl sehr, sehr gerne verzichtet hätten.

 

Bleiben Sie gesund, hoffnungsfroh und dankbar!

 

Ihre Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Zappenduster          20.06.2020

 

Sofern sie ihnen nicht in früher Kindheit schon eingetrichtert werden, sind kleine Kinder größtenteils frei von Vorurteilen. Im Kindergarten sind sie begeistert von der Haut ihrer aus Afrika stammenden Spielkameradin, die ihrer Meinung nach aussieht wie Schokolade und kaum zuhause angekommen, macht sich so manches kleine Fräulein heimlich am Make-up-Tiegel der Frau Mama zu schaffen – mit vier bis fünf Lagen von dem Zeug müsste es ja vielleicht zu schaffen sein, genauso schöne Schokoladenhaut zu bekommen.

 

Und auch der kleine Junge im Zug schaut ganz fasziniert in das schwarze Gesicht des jungen Mannes, der ihm gegenüber Platz genommen hat. Dazu bietet sich ihm ausgiebig Gelegenheit, denn im Gegensatz zu dem Paar in der Sitzreihe nebenan, das fluchtartig seine Plätze verlassen und sich vier Reihen entfernt wieder hingesetzt hat, kennt er keine Scheu und begrüßt den neuen Fahrgast mit einem freundlichen Hallo. Munter plappert der Kleine drauflos, erzählt, dass er mit seinem Papa auf dem Weg zu Oma und Opa ist und fragt den Mann, ob er auch zu seinen Großeltern wolle. Nein, sagt der, das sei leider nicht möglich, weil seine Großeltern auf einem anderen Kontinent leben, der ganz weit entfernt ist und man dort nicht einfach schnell mal hinfahren kann. Eine rege Unterhaltung entwickelt sich, in der es unter anderem um Löwen, Elefanten und Giraffen geht und im Zielbahnhof angekommen bedauert der junge Mann sehr, dass er das großzügige Angebot des kleinen Mannes, einfach mitzukommen zu seinen Großeltern, leider nicht annehmen kann.

 

Doch auch ohne heutige Verwendung der früher oft gebrauchten Drohung, dass der „Schwarze Mann“ einen holen kommt, wenn man als Kind nicht brav und folgsam ist, ändert sich die Sache im Laufe der Lebensjahre. Von „Schwarzarbeit“, „Schwarzfahren“ und „Schwarzen Konten“ ist die Rede und niemand außer den Kindern, die sie zum ersten Mal hören, denkt sich bei der Redewendung „Da sehe ich schwarz“ noch irgendwas. Schwarz bedeutet nichts Gutes und ist Sinnbild für Tod und Trauer. Also kann nach Meinung vieler Zeitgenossen mit schwarzen Menschen was nicht stimmen und sie dürfen sich zum Beispiel nicht wundern, dass Hausbesitzer sich weigern, ihnen eine Wohnung zu vermieten. Und dass sie viel seltener den Abschluss einer Ausbildung oder eines Studiums vorweisen können, liegt nicht etwa daran, dass sie trotz bester Voraussetzungen häufig erst gar keinen Ausbildungs- oder Studienplatz bekommen, sondern gründet sich einzig und allein darauf, dass nach Meinung der Leute, die bevorzugt die Welt durch die schmierigen Gläser ihrer Vorurteilsbrillen betrachten, alle schwarze Menschen im Oberstübchen von Natur aus nicht besonders helle sind. Dabei ist es genau umgekehrt: Wer allen Ernstes der Überzeugung ist, dass die Farbe der Haut auch nur den geringsten Einfluss auf den Charakter, das Wesen oder die Intelligenz eines Menschen hat, bei dem muss es zappenduster sein da oben in der hohlen Birne... mag sie von außen auch noch so hell erscheinen.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Pfingstmarkt-Feeling          06.06.2020

 

- siehe Fenjas Kolumnen -

 

 

 

 

Alles gut mit Aluhut          23.05.2020

 

Unser ganzes Leben lang sind wir gezwungen, Entscheidungen zu treffen. Schon am frühen Morgen fängt es an. Da muss zum Beispiel die Dame des Hauses, nachdem sie wahlweise mit dem rechten oder linken Bein aufgestanden ist, entscheiden, in welche Stoffe sie an diesem Tag ihren Körper zu hüllen gedenkt – mittlerweile auch, was einen bestimmten Bereich ihres Gesichtes anbelangt.

 

Gut, ich weiß, er ist nicht sonderlich kleidsam, aber was diesen so genannten Mund- und Nasenschutz betrifft, habe ich mich entschlossen, ihn aufgrund seiner Notwendigkeit zu akzeptieren. Denn, was so mancher Masken verweigernde Zeitgenosse, der bei Demonstrationen Sätze wie „Ich habe ein Recht darauf, mich mit dem Coronavirus zu infizieren!“ von sich gibt, anscheinend immer noch nicht kapiert hat: Hier geht es nicht um den eigenen Schutz, sondern um den der Mitmenschen.

 

Solche Äußerungen machen mich, die ich für gewöhnlich nicht verlegen bin, meinen Kommentarsenf dazuzugeben, echt sprachlos. Aber nicht nur die Sprache, sondern obendrein auch noch die Spucke blieb mir weg, als ich von Leuten hörte, die nicht auf Maskenschutz, dafür aber auf eine ganz spezielle Art von Kopfbedeckung großen Wert legen. Da muss es nämlich, wie auf einigen der so genannten „Hygiene-Demos“ zu sehen war, ein aus mehreren Lagen Alufolie gebastelter Hut sein, der angeblich vor unerwünschten Strahlungen der Regierung und Fernsteuerung durch Telepathie schützt.

 

Neugierig, wie ich bin, habe ich da mal ein bisschen nachgeforscht und herausgefunden, dass einige dieser Aluhut-Träger allen Ernstes überzeugt davon sind, dass die Erde hohl ist und ihr Inneres von Reptiloiden, einer überaus intelligenten Reptilienart, die unter angeborener Laktoseunverträglichkeit leidet, bewohnt ist. Nach Meinung der Aluhutisten steuern diese Echsenwesen, die die Gestalt von Menschen annehmen können, schon lange die Politik vieler Länder auf der Welt und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis sie sich die gesamte Menschheit untertan gemacht haben werden.

 

Harter Tobak, zu dem ich so einiges zu sagen hätte, jetzt, nachdem Sprache und Spucke wieder da sind. Aber da man sich ja nicht lustig über bedauernswerte, von Wahnvorstellungen gequälte kranke Leute machen soll, spare ich mir jetzt jeden Witz und schweige. Nein, ich denke mir meinen Teil. Sicherheitshalber wäre es aber vielleicht doch nicht so schlecht, wenn ich mir genau in Erinnerung rufe, wer aus meinem Umfeld unter einer Laktoseintoleranz leidet und eventuell zusätzlich auch noch unter schuppiger Haut.

 

Und Donald Trump, den muss ich mir unbedingt auch nochmal genauer anschauen. Na ja, Schuppen und alle möglichen Unverträglichkeiten mag er ja vielleicht haben, aber ich glaube, da müssen wir uns keine Sorgen machen... denn jahrelang tritt er nun schon tagtäglich den Beweis an, dass in seinem Fall von „überaus intelligent“ ja wirklich noch nicht einmal im Ansatz die Rede sein kann.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Muttis Jungs          09.05.2020

 

Als Mutter hat man es nicht leicht und als Mutti der Republik schon gar nicht. Da muss man sechzehn unterschiedliche Charaktere in Schach halten und das kann sich für Mutti Merkel, wie unlängst zu beobachten war, als außerordentlich schwierig erweisen. Zudem ist das ministerpräsidiale Geschlechterverhältnis ziemlich unausgeglichen: Vierzehn Jungs und nur zwei Mädchen. Von Letzteren hört man kaum etwas. Nicht weiter verwunderlich, denn Manuela und Malu sind gut erzogen und zeigen nicht die geringsten Anzeichen von Aufmüpfigkeit.

 

Bedauerlicherweise kann man das von den Jungs jedoch nicht behaupten. Ein paar schwer erziehbare Rabauken sind darunter, die ganz schön über die Stränge schlagen und durch vorlaute und naseweise Bemerkungen auf sich aufmerksam machen. Mahnende Worte von Mutti richten da nicht viel aus, zumal sie in der Videokonferenz nur auf dem Bildschirm zu sehen ist und nicht vor versammelter Mannschaft mit mütterlicher Faust auf den Tisch hauen kann.

 

Und wenn es ihnen zu blöd wird, können die Jungs, wenn sie wollen, einfach den Stecker ziehen und wieder mit ihren Autos spielen. Dumm nur, dass die Firmen, die die Autos herstellen, derzeit nicht so viele fahrbare Untersätze produzieren und verkaufen können. Und auch wenn die schlauen Firmenchefs unglaublich viel Geld gehortet haben, müsste man sie trotzdem aus Muttis Familienkasse unterstützen, finden einige der Jungs. Denn die Chefs sind wichtige Leute, die man nicht verärgern darf und außerdem sind Autos nicht nur Spielzeug, sondern genaugenommen so was wie Lebensmittel.

 

Und wo wir gerade beim Spielen sind: Auch die männlichen Fußball-Bundesligisten, die müssen unbedingt wieder spielen, selbst wenn sie nur als Geister über den Rasen huschen. Hauptsache, sie stehen wieder auf dem Platz. Schließlich dient so ein Fußballspiel dem Abbau von überschüssiger Energie und außerdem ist mittlerweile der Videobeweis erbracht, dass Fußballspieler in der Spätpubertät auf die dümmsten Gedanken kommen, wenn man sie nicht spielen, sondern ohne erzieherischen Beistand, dafür aber mit Handykamera durch Bundesliga-Kabinen laufen und munter drauflos filmen lässt.

 

Doch die Mädchen, die sollen sich bloß nicht beschweren. Schließlich hat man extra für sie die Friseurläden wieder öffnen lassen und den größtenteils weiblichen Verkäufern und Kassierern sogar angeboten, dass sie auch sonntags arbeiten dürfen. Und dafür, dass es schon vorher bei Weitem nicht genug Kita-Plätze und Krankenschwestern gab, da können die Jungs nun wirklich nichts – das ist schließlich schon immer Mädchensache gewesen.

 

Aber morgen, am Muttertag, da sollte Mutti in Berlin mal in sich gehen. Einen ganzen Tag lang hat sie dann Zeit, ohne von ihrer ministerpräsidialen Rasselbande genervt zu werden, sich Gedanken über ihren autoritären Erziehungsstil und darüber zu machen, wann sie denn endlich mal die Zeit findet, in München einen Besuch abzustatten... Familienbesuche sind in Bayern nämlich wieder erlaubt und nach der Absage des diesjährigen Oktoberfestes braucht Markus, ihr bayrischer Bub, ganz dringend Muttis persönlichen Trost.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Baumeln          25.04.2020

 

Mittlerweile hat sich wohl überall herumgesprochen, dass Englands Thronprinz Charles ein großer Naturfreund ist, der gerne und ausgiebig mit seinen Pflanzen spricht. Seine zukünftigen Untertanen stehen dem jedoch etwas skeptisch gegenüber. Ganz im Gegensatz zu Popstar Katy Perry, die kürzlich sogar verlauten ließ, dass sie sehr gerne einmal für die prinzlichen Pflanzen singen würde. Ebenso wie die königliche Hoheit scheint sie nämlich davon überzeugt zu sein, dass freundliche und liebevolle Worte oder Gesänge für das Wachsen und Gedeihen sowohl kleiner als auch großer Pflanzen ausgesprochen förderlich sind.

 

Am heutigen Welttag des Baumes ist es daher durchaus angebracht, sich mal ein paar Gedanken zu machen. Vor allem unter dem Aspekt, dass Naturforscher es nach jahrelangen Beobachtungen mittlerweile für erwiesen halten, dass Bäume zwar keiner Sprache, wie wir sie kennen, mächtig sind, aber trotzdem untereinander kommunizieren können. Unter anderem stellte sich zum Erstaunen der Forscher zum Beispiel heraus, dass eine Buche, die von Schädlingen befallen ist, an ihre Artgenossen in der Umgebung eine bestimmte Duftbotschaft sendet, um sie zu warnen und dazu zu veranlassen, Abwehrstoffe in ihrer Rinde zu bilden, damit sie nicht das gleiche Schicksal erleiden.

 

Bäume sind zudem anscheinend sehr sozial eingestellt. Hört sich komisch an, ist aber so. Denn es wurde festgestellt, dass die umliegenden Bäume einen unter Nährstoffmangel leidenden Baum, auch wenn er nicht zur eigenen Art gehört, unterstützen. Über ihre Wurzeln und ein Pilzgeflecht im Boden versorgen umstehende Birken dann beispielsweise eine Tanne mit den notwendigen Nährstoffen. So mancher Mensch könnte sich hieran ein Beispiel nehmen. Und auch daran, wie Bäume sich verhalten, wenn sie sehr eng beieinander stehen. Nur dünne Äste wachsen vorsichtig in Richtung des Artgenossen, dafür nach außen umso mehr. Ebenfalls ein sehr lehrreiches Vorbild für Vertreter der menschlichen Ellbogen-Gattung.

 

Ja, Bäume sind so viel mehr als nur Schattenspender und Sauerstofflieferanten. Ein Spaziergang durch den Wald ist eine kleine Kur für stressgeplagte Menschen. Die Sorgen werden von Vogelgezwitscher und Blätterrascheln übertönt, der Blutdruck sinkt, die Stimmung hellt sich auf und man kann im wahrsten Sinne des Wortes die Seele baumeln lassen.

 

Da bleibt mir nur zu sagen: Tausend Dank, all ihr Bäume auf der ganzen Welt - wie schön, dass es euch gibt! Stellvertretend für euch alle bekommt der Ahornbaum in unserem Garten deshalb an eurem heutigen Ehrentag zwei große Extrakannen Wasser und jede Menge lieber Worte von mir – nur vom Singen eines Ständchens, da will ich doch lieber Abstand nehmen. Denn erstens heiße ich nicht Katy Perry und zweitens möchte ich vermeiden, dass der arme Baum bei dem Gejaule all seine hübschen kleinen Blätter, die ihm gerade erst gewachsen sind, vor lauter Schreck verliert.

 

Aber auch an Sie, liebe Leserinnen und Leser, möchte ich heute noch ein paar liebe Worte richten: Passen Sie gut auf sich auf, bleiben Sie gesund und lassen Sie Ihre Seele so oft wie möglich zwischen Bäumen baumeln...

 

Ihre Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Der Sommerhase          11.04.2020

 

(siehe Fenjas Kolumnen)

 

 

 

 

Ein großer Löffel Hoffnung          28.03.2020

 

Für niemanden, sei er nun alt oder jung, arm oder reich, gibt es eine Seitengasse, in die wir uns noch schnell verdrücken könnten. Nein, wir müssen jetzt da durch, ob wir wollen oder nicht. Und mit dem unsichtbaren und gefährlichen Gegner namens Sars-CoV-2-Virus werden wir wohl noch einige Zeit gezwungen sein, zu leben. Die Betonung liegt – fett gedruckt und unterstrichen – auf „leben“. Denn zwar gibt es mittlerweile Menschen, die den Kampf gegen diesen Gegner leider verloren haben und es werden ihm unweigerlich auch noch weitere zum Opfer fallen. Aber – und das ist viel mehr als nur ein Strohhalm, an dem wir uns festhalten können: Laut Robert-Koch-Institut gewinnen derzeit 99,5 % aller Infizierten in Deutschland den Kampf gegen dieses Virus.

 

Hinzu kommt aber auch, dass viele Menschen sich momentan um Gesundheit und Einkommen gleichermaßen sorgen. Doch diesbezüglich gibt es ebenfalls Hoffnung: Der Staat, an den wir immer brav und reichlich Steuern gezahlt haben, hat versprochen, dass er jedem Bedürftigen unbürokratisch Hilfe leisten wird. Und auch untereinander können wir uns helfen. Sei es durch Hilfsangebote, tröstende Telefonate, das Erledigen von Besorgungen, freundliche Worte über den Gartenzaun sowie den Kauf von Gutscheinen einheimischer Geschäfte oder die Online-Bestellung bei der Buchhandlung.

 

Ein Hoffnungselixier gibt’s da leider nicht im Bestellregister. Nein, Hoffnung muss man sich selbst machen. Vielleicht dadurch, dass man sich mal genau betrachtet, was es im eigenen Leben doch immer noch unglaublich viel Positives gibt. Und indem man sich die Worte von Udo Lindenberg zu Herzen nimmt, der kürzlich in seiner unverwechselbaren Art so treffend bemerkte: "Die Welt is voll am Arsch und wir mittendrin. Aber durchhängen is nich. unser Kumpel Hoffnung is ja auch noch da und trägt uns durch die schweren Zeiten."

 

Niemand kann im Augenblick sagen, wie lange es noch dauern wird, bis wir unser gewohntes Leben wieder aufnehmen können. Aber der Zeitpunkt wird kommen. Ja, es wird weitergehen. Hoffentlich aber ein wenig langsamer, bewusster, mit mehr Achtung vor dem Leben und mehr Dankbarkeit für jeden neuen geschenkten Tag. Und mehr Achtung und auch finanziell demonstrierter Dankbarkeit für alle unsere Mitmenschen, die im Gesundheitswesen und Dienstleistungsgewerbe arbeiten. Wenn sie dichtmachen, dann können wir nämlich einpacken – im wahrsten Sinne des Wortes.

 

Bleiben Sie gesund und nach Möglichkeit zu Hause, liebe Leserinnen und Leser, halten Sie Abstand und denken Sie daran, dass man nicht nebeneinander stehen muss, um zueinander zu stehen. Und pflegen Sie das Hoffnungspflänzchen. Geben Sie ihm genug zu trinken, ein wenig Dünger vielleicht und gehen Sie mit ihm so oft wie möglich raus in die Sonne.

 

Von Herzen wünsche ich Ihnen, dass Ihr Pflänzchen wächst und gedeiht und Sie auf allen Wegen und Gedankengängen treu begleiten möge... und denken Sie immer daran: Die Hoffnung ist der große Löffel Honig im manchmal bitteren Tee des Lebens.

 

Ihre Lilli U. Kreßner

 

 

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