Das achte Weltwunder

 

Gehören auch Sie zu den Menschen, die der Meinung sind, es gäbe nur sieben Weltwunder? Ja? - Sollte es so sein, dann muss ich Sie jetzt leider enttäuschen. Ich habe nämlich nochmal nachgezählt und zweifelsfrei festgestellt: es gibt acht! Neben den Gärten der Semiramis, dem Koloss von Rhodos, dem Grab des König Mausolos, dem Leuchtturm auf der Insel Pharos, der Zeusstatue des Phidias, dem Tempel der Artemis und den zugegebenermaßen äußerst beeindruckenden Pyramiden von Gizeh gibt es noch ein achtes Weltwunder. Es ist ein Wunder, das die sieben anderen weit, weit hinter sich lässt. Dermaßen wunderbar ist es, dass es einem die Sprache verschlägt. In Ehrfurcht muss man erstarren, wenn man seiner ansichtig wird, denn es ist einfach zum Niederknien schön! Und das Schönste: Es lebt! Ja, es ist lebendig! Das Unglaublichste jedoch, stellen Sie sich vor - fast 3,5 Milliarden mal kann man dieses Wunder auf unserem Erdball bewundern!

 

Circa die Hälfte meiner Leserschaft müsste sich nun wohl langsam denken können, von wem die Rede ist. Nein? Hm, überlegen Sie mal, da müssten Sie doch eigentlich drauf kommen!... Ja, klar – Bingo, meine Herren – ich spreche selbstverständlich von dem wunderbaren, wunderschönen Wunder FRAU! Ein Wunder, das allzu oft leider vollkommen unerkannt bleibt und dem man mit dem alljährlich am 8. März stattfindenden Weltfrauentag (das -wunder- in der Mitte hat man natürlich auch unter den Küchentisch fallen lassen) nur einen einzigen Tag im Jahr gewidmet hat. Ist doch echt armselig, oder? Ein einziger, läppischer Tag!

 

Also mir ist das zu wenig, viel zu wenig. Vor allem, wenn man bedenkt, dass es schließlich solche Sachen wie die „Grüne Woche“, die „Kieler Woche“ und die „Woche der Sonne“ gibt. So, und da sollen wir uns mit lächerlichen 24 Stunden begnügen? Nö, sehe ich ja gar nicht ein. Ein ganzer Monat müsste es mindestens sein. Und wenn schon Nicolas Sarkozy dafür sorgen will, dass die französische Küche zum Weltkulturerbe erklärt wird, dann ist es wohl das Mindeste, dass ich mich darum kümmere, dass die Unesco den Monat März zum internationalen Welt(wunder)frauenmonat ausruft. Ach, was sage ich: ein ganzes Jahr, so unvergleichlich wunderbar wie wir Frauen sind, stünde uns zu!

 

Aber mein Mann, das muss ich sagen, ist da weitaus einsichtiger gewesen. Schon vor langer Zeit hat er erkannt, dass ich ein Wunder bin, ein Wunder, das es das ganze Jahr über zu bewundern gilt. Tja, und im Gegensatz zu so manchem seiner Geschlechtsgenossen weiß er auch, wie man mit Wundern angemessen und ehrerbietig umgeht - charmant, höflich, hilfsbereit und in stets bewundernder Form selbstverständlich.

 

Sollte es allerdings doch ausnahmsweise mal passieren, dass mein von mir so über die Maßen geschätzter Gatte wider alle Gewohnheit ein bisschen übermütig wird und sogar der völlig abwegigen Idee verfällt, ein waschechtes Weltwunder wie mich ein wenig necken oder gar ärgern zu wollen, dann darf er sich nicht wundern, wenn ich verwundert reagiere. Ganz flott hat sich die Sache aber meist von selbst erledigt. Denn kurz und beiläufig hebe ich in solchen Situationen die linke Augenbraue, lächle ihn wunder- und bedeutungsvoll wie die leibhaftige Sphinx von Gizeh an und sage in sanftem aber deutlichem Tonfall: „Überleg' dir gut, was du sagst oder tust, mein lieber Schatz – nächsten Samstag könnte es in der Zeitung stehen!“

  

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

 

 

 

Carpe diem

 

Nicht selten fragt man sich verwundert, wo die Zeit eigentlich geblieben ist. Kommen einem die Wochen so kurz vor, weil kosmische Strahlung sie hat schrumpfen lassen? Kann es gar sein, dass ein Teil von ihr sich aus Angst vor dem zeitfressenden Wolf gemeinsam mit dem Geißlein im Uhrkasten versteckt hat? Oder hat sie sich gar in Luft aufgelöst?

 

Ehrlich gesagt halte ich jede dieser Möglichkeiten für eher unwahrscheinlich. Bei genauer Betrachtung drängt sich mir vielmehr der Eindruck auf, dass wir glauben, so wenig Zeit zu haben, weil wir oft einen guten Teil von ihr regelrecht verschwenden. Wichtige Zeit, die wir mit abgeschaltetem Gehirn und ruhiggestelltem Bewegungsapparat völlig sinnlos verstreichen lassen. Dabei gäbe es tausend Dinge zu tun - gerade dann, wenn wir gezwungen sind, auf etwas zu warten.

 

Auf die Auflösung des Staus beispielsweise. Was kann man, bis es endlich soweit ist, doch alles anstellen! Augenbrauen zupfen, Nägel maniküren, die Zahnzwischenräume gründlich untersuchen oder endlich mal die Brille richtig putzen. Und, wo wir gerade beim Thema Putzen sind: sicher hätte der Innenraum des fahrbaren Untersatzes eine Von-Grund-auf-Reinigung auch wieder bitter nötig.

Aber was tun wir? Wir sitzen genervt, apathisch und regungslos da und drehen noch nicht einmal Däumchen.

 

Ähnlich verhält es sich, wenn wir an der Bushaltestelle oder der Supermarktkasse stehen. Was machen wir da außer warten? Ganz genau - gar nichts! Dabei wäre jetzt die ideale Zeit für ein bisschen Atem- oder Bauch-Beine-Po-Gymnastik.

Auch die meist nicht unerhebliche Wartezeit in den Arztpraxen ließe sich wesentlich sinnvoller nutzen. Zum Beispiel mit dem Auswendiglernen der zahlreichen Krankenkassen- und Gesundheitsreform-Hinweise, mit denen die Wände dort gepflastert sind. Ein absolut perfektes Gedächtnistraining wäre das, ganz ohne Frage.

 

So, und da wir aber weder den guten Onkel Doktor noch unsere übrigen Mitmenschen mit einer Schmutzkruste und den damit zwangsläufig verbundenen Gerüchen erschrecken wollen, legen wir uns in regelmäßigen Abständen in die Badewanne. Aber was tun wir auch dort wieder? Richtig, wir verplempern unsere Zeit. Dabei wäre jetzt doch eigentlich der optimale Zeitpunkt für ein wenig Gehirnjogging mittels Kopfrechnen.

 

Was man da rechnen soll? Ganz einfach: Zuerst zählt man die Fliesen, multipliziert deren Summe mit allen auf der Shampooflasche vorhandenen Buchstaben, subtrahiert dann sämtliche Löcher des Badeschwamms und dividiert im Anschluss daran das Ergebnis durch die Wellen, die sich mittlerweile auf den Fingerkuppen gebildet haben.

 

Um eine der Sache ganz und gar nicht zweckdienliche Unterkühlung des Gehirns zu verhindern, wäre es allerdings recht sinnvoll, im Abstand von mindestens zehn Minuten immer wieder mal ein wenig heißes Wasser nachlaufen zu lassen... - gut gemeinter Ratschlag einer kampferprobten Denksportlerin.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

 

 

Auf Nummer sicher

 

Ein bisschen was Wahres ist schon dran: Von der Geburt bis zu seinem Ableben ist der Mensch eine Nummer. Gut, nicht immer die selbe. Auf der Geburtsurkunde findet sich eine andere als auf dem Totenschein. Zwischen der amtlichen Ausstellung dieser beiden Schriftstücke bekommt der brave Staatsbürger aber noch jede Menge anderer Nummern. In der Statistik des Krankenhauses zum Beispiel, in dem er das Licht der Welt erblickt. Zu diesem Zeitpunkt sind bei dem Säugling zwar noch keine Zähne sichtbar, aber die, die in seinem Kiefer auf ihren Durchbruch warten, die sind auch alle schon durchnummeriert – ebenso wie seine 24 Rippen.

 

Und dann geht’s munter weiter. Im Schulregister bekommt er die nächste Nummer verpasst. In der Umkleidekabine seines Fußball- oder Handballvereins mittels Trikot ebenfalls. Beim Spiel lässt sich dann auch viel einfacher feststellen, wer für den Treffer oder das Foul verantwortlich ist. Die Nummer 7 nämlich, hinter der sich der kleine Bartholomäus Grippoldsbader-Schönemann verbirgt, der sich so gut anstellt, dass er echt mal 'ne große Nummer in seiner Sportart werden könnte.

 

Ja, das ganze Leben begleiten uns Nummern. Dabei sind manche Dinge für uns eine Nummer zu groß, andere wiederum machen so Einiges einfacher und kleiner. Die Beschilderung von Autobahnen beispielsweise. „A5“ beansprucht nämlich weitaus weniger Platz als „Bundesautobahn Hattenbacher Dreieck – Weil am Rhein“. Prima, wieder mal Steuergeld gespart, bezüglich dessen der brave Staatsbürger natürlich auch eine Nummer beim Finanzamt ist oder hat – wie man es nimmt. Genauso wie in den großen Kliniken. Da schlummern in Kästen an der Wand ganz viele Nummern auf kleinen Papierzetteln, ohne die man sich nicht anmelden kann. Und spätestens, wenn der Lautsprecher verkündet: „Nummer 268 zur Anmeldung bitte in Kabine 5“, weiß man, dass man nur eine Nummer ist – vorausgesetzt, Ärztin oder Arzt, die einen untersuchen, belehren einen im Anschluss nicht doch noch eines Besseren.

 

So, und dann gibt es noch die richtig gefährlichen Nummern – bestimmte Telefon-Vorwahlnummern zum Beispiel. Wenn man die wählt, ist es sehr wahrscheinlich, dass einem eine erschreckend hohe Telefonrechnung ins Haus flattert. Und hat man für seine Telefonate dann auch noch ein Samsung-Smartphone mit der Nummer 7 benutzt, dann kann es nicht nur brenzlig, sondern brandgefährlich werden.

 

Aber es gibt auch richtig gute Nummern. Die Telefonseelsorge-Nummern zum Beispiel. Speziell die „Nummer gegen Kummer“, hinter der sich ein Kindersorgen-Telefon verbirgt. Oder in Münster. Da wählt der, der schlau ist, die „Schlaue Nummer“ und dann erhält er kostenlos 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr Fahrplanauskünfte.

 

Und somit wären wir bei meiner ganz persönlichen Nummer des Schreckens – und zwar der Nummer 9. Denn ganz egal, ob man sich an alle Vorschriften hält und rechtzeitig die „dufte“ Nummer der Anruf-Linien-Taxi-Zentrale wählt – ist man in den Schulferien der 9. Anrufer für eine bestimmte Fahrt, dann hat man Pech gehabt und wird nicht mitgenommen. Nein, weil im größten Fahrzeug nämlich nur 8 Personen befördert werden dürfen und eins, das eine Nummer größer ist, nicht zur Verfügung steht. Tja, und was macht man dann, um pünktlich ins Büro zu kommen? Ganz einfach... man geht auf Nummer sicher und auf seinen eigenen Füßen zur Arbeit.

 

Lilli U. Kreßner