Zum Anbeißen

 

Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass Schokolade sprechen kann? Nein? Doch, auch wenn sie es kaum glauben mögen, aber sie kann es. Ja, sie kann es wirklich. Ich bin zwar immer noch nicht dahinter gekommen, wie sie das macht, aber achten Sie beim nächsten Gang durch die mit schnuckeligen Versuchungen gespickten Problemzonen der Supermärkte einmal darauf. Wenn Sie die Ohren dort so richtig spitzen, dann können Sie hören, wie manch süßer Verführer - allen voran Ihre Lieblingsschokolade - Ihnen mit cremig-zarter Samtstimme unentwegt zuflüstert: „Kauf‘ mich, bitte kauf mich! Lass‘ mich nicht bis zum endgültigen Verfallsdatum dies trostlose Regal-Schicksal erleiden!“

 

Und, seien wir mal ehrlich, die Meisten überkommt nun das Mitleid und nur die Wenigsten können dieser Aufforderung widerstehen. Ich auch nicht. Bei einer gebürtigen Saarländerin wie mir ist das allerdings kein Wunder; sozusagen mit der Muttermilch habe ich es eingesogen, das saarländische Lebensmotto: „Hauptsach‘ gudd gess!“

 

Aber auch bundesweit betrachtet ist es nun mal eine Tatsache: Der Deutsche versteht etwas vom Essen. Gut, reichlich und in ansprechendem Ambiente serviert soll es sein, keine Frage. Ein ausgewachsener Ochse, wie bei unseren germanischen Vorfahren, muss zwar nicht mehr unbedingt über dem Feuer brutzeln, aber wir wollen satt werden - und wenn wir ,satt‘ sagen, dann meinen wir auch ,satt‘. Mit einem halben Thymiankartöffelchen, drei Erbsen und einem rosafarbenen Stückchen Fleisch von der Größe eines Daumennagels geben wir uns im Gegensatz zu unseren französischen Nachbarn nämlich nicht zufrieden, oh nein.

 

Dass wir in einem Land der Feinschmecker zuhause sind, haben seit einiger Zeit nun auch die Fernsehfachleute entdeckt. Sendungen rund ums Kochen gibt es zuhauf. Ganz im Gegensatz zum scheinwerferlosen Alltagsleben beglücken uns dort jedoch mit ihren Kochkünsten (und den Rezepten ihrer Mütter) zumeist männliche Wesen. Vermutlich deshalb, weil sie nach der Vorführung im Studio garantiert keine der zehn von ihnen benutzten Töpfe und Pfannen spülen, geschweige denn, die komplette Küche wieder in Ordnung bringen müssen.

 

Beim „Perfekten Dinner“ bekocht das Volk sich gegenseitig und beim „Dinner in the darc“ kann man sich im wahrsten Sinn des Wortes völlig unbehelligt in totaler Finsternis ein Überraschungs-Menue munden lassen. Wir wir sehen, der kulinarischen Phantasie sind also so gut wie keine Grenzen mehr gesetzt. Neulich allerdings, beim Einkaufsbummel in Fulda, da war ich zugegebenermaßen doch ein wenig irritiert. Auf dem Plakat eines Geschäftes prangte unübersehbar in Großbuchstaben das eindeutige Angebot: „Hier essbare Unterwäsche für Damen und Herren!“

 

Okay, es gibt Prüdere als mich, dachte ich da, und für gewöhnlich bin ich Neuem gegenüber ja auch recht aufgeschlossen. Aber mal ganz davon abgesehen, dass ich einen Mann habe, der von Natur aus schon zum Anbeißen ist, sind die Bratkartoffeln, die er zubereitet, mit Abstand die verführerischste Hausmannskost, in deren Genuss ich je gekommen bin - und demzufolge kann ich, ohne dass es mir allzu schwer fällt, auf die essbare Unterwäsche unter der Küchenschürze meines Gatten eigentlich ganz gut verzichten. Obwohl, na ja ...

 

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Rubensfigur

 

Mit der Wahrheit (von der es angeblich ja mehrere geben soll) ist das so eine Sache.

Da gibt es angenehme, weniger angenehme und ziemlich unangenehme Wahrheiten. Halbe, ganze, nackte, reine und bittere. Manche, die man ans Tageslicht bringen muss und andere, die besser unerkannt, versteckt unter Spinnweben, im dunklen Keller menschlicher Befindlichkeiten ihr Dasein fristen.

Nein, es muss nicht immer alles ausgesprochen werden, und in manchen Fällen ist das für alle Beteiligten auch besser so. Auf gut Deutsch gesagt: Ab und an ist es einfach erforderlich, dass man etwas Zungenspitzengefühl an den Tag legt und die Klappe hält.

So käme ich zum Beispiel, obwohl ich, wie Sie sicher schon festgestellt haben, eine Freundin offener Worte bin, niemals auf die Idee, einer Bekannten zu sagen, dass ihre Frisur absolut scheußlich ist und sie damit jederzeit allen im Vogelsbergkreis aufgestellten Vogelscheuchen mühelos Konkurrenz machen könnte, - und noch viel weniger käme mir in den Sinn, ihr in bühnenreifem Brustton der Überzeugung weismachen zu wollen, sie sähe damit aus wie Claudia Schiffer.

Lieber, wie gesagt, halte ich die Klappe, - geschweige denn, ganz unverfroren zu lügen, indem ich die Wahrheit ins Gegenteil verkehre, um sie dann, unlautere Ziele im Visier, meinem Gegenüber wie klebrigen Honig ums Maul zu schmieren.

Tja, womit wir schon beim Thema wären und einer Begebenheit, die sich neulich im Wartezimmer einer Alsfelder Arztpraxis abspielte.

Dort bot sich mir die Möglichkeit, den aufschlussreichen Dialog zwischen einer Mutter und ihrer Tochter zu verfolgen, in dessen Verlauf das circa 8 Jahre alte Mädchen bemerkte, dass die (äußerst korpulente) Dame, die sich schnaufend auf eineinhalb Stühlen in der gegenüberliegenden Ecke des Wartezimmers niedergelassen hatte, zumindest was den Umfang ihres Leibes betraf, große Ähnlichkeit mit Tante F. habe.

Ach, erinnere mich bloß nicht daran,“ entgegnete die Mutter ungehalten in gedämpftem, recht barschem Ton, „was ist denn gestern nur in dich gefahren, das dich auf die Idee kommen ließ, zu der Tante zu sagen, dass ihr bald nur noch Benjamin-Blümchen-Kleider passen werden, wenn sie nicht endlich damit aufhört, uns immer, wenn sie zu Besuch kommt, fast die ganze Torte wegzuessen!“

Aber das war doch nicht gelogen, Mama, das stimmt doch!“ entgegnete die Kleine energisch. „Wie oft hast du schon gesagt, dass man ehrlich sein soll und die Wahrheit sagen muss. Ich bekomme immer nur zwei Rippen Schokolade, weil mehr Süßes ungesund ist und schlecht für meine Zähne. Aber wenn Tante F. da ist, dann sagst du zu ihr, dass fünf winzige Stückchen Kuchen doch eigentlich so gut wie gar nichts sind und sie im Prinzip ja nicht dick, sondern bloß ein bisschen „füllig“ sei und – was meinst du eigentlich mit „Rubensfigur“? Ich verstehe das alles nicht“.

Sie fuhr fort. „So, und das kannst du jetzt ruhig auch noch wissen: Als Tante F. (- ... ich werde mich hüten, den Namen auszuschreiben, denn nur ungern möchte ich verantwortlich gemacht werden für Familientragödien oder unwiderruflich erloschene Erbansprüche) an deinem Geburtstag bei uns war und du in die Küche gegangen bist, um neuen Kuchen zu holen, habe ich gehört, wie du zu Papa gesagt hast:

Ach, es ist wirklich unfassbar! Wie kann ein Mensch bloß so verfressen sein und dermaßen viel in sich hineinstopfen! Das ist doch eklig! Eines Tages wird diese Frau mit einem lauten Knall platzen, - aber bitte nicht heute und bitte nicht in unserem frisch tapezierten Wohnzimmer!“

 

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Ebbe langts         

 

Wenn andere schon lange nicht mehr still sind, kann ich immer noch ruhig sein. Es hat zwar ein bisschen gedauert, aber im Laufe meines Lebens habe ich gelernt, dass es nicht gut ist, vorschnell zu urteilen. Viele Dinge brauchen ihre Zeit und es gibt nur wenig, das man schnell und einfach mal eben so aus dem Boden stampfen kann. Ganz besonders, wenn man zum ersten Mal in seinem Leben mit einem riesigen Problem konfrontiert wird, das wie ein Orkan über einen hereinbricht und mit dem man mutig und nötigenfalls auch unkonventionell den Kampf aufnehmen muss.

 

Ja, und deshalb habe ich unserer Regierung fast ein ganzes Jahr vertrauensvoll die Stange, an der die schwarz-rot-goldene Fahne hängt, gehalten und bin ruhig geblieben, auch nachdem es schließlich hieß, dass uns genau jene Epidemie bevorsteht, vor der Experten schon viele Jahre zuvor gewarnt hatten. Auch, als Fachleute und Politiker nicht enden wollende Diskussionen über Sinn oder Unsinn des Tragens von Masken und deren Beschaffung führten, habe ich die Ruhe bewahrt. Ebenso, als sich herausstellte, dass die Corona-Warn-App ihren Zweck trotz 69 Millionen Euro Entwicklungskosten noch nicht mal im Ansatz erfüllt. Und selbst, als bekannt wurde, dass man bei der Impfstoffbestellung auf fatale Weise unglaublich versagt hat und dass viele deutsche Gesundheitsämter kolossal überlastet sind, weil nur ein Drittel digital arbeitet und der Rest von Hand ausgefüllte Listen per Fax verschicken muss, habe ich immer noch versucht, ruhig zu bleiben. In einem Land, das den Gesundheitssektor im Laufe der Jahre stets mehr vernachlässigt und viele seiner Krankenhäuser an große, gewinnorientierte Unternehmen verkauft hat, verwundert so etwas nicht weiter. Aber das wird sich schnell ändern, dachte ich mir. Die Probleme werden angepackt und auch wenn man sie nicht sofort beseitigen kann, so wird in einem Land wie dem unseren in einer solchen Katastrophe doch alles daran gesetzt, tatkräftig und umgehend eine Besserung herbeizuführen.

 

Ob Lockdown, Maskenpflicht, Desinfektionsrituale, Abstandsregeln, Kontaktverbote, Ausgangssperren – ich habe alles brav mitgemacht und mich gehorsam an alle Vorschriften gehalten. Und für was? Dafür, dass ich mir jetzt nach über einem Jahr Pandemie das Impfdesaster, die schier endlosen Lockdown-Diskussionen, dieses dauernde Hin und Her, Hü und Hott, die Selbstbeweihräucherung deutscher Politiker im Vorwahlmodus und das traurige Ergebnis der grandios gescheiterten EU-Impfstoffbeschaffung, für das niemand die Verantwortung übernehmen will, mitansehen muss?

 

Nö, jetzt reicht es mir. Der hessische Aufdruck auf einem Kühlschrankmagneten trifft meine derzeitige Gemütslage genau: Ebbe langts... oder um es mit einem Zitat des Hessen Goethe aus einer anderen Tragödie namens Faust deutlich zu machen: Der Worte sind genug gewechselt, lasst mich auch endlich Taten sehn!

 

Lilli U. Kreßner

 

 

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