Krimineller Kuckuck          17.07.2021

 

Nach dem tragischen und viel zu frühen Tod meiner Schildkröte Jonathan, den ich im zarten Alter von acht Jahren verkraften musste, beschloss ich, mir nie wieder ein Haustier zu wünschen. Und so ist es bis heute auch geblieben. Wir haben (bis auf das ein oder andere Spinnentier, das nach Entdeckung mittels Wasserglas und Bierdeckel sogleich von mir an die frische Luft befördert wird) keine Haustiere, dafür aber umso mehr Gartentiere, die wir mit Kost und Logis umsorgen. Von unseren Teichfischen einmal abgesehen, findet sich von Insektenhotels über die Igelburg bis zu zahlreichen Nistkästen, Tränken, Vogelhäusern und einem Fledermausquartier so gut wie alles, was das Gartentierherz begehrt.

 

Und so ist es Sommer wie Winter wirklich eine Freude, all die Tiere zu beobachten. Dabei haben die Vögel, hier im Speziellen die Rotkehlchen, es mir besonders angetan. Umso größer war die Freude, als vor einiger Zeit ein Rotkehlchenpaar im Efeu direkt neben unserer Terrassentür begann, ein Nest zu bauen – aber das hat Fenja in ihrer letzten Kolumne ja schon erzählt. Und, wie schön, mittlerweile ist dort nun auch ein zweites Nest mit kleinen Piepmätzen bevölkert.

 

Es gibt nur eins, das mir Sorge bereitet. Sehr zu meinem Leidwesen vernehme ich nämlich seit einiger Zeit die Rufe eines Kuckucks in unserer Nähe. Nachdem ich das wunderbare Buch „Im Herzen des Tals“ von Nigel Hinton lesen durfte (Elke Heidenreich bezeichnet es als eines der schönsten und liebevollsten Bücher, die sie je gelesen hat), habe ich mich mit diesem Vogel aus Neugier mal ein bisschen näher beschäftigt. Ja, es ist hinlänglich bekannt, dass der Kuckuck seine Eier in fremde Nester legt. Doch als wäre das allein nicht schon schlimm genug, befördert er zuvor in eindeutig krimineller Absicht eines der Eier aus dem Nest, um Platz für seines (das in taktischer Verschleierungsabsicht sogar die Farbe der anderen Eier im Nest annehmen kann) zu machen.

 

Und da der kriminelle Apfel meist nicht weit vom Stamm fällt, wirft das Kuckucksjunge, kaum dass es geschlüpft ist, alle anderen Eier beziehungsweise Jungen hochkant aus dem Nest, macht sich darin breit und ist dann auch noch so raffiniert, das Gezwitschere in einem vollbesetzten Nest zu imitieren, um möglichst viel Nahrung von seinen vermeintlichen Eltern unrechtmäßig zu erschleichen. Da kommen also gleich mehrere Straftatbestände zusammen: Hausbesetzung, widerrechtliche Zwangsräumung, Irreführung, Vorspiegelung falscher Tatsachen, ja, sogar Totschlag ... na, wenn das nicht förmlich nach einem Vogel-Strafgesetzbuch schreit beziehungsweise ganz laut zwitschert.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Verlängerung          03.07.2021

 

Der erwartete Aufschrei, den ich befürchtet hatte, blieb aus und auch jene, von denen man wusste, dass sie ihm noch nie gut gesonnen waren, traten kaum nach. Jogi Löw ging nach verdienter Niederlage gegen England zum letzten Mal als deutscher Fußballbundestrainer vom Platz und in den Reihen seiner Kritiker blieb es auffallend leise. Gut, seinen Rücktritt konnten sie nicht mehr fordern, denn den hatte er ja schon selbst bekanntgegeben, ebenso wenig, wie sie ihm noch haufenweise todsichere Aufstellungstipps hätten geben können, damit die Mannschaft beim nächsten Spiel endlich mal wieder als eindeutiger Sieger vom Platz geht.

 

Nein, der Abschied von Jogi Löw war kein Ach-wie-schade-Abschied. Und das wiederum finde ich sehr schade. Die ausbleibenden Erfolge in den letzten Jahren schmälern ja nicht seine bemerkenswerten Erfolge in den Jahren davor. Okay, er hätte nicht an der Trainerbank kleben dürfen und ein gutes Stück früher seinen Hut sprich seine Stoppuhr nehmen müssen. Aber es ist nun mal nicht immer leicht, den richtigen Zeitpunkt zu erwischen und nur die Wenigsten sind so einsichtig und bereit, zu gehen, wenn's am schönsten ist – in seinem Fall also unmittelbar nach dem Gewinn der Fußballweltmeisterschaft.

 

Sei es nun Pflichtbewusstsein, das Gefühl der Unersetzbarkeit, der Mangel an geeigneten Nachfolger/innen oder die Angst, sich nach Beendigung der lebensausfüllenden Aufgabe überflüssig zu fühlen – es gibt viele Hinderungsgründe, das Feld nicht rechtzeitig zu räumen und immer wieder in die Verlängerung zu gehen. Auch in der Politik kennt man das Problem. Bundeskanzlerin Angela Merkel war nach einer Verlängerung allerdings klug genug, das Ende ihrer Spielzeit festzulegen. Im September nimmt sie ihren Hut beziehungsweise ihre Handtasche und verlässt nach sechzehn Jahren das Bundeskanzleramt und die Trainerbank des Bundestags.

 

Irgendwann ist es nämlich mal gut mit dem anstrengenden Dienst am nörgelnden Zuschauervolk und dem nicht immer foulfreien Zeitspiel der Ministerpräsidenten, auch wenn der potentielle Nachfolger ziemliche Probleme mit ihren großen Fußstapfen zu haben scheint und mit einer jungen Stürmerin der gegnerischen Mannschaft, die seiner Meinung nach nicht nur hinten den Ohren viel zu grün ist. Ein paar Schwindeleien auf ihrer Spielerkarte hat man ihr zumindest aber schon nachweisen können. Doch bei der Frage, wie die Altherrenmannschaft die stürmische Dame mitsamt einer roten Dauerkarte möglichst unauffällig ins Abseits bugsieren könnte, da wird selbst Jogi Löw, der sich mit Taktik auf grünem Terrain bestens auskennt, wohl leider nicht behilflich sein können.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Überhitzt          19.06.2021

 

Leider ist nicht immer ein kühler Keller oder ein Hintertürchen da, durch das man sich mal kurz zur Abkühlung in den kommenden Dezember oder Januar verdrücken könnte und man muss derzeit tatsächlich damit rechnen, dass das Steak, das man gerade gekauft hat, schon auf dem Nachhauseweg medium gebraten wird. Wie können wir uns also in Klimawandel-Sommern wie diesem helfen? Deo-Vorrat anlegen, Rollos runter, Sonnenbrille auf und versuchen, die Sache mit Humor zu nehmen. Zum Beispiel mit einem Badezimmerschild, auf dem zu lesen ist: „Der Unterschied von geduscht zu dringend duschbedürftig ist echt fließend“ oder dem Eintrag „Hackfleisch in die Luft geworfen, Frikadelle gefangen“ für die Rubrik „Schnellste Zubereitungsarten“ im Rezeptbuch.

 

Auch ansonsten lassen sich diverse Ratschläge finden. Zum Beispiel jenen, den Gefrierschrank auszuräumen und ihn komplett mit Eiswürfelbereitern zu füllen. Die eine Hälfte der Eiswürfel dann lutschen und die andere Hälfte zusammen mit den heißen Füßen in einen Eimer tun. Hört sich eigentlich ganz gut an, doch für mich ist das wohl eher nichts. Ich vermute, da hat mein Personalausweis was dagegen, genauer gesagt, das Geburtsdatum, das in ihm vermerkt ist. In meinem Alter bekommt man vom Eiswürfel-Lutschen nämlich Zahnschmerzen und mit Füßen im Eiswürfel-Eimer läuft man Gefahr, einen Herzstillstand zu erleiden.

 

Was bleibt also übrig? Wie so oft weiß unsere kluge Fenja da Rat: Langsam und genüsslich ein Oma-Eis lutschen. Das gibt es nicht zu kaufen, aber man kann es ganz leicht selbst machen. Na gut, ein bisschen Arbeit ist es schon. Schließlich muss man zuvor sorgfältig die vielen kleinen Krabbeltierchen, die sich dort drinnen häuslich niedergelassen haben, aus den duftenden Holunderblüten schütteln, bevor man sie zu überaus leckerem Sirup verarbeitet. Ein wenig dieser Köstlichkeit wahlweise mit Wasser oder kaltem Zitronenmelisse-Tee vermischen, in Stileisbehälter füllen und einfrieren. Innerhalb kurzer Zeit verfügt man so über ein sehr erfrischendes Wassereis, das jeden Eiswürfel vor Neid erblassen ließe, wenn er nicht von Natur aus schon äußerst blass wäre.

 

Ach ja, und wenn die Warteliste nicht über die Länge einer Rolle Toilettenpapier verfügen würde, sodass der letzte Abkühlungsbedürftige vermutlich erst um die Weihnachtszeit an der Reihe sein wird, dann würde ich Ihnen einen Fiete-Termin empfehlen. Aber leider sind unser Enkelsohn und sein kleiner, mit Wasser befüllbarer Spielzeug-Feuerlöscher mit Spritzterminen für Familie, Kita-Freunde und Nachbarn schon völlig ausgebucht. Fiete lässt jedoch nebst lieber Feuerwehrmanngrüße ausrichten, dass er für den nächsten Sommer Voranmeldungen von treuen Oma- und Fenja-Kolumnen-Leser/innen sehr gerne entgegennimmt.

 

Ihre Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Orangekehlchen          05.06.2021

 

(siehe Fenjas Kolumnen)

 

 

 

 

Ein bisschen Spektakel          22.05.2021

 

Ja, das waren noch Zeiten – nicht nur alle Bürger, sondern auch sämtliche Bürgersteige hatten ihre ausgiebige Samstagsreinigung hinter sich, die Wäsche war abgehängt und der Stromverbrauch des Landes schnellte mit Beginn der Sendung schlagartig in die Höhe. Kein Wunder, der „Grand Prix Eurovision de la Chanson“ hatte in den 60er- und 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts Kultstatus und war ein regelrechter Straßenfeger. Die ganze Familie samt Oma, Opa, Mama, Papa, den Kindern, Onkel Heinz und Tante Henriette war frisch gebadet und hatte es sich erwartungsfroh auf Couch und Sesseln bequem gemacht – in ebenso bequemer Reichweite zu Schnittchen-Teller, Käse-Igel und Russischen Eiern. Die Sektflaschen waren kaltgestellt und zur Feier des Abends gab es für die Kleinen grünen Kindersekt in Form von Waldmeisterbrause.

 

Kurz vor Sendebeginn stieg dann nicht nur der Strom-, sondern auch der Wasserverbrauch drastisch an, denn Opa machte unmissverständlich klar, dass alle Familienmitglieder schleunigst nochmal die Toilette aufzusuchen hätten („Nicht, dass mir nachher einer auf die verrückte Idee kommt, mitten im Lied raus zu rennen!“). Und nach Auflösung des Staus vor der Badezimmertür ging es dann schließlich auch los, das Spektakel. Wie gebannt schauten alle auf den für heutige Begriffe absolut winzigen Bildschirm des Schwarz-Weiß-Gerätes und schon nach dem ersten Ton der Eurovisionshymne setzte sie ein, die Vorfreude-Gänsehaut. Blieb nur zu hoffen, dass der laut Wetterbericht angesagte Sturm sich zum Wohle der Antenne auf dem Dach und eines wackelfreien Fernsehbildes noch ein Weilchen Zeit lassen würde.

 

Dafür gab es dann allerdings einen kleinen Sturm der Entrüstung im Wohnzimmer. Oma regte sich auf über die viel zu kurzen Minikleidchen und Onkel Heinz ließ kein gutes Haar an Udo Jürgens, dem „Österreichischen Schmachtheini“, nachdem Tante Henriette bei „Merci, Chérie“ vollkommen hingerissen den Tränen der Rührung freien Lauf gelassen hatte. Nur Opas Machtwort konnte verhindern, dass der eifersüchtige Gatte den Tisch abdeckte, um seiner „völlig verrückt gewordenen“ Frau die Tischdecke zum Trocknen ihrer Tränenflut zu überreichen.

 

Leider hat Onkel Heinz nicht mehr erlebt, dass eine junge deutsche Interpretin 1982 den Titel holte. Aber ich bin mir sicher, dass Tante Henriette diesen Sieg nicht kommentarlos hingenommen und Wert auf die Feststellung gelegt hätte, dass der Text bei näherer Betrachtung doch arg zu wünschen übrigließ. Ein bisschen Frieden... ein bisschen? Genauso unsinnig wie ein bisschen schwanger oder ein bisschen tot, hätte sie wohl gesagt. Tja, und selbst Onkel Heinz wäre es da vermutlich schwergefallen, ein Gegenargument zu finden... und eins in der Größe eines Tischtuchs schon gar nicht.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

Tutgutmensch          08.05.2021

 

Noch im Jahr 2006 definierte der Deutsche Journalisten-Verband den Begriff Gutmensch als einen Menschen mit positivem Antrieb, der humanistische, mitmenschliche Lebensziele höher einschätzt als zweckorientierte Argumente. Das hat sich heutzutage jedoch leider grundlegend geändert, mehr noch, es hat sich ins glatte Gegenteil verkehrt. Hochmotivierte Einzelkämpfer unserer Ellbogengesellschaft – ausnahmslos mit zentimeterdicker Hornhaut an den Ellbogen – haben diesen Begriff gekapert und verwenden das Wort „Gutmensch“ als eine Art Schimpfwort, um damit ihrer Meinung nach „verweichlicht-naive“ Artgenossen in abfälliger Form zu titulieren und sich über sie lustig zu machen.

 

Zu allem Überfluss bekam dieser an und für sich doch eigentlich recht schön klingende Begriff im Jahr 2015 noch einen weiteren unrühmlichen Titel verpasst: Die Darmstädter Jury kürte ihn zum „Unwort des Jahres“ und befand, er „verhindere einen demokratischen Austausch von Sachargumenten“. Die Begründung ist durchaus nachvollziehbar: Die Verwendung des Wortes „Gutmensch“ im negativen Sinn ist ein Ablenkungsmanöver jener, die es benutzen, um Menschen mit anderer Einstellung als der ihren auf verächtlich machende Art und Weise herabzuwürdigen und mundtot zu machen. Statt sich auf einen Dialog mit ihnen einzulassen, ob und wie sinnvoll es ist, sich zu engagieren, putzt man sie höhnisch herunter, all diese suspekten Greenpeace-AmnestyInternational-SOS-Kinderdorf-Antikriegs-Gutmenschen.

 

Gut, nicht alle Menschen sind gut, aber ein guter Teil ist es meiner Meinung nach schon. Und ich bin wirklich froh, einige von ihnen, für die Begriffe wie Respekt, Toleranz und Solidarität keine Fremdworte sind, persönlich zu kennen. Aber das Gute, nein, sogar das Beste daran: Unter den Gutmenschen befindet sich so manches Mal sogar ein Tutgutmensch, dessen Gesellschaft einfach nur gut tut und mit dem Unterhaltungen das reinste Vergnügen sind.

 

Aber das Gute gehört den Guten. Und deshalb finde ich, dass die guten Menschen sich diesen Begriff wieder zurückholen sollten, um ihn in seiner ursprünglichen Bedeutung frei von der Gutmenschenleber weg wieder zu verwenden – ganz nach dem Motto: Ich bin ein guter Mensch, kurz gesagt ein Gutmensch... und das ist auch gut so.

 

Und bevor ich's vergesse, hier noch ein kleiner Hinweis an die Vertreter der Ellbogen-Fraktion, die es nicht besonders gut mit den Gutmenschen meinen und die sich zusätzlich ziemlich schwertun mit der Deutung bestimmter Begriffe: Tutgutmenschen sind nicht die, die besonders gut tuten können, wenn schon wieder mal vor ihnen an der Ampel ein (höchstwahrscheinlich von einem dieser ahnungslosen Gutmenschen gelenktes) Fahrzeug steht, das partout nicht anspringen will...

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Im Rucksack          24.04.2021

 

Wie die Leserinnen und Leser meiner Kolumne bestimmt schon festgestellt haben, bin ich eine große Freundin von Sinnsprüchen. Denn viele von ihnen machen ihrem Namen wirklich alle Ehre und sind Lebensweisheiten, die einen nicht nur ein klein wenig weiser machen, sondern das Leben insgesamt bereichern können.

 

Neulich las ich zum Beispiel den wunderbaren Satz: „Jeden Tag beginnt das Leben neu“ – und als ich am kommenden Morgen in der Früh die Augen aufschlug, musste ich sofort an ihn denken. Was für ein Satz! Okay, rein wissenschaftlich betrachtet ist er natürlich Unfug. Man stirbt schließlich nicht jede Nacht, um am nächsten Morgen wieder ein neues Leben beginnen zu können. Das hat die unbekannte Verfasserin beziehungsweise der unbekannte Verfasser gewiss auch nicht gemeint. Nein, dieser Satz mit so viel positiver Strahlkraft soll Mut und Zuversicht vermitteln und ist in vielerlei Hinsicht zu deuten.

 

Mir zum Beispiel sagt er: Gestern ist gestern und vorbei. Egal, was dir da vielleicht misslungen ist, es lässt sich nicht mehr ändern. Akzeptiere es, aber denk auch daran: Das, was du gestern gelernt hast, hilft dir, wenn du einen neuen Anlauf nimmst, heute eventuell dabei, die Sache besser zu machen. Ja, nimm das Gelernte mit, aber nicht den Ärger und den Frust vom gestrigen Tag. Denn das, was du heute in deinem Rucksack zu tragen hast, das ist ohnehin oft schon schwer genug.

 

Auch um das Morgen mach dir nicht allzu viele Gedanken. Denn die Sorgen wegen dem, was morgen möglicherweise passieren könnte (und vielleicht niemals passieren wird), machen deinen Rucksack heute unnötig noch schwerer. Kopf hoch, vertrau auf dich, hol den Zettel aus deinem Rucksack, auf dem du all die vielen Dinge aufgeschrieben hast, die dir dank deiner Kraft und deinem Durchhaltewillen schon gelungen sind, lies ihn ganz genau durch – und sei dankbar. Wer dankbar sein kann, macht sich selbst nämlich eines der schönsten Geschenke. Und so eigenartig es auch klingen mag: Wer ein großes Stück Dankbarkeit in seinem Rucksack hat, für den werden die schweren Dinge darin auf einmal viel leichter.

 

Und während du im Laufe des Tages dann mit deinem Rucksack unterwegs bist, vergiss nicht, zu lächeln, ab und zu ein Liedchen zu summen und Ausschau nach dem kleinen Glück zu halten. Es zu finden, kann zuweilen ganz schön schwierig sein, denn das kleine Glück ist Meister im Verstecken. Und außerdem zeigt es seine Schönheit nur dem, der es auch sehen will und zu schätzen weiß. Das kann ein einsames, zerrupftes Blümchen sein, das sich mutig zwischen Bürgersteig und Mauer empor kämpft, der Abdruck kleiner Gummistiefelprofile im Garten oder die Gewissheit, dass man durch eine kleine Geste den schweren Rucksack eines Mitmenschen ein bisschen leichter hat machen können.

 

Ihre Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Ebbe langts          10.04.2021

 

Wenn andere schon lange nicht mehr still sind, kann ich immer noch ruhig sein. Es hat zwar ein bisschen gedauert, aber im Laufe meines Lebens habe ich gelernt, dass es nicht gut ist, vorschnell zu urteilen. Viele Dinge brauchen ihre Zeit und es gibt nur wenig, das man schnell und einfach mal eben so aus dem Boden stampfen kann. Ganz besonders, wenn man zum ersten Mal in seinem Leben mit einem riesigen Problem konfrontiert wird, das wie ein Orkan über einen hereinbricht und mit dem man mutig und nötigenfalls auch unkonventionell den Kampf aufnehmen muss.

 

Ja, und deshalb habe ich unserer Regierung fast ein ganzes Jahr vertrauensvoll die Stange, an der die schwarz-rot-goldene Fahne hängt, gehalten und bin ruhig geblieben, auch nachdem es schließlich hieß, dass uns genau jene Epidemie bevorsteht, vor der Experten schon viele Jahre zuvor gewarnt hatten. Auch, als Fachleute und Politiker nicht enden wollende Diskussionen über Sinn oder Unsinn des Tragens von Masken und deren Beschaffung führten, habe ich die Ruhe bewahrt. Ebenso, als sich herausstellte, dass die Corona-Warn-App ihren Zweck trotz 69 Millionen Euro Entwicklungskosten noch nicht mal im Ansatz erfüllt. Und selbst, als bekannt wurde, dass man bei der Impfstoffbestellung auf fatale Weise unglaublich versagt hat und dass viele deutsche Gesundheitsämter kolossal überlastet sind, weil nur ein Drittel digital arbeitet und der Rest von Hand ausgefüllte Listen per Fax verschicken muss, habe ich immer noch versucht, ruhig zu bleiben. In einem Land, das den Gesundheitssektor im Laufe der Jahre stets mehr vernachlässigt und viele seiner Krankenhäuser an große, gewinnorientierte Unternehmen verkauft hat, verwundert so etwas nicht weiter. Aber das wird sich schnell ändern, dachte ich mir. Die Probleme werden angepackt und auch wenn man sie nicht sofort beseitigen kann, so wird in einem Land wie dem unseren in einer solchen Katastrophe doch alles daran gesetzt, tatkräftig und umgehend eine Besserung herbeizuführen.

 

Ob Lockdown, Maskenpflicht, Desinfektionsrituale, Abstandsregeln, Kontaktverbote, Ausgangssperren – ich habe alles brav mitgemacht und mich gehorsam an alle Vorschriften gehalten. Und für was? Dafür, dass ich mir jetzt nach über einem Jahr Pandemie das Impfdesaster, die schier endlosen Lockdown-Diskussionen, dieses dauernde Hin und Her, Hü und Hott, die Selbstbeweihräucherung deutscher Politiker im Vorwahlmodus und das traurige Ergebnis der grandios gescheiterten EU-Impfstoffbeschaffung, für das niemand die Verantwortung übernehmen will, mitansehen muss?

 

Nö, jetzt reicht es mir. Der hessische Aufdruck auf einem Kühlschrankmagneten trifft meine derzeitige Gemütslage genau: Ebbe langts... oder um es mit einem Zitat des Hessen Goethe aus einer anderen Tragödie namens Faust deutlich zu machen: Der Worte sind genug gewechselt, lasst mich auch endlich Taten sehn!

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Armes Würstchen          27.03.2021

 

Um ein Haar hätten Sie an diesem Wochenende auf den Meinungs-Senf, den Ihre Kolumnistin alle zwei Wochen in meist mittelscharfer Weise von sich gibt, verzichten müssen. Aber nicht, weil mir die Senfkörner, sprich die Kolumnenideen, ausgegangen sind oder mir passend zum Senf auf einmal alles wurscht geworden wäre. Nein, es gab einen anderen wichtigen Grund: Ich war voll und ganz damit beschäftigt, mir tiefgreifende Gedanken zu machen – und zwar zum Thema Senf dazugeben beziehungsweise Meinung äußern.

 

Nicht, dass ich etwas dagegen hätte, ganz im Gegenteil. Ich war schon immer eine Verfechterin der Meinungsfreiheit und es tut mir in der Seele weh, dass es Regionen auf unserem Erdball gibt, in denen man mit Inhaftierung, Folter oder sogar Ermordung rechnen muss, wenn man auch nur ansatzweise durchblicken lässt, dass man an den Machthabern seines Heimatlandes auch nur das Geringste auszusetzen hat. Nein, Meinungsfreiheit ist ein sehr hohes Gut, für das man dankbar sein sollte und das es zu bewahren gilt.

 

Aber zuweilen tritt in heutiger Zeit eine Art von Meinungsäußerung zutage, die mir ganz und gar nicht gefällt. So kam mir diese Woche zur Mittagszeit in der Obergasse unseres schönen Städtchens ein weniger schöner Vertreter des männlichen Geschlechts entgegen und raunzte mich an mit den Worten: „Ihr mit euren Sch...-Masken!“

 

Ich tat so, als hätte ich ihn nicht gehört und bedauerte gleichzeitig, dass die Maske nicht auch noch meine Ohren schalldämmend bedeckte. Zugegeben, ich war etwas irritiert. Derlei bekommt man selten zu hören, dachte ich beim Weitergehen, eher liest man es in Internet-Kommentarspalten. Dort geht es allerdings teilweise noch weitaus heftiger zur Sache und man kann durchaus den Eindruck gewinnen, dass sich hier zwei kriegerische Parteien voller Hass gegenüberstehen. Jede Äußerung einer gegenteiligen Meinung wird als Kampfansage interpretiert. Andersdenkende werden aufs Gröbste beschimpft, beleidigt und als Feinde betrachtet, die es mit allen Mitteln zu bekämpfen gilt.

 

Der Deutsche Gewerkschaftsbund hat diesbezüglich einen sehr bedenkenswerten Vorschlag gemacht: „Bevor man einen Kommentar postet, stellt man sich vor, wie man ihn abends seinen Kindern, seiner Frau und seinen Eltern vorliest. Würde man sich dafür schämen, postet man ihn nicht.“ Und für die Leute, die Senfkörner, die ihnen nicht schmecken, immer absichtlich in den falschen Hals kriegen, hat der DGB noch einen Zusatz verfasst: „Nennt sich Anstand, nicht Angriff auf die Meinungsfreiheit.“

 

Gute Meinungsäußerung, der meiner Meinung nach nichts hinzuzufügen ist. Nur dem Maskenhasser aus der Obergasse, dem hätte ich doch noch was zu sagen: Da kann es noch so viel von seinem Schwurbler-Senf in der Landschaft verteilen... armes Würstchen bleibt armes Würstchen.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Eselsöhrchen          13.03.2021

 

Bis vor gar nicht allzu langer Zeit dachte ich eigentlich immer, ich sei das Prachtbeispiel einer Perfektionistin. Stundenlang kann ich mich zum Beispiel mit dem Schmücken des Weihnachtsbaumes beschäftigen. Bis alle nach Farben sortierten Kugeln fein säuberlich und gleichmäßig über die Zweige verteilt sind, kann das nämlich schon eine Weile dauern. Doch damit nicht genug. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem unsere Vogelsbergtanne schließlich abgeschmückt ist und in den Christbaumhimmel aufsteigen darf, werden an jedem Tag mindestens zwei Kugeln umgehängt, weil sie sich meiner Ansicht nach immer noch nicht am perfekten Hängeort befinden und dadurch das optimale Erscheinungsbild erheblich beeinträchtigen.

 

Auch bei der Gartenarbeit treten meine perfektionistischen Züge zutage. Wenn er sprechen könnte, wäre unser kleiner roter Fächerahorn imstande, ein Lied darüber zu singen beziehungsweise ausführlich davon zu erzählen, dass die Dame des Gartens Finger und Schere einfach nicht von ihm lassen kann. Fast jeden Tag muss sie ein bisschen an ihm herumschnippeln, weil sie der Meinung ist, er hätte immer noch nicht die perfekte Blätterdachfrisur.

 

Aber so bin ich nun mal. Ich kann falsch herum einsortierte Gabeln, halb zugezogene Gardinen, schief aufgehängte Geschirrtücher und Schuhe, die nicht in Reih und Glied stehen, einfach nicht leiden. So was tut mir in den Augen weh und lässt es mir in den Fingern jucken, bis ich dem vermeintlichen Missstand schnellstmöglich ein Ende bereitet habe. Ja, wie gesagt, ich dachte immer, dass ich in vielerlei Hinsicht manches wirklich ein bisschen zu genau nehme.

 

Bis ich zum ersten Mal von bestimmten Artgenossen hörte. Ich wollte es zunächst nicht glauben, aber es gibt sie wirklich – Menschen, die ein Buch zum Lesen kaufen und das gleiche nochmal fürs Regal. Das tun sie, weil sie nicht möchten, dass in ihrem Bücherschrank etwas „Zerfleddertes“ steht. Dabei wäre das eigentlich gar nicht nötig. Niemals im Leben kämen solche Leute wohl auf die Idee, sich mit ihrer bevorzugten Lektüre auf der Couch zu lümmeln, geschweige denn, gleichzeitig etwas zu trinken oder zu essen. Und wo wir gerade bei der Nahrungsaufnahme sind: Da gibt es tatsächlich auch noch Leute, die haben nicht nur zweimal das gleiche Buch im Regal, nein, die haben sogar zwei Küchen im Haus. Kein Witz. Die Vorzeige-Küche befindet sich im Erdgeschoss und die Benutz-Küche, in der gebraten, gebacken und geruchsbelästigt werden darf, unten im Keller.

 

Ach, welche Beruhigung – so perfektionistisch bin ich also wohl doch nicht. Ich besitze jedes Buch nur einmal und das darf sogar auch mal ein klitzekleines Eselsöhrchen haben. Und in der einzigen Küche, die wir haben, da sieht es manchmal aus wie Kraut und Rüben. Aber mithilfe des professionellen Spül-Weltmeisters, mit dem ich zum Glück sogar verheiratet bin, hält dieser ganz und gar nicht perfekte Zustand nicht länger an, als Missis Lilli Perfect es vermeiden kann.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

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