Schatzkästlein          04.12.2021

 

Auch in der komfortablen Welt von heute ist der Mensch doch geblieben, was er von Anbeginn seiner Existenz war – ein Jäger und Sammler. Aber weil wir heutzutage die Möglichkeit haben, unser Fleisch an der Metzgertheke zu „erlegen“ und unsere Nüsse fein säuberlich portioniert in Verpackungen „sammeln“, frönen wir unserem vererbten Jagd- und Sammeltrieb auf andere Weise: Unerbittlich jagen wir die günstigsten Preise und sammeln fleißig Treuepunkte.

 

Und da die Wirtschaftskonzerne über die so genannten Cookies, die bei jedem Seitenbesuch im Internet gespeichert werden, ganz genau darüber im Bilde sind, für was wir uns interessieren und was uns relativ schnuppe ist, locken sie mit speziell auf uns zugeschnittenen Super-Angeboten, Extra-Schnäppchen und Mega-Deals. So hauen sie uns zum Beispiel Ende November an dem aus Amerika übernommenen „Black Friday“ die Prozente dermaßen um die Ohren, dass man den Eindruck gewinnen könnte, hier hätten über Nacht plötzlich mildtätig gewordene Großkonzerne ihr gutes Herz entdeckt.

 

Und da wir nicht gegen unsere Jagd-Gene ankommen und so mancher Steinzeitmensch den wilden Tieren, die er erlegen wollte, zuweilen auch über mehrere Tage folgen musste, bescherte man uns sogar eine „Black Week“ mit Ankündigungen von Preisnachlässen bis zu 75 Prozent. Dann wird gekauft auf Schnäppchen-Teufel komm raus, wohl auch, weil ebenfalls in den Genen des Menschen verankert ist, dass er sich gern verführen lässt – ungeachtet dessen, dass das Black-Dingsbums-Sparpotenzial im Jahr 2020 im Durchschnitt gerade mal bei vier Prozent gelegen hat. Aber ich will mich gar nicht ausnehmen. Ich sammle zwar keine Porzellanschweinchen, ausgefallene Knöpfe oder Salzstreuer, aber ich bin ebenfalls eine passionierte Sammlerin von etwas ausgesprochen Wertvollem.

 

Okay, käme ich auf die Idee, den Uffizien in Florenz oder dem Louvre in Paris meine Sammlung anzubieten, würden die geschockten Italiener wohl prustend ihren Espresso über die Bartheke verteilen, den entsetzten Franzosen würde vermutlich vor lauter Schreck das Baguette aus dem kalbsledernen Handschuh fallen und im Berliner Pergamon-Museum bekäme ich wahrscheinlich zu hören: Det is keen bisschen pyramidabel, det könnse vajessen!

 

Nun gut, damit könnte ich leben. Meinen kostbaren Schatz würde ich ohnehin nur sehr ungern hergeben. Ich trage ihn immer bei mir und ganz oft kommt ein neues Teil hinzu. Niemand kann mir diesen Schatz, der aus vielen schönen Erinnerungen besteht, wegnehmen, denn er befindet sich sicher und wohlverwahrt im Schatzkästlein meines Herzens.

 

Deshalb, liebe Leserinnen und Leser: Schenken Sie sich selbst zu Weihnachten so ein Kästlein, falls Sie noch keins haben... und bleiben Sie gesund!

 

Ihre Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Trendy, hip und cool          06.11.2021

 

Als ich vor einigen Jahren den Begriff zum ersten Mal hörte, war ich ziemlich irritiert. Hä, wie bitte... Influencer? Automatisch musste ich an Influenza, die echte Grippe, denken. Sind denn womöglich die Menschen, die sich als Influencer bezeichnen, alle irgendwie krank? Nein, eigentlich nicht. Sie wohnen auch nicht in Florenz. Vielmehr sind sie so was Ähnliches wie fleischgewordene Werbeplakate. Früher meinte der Volksmund „Wer nichts wird, wird Wirt“ und heute, da reime ich mir zusammen „Reicht's nicht für Filmstar oder Tänzer, dann werde einfach Influencer“.

 

Nun will ich ja nicht behaupten, dass die vornehmlich jungen Influencer/innen nichts tun für ihr Geld. Nein, unbedingt prominent sein zu wollen, fast täglich perfekt inszenierte Auftritte auf Youtube hinzulegen oder Fotos und Selfies für Instagram so lange zu bearbeiten, bis sie trendy, hip und cool genug sind, das kostet schon eine Menge Mühe und dauert bestimmt ein Weilchen. Da aber so manche Fußballergattin über jede Menge Zeit und Langeweile verfügt, kommt sie zuweilen auf die Idee, neben ihren Lippen auch die eigentlich schon prall gefüllte Haushaltskasse noch ein wenig mehr aufzupolstern und mittels ihres durch Heirat erworbenen prominenten Namens zur Freude zahlungswilliger Unternehmen als Influencerin Werbung zu machen für alles Mögliche, das der moderne Mensch von heute unbedingt brauchen sollte.

 

Und so stöckelt sie bei fünf Grad Außentemperatur mit jeder Menge Pampe im Gesicht und einem schulterfreien, viel zu großen Strickpullover, der aussieht, als könnte er aus Marianne Sägebrechts Kleiderschrank stammen, über den Münchner Viktualienmarkt. Zwar friert sie offenbar ein wenig, ist aber trotzdem sichtlich bemüht, begeistert auszuschauen und zu lächeln, zumindest in dem Ausmaß, in dem ihre aufgespritzten Lippen das zulassen. Eine Influencerin kennt keinen Schmerz und wer schön prominent sein will, der muss halt eben leiden. Bei fünf Grad im strömenden Regen gegen Real Madrid Fußball zu spielen ist schließlich auch nicht gerade ein Zuckerschlecken.

 

Und bald ist sie eh wieder im Warmen. Sie muss nämlich noch dringend an ihrem neuen Yoga-Buch basteln, auf das der Verlag und hunderttausende Follower schon sehnsüchtig warten. Ach ja, und das dünne Taillen versprechende Zuckerfrei-Vegan-Kochbuch ist ja auch noch in Planung. Nix mit Zuckerschlecken also und garantiert nix für wirklich Prominente wie die Schauspielerin Marianne Sägebrecht, bezüglich der so mancher Fan der Strickpullover-Influencerin vermutlich allerdings fragen würde: Hä, wie bitte, wer ist das denn... die Frau des Sägewerksbesitzers aus einem Grimmschen Märchen vielleicht?

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Kleine Wunder          23.10.2021

 

In der Schule des Lebens lernt man so einiges, das sich einem einprägt und das man nie mehr vergisst. Leider kann es jedoch geschehen, dass man im Lauf der Zeit wichtige Dinge auch wieder verlernt. Das Staunen zum Beispiel. Doch manchmal, wenn man Glück und eine aufmerksame Enkeltochter hat, lässt sich Verlerntes schnell wieder erlernen, weil es einem auf zauberhafte Art und Weise sehr eindrücklich neu vermittelt wird. Unsere lebensfrohe Fenja ist diesbezüglich, wie ich schon häufiger feststellen durfte, wirklich eine ausgezeichnete Lehrerin. Dass man sich unbedingt die Zeit nehmen sollte, genauer hinzuschauen, habe ich bei Spaziergängen mit ihr gelernt – denn Erstaunliches kann sich einem offenbaren, wenn man Dinge nicht nur ansieht, sondern sich auch die Zeit nimmt, sie genau zu betrachten, ihnen zuzuhören und sich seine Gedanken zu machen.

 

Das da oben am Himmel sind nämlich nicht nur Wolken. Nein, es sind Elefanten, Waschbären, Koboldgesichter, Sahneberge und XXL-Portionen Zuckerwatte. Und wenn man die Augen schließt, während man im Herbstwald spazieren geht und das trockene Laub mit den Schuhen aufwirbelt, dann könnte es genauso gut sein, dass man gerade der raschelnden Darbietung eines Backpapierzerknüll-Orchesters lauscht.

 

Dann wird das kleine Naturwunder Schneckenhaus, das am Wegrand liegt, vorsichtig hochgehoben und mit dem Finger jede Rundung nachgezeichnet. Aber weil die Schnecke bestimmt bald von ihrem Spaziergang, genauer gesagt von ihrem Spazierrutsch, nach Hause kommt, muss das Schneckenhaus anschließend wieder sorgsam an die angestammte Stelle zurückgelegt werden. Wenn Menschen spazieren gehen, ist ihr Haus schließlich ebenfalls leer und sie sind froh, wenn es bei ihrer Rückkehr noch an derselben Stelle steht wie zuvor.

 

Ja, wir dürfen nicht verlernen, uns zu wundern über die vielen kleinen Wunder, die es gibt. Und wir dürfen nicht alles als gegeben einfach so hinnehmen. Denn das faszinierende Glitzern des Sees wird nicht immer nur verursacht vom Abendlicht, das sich auf den sanften Wellen spiegelt. Nein, manchmal könnte es sein, dass eine gute Fee mit Zauberhand unzählige auf dem Wasser tanzende Gold- und Silberketten von einem Ufer des Sees zum anderen gespannt hat. So einfach ist das. Man muss nur ganz, aber auch wirklich ganz genau hinsehen, um das Wundersame zu entdecken.

 

Deshalb, liebe Leserinnen und Leser: Verlieren Sie auf dem Weg durch Ihre Lebensjahre die wichtigen Dinge des Alltags nicht aus den Augen, aber bewahren Sie den Blick für all die kleinen Wunder am Wegesrand, die es redlich verdient haben, bewundert zu werden.

 

Ihre Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Plankenschrubber          09.10.2021

 

In Anlehnung an Artikel 3 unseres Grundgesetzes wird ja oft davon gesprochen, dass alle Menschen gleich sind. Auch die Redewendung „Wir sitzen alle im selben Boot“ wird gerne benutzt. Aber auch wenn es heißt, dass wir alle gleich sind, hat das nicht zu bedeuten, dass wir auch die gleichen Möglichkeiten haben. Nicht im Leben, nicht bezüglich unserer Arbeit und auch nicht, was unsere Bildungschancen betrifft.

 

Mit dem Boot verhält es sich ähnlich. Ja, wir sitzen alle im selben, aber unter völlig verschiedenen Voraussetzungen. Die einen haben sich ein komfortables Plätzchen unter Deck gesichert und werden vom Smutje mit Delikatessen versorgt, die anderen schrubben oben bei Wind und Wetter die Bootsplanken und müssen bei Sturm dafür sorgen, dass nicht zu viel Wasser ins Boot schwappt.

 

Und manchmal, da sitzen unter Deck bei der feinen Gesellschaft auch ein paar Politiker. Früher, da gehörten manche von ihnen ebenfalls zur Mannschaft, aber viele von ihnen können (und wollen) sich nicht mehr erinnern, wie anstrengend, kalt und ungemütlich die Zeiten da oben waren. Schon nach kurzer Zeit wissen sie nicht mehr, was ein Matrosenhemd, ein Stück Brot oder ein Schlafplatz kostet. Und obwohl bekannt ist, dass das Boot allen gehört, die sich darauf befinden, schließen sie sich immer mehr der Überzeugung der Erste-Klasse-Fahrgäste an, die den Besitz des Bootes voll und ganz für sich beanspruchen.

 

Leider ist das jetzt keine Geschichte aus Marco Polos Zeiten. Nein, im bundesdeutschen Boot von heute geht es mitunter ähnlich zu. Da meinen Politiker, denen die mangelnde Nähe der Politik zu den Menschen vorgehalten wird, dass die Leute sich doch auf die Zuhörerbänke des Bundestags setzen könnten, um der Politik nahe zu sein. Dass es eigentlich Aufgabe der Politiker wäre, den Menschen zuzuhören, kommt ihnen überhaupt nicht in den Sinn.

 

Im Zuge der momentanen Regierungsbildung dringen dem Bürger jedoch mittlerweile ganz neue, ungewohnte Töne zu Ohr. Von „Demut“ gegenüber dem politischen Amt und „Respekt und Achtung“ gegenüber den Menschen ist da die Rede und irgendwer hat es doch tatsächlich geschafft, das Thema „Soziale Gerechtigkeit“, vor langer Zeit schon krachend über Bord gegangen, wieder ins Boot zu holen. Arg ramponiert und ausgemergelt schaut diese Gerechtigkeit zwar aus, aber das soll sich durch Kindergrundsicherung, 12-Euro-Mindestlohn und andere Wohltaten angeblich bald ändern.

 

Ahoi, dann warten wir mal ab, was demutsvoll in den schalldichten Kabinen unter Deck zum Wohle aller respektablen Plankenschrubber und Segelflickerinnen ausgehandelt wird... ach ja, und bei Bedarf werde ich den Kapitän durch heftiges Läuten der schwarz-rot-goldenen Bootsglocke an seine Versprechen erinnern.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Fifty-Fifty          25.09.2021

 

Bei einem weiblichen Bevölkerungsanteil von 50,7 Prozent beträgt der Frauenanteil im Deutschen Bundestag genau 31,4 Prozent. Von gerecht und ausgeglichen kann da ja wohl wirklich nicht die Rede sein.

 

Aber warum beschweren wir uns eigentlich? Wir Frauen sind für das politische Leben so systemrelevant, systemrelevanter geht’s gar nicht. Ohne uns würde Politik und das ganze Brimborium drumherum doch gar nicht funktionieren. Mit leerem Magen, zerzausten Haaren, verbeulten Hosen und einem Gesicht, das wie eine Speckschwarte glänzt, würden die Herren Politiker vor den Kameras erscheinen, wenn wir nicht wären. Und warum regen wir uns eigentlich auf, wenn ein sichtlich genervter Politiker die Fragen einer Journalistin barsch oder gar nicht beantwortet? Er will schließlich schleunigst zu seiner holden Gattin nach Hause, wo Semmelknödel und Schweinsbraten warten. Da sollte doch auch die kritischste Fragestellerin begreifen, dass er jetzt beim besten Willen für Lappalien wie die Erhöhung des Mindestlohns, Besteuerung der Superreichen, Sanierung maroder Schulen oder die Klimakrise keine Zeit hat. Und zu allem Überfluss muss er sich auch noch ärgern über einen hartnäckigen Austern-Kaviar-Creme-Fleck, der dummerweise bei seinem Treffen mit mehreren parteispendewilligen Wirtschaftsbossen in der Luxuslounge einer First-Class-Location entstanden ist. Kein Wunder, wenn man da mal ungehalten wird. Augenscheinlich weiße Westen beziehungsweise Oberhemden sind in der politischen Welt schließlich unabdingbar.

 

Außerdem ist das Politikgeschäft für Frauen sowieso viel zu stressig. Die eitlen Damen brauchen ja morgens vorm Spiegel eine Stunde und mindestens zwei, wenn es darum geht, ein Paar Schuhe zu kaufen. Nein, was Entscheidungswille und Durchsetzungskraft angeht, da zeigen sich bei weiblichen Wesen nun mal wirklich erhebliche Mängel. Endlos lange Zeit stehen sie vor dem Parfümerie-Regal, bis sie sich endlich für eine bestimmte Nagellackfarbe entschieden haben. Den Rest des Tages hadern sie dann mit ihrer Entscheidung und tauschen den Nagellack am nächsten Tag wieder um.

 

Mit einem verabschiedeten Gesetz lässt sich so etwas nicht so einfach machen und mit Aufträgen, die man den 218 über einen Hausausweis des Bundestages verfügenden Lobbyverbänden der Rüstungs-, Pharma- und Immobilienwirtschaft zuschustert, schon gar nicht. Zudem ist es aber auch echt irgendwann mal gut. Sechzehn verdammt lange Jahre hat die politische Männerwelt schließlich geduldet, dass eine Frau Bundeskanzler war. Sogar der Duden hat in seine 23. Auflage die Bezeichnung „Bundeskanzlerin“ aufgenommen. Ja, was wollen die Damen denn überhaupt noch mehr?

 

Ach, gar nicht so viel, meine Herren – bloß das, was uns zusteht: Genau die Hälfte von allem. Denn großzügig, wie wir Ladys nun mal sind, schenken wir euch sogar die 0,7 Prozent, die uns gemäß unseres Bevölkerungsanteils genaugenommen eigentlich noch zustünden.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

Glücksklee-August          11.09.2021

 

(Siehe Fenjas Kolumnen)

 

 

 

 

Monstermäßig          28.08.2021

 

Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit muss Noah immun gegen Mückenstiche gewesen sein. Wie ließe sich sonst wohl erklären, dass er mindestens zwei fortpflanzungsfähige Exemplare der Gattung „Gemeine Stechmücke“ mit auf seine Arche genommen haben muss. Gut, vielleicht tut ihm das heute sehr leid. Möglicherweise sitzt er oben im Himmel auf der Genesis-Wolke und ist ganz betrübt über das, was sich hier unten auf der Erde stechmückenmäßig so alles abspielt. Vorausgesetzt, dem wäre so, ist das allerdings nur ein sehr schwacher Trost für uns Erdbewohner. Denn ein guter Teil der Menschheit hat extrem zu leiden unter den kleinen, fiesen, blutrünstigen Stechmonstern und weder Lust noch die Möglichkeit, in stechmückenfreie Zonen der Welt wie die Antarktis oder Island auszuwandern.

 

So, und wer trägt wieder mal die Schuld an dem ganzen Desaster? Ganz klar, ebenso wie bezüglich der Paradies-Apfel-Geschichte, wir Frauen natürlich. Die nur mit Fühlern ausgestatteten männlichen Mücken üben sich in patriarchalischer Zurückhaltung und die weiblichen Mücken sind jene, die kaltblütig ihre Stechrüssel benutzen. Was vorrangig aber wiederum daran liegt, dass die Ernährung der Kinder im Allgemeinen nun mal in den Verantwortungsbereich der Mütter fällt. In diesem Fall, das muss ich sagen, kann ich sogar ein wenig Verständnis aufbringen. Wenn die Verwandlung in eine Vampirin für mich die einzige Möglichkeit gewesen wäre, meine kleinen Kinder zu ernähren, hätte ich sie wohl zweifelsfrei ergriffen.

 

Aber manchmal, das gebe ich zu, stößt die Solidarisierung mit meinen tierischen Geschlechtsgenossinnen doch an gewisse Grenzen. Denn da freut man sich, dass man endlich mal wieder im Biergarten sitzen konnte und was hat man dort gemacht? Ja, sich einen schönen Abend, aber leider auch mehrere unangenehme Stechrüsselbekanntschaften. Warum genau, kann man dann allerdings am nächsten Tag in der Zeitung lesen. Da wird von Wissenschaftlern berichtet, die durch schmerzhafte Selbstversuche eine stichhaltige Erklärung dafür gefunden haben, warum weibliche Stechmücken des Abends so gerne in den Biergarten fliegen – und zwar mitunter wohl aus dem gleichen Grund, aus dem die menschlichen Besucher dorthin kommen. Sticht eine Mücke nämlich einen betrunkenen Menschen, hat sie danach die halbe Blutalkoholkonzentration ihres Opfers. Zu vorgerückter Stunde können da locker schon mal ein paar Promillchen zusammenkommen. Die Damen genehmigen sich also ordentlich einen, während die Herren sich zuhause mit ein bisschen Nektar begnügen und auf die Kinderschar aufpassen müssen. Na ja, ausgleichende Gerechtigkeit, würde Alice Schwarzer, allseits bekannt als die Frau mit dem „Emanzen-Stich“, jetzt wohl dazu sagen.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Schön stressig          14.08.2021

 

(siehe Fenjas Kolumnen)

 

 

 

 

Ghislaine          31.07.2021

 

Zart und trotzdem kraftvoll, in wunderschönen Pastelltönen und mit dezentem Duft hat sie mich vom ersten Tag ihrer Blüte an verzaubert. Lange hat es gedauert, bis ich mich für sie entschieden habe, denn ihre Konkurrenz war, ebenso wie die Blüten so manch ihrer Konkurrentinnen, einfach riesig. Doch vielleicht auch in Erinnerung an meinen französischen Urgroßvater, der Stadtparkgärtner war, entschied ich mich vor zwanzig Jahren letztendlich für sie: Ghislaine de Féligonde, eine historische Rankrose mit kleinen Blüten, die zum ersten Mal im Jahr 1916 in einem Park im Bois de Boulogne, dem Pariser Stadtwald, erblühen durfte.

 

Diese zugegebenermaßen schwere und langwierige Entscheidung habe ich jedoch nie im Geringsten bereut. Jahr um Jahr wurden ihre Triebe immer kräftiger und schließlich wuchs sie mir ein gutes Stück über den Kopf hinaus. Jedes Jahr aufs Neue verzauberte uns die unermüdliche Ghislaine gleich mehrfach mit hunderten filigraner Blüten je nach Wetterlage in lachs, apricot, cremeweiß, zartgelb und rosa. So fleißig wuchs und blühte sie, dass mein Mann schließlich sogar das Rankgitter erhöhen und verbreitern musste. Ach, was war es für ein Augenschmaus, auf der Bank am Teich zu sitzen und nichts anderes zu tun, als in ihren hinreißenden Anblick zu versinken.

 

Umso größer war der Schock in diesem Frühjahr. Selbst vier Wochen nach dem Zeitpunkt, an dem unsere geliebte Rose in den Jahren zuvor üblicherweise die ersten kleinen Triebe zeigte, war nicht die geringste Spur von Grün an den abgestorben wirkenden Ästen zu finden. Jeden Tag besah ich mir traurig das leblose Elend. Weitere drei Wochen später war immer noch nichts passiert und schweren Herzens ließ ich langsam den Gedanken an Ghislaines endgültigen Tod und die anschließende Bestattung in der Biotonne zu.

 

Doch was für eine Überraschung und was für ein Glück, dass mein Liebster so einen aufmerksamen Blick hat. Kurz bevor er mit der Schere zur grausigen Tat schreiten wollte, entdeckte er ganz versteckt den winzigen grünen Trieb, dem bald viele weitere folgen sollten. Voll Erleichterung stand ich vor unserer Kämpferin und konnte förmlich hören, was sie dachte: Meine Vorfahren haben den ersten und den zweiten Weltkrieg überlebt, dann werde ich mich von so einem verrückten Winter doch nicht unterkriegen lassen. Und ich, ihre überaus dankbare Besitzerin, dachte: Ja, richtig so, meine Schöne. In Zukunft werde ich dich nicht mehr nur wegen deiner Schönheit bewundern, sondern auch für deinen Kampfgeist und deinen Durchhaltewillen, meine bezaubernde (und hoffentlich auf ewig unverwüstliche) Ghislaine.

 

Lilli U. Kreßner

 

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Krimineller Kuckuck          17.07.2021

 

Nach dem tragischen und viel zu frühen Tod meiner Schildkröte Jonathan, den ich im zarten Alter von acht Jahren verkraften musste, beschloss ich, mir nie wieder ein Haustier zu wünschen. Und so ist es bis heute auch geblieben. Wir haben (bis auf das ein oder andere Spinnentier, das nach Entdeckung mittels Wasserglas und Bierdeckel sogleich von mir an die frische Luft befördert wird) keine Haustiere, dafür aber umso mehr Gartentiere, die wir mit Kost und Logis umsorgen. Von unseren Teichfischen einmal abgesehen, findet sich von Insektenhotels über die Igelburg bis zu zahlreichen Nistkästen, Tränken, Vogelhäusern und einem Fledermausquartier so gut wie alles, was das Gartentierherz begehrt.

 

Und so ist es Sommer wie Winter wirklich eine Freude, all die Tiere zu beobachten. Dabei haben die Vögel, hier im Speziellen die Rotkehlchen, es mir besonders angetan. Umso größer war die Freude, als vor einiger Zeit ein Rotkehlchenpaar im Efeu direkt neben unserer Terrassentür begann, ein Nest zu bauen – aber das hat Fenja in ihrer letzten Kolumne ja schon erzählt. Und, wie schön, mittlerweile ist dort nun auch ein zweites Nest mit kleinen Piepmätzen bevölkert.

 

Es gibt nur eins, das mir Sorge bereitet. Sehr zu meinem Leidwesen vernehme ich nämlich seit einiger Zeit die Rufe eines Kuckucks in unserer Nähe. Nachdem ich das wunderbare Buch „Im Herzen des Tals“ von Nigel Hinton lesen durfte (Elke Heidenreich bezeichnet es als eines der schönsten und liebevollsten Bücher, die sie je gelesen hat), habe ich mich mit diesem Vogel aus Neugier mal ein bisschen näher beschäftigt. Ja, es ist hinlänglich bekannt, dass der Kuckuck seine Eier in fremde Nester legt. Doch als wäre das allein nicht schon schlimm genug, befördert er zuvor in eindeutig krimineller Absicht eines der Eier aus dem Nest, um Platz für seines (das in taktischer Verschleierungsabsicht sogar die Farbe der anderen Eier im Nest annehmen kann) zu machen.

 

Und da der kriminelle Apfel meist nicht weit vom Stamm fällt, wirft das Kuckucksjunge, kaum dass es geschlüpft ist, alle anderen Eier beziehungsweise Jungen hochkant aus dem Nest, macht sich darin breit und ist dann auch noch so raffiniert, das Gezwitschere in einem vollbesetzten Nest zu imitieren, um möglichst viel Nahrung von seinen vermeintlichen Eltern unrechtmäßig zu erschleichen. Da kommen also gleich mehrere Straftatbestände zusammen: Hausbesetzung, widerrechtliche Zwangsräumung, Irreführung, Vorspiegelung falscher Tatsachen, ja, sogar Totschlag ... na, wenn das nicht förmlich nach einem Vogel-Strafgesetzbuch schreit beziehungsweise ganz laut zwitschert.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Verlängerung          03.07.2021

 

Der erwartete Aufschrei, den ich befürchtet hatte, blieb aus und auch jene, von denen man wusste, dass sie ihm noch nie gut gesonnen waren, traten kaum nach. Jogi Löw ging nach verdienter Niederlage gegen England zum letzten Mal als deutscher Fußballbundestrainer vom Platz und in den Reihen seiner Kritiker blieb es auffallend leise. Gut, seinen Rücktritt konnten sie nicht mehr fordern, denn den hatte er ja schon selbst bekanntgegeben, ebenso wenig, wie sie ihm noch haufenweise todsichere Aufstellungstipps hätten geben können, damit die Mannschaft beim nächsten Spiel endlich mal wieder als eindeutiger Sieger vom Platz geht.

 

Nein, der Abschied von Jogi Löw war kein Ach-wie-schade-Abschied. Und das wiederum finde ich sehr schade. Die ausbleibenden Erfolge in den letzten Jahren schmälern ja nicht seine bemerkenswerten Erfolge in den Jahren davor. Okay, er hätte nicht an der Trainerbank kleben dürfen und ein gutes Stück früher seinen Hut sprich seine Stoppuhr nehmen müssen. Aber es ist nun mal nicht immer leicht, den richtigen Zeitpunkt zu erwischen und nur die Wenigsten sind so einsichtig und bereit, zu gehen, wenn's am schönsten ist – in seinem Fall also unmittelbar nach dem Gewinn der Fußballweltmeisterschaft.

 

Sei es nun Pflichtbewusstsein, das Gefühl der Unersetzbarkeit, der Mangel an geeigneten Nachfolger/innen oder die Angst, sich nach Beendigung der lebensausfüllenden Aufgabe überflüssig zu fühlen – es gibt viele Hinderungsgründe, das Feld nicht rechtzeitig zu räumen und immer wieder in die Verlängerung zu gehen. Auch in der Politik kennt man das Problem. Bundeskanzlerin Angela Merkel war nach einer Verlängerung allerdings klug genug, das Ende ihrer Spielzeit festzulegen. Im September nimmt sie ihren Hut beziehungsweise ihre Handtasche und verlässt nach sechzehn Jahren das Bundeskanzleramt und die Trainerbank des Bundestags.

 

Irgendwann ist es nämlich mal gut mit dem anstrengenden Dienst am nörgelnden Zuschauervolk und dem nicht immer foulfreien Zeitspiel der Ministerpräsidenten, auch wenn der potentielle Nachfolger ziemliche Probleme mit ihren großen Fußstapfen zu haben scheint und mit einer jungen Stürmerin der gegnerischen Mannschaft, die seiner Meinung nach nicht nur hinten den Ohren viel zu grün ist. Ein paar Schwindeleien auf ihrer Spielerkarte hat man ihr zumindest aber schon nachweisen können. Doch bei der Frage, wie die Altherrenmannschaft die stürmische Dame mitsamt einer roten Dauerkarte möglichst unauffällig ins Abseits bugsieren könnte, da wird selbst Jogi Löw, der sich mit Taktik auf grünem Terrain bestens auskennt, wohl leider nicht behilflich sein können.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Überhitzt          19.06.2021

 

Leider ist nicht immer ein kühler Keller oder ein Hintertürchen da, durch das man sich mal kurz zur Abkühlung in den kommenden Dezember oder Januar verdrücken könnte und man muss derzeit tatsächlich damit rechnen, dass das Steak, das man gerade gekauft hat, schon auf dem Nachhauseweg medium gebraten wird. Wie können wir uns also in Klimawandel-Sommern wie diesem helfen? Deo-Vorrat anlegen, Rollos runter, Sonnenbrille auf und versuchen, die Sache mit Humor zu nehmen. Zum Beispiel mit einem Badezimmerschild, auf dem zu lesen ist: „Der Unterschied von geduscht zu dringend duschbedürftig ist echt fließend“ oder dem Eintrag „Hackfleisch in die Luft geworfen, Frikadelle gefangen“ für die Rubrik „Schnellste Zubereitungsarten“ im Rezeptbuch.

 

Auch ansonsten lassen sich diverse Ratschläge finden. Zum Beispiel jenen, den Gefrierschrank auszuräumen und ihn komplett mit Eiswürfelbereitern zu füllen. Die eine Hälfte der Eiswürfel dann lutschen und die andere Hälfte zusammen mit den heißen Füßen in einen Eimer tun. Hört sich eigentlich ganz gut an, doch für mich ist das wohl eher nichts. Ich vermute, da hat mein Personalausweis was dagegen, genauer gesagt, das Geburtsdatum, das in ihm vermerkt ist. In meinem Alter bekommt man vom Eiswürfel-Lutschen nämlich Zahnschmerzen und mit Füßen im Eiswürfel-Eimer läuft man Gefahr, einen Herzstillstand zu erleiden.

 

Was bleibt also übrig? Wie so oft weiß unsere kluge Fenja da Rat: Langsam und genüsslich ein Oma-Eis lutschen. Das gibt es nicht zu kaufen, aber man kann es ganz leicht selbst machen. Na gut, ein bisschen Arbeit ist es schon. Schließlich muss man zuvor sorgfältig die vielen kleinen Krabbeltierchen, die sich dort drinnen häuslich niedergelassen haben, aus den duftenden Holunderblüten schütteln, bevor man sie zu überaus leckerem Sirup verarbeitet. Ein wenig dieser Köstlichkeit wahlweise mit Wasser oder kaltem Zitronenmelisse-Tee vermischen, in Stileisbehälter füllen und einfrieren. Innerhalb kurzer Zeit verfügt man so über ein sehr erfrischendes Wassereis, das jeden Eiswürfel vor Neid erblassen ließe, wenn er nicht von Natur aus schon äußerst blass wäre.

 

Ach ja, und wenn die Warteliste nicht über die Länge einer Rolle Toilettenpapier verfügen würde, sodass der letzte Abkühlungsbedürftige vermutlich erst um die Weihnachtszeit an der Reihe sein wird, dann würde ich Ihnen einen Fiete-Termin empfehlen. Aber leider sind unser Enkelsohn und sein kleiner, mit Wasser befüllbarer Spielzeug-Feuerlöscher mit Spritzterminen für Familie, Kita-Freunde und Nachbarn schon völlig ausgebucht. Fiete lässt jedoch nebst lieber Feuerwehrmanngrüße ausrichten, dass er für den nächsten Sommer Voranmeldungen von treuen Oma- und Fenja-Kolumnen-Leser/innen sehr gerne entgegennimmt.

 

Ihre Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Orangekehlchen          05.06.2021

 

(siehe Fenjas Kolumnen)

 

 

 

 

Ein bisschen Spektakel          22.05.2021

 

Ja, das waren noch Zeiten – nicht nur alle Bürger, sondern auch sämtliche Bürgersteige hatten ihre ausgiebige Samstagsreinigung hinter sich, die Wäsche war abgehängt und der Stromverbrauch des Landes schnellte mit Beginn der Sendung schlagartig in die Höhe. Kein Wunder, der „Grand Prix Eurovision de la Chanson“ hatte in den 60er- und 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts Kultstatus und war ein regelrechter Straßenfeger. Die ganze Familie samt Oma, Opa, Mama, Papa, den Kindern, Onkel Heinz und Tante Henriette war frisch gebadet und hatte es sich erwartungsfroh auf Couch und Sesseln bequem gemacht – in ebenso bequemer Reichweite zu Schnittchen-Teller, Käse-Igel und Russischen Eiern. Die Sektflaschen waren kaltgestellt und zur Feier des Abends gab es für die Kleinen grünen Kindersekt in Form von Waldmeisterbrause.

 

Kurz vor Sendebeginn stieg dann nicht nur der Strom-, sondern auch der Wasserverbrauch drastisch an, denn Opa machte unmissverständlich klar, dass alle Familienmitglieder schleunigst nochmal die Toilette aufzusuchen hätten („Nicht, dass mir nachher einer auf die verrückte Idee kommt, mitten im Lied raus zu rennen!“). Und nach Auflösung des Staus vor der Badezimmertür ging es dann schließlich auch los, das Spektakel. Wie gebannt schauten alle auf den für heutige Begriffe absolut winzigen Bildschirm des Schwarz-Weiß-Gerätes und schon nach dem ersten Ton der Eurovisionshymne setzte sie ein, die Vorfreude-Gänsehaut. Blieb nur zu hoffen, dass der laut Wetterbericht angesagte Sturm sich zum Wohle der Antenne auf dem Dach und eines wackelfreien Fernsehbildes noch ein Weilchen Zeit lassen würde.

 

Dafür gab es dann allerdings einen kleinen Sturm der Entrüstung im Wohnzimmer. Oma regte sich auf über die viel zu kurzen Minikleidchen und Onkel Heinz ließ kein gutes Haar an Udo Jürgens, dem „Österreichischen Schmachtheini“, nachdem Tante Henriette bei „Merci, Chérie“ vollkommen hingerissen den Tränen der Rührung freien Lauf gelassen hatte. Nur Opas Machtwort konnte verhindern, dass der eifersüchtige Gatte den Tisch abdeckte, um seiner „völlig verrückt gewordenen“ Frau die Tischdecke zum Trocknen ihrer Tränenflut zu überreichen.

 

Leider hat Onkel Heinz nicht mehr erlebt, dass eine junge deutsche Interpretin 1982 den Titel holte. Aber ich bin mir sicher, dass Tante Henriette diesen Sieg nicht kommentarlos hingenommen und Wert auf die Feststellung gelegt hätte, dass der Text bei näherer Betrachtung doch arg zu wünschen übrigließ. Ein bisschen Frieden... ein bisschen? Genauso unsinnig wie ein bisschen schwanger oder ein bisschen tot, hätte sie wohl gesagt. Tja, und selbst Onkel Heinz wäre es da vermutlich schwergefallen, ein Gegenargument zu finden... und eins in der Größe eines Tischtuchs schon gar nicht.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

Tutgutmensch          08.05.2021

 

Noch im Jahr 2006 definierte der Deutsche Journalisten-Verband den Begriff Gutmensch als einen Menschen mit positivem Antrieb, der humanistische, mitmenschliche Lebensziele höher einschätzt als zweckorientierte Argumente. Das hat sich heutzutage jedoch leider grundlegend geändert, mehr noch, es hat sich ins glatte Gegenteil verkehrt. Hochmotivierte Einzelkämpfer unserer Ellbogengesellschaft – ausnahmslos mit zentimeterdicker Hornhaut an den Ellbogen – haben diesen Begriff gekapert und verwenden das Wort „Gutmensch“ als eine Art Schimpfwort, um damit ihrer Meinung nach „verweichlicht-naive“ Artgenossen in abfälliger Form zu titulieren und sich über sie lustig zu machen.

 

Zu allem Überfluss bekam dieser an und für sich doch eigentlich recht schön klingende Begriff im Jahr 2015 noch einen weiteren unrühmlichen Titel verpasst: Die Darmstädter Jury kürte ihn zum „Unwort des Jahres“ und befand, er „verhindere einen demokratischen Austausch von Sachargumenten“. Die Begründung ist durchaus nachvollziehbar: Die Verwendung des Wortes „Gutmensch“ im negativen Sinn ist ein Ablenkungsmanöver jener, die es benutzen, um Menschen mit anderer Einstellung als der ihren auf verächtlich machende Art und Weise herabzuwürdigen und mundtot zu machen. Statt sich auf einen Dialog mit ihnen einzulassen, ob und wie sinnvoll es ist, sich zu engagieren, putzt man sie höhnisch herunter, all diese suspekten Greenpeace-AmnestyInternational-SOS-Kinderdorf-Antikriegs-Gutmenschen.

 

Gut, nicht alle Menschen sind gut, aber ein guter Teil ist es meiner Meinung nach schon. Und ich bin wirklich froh, einige von ihnen, für die Begriffe wie Respekt, Toleranz und Solidarität keine Fremdworte sind, persönlich zu kennen. Aber das Gute, nein, sogar das Beste daran: Unter den Gutmenschen befindet sich so manches Mal sogar ein Tutgutmensch, dessen Gesellschaft einfach nur gut tut und mit dem Unterhaltungen das reinste Vergnügen sind.

 

Aber das Gute gehört den Guten. Und deshalb finde ich, dass die guten Menschen sich diesen Begriff wieder zurückholen sollten, um ihn in seiner ursprünglichen Bedeutung frei von der Gutmenschenleber weg wieder zu verwenden – ganz nach dem Motto: Ich bin ein guter Mensch, kurz gesagt ein Gutmensch... und das ist auch gut so.

 

Und bevor ich's vergesse, hier noch ein kleiner Hinweis an die Vertreter der Ellbogen-Fraktion, die es nicht besonders gut mit den Gutmenschen meinen und die sich zusätzlich ziemlich schwertun mit der Deutung bestimmter Begriffe: Tutgutmenschen sind nicht die, die besonders gut tuten können, wenn schon wieder mal vor ihnen an der Ampel ein (höchstwahrscheinlich von einem dieser ahnungslosen Gutmenschen gelenktes) Fahrzeug steht, das partout nicht anspringen will...

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Im Rucksack          24.04.2021

 

Wie die Leserinnen und Leser meiner Kolumne bestimmt schon festgestellt haben, bin ich eine große Freundin von Sinnsprüchen. Denn viele von ihnen machen ihrem Namen wirklich alle Ehre und sind Lebensweisheiten, die einen nicht nur ein klein wenig weiser machen, sondern das Leben insgesamt bereichern können.

 

Neulich las ich zum Beispiel den wunderbaren Satz: „Jeden Tag beginnt das Leben neu“ – und als ich am kommenden Morgen in der Früh die Augen aufschlug, musste ich sofort an ihn denken. Was für ein Satz! Okay, rein wissenschaftlich betrachtet ist er natürlich Unfug. Man stirbt schließlich nicht jede Nacht, um am nächsten Morgen wieder ein neues Leben beginnen zu können. Das hat die unbekannte Verfasserin beziehungsweise der unbekannte Verfasser gewiss auch nicht gemeint. Nein, dieser Satz mit so viel positiver Strahlkraft soll Mut und Zuversicht vermitteln und ist in vielerlei Hinsicht zu deuten.

 

Mir zum Beispiel sagt er: Gestern ist gestern und vorbei. Egal, was dir da vielleicht misslungen ist, es lässt sich nicht mehr ändern. Akzeptiere es, aber denk auch daran: Das, was du gestern gelernt hast, hilft dir, wenn du einen neuen Anlauf nimmst, heute eventuell dabei, die Sache besser zu machen. Ja, nimm das Gelernte mit, aber nicht den Ärger und den Frust vom gestrigen Tag. Denn das, was du heute in deinem Rucksack zu tragen hast, das ist ohnehin oft schon schwer genug.

 

Auch um das Morgen mach dir nicht allzu viele Gedanken. Denn die Sorgen wegen dem, was morgen möglicherweise passieren könnte (und vielleicht niemals passieren wird), machen deinen Rucksack heute unnötig noch schwerer. Kopf hoch, vertrau auf dich, hol den Zettel aus deinem Rucksack, auf dem du all die vielen Dinge aufgeschrieben hast, die dir dank deiner Kraft und deinem Durchhaltewillen schon gelungen sind, lies ihn ganz genau durch – und sei dankbar. Wer dankbar sein kann, macht sich selbst nämlich eines der schönsten Geschenke. Und so eigenartig es auch klingen mag: Wer ein großes Stück Dankbarkeit in seinem Rucksack hat, für den werden die schweren Dinge darin auf einmal viel leichter.

 

Und während du im Laufe des Tages dann mit deinem Rucksack unterwegs bist, vergiss nicht, zu lächeln, ab und zu ein Liedchen zu summen und Ausschau nach dem kleinen Glück zu halten. Es zu finden, kann zuweilen ganz schön schwierig sein, denn das kleine Glück ist Meister im Verstecken. Und außerdem zeigt es seine Schönheit nur dem, der es auch sehen will und zu schätzen weiß. Das kann ein einsames, zerrupftes Blümchen sein, das sich mutig zwischen Bürgersteig und Mauer empor kämpft, der Abdruck kleiner Gummistiefelprofile im Garten oder die Gewissheit, dass man durch eine kleine Geste den schweren Rucksack eines Mitmenschen ein bisschen leichter hat machen können.

 

Ihre Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Ebbe langts          10.04.2021

 

Wenn andere schon lange nicht mehr still sind, kann ich immer noch ruhig sein. Es hat zwar ein bisschen gedauert, aber im Laufe meines Lebens habe ich gelernt, dass es nicht gut ist, vorschnell zu urteilen. Viele Dinge brauchen ihre Zeit und es gibt nur wenig, das man schnell und einfach mal eben so aus dem Boden stampfen kann. Ganz besonders, wenn man zum ersten Mal in seinem Leben mit einem riesigen Problem konfrontiert wird, das wie ein Orkan über einen hereinbricht und mit dem man mutig und nötigenfalls auch unkonventionell den Kampf aufnehmen muss.

 

Ja, und deshalb habe ich unserer Regierung fast ein ganzes Jahr vertrauensvoll die Stange, an der die schwarz-rot-goldene Fahne hängt, gehalten und bin ruhig geblieben, auch nachdem es schließlich hieß, dass uns genau jene Epidemie bevorsteht, vor der Experten schon viele Jahre zuvor gewarnt hatten. Auch, als Fachleute und Politiker nicht enden wollende Diskussionen über Sinn oder Unsinn des Tragens von Masken und deren Beschaffung führten, habe ich die Ruhe bewahrt. Ebenso, als sich herausstellte, dass die Corona-Warn-App ihren Zweck trotz 69 Millionen Euro Entwicklungskosten noch nicht mal im Ansatz erfüllt. Und selbst, als bekannt wurde, dass man bei der Impfstoffbestellung auf fatale Weise unglaublich versagt hat und dass viele deutsche Gesundheitsämter kolossal überlastet sind, weil nur ein Drittel digital arbeitet und der Rest von Hand ausgefüllte Listen per Fax verschicken muss, habe ich immer noch versucht, ruhig zu bleiben. In einem Land, das den Gesundheitssektor im Laufe der Jahre stets mehr vernachlässigt und viele seiner Krankenhäuser an große, gewinnorientierte Unternehmen verkauft hat, verwundert so etwas nicht weiter. Aber das wird sich schnell ändern, dachte ich mir. Die Probleme werden angepackt und auch wenn man sie nicht sofort beseitigen kann, so wird in einem Land wie dem unseren in einer solchen Katastrophe doch alles daran gesetzt, tatkräftig und umgehend eine Besserung herbeizuführen.

 

Ob Lockdown, Maskenpflicht, Desinfektionsrituale, Abstandsregeln, Kontaktverbote, Ausgangssperren – ich habe alles brav mitgemacht und mich gehorsam an alle Vorschriften gehalten. Und für was? Dafür, dass ich mir jetzt nach über einem Jahr Pandemie das Impfdesaster, die schier endlosen Lockdown-Diskussionen, dieses dauernde Hin und Her, Hü und Hott, die Selbstbeweihräucherung deutscher Politiker im Vorwahlmodus und das traurige Ergebnis der grandios gescheiterten EU-Impfstoffbeschaffung, für das niemand die Verantwortung übernehmen will, mitansehen muss?

 

Nö, jetzt reicht es mir. Der hessische Aufdruck auf einem Kühlschrankmagneten trifft meine derzeitige Gemütslage genau: Ebbe langts... oder um es mit einem Zitat des Hessen Goethe aus einer anderen Tragödie namens Faust deutlich zu machen: Der Worte sind genug gewechselt, lasst mich auch endlich Taten sehn!

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Armes Würstchen          27.03.2021

 

Um ein Haar hätten Sie an diesem Wochenende auf den Meinungs-Senf, den Ihre Kolumnistin alle zwei Wochen in meist mittelscharfer Weise von sich gibt, verzichten müssen. Aber nicht, weil mir die Senfkörner, sprich die Kolumnenideen, ausgegangen sind oder mir passend zum Senf auf einmal alles wurscht geworden wäre. Nein, es gab einen anderen wichtigen Grund: Ich war voll und ganz damit beschäftigt, mir tiefgreifende Gedanken zu machen – und zwar zum Thema Senf dazugeben beziehungsweise Meinung äußern.

 

Nicht, dass ich etwas dagegen hätte, ganz im Gegenteil. Ich war schon immer eine Verfechterin der Meinungsfreiheit und es tut mir in der Seele weh, dass es Regionen auf unserem Erdball gibt, in denen man mit Inhaftierung, Folter oder sogar Ermordung rechnen muss, wenn man auch nur ansatzweise durchblicken lässt, dass man an den Machthabern seines Heimatlandes auch nur das Geringste auszusetzen hat. Nein, Meinungsfreiheit ist ein sehr hohes Gut, für das man dankbar sein sollte und das es zu bewahren gilt.

 

Aber zuweilen tritt in heutiger Zeit eine Art von Meinungsäußerung zutage, die mir ganz und gar nicht gefällt. So kam mir diese Woche zur Mittagszeit in der Obergasse unseres schönen Städtchens ein weniger schöner Vertreter des männlichen Geschlechts entgegen und raunzte mich an mit den Worten: „Ihr mit euren Sch...-Masken!“

 

Ich tat so, als hätte ich ihn nicht gehört und bedauerte gleichzeitig, dass die Maske nicht auch noch meine Ohren schalldämmend bedeckte. Zugegeben, ich war etwas irritiert. Derlei bekommt man selten zu hören, dachte ich beim Weitergehen, eher liest man es in Internet-Kommentarspalten. Dort geht es allerdings teilweise noch weitaus heftiger zur Sache und man kann durchaus den Eindruck gewinnen, dass sich hier zwei kriegerische Parteien voller Hass gegenüberstehen. Jede Äußerung einer gegenteiligen Meinung wird als Kampfansage interpretiert. Andersdenkende werden aufs Gröbste beschimpft, beleidigt und als Feinde betrachtet, die es mit allen Mitteln zu bekämpfen gilt.

 

Der Deutsche Gewerkschaftsbund hat diesbezüglich einen sehr bedenkenswerten Vorschlag gemacht: „Bevor man einen Kommentar postet, stellt man sich vor, wie man ihn abends seinen Kindern, seiner Frau und seinen Eltern vorliest. Würde man sich dafür schämen, postet man ihn nicht.“ Und für die Leute, die Senfkörner, die ihnen nicht schmecken, immer absichtlich in den falschen Hals kriegen, hat der DGB noch einen Zusatz verfasst: „Nennt sich Anstand, nicht Angriff auf die Meinungsfreiheit.“

 

Gute Meinungsäußerung, der meiner Meinung nach nichts hinzuzufügen ist. Nur dem Maskenhasser aus der Obergasse, dem hätte ich doch noch was zu sagen: Da kann es noch so viel von seinem Schwurbler-Senf in der Landschaft verteilen... armes Würstchen bleibt armes Würstchen.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Eselsöhrchen          13.03.2021

 

Bis vor gar nicht allzu langer Zeit dachte ich eigentlich immer, ich sei das Prachtbeispiel einer Perfektionistin. Stundenlang kann ich mich zum Beispiel mit dem Schmücken des Weihnachtsbaumes beschäftigen. Bis alle nach Farben sortierten Kugeln fein säuberlich und gleichmäßig über die Zweige verteilt sind, kann das nämlich schon eine Weile dauern. Doch damit nicht genug. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem unsere Vogelsbergtanne schließlich abgeschmückt ist und in den Christbaumhimmel aufsteigen darf, werden an jedem Tag mindestens zwei Kugeln umgehängt, weil sie sich meiner Ansicht nach immer noch nicht am perfekten Hängeort befinden und dadurch das optimale Erscheinungsbild erheblich beeinträchtigen.

 

Auch bei der Gartenarbeit treten meine perfektionistischen Züge zutage. Wenn er sprechen könnte, wäre unser kleiner roter Fächerahorn imstande, ein Lied darüber zu singen beziehungsweise ausführlich davon zu erzählen, dass die Dame des Gartens Finger und Schere einfach nicht von ihm lassen kann. Fast jeden Tag muss sie ein bisschen an ihm herumschnippeln, weil sie der Meinung ist, er hätte immer noch nicht die perfekte Blätterdachfrisur.

 

Aber so bin ich nun mal. Ich kann falsch herum einsortierte Gabeln, halb zugezogene Gardinen, schief aufgehängte Geschirrtücher und Schuhe, die nicht in Reih und Glied stehen, einfach nicht leiden. So was tut mir in den Augen weh und lässt es mir in den Fingern jucken, bis ich dem vermeintlichen Missstand schnellstmöglich ein Ende bereitet habe. Ja, wie gesagt, ich dachte immer, dass ich in vielerlei Hinsicht manches wirklich ein bisschen zu genau nehme.

 

Bis ich zum ersten Mal von bestimmten Artgenossen hörte. Ich wollte es zunächst nicht glauben, aber es gibt sie wirklich – Menschen, die ein Buch zum Lesen kaufen und das gleiche nochmal fürs Regal. Das tun sie, weil sie nicht möchten, dass in ihrem Bücherschrank etwas „Zerfleddertes“ steht. Dabei wäre das eigentlich gar nicht nötig. Niemals im Leben kämen solche Leute wohl auf die Idee, sich mit ihrer bevorzugten Lektüre auf der Couch zu lümmeln, geschweige denn, gleichzeitig etwas zu trinken oder zu essen. Und wo wir gerade bei der Nahrungsaufnahme sind: Da gibt es tatsächlich auch noch Leute, die haben nicht nur zweimal das gleiche Buch im Regal, nein, die haben sogar zwei Küchen im Haus. Kein Witz. Die Vorzeige-Küche befindet sich im Erdgeschoss und die Benutz-Küche, in der gebraten, gebacken und geruchsbelästigt werden darf, unten im Keller.

 

Ach, welche Beruhigung – so perfektionistisch bin ich also wohl doch nicht. Ich besitze jedes Buch nur einmal und das darf sogar auch mal ein klitzekleines Eselsöhrchen haben. Und in der einzigen Küche, die wir haben, da sieht es manchmal aus wie Kraut und Rüben. Aber mithilfe des professionellen Spül-Weltmeisters, mit dem ich zum Glück sogar verheiratet bin, hält dieser ganz und gar nicht perfekte Zustand nicht länger an, als Missis Lilli Perfect es vermeiden kann.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

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