Mit Grippe im Stall          07.12.2019

 

Ja, die Zeiten ändern sich. Das hat auch der Nikolaus nicht erst gestern, sondern wohl schon seit vielen Jahren zur Kenntnis nehmen müssen. Heutzutage kann er getrost darauf verzichten, mit seiner Rute in der Gegend herumzufuchteln, denn kein Kind lässt sich damit mehr in Angst und Schrecken versetzen. Vielmehr kann es passieren, dass der kleine Knirps, der da vor ihm steht, sein Handy zückt und von Nikolaus und Rute (also sozusagen von Täter und Tatwerkzeug) Fotos macht, mit denen er tags darauf zu Polizei, Jugendamt und Kinderschutzbund marschiert. Und auf die Frage „Na, bist du denn auch immer schön brav gewesen?“, muss Nikolaus damit rechnen, dass er Antworten bekommt wie „Das geht dich gar nichts an, Alter. Oder glaubst du, meine Eltern bezahlen dich dafür, dass du mir hier krass die Ohren voll laberst?“

 

Tja, früher, da war nicht nur mehr Lametta, sondern auch mehr Ehrfurcht. Aber wenn ich mich an die Nikolaustage meiner Kindheit erinnere, so sind diese Erinnerungen süß und bitter zugleich – zur Hälfte Vorfreude und zur Hälfte Angst. Und womit wir wieder mal beim Thema weibliche Wesen und das Beherrschen fahrbarer Untersätze wären: Schon im Hochsommer, als ich ganz ohne Absicht vom Pfad der Rechtschaffenheit abgekommen war und mit dem Kettcar meines Bruders die Blumen im Vorgarten unserer Nachbarin dem Erdboden gleichgemacht hatte, war Nikolaus der Erste, an den ich denken musste. Oh je, wenn er mir das jetzt als Boshaftigkeit auslegen würde, dann könnte ich mich im Dezember auf was gefasst machen! Drei Nächte lang konnte ich nicht schlafen, grübelte hin und her, hatte das Malheur dann aber wieder im Laufe der Sommerferien vergessen. Doch pünktlich Anfang Dezember fiel es mir siedend heiß wieder ein.

 

Fenja hat diesbezüglich zum Glück jedoch überhaupt keine Probleme. Sie glaubt fest an den Nikolaus, der in ihren Augen ein sehr alter, aber auch sehr lieber Mann ist, der kleine Kinder so sehr mag, dass er sich selbst bei schlechtestem Wetter auf den Weg macht, um ihnen Süßigkeiten und kleine Geschenke zu bringen. Von einer Rute hat sie noch nie etwas gehört – und das ist auch gut so. Heutzutage scheinen die Kleinen sowieso alles in modernerem Licht zu sehen. Die Beantwortung der Frage, warum Maria und Josef keine Unterkunft fanden und Jesus in einem Stall geboren wurde, fällt ihnen leicht: Ganz einfach, weil wegen der Weihnachtsferien alles ausgebucht war. Und Jesus, der arme kleine Kerl, der musste doch dann tatsächlich mit einer Grippe im Stall liegen und von ganz allein wieder gesund werden, weil alle Krankenhäuser und Ärzte ebenfalls Weihnachtsferien hatten. Ach, da haben wir es doch heute um einiges besser, mag man nun geneigt sein, spontan zu denken. Doch weil die zuständigen Gremien leider immer noch nicht begriffen haben, dass es in einem Krankenhaus einzig um das Wohl der Menschen und nicht um maximalen Profit gehen sollte, müssen werdende Alsfelder Eltern mittlerweile sehr weit über Land bis zum nächsten Krankenhaus mit Geburtsstation fahren... na ja, zum Glück kommen sie da ja wenigstens an dem ein oder anderen Stall vorbei.

 

Eine schöne, geruhsame Adventszeit wünscht Ihnen und allen werdenden Eltern

 

Ihre Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Kleiner Schlingel          23.11.2019

 

(siehe Fenjas Kolumnen)

 

 

 

 

Beobachterin          09.11.2019

 

Die Berufsziele meiner saarländischen Klassenkameradinnen standen schon früh fest: Sie wollten ihr Geld als Ballerina, Sängerin, Tierärztin oder Schauspielerin verdienen. Meine Entscheidung ging allerdings in eine ganz andere Richtung: Ich wollte unbedingt Beobachterin werden. Und obwohl von diesem Berufszweig kein Mensch jemals zuvor etwas gehört hatte, so stand doch für mich fest, dass ich zur Ausübung jenes von mir neu geschaffenen Berufsbildes prädestiniert war.

 

Meine ausgiebigen Berufsvorbereitungen stießen jedoch nicht immer auf Verständnis. Des Öfteren bekam ich deswegen sogar Ärger zu Hause, und meine Mutter – anstatt froh zu sein, dass ich mein Leben in die Hand nahm und mich tatkräftig um meine Zukunft kümmerte – schimpfte mit mir, weil ich ihrer Meinung nach zu oft in der Gegend „herum trödelte“. Dabei war ich doch völlig schuldlos. Mein nicht gerade kurzer Nachhauseweg von der Schule führte einfach an zu viel beobachtungswerten Dingen vorbei, an denen ich unmöglich vorbeigehen und so tun konnte, als hätte ich sie nicht gesehen.

 

Ach, die Welt, die aus meiner damaligen Sicht so gut wie keine Schönheitsfehler außer Blumenkohl, Stechmücken und Mathe-Klassenarbeiten hatte, war wirklich ein Wunder! Über unserer Erde konnte die Sonne scheinen oder sich Regen und weicher Schnee auf sie ergießen. Wunderschöne Pflanzen wuchsen auf ihr und sie wurde bevölkert von unzähligen Tieren. Das größte Wunder jedoch waren die Menschen, die auf ihr lebten. Keiner von ihnen war wie der andere. Allein auf dem Marktplatz konnte man sehen, wenn man sich umschaute, dass sie sich alle unterschieden: Durch ihr Alter, ihre Größe, ihre Haarfarbe, ihre Kleidung oder ihre Art zu sprechen.

 

Am interessantesten fand ich die Markttage. Da waren die meisten Leute unterwegs, weil sie einkaufen und zwischendrin vielleicht einen kleinen Plausch halten wollten. Herr Wenke pries seine Bananen an und es war eine Freude, ihm zuzuhören. Aufgrund seiner Wortgewandtheit und Schlagfertigkeit war er bei mir äußerst angesehen, aber am liebsten mochte ich ihn, weil er manchmal Leuten, denen man ansah, dass sie bestimmt nur sehr wenig Geld hatten, nicht nur eine, sondern gleich zwei oder drei seiner Bananen schenkte. Sehr großzügig, wie ich fand.

 

Noch heute tut es mir in der Seele weh, dass mein kleines Notizbuch, in dem ich all meine Beobachtungen festgehalten habe (einschließlich fast naturgetreuer Nachbildung des Wenke-Firmenschildes auf dem Lieferwagen), im Lauf von Zeit und Umzügen verloren gegangen ist. Doch eine Beobachterin, die sich Details ziemlich gut merken kann, die bin ich bis heute. Aber wem sage ich das – der treuen Leserschaft meiner Kolumne ist das in fünfzehn Jahren gewiss nicht verborgen geblieben.

 

Und deshalb ist es an der Zeit, zu sagen: Herzlichen Dank, liebe Leserinnen und Leser, dass Sie immer so aufmerksam und mit freudigem Interesse beobachten, was Ihre Kolumnistin so alles an Beobachtungswertem für Sie zu Zeitungspapier bringt...

 

Ihre Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Nackte Tatsachen          26.10.2019

 

Von den kürzlich wieder einmal verliehenen Nobelpreisen hat ja gewiss jeder schon mal gehört. Dass es allerdings in satirischer Anlehnung an ihn noch einen anderen Preis gibt, den so genannten Ig-Nobelpreis, das ist nicht jedem bekannt. Hierbei handelt es sich um eine nicht ganz ernst gemeinte Auszeichnung, die seit 1991 von der Harvard-Universität im amerikanischen Cambridge vergeben wird für unnütze, unwichtige und skurrile wissenschaftliche Arbeiten, die die Leute zunächst zum Lachen, dann aber doch irgendwie zum Nachdenken bringen sollen.

 

Im Laufe der Jahre kam man so zu mehr oder minder wichtigen Erkenntnissen. So wurde zum Beispiel endlich wissenschaftlich erwiesen: Wer Alkohol trinkt, ist attraktiver – oder besser gesagt: er fühlt sich zumindest so. Das ist ja jetzt nicht unbedingt verwunderlich, möchte man meinen. Doch im Rahmen der Studien hat sich herausgestellt, dass auch der, der alkoholfreies Bier in der Annahme zu sich nimmt, es handele sich um alkoholhaltiges, zu der Überzeugung gelangt, attraktiver zu sein. Apropos attraktiv: Dank findiger Ig-Nobelpreisträger wissen wir nun auch, dass sich die Malaria-Mücke vom Limburger Käse genauso stark angezogen fühlt wie vom Geruch menschlicher Füße. Außerdem ließ man uns wissen, dass die rotfüßige Schildkröte sich nicht vom Gähnen ihrer Artgenossen anstecken lässt und Kühe mit Namen mehr Milch geben als Kühe ohne Namen.

 

Auch im Bereich der Medizin ist man ein gutes Stück weitergekommen. So fand man im Laufe der Forschungen heraus, dass eine Fahrt mit der Achterbahn den Abgang von Nierensteinen beschleunigen kann und im Rahmen der medizinischen Diagnostik entwickelten Wissenschaftler einen nahezu genialen Test, um eine akute Blinddarmentzündung feststellen zu können. Ganz einfach, indem man den Patienten mit dem nötigen Schwung über Straßenerhebungen chauffiert, die für gewöhnlich der Geschwindigkeitsbegrenzung dienen. Je stärker die Schmerzen sind, die der Patient beim Durchschütteln erleidet, desto schlimmer steht es um seinen Blinddarm. Eine bahnbrechende Erkenntnis, auf die man mit Blick auf die oft angemahnten Einsparungen im Gesundheitsbereich eigentlich schon früher hätte kommen können.

 

Und auch in diesem Jahr wurde der Ig-Nobelpreis wieder in mehreren Kategorien vergeben. Zum Beispiel im Bereich Physik an emsige Forscher, die herausfanden, dass die elastischen Darmwände der Wombats dafür verantwortlich sind, dass der Kot dieser in Australien beheimateten Pelztiere nicht rund, sondern tatsächlich würfelförmig ist.

 

Nun mag man streiten über Sinn, Zweck und Notwendigkeit solcher Forschung. Der diesjährige Ig-Nobelpreis für Anatomie zum Beispiel, der wurde an Wissenschaftler aus Frankreich verliehen, die sich der fundamentalen Frage widmeten, wie sich die Temperatur am Hodensack bei nackten und bekleideten französischen Briefträgern unterscheidet.

 

Ach ja, das wollte ich doch alles schon immer mal wissen. Nur eine Frage hätte ich jetzt unbedingt noch gerne geklärt: Wie bekloppt (auf einer Skala von 1 bis 130) muss man eigentlich sein, einen Maut-Vertrag zu verfassen, der irre hohe Zahlungen von Steuergeldern für nicht erbrachte Leistungen garantiert... und wie bescheuert obendrein, den in vollständig bekleidetem und nüchternen Zustand dann tatsächlich auch noch zu unterschreiben??

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Die spinnt doch          12.10.2019

 

Obwohl man sie weder eingeladen noch ihren Besuch voll Vorfreude herbeigesehnt hat, kommen speziell jetzt zur Herbstzeit zu den bekannten, amtlich gemeldeten und pro Kopf Wassergeld und Müllabfuhrgebühren zahlenden Mitbewohnern wie Ehegatten, Lebensgefährten oder Kindern noch eine ganze Menge anderer Lebewesen hinzu, die das Haus und bedauerlicherweise manchmal sogar das Bett mit einem teilen wollen.

 

Dabei ist es ja nicht so, dass man nicht ein wenig Verständnis dafür aufbringen könnte. Nein, als Mensch, dessen frühe Vorfahren sich im Neandertal in Höhlen flüchteten, um Schutz vor Kälte und Nässe zu suchen, kann man das schon ein Stück weit nachempfinden. In meinem Fall zugegebenermaßen allerdings kein Stück, sondern eher nur ein Stückchen. Vor allen Dingen dann, wenn man bezüglich des Flecks, den man in seinem Bett beim Aufwachen an der Zimmerdecke entdeckt, nach dem Aufsetzen der Brille feststellt, dass er acht Beine hat und doch tatsächlich Anstalten macht, sich direkt über einem am seidenen Faden abzuseilen.

 

Aber was Spinnentiere in meinem direkten Umfeld angeht, da war ich schon immer ausgesprochen empfindlich. Spätestens, seit mir mein Mann, als ich vor vielen Jahren krank darniederlag, frisch vom Briefkasten die Samstagsausgabe unserer Zeitung ans Bett brachte und – igitt! - mir beim Aufschlagen derselben eine Spinne entgegensprang, die meiner untrüglichen Erinnerung nach fast über den Durchmesser eines Tennisballs verfügte, stehe ich noch mehr auf Kriegsfuß mit dieser tierischen Gattung. Und das nicht nur, weil sie für meine Begriffe ausgesprochen gruselig und hässlich ist, sondern heimtückisch noch obendrein. Alle Fenster und Türen bei den Kreßners mit Fliegennetzen verbarrikadiert? Na, überhaupt kein Problem – benutze ich doch einfach die Zeitung als Trojanisches Pferd und statte der Dame des Hauses mal einen kleinen Krankenbesuch ab. Pfui Spinne!

 

In einer Hinsicht gibt es jedoch Positives zu vermelden. Nein, ein Spinnenspray wurde im Gegensatz zum Mückenspray leider noch nicht erfunden. Zum Glück weiß ich aber dank findiger Forscher nun, dass sich die Spinne von allem, was grün ist, stark angezogen fühlt und im Gegensatz zu mir alles, was blau ist, überhaupt nicht mag. Was ihr außerdem angeblich ganz und gar nicht behagt und was sie als durchaus bedrohlich empfindet, das sind tiefe Männerstimmen.

 

Zumindest für unser Schlafzimmer habe ich deshalb nun die perfekte Lösung gefunden: Es gibt nur noch blaue Tapeten, blaue Bettwäsche und mein lieber Ehemann muss jeden Abend im blauen Schlafanzug mit so tiefer Stimme wie nur möglich seitenweise aus meinem dicken Rilke-Band zitieren. So lange, bis seine holde Gattin eingeschlafen ist.

 

Okay, ich gebe Ihnen recht, wenn Ihnen das jetzt ziemlich plemplem vorkommt, liebe Leserinnen und Leser. Ja, ich habe sogar vollstes Verständnis und kann mehr als nur ein Stückchen weit nachvollziehen, wenn Sie nun denken: Na, unsere Kolumnistin, die spinnt anscheinend heute mal wieder ein bisschen...

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Fenja for Future         28.09.2019

 

(siehe Fenjas Kolumnen)

 

 

 

 

Das Dutzend des Teufels          14.09.2019

 

Für gewöhnlich ist der Freitag einer der beliebtesten Wochentage, ist er doch für die meisten ein Tag der Vorfreude. Von Montag bis Donnerstag hat man geschuftet und nun darf man sich auf das redlich verdiente Wochenende freuen. Doch den Abergläubischen unter uns wollte das gestern leider so gar nicht gelingen, denn der Blick auf den Kalender ließ die Alarmglocken schrillen: Oh, nein... Freitag, der 13.!

 

Auch bei mir, obwohl ich mich eigentlich überhaupt nicht für abergläubisch halte, bimmelte gestern ein leises Glöckchen und die Worte meiner Blumenkohl-Oma fielen mir wieder ein: „Nimm dich vor der 13 in Acht, die 13 ist das Dutzend des Teufels!“ Ähnlich wie bezüglich Harry Potters gefürchtetem Gegenspieler Lord Voldemort („Er, dessen Name nicht genannt werden darf“) sprach sie niemals die Wortfolge „Freitag, der 13.“ aus und verbot es auch uns Kindern. Schlimm genug, dass es solche Tage, die sie als Mahnung Gottes verstand, überhaupt gab, dann musste man sie nicht auch noch bei ihrem verhängnisvollen Namen nennen.

 

Überglücklich war sie, wie sie mich wissen ließ, dass ich an einem 23. geboren war, nicht an einem 13. und nicht auch noch obendrein an diesem grässlichsten aller Wochentage, denn das wäre in ihren Augen ein Kainsmal gewesen, das ich mein ganzes Leben lang mit mir hätte herumtragen müssen. An einem Freitag hatte man Jesus gekreuzigt und die 13 war ihrer Meinung nach die böseste Zahl, die man sich nur vorstellen konnte, war es doch Judas, der dreizehnte Gast des Abendmahls gewesen, der Jesus heimtückisch verraten hatte und der für sie deshalb auf einer Stufe mit dem Teufel stand.

 

Im Alltagsleben ignorierte meine Großmutter normalerweise geflissentlich alles, was ihr missfiel und sie nicht direkt persönlich betraf. War jedoch ein solch Unglück verheißender Tag angebrochen, half auch das hartnäckigste Ignorieren nichts mehr, das wusste sie. Keine Hundertschaft Pferde hätte sie deshalb veranlassen können, das Haus zu verlassen. Argwöhnisch beäugte sie ihre Nachbarin, die einmal bei einem Kaffeekränzchen freimütig verkündet hatte, an einem 13er-Freitag geboren zu sein und überhaupt nicht das geringste Problem mit diesem Tag zu haben. Ganz im Gegensatz zu Oma, die nie wieder einen Fuß über die Schwelle der Kainsmal-Nachbarin setzte und meinen Vater mit einem vernichtenden Blick bedachte, als er sie amüsiert und augenzwinkernd fragte, ob sie Angst habe, sich dort „anzustecken“.

 

Zum Glück habe ich dieses Horror-13-Gen von meiner Oma nicht geerbt. Nein, ganz im Gegenteil. Der gestrige Tag war mir genauso lieb wie jeder andere. Genau genommen war er mir sogar noch viel lieber als so manch anderer. Ein regelrechter Glückstag war es nämlich, weil unser Zuckerrübchen-Wochenende angefangen hat – und, liebe Blumenkohl-Oma, du kannst beruhigt sein: Deine Ururenkelin Fenja wurde an einem 15. geboren... puh, nochmal Glück gehabt!

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Und heut' Abend...          31.08.2019

 

Ein großer Schlager- oder Volksmusikfan war ich noch nie. Nein, ganz im Gegenteil. Schon in jungen Jahren nahm ich Reißaus, wenn mein Vater seine reichlich vorhandenen Mireille Matthieu-Platten abspielte. Irgendwann würde ich schon noch auf den Geschmack kommen, meinte er. Ich müsse mir diese schöne Musik, bei der man in so gute Stimmung kommt, bloß mal ein bisschen öfter und genauer anhören.

 

Einige Jahre später kam ich dann nichtsahnend und völlig unvorbereitet in den fragwürdigen Genuss, mir Schlager „mal ein bisschen öfter und genauer“ anhören zu dürfen. Allerdings gezwungenermaßen und gänzlich ohne die gute Stimmung, die mein Vater mir prophezeit hatte. Hätte ich nämlich nur die allerkleinste Möglichkeit gesehen, diesen Bus, den ich im Rahmen unseres alljährlichen Betriebsausfluges völlig ahnungslos bestiegen hatte, zu verlassen, ohne die Befürchtung haben zu müssen, dass mich ein wilder Bär im tiefen Thüringer Wald zum Frühstück verspeist, man hätte von mir nur noch eine Staubwolke gesehen.

 

So aber saß ich im wahrsten Sinne des Wortes fest und musste die Folter über mich ergehen lassen. Ach, was hätte ich für ein kleines Stückchen Watte gegeben, um es mir in die Ohren zu stopfen! Aber es blieb mir nichts anderes übrig, ich musste mich in mein Schicksal ergeben und Heino, Freddy, Costa Cordalis und Konsorten ungedämpft über mich ergehen lassen. Das alles in Dauerschleife, denn der Musikfundus des Busfahrers schien nur aus einer einzigen Kassette, bezüglich derer er sich rühmte, sie selbst aufgenommen zu haben, zu bestehen. Der Höhepunkt der Quälerei war allerdings mit dem mir unvergesslichen Lieblingslied des Busfahrers, bei dem er jedes Mal lauthals mitsang, erreicht: „Und heut' Abend hab ich Kopfweh...!“ von Ireen Sheer. Bei diesem bescheuerten Text, das war mir klar, würde ich nicht bis zum Abend warten müssen, um Kopfschmerzen zu bekommen.

 

Doch mittlerweile habe ich durch meinen fußballbegeisterten Mann, der eigentlich auch nichts mit der leichten Muse am Hut hat und es lieber rockig mag, erkennen dürfen, was mein eigentliches Problem ist. Es kommt nämlich einzig und allein auf die richtige Stimmung an und das, was vorher passiert ist. Und irgendwie auch auf den Bus, in dem man sitzt. Ist es nämlich ein Fan-Bus, der „die Alsfealler Junge, die die Alsfealler Mädche liebe, versaalzene Kuche esse un Kadoffeln met Worscht“, vom Fußballstadion in Mönchengladbach zurück nach Alsfeld chauffiert, gefällt einem sogar Heinos Musik und man singt voller Inbrunst mit, freut sich über das gemütliche Beisammensein und ist guter Stimmung, selbst wenn die Lieblingsmannschaft verloren hat.

 

Aber ich bin halt ein gebranntes Kind. Noch heute zieht meine liebe Kollegin mich auf. Dann lächelt sie mich verschmitzt an und beginnt zu singen: „Und heut' Abend...“ Viel weiter kommt sie aber nicht, denn sie muss husten... wegen der riesigen Staubwolke, die ich bei meiner Flucht hinterlasse.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Miesepeter Sauertopf          17.08.2019

 

Niemand ist immer gut gelaunt. Ab und zu erwischen fast jeden von uns Tage, an denen die Laune im Keller ist und partout so schnell nicht wieder dort rauskommen will. Zu nichts hat man richtig Lust, so gut wie alles geht einem irgendwie auf den Wecker und es fällt schwer, sich aufzuraffen, um der nötigen Pflichterfüllung nachzukommen. Zum Glück jedoch haben sich die dunklen Schlechte-Laune-Wolken in den meisten Fällen rasch aufgelöst und ein paar Stunden später sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.

 

Manchmal klappt es sogar noch ein wenig schneller. Dann nämlich, wenn man sich aufrappelt und in den Keller hinabsteigt, um seine Laune mal zu fragen, warum sie eigentlich so verdrießlich ist. Und siehe da: Sie weiß es selbst nicht! Auch nach eingehender und gründlicher Untersuchung der Laune-Leber lassen sich nicht die geringsten Anzeichen dafür finden, dass auch nur die kleinste Griesgram-Laus über sie gekrabbelt sein könnte. Na, da hat sich der Weg in den Keller doch echt gelohnt und auf dem Weg nach oben geht es der Laune Kellerstufe für Kellerstufe wieder ein wenig besser.

 

Leider gibt es jedoch Artgenossen, deren Laune ihren festen Wohnsitz in der dunkelsten Ecke des Kellers zu haben scheint. Dort sitzt sie miesepetrig vor dem Fernseher, der in Endlosschleife Filme zeigt mit Muffi Schlumpf, dem übellaunigsten Schlumpf, den Schlumpfhausen je gesehen hat. Und als ob das allein nicht schon genug wäre, betreibt so mancher allem Anschein nach da unten im Keller auch noch eine Zuchtanstalt für besonders dicke und fette Griesgram-Läuse. Anders lässt sich wohl nicht erklären, warum manche Menschen permanent grottenschlechte Laune haben. Sie sind nicht nur muffelig, sondern ausgesprochen unfreundlich, machen ein Gesicht wie drei Jahre Regenwetter und reagieren überaus gereizt auf die kleinste Störung.

 

Sind mir zu früheren Zeiten solche Leute begegnet, dann hätte ich sie am liebsten postwendend zum Standesamt geschickt, damit sie zum Schutze ihrer Mitmenschen alle den Nachnamen Sauertopf annehmen und ihre Vornamen so schnell wie möglich in Miesepeter beziehungsweise Miesepetra ändern lassen, damit jeder Unbedarfte gleich weiß, mit wem er es da zu tun hat. Doch heutzutage, da sich ein gewisses Maß an Altersmilde auch bei mir bemerkbar macht, käme mir dergleichen nicht mehr in den Sinn. Vielleicht hat aber auch das immer stärker werdende Bewusstsein damit zu tun, wie glücklich ich sein darf, ein größtenteils sehr fröhlicher und optimistischer Mensch zu sein, der sich riesig über ganz kleine Sachen freuen kann. Für nichts auf der Welt möchte ich tauschen und in eine Griesgram-Haut schlüpfen. Nein, wenn mir mal wieder ein Artgenosse begegnet, auf dessen Laune-Leber die Griesgram-Läuse sich drängeln wie bei einem Rolling-Stones-Konzert, dann denke ich mir immer: Sei freundlich zu Leuten, die schlecht gelaunt und unfreundlich zu dir sind – zumeist können die sich selbst nämlich noch viel schlechter leiden als dich...

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Hosenherz          03.08.2019

 

Der von mir ansonsten sehr geschätzte Barack Obama macht es, Frank Walter Steinmeier hat es sich zum Glück, seitdem er Bundespräsident ist, abgewöhnt, Gerhard Schröder hat es als Bundeskanzler mit Vorliebe an jedem Ort zelebriert, Jogi Löw tut es zuweilen am Spielfeldrand und Helmut Kohl hätte es vermutlich auch sehr gerne gemacht, wäre seine körperliche Fülle ihm da nicht arg im Weg gewesen. Ich jedoch mag sie nicht: Männer mit der Hand in der Hosentasche. Soll salopp und lässig aussehen, ich weiß, aber mir gefällt dieser Anblick überhaupt nicht.

 

In Zeiten, als Männer noch Waffen trugen, waren „freie“ Hände ein sichtbares Zeichen dafür, keine Mordwerkzeuge mit sich zu führen. Hosentaschen gab es damals zwar noch keine, aber jeder Mann, der eine Hand in seinem Gewand versteckte, machte sich äußerst verdächtig. Häufig erwies sich der Verdacht als begründet, wie schon Friedrich Schillers Ballade „Die Bürgschaft“ belegt, in der es heißt: „Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich - Damon, den Dolch im Gewande“.

 

Warum verstecken aber noch heute viele Männer ihre Hände? Wissen sie nicht wohin mit ihren Fingern? Haben sie das Gefühl, ihre Arme seien zu lang und wollen deshalb verhindern, dass sie sich an ihrer Kniescheibe die Fingerknöchel blau schlagen? Keine Ahnung, ich weiß es nicht. Ich weiß nur eins: es sieht kein bisschen cool, sondern einfach nur bescheuert aus.

 

Wer mich mit dieser blöden Angewohnheit jedoch am meisten nervt, das ist unser derzeitiger Außenminister Heiko Maas, der 2016 von einem Männer-Magazin zum bestangezogenen Mann Deutschlands gekürt wurde. Ganz gleich, ob bei der Amtsübergabe im Ministerium oder beim Antrittsbesuch in Frankreich – Herr Maas hat in ganz und gar nicht staatsmännischer Manier die linke Hand in der Tasche. Aber auch der Umstand, dass die Hosentasche maßgeschneidert und obendrein prämiert ist, ändert nichts an der Tatsache, dass diese Geste völlig fehl am Platz ist.

 

Höchste Zeit also, dass Heiko Maas heiratet. Nein, soweit ich weiß, ist seine Lebensgefährtin Natalia Wörner nicht schwanger. Aber wenn er einen Ehering tragen würde, dann könnte er es dem Bundespräsidenten gleichtun und in Situationen, in denen er nicht weiß, was er mit seinen herunterbaumelnden Händen anstellen soll, einfach ein bisschen am Ehering spielen.

 

Oder, noch einfachere und sofort umsetzbare Lösung: Herr Maas orientiert sich an seiner Chefin und ihrer bis in den letzten Winkel der Welt bekannten Merkel-Raute. Okay, ein bisschen Übung wäre vermutlich schon nötig, aber mit Kreis, Quadrat und Rechteck gäbe es mögliche Varianten. Oder er verändert kurzerhand die Rautenform, indem er die Daumen leicht angewinkelt nach unten zeigen lässt. Wer weiß, vielleicht geht ja dann das sogenannte Maas-Herz in die Weltgeschichte ein und unser Außenminister verkündet noch nebenbei: Ich bin so cool und lässig, dass mir das Herz ruhig auch mal in Höhe der Hose rutschen darf.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Die 3 von der Machtstelle          20.07.2019

 

Während vergangene Woche die präsidialen Spitzenkandidaten Manfred Weber und Frans Timmermans beim Schlagabtausch noch eifrig damit beschäftigt waren, die Schlaglöcher ihrer Unbeliebtheit auf dem EU-Parkett auszubessern, entstieg Ursula von der Leyen, die nicht zu Unrecht mit Kritik überhäufte Verteidigungsministerin, wie Phönixia aus der Asche verbrannter Bundeswehrerde, hielt vor dem Europaparlament eine flammende Rede und schnappte sich als erste Frau den Posten der Präsidentin der Europäischen Kommission... was für ein Husarinnenstück!

 

Und kaum, dass die politische Männerwelt sich vom Schreck hätte erholen können, folgte auch schon der nächste Frauenstreich. Dabei hatte es sich Gesundheitsminister Jens Spahn so schön ausgemalt. Sah er sich doch schon weit weg von lästiger Impfpflicht und nervenden Krankenkassen in schwarz-rot-güldener Rüstung als IBuK (Inhaber der Befehls- und Kommandogewalt) allzeit bereit, etwas gegen die Misere der leider ganz und gar nicht mehr allzeit bereiten Flugflotte der Bundeswehr zu unternehmen. Doch ebenso wie im vergangenen Jahr, als es um den CDU-Parteivorsitz ging, hieß es schon wieder: Werter Herr, nix da – den Posten schnappt sich AKK!

 

Glaubt man Türlauschern und Politplaudertaschen, dann steckt hinter der Vergabe dieser zwei Chefposten eine weitere, nicht zu unterschätzende Frau: Bundeskanzlerin Angela Merkel. Ganz still und leise soll sie hinter den Regierungskulissen die im Nähkästchen versteckten Fäden gezogen und dann geschickt eingefädelt haben. Tja, nicht umsonst heißt es schließlich, dass stille Wasser tief sind. Da wird nicht wochenlang, wie Männerhände es zu tun pflegen, krachend auf den Putz gehauen, bis er bricht und bröckelt. Nein, kluge Frauen stellen das geschickter an – und bevor die Männer auch nur im Ansatz den Beginn der Dämmerung wahrgenommen haben, ist es schon stockfinstere Nacht.

 

So mancher im Dunkeln tappende Putzklopfer glaubte jedoch kürzlich, auf einmal Licht am Ende des Tunnels zu sehen. He Leute, schaut alle her, die Bundeskanzlerin, sie zittert! Und genüsslich lauerte man nach ihrem zweiten Zitteranfall auf den dritten. Es wurde gelacht und gelästert und Rufe wurden laut, dass sie ihr Amt niederlegen solle, weil sie für die Ausübung desselben ganz offensichtlich zu schwach und überfordert sei.

 

Wie bitte – zu schwach und überfordert? Obwohl ich mit Frau Merkel in politischen Fragen nun wirklich nicht immer übereinstimme, so habe ich doch alle Achtung davor, mit wie viel Stärke und Durchhaltevermögen sie seit fast vierzehn Jahren ihren überaus kräftezehrenden Job Tag für Tag meistert. Noch mehr beeindruckt hat mich allerdings ihr Eingeständnis, dass der zweite Zitteranfall wohl allein durch ihre Angst, dass das Zittern erneut auftreten könnte, ausgelöst worden sei.

 

Chapeau, Frau Bundeskanzlerin – wahre Stärke gehört meiner Meinung nach dazu, vor der ganzen Welt eine Schwäche öffentlich einzugestehen und zuzugeben, dass man Angst hat. Ja, echt stark finde ich das... denn ich hatte schon immer eine Schwäche für Menschen, die so stark sind, dass sie offen zu ihren Schwächen stehen können.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Au Backe!          06.07.2019

 

(siehe Fenjas Kolumnen)

 

 

 

 

Hitzig          22.06.2019

 

Mal abgesehen von der Tatsache, dass unsere Heimat im größten zusammenhängenden Vulkangebiet Mitteleuropas liegt, Vulkanausbrüche aber seit sieben Millionen Jahren keine mehr zu verzeichnen waren, gibt es Menschen, die meinen, dass wir Vogelsberger auch in anderer Hinsicht Glück gehabt haben. Das Meer und damit die Gefahr eines Tsunamis ist weit weg und übermächtige Hurrikans, wie jene, die in regelmäßigen Abständen Amerika heimsuchen, sind bei uns nicht zu erwarten – schon gar nicht in so regelmäßigen Abständen, dass wir uns jedes Mal den Kopf darüber zerbrechen müssen, welchen Namen wir dem nächsten Wirbelsturm denn nun geben. Und Regeln wie die, dass Sturm Michael so genannt wurde, weil das „M“ der dreizehnte Buchstabe des Alphabets und Michael der dreizehnte Hurrikan im Jahr 2018 war, der über Amerika hereinbrach, müssen wir auch nicht befolgen.

 

All das hat jedoch nicht zu bedeuten, dass wir beruhigt die Hände in den Schoß legen können. Nein, nicht im Geringsten. Ganz gleich, auf welchem Kontinent und egal, wie weit vom Meer entfernt: Unsere Weltbevölkerung von derzeit 7,7 Milliarden Menschen lebt auf einer einzigen Erde und im Gegensatz zu Ersatzpatronen kann niemand mit einer Ersatzerde aufwarten, auf die wir uns flüchten könnten, wenn unsere unbewohnbar geworden ist. Bedauerlicherweise ist dies aber ganz offensichtlich noch nicht bis in die zuständigen Gehirnregionen so manches Zeitgenossen, der den Klimawandel für eine Erfindung durchgedrehter Wahrsager oder geldgieriger Klimaanlagenhersteller hält, vorgedrungen.

 

Da sind Sätze zu hören wie: Ach, mir ist eh immer viel zu kalt, ist doch schön, wenn es mal so richtig warm wird! Was Klimawandel und permanente Erderwärmung jedoch für weitreichende Folgen haben, darüber wird nicht nachgedacht. Mal davon abgesehen, dass unsere Urenkel Schnee und Eiszapfen womöglich nur noch von alten Fotos und Filmen her kennen werden, wird der Meeresspiegel durch das Schmelzen der Polkappen unweigerlich ansteigen. Städte wie Bremen und Hamburg könnten dann unbewohnbar werden, ganz zu schweigen von riesigen Metropolen wie Dhaka und Kalkutta. Zu alldem werden wir mit einer sehr veränderten Natur zu kämpfen haben. Unschwer am kürzlich festgestellten Auftreten einer neuen, gefährlichen Zeckenart oder dem Aussterben heimischer Insekten zu erkennen. Ach, ich darf gar nicht weiterdenken. Tue ich es trotzdem, dann sehe ich riesige Krokodile, die blitzschnell aus dem sumpfigen Erlenteich schießen, um sich ein kleines Affenkind, das sich nicht schnell genug auf die nächste, vertrocknete Palme retten kann, zu schnappen.

 

Und zeitgleich hege ich den unbändigen Wunsch, Donald Trump, der Welt hitzigster und hartnäckigster Leugner des Klimawandels, möge im glühend heißen Garten des Weißen Hauses von einer Schar Riesenmücken und Riesenzecken überfallen werden. Neben deren Stichen und neben dem Hafer, der ihn ständig zu stechen scheint, einschließlich des gewaltigen Stiches, den er sowieso schon hat, wünsche ich ihm dann obendrein noch einen ordentlichen Sonnenstich... und juckreizstillendes Gel, das bekommt er nur, wenn er sich verpflichtet, fortan ausschließlich Kappen zu tragen mit der Aufschrift „I love Greta – America cool again!“

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Es geht rund!          08.06.2019

 

(siehe Fenjas Kolumnen)

 

 

 

 

Die Menschin          25.05.2019

 

Ein sehr wichtiges Lebensmotto, das ich mir auf meine Fahnen geschrieben habe, lautet: Du kannst alles tun, solange du mit deinem Tun niemand anderem etwas antust. Wenn jemand also zum Beispiel der Sinn danach steht, in einer Ritterrüstung auf der Schwalm in einem Schlauchboot zu paddeln und dabei den vorbei schwimmenden Fischen sämtliche Märchen der Gebrüder Grimm zu erzählen, dann soll er das machen. Und wenn jemand Lust darauf hat, mitten auf dem Alsfelder Marktplatz zehn Kugeln Eis mit Thunfischsalat und Bratensoße zu vertilgen, während er auf dem Kopf steht und mit seinen Füßen akrobatische Kunststücke vollführt, dann wäre ich gewiss so ziemlich die Letzte, die das Bedürfnis hätte, ihn daran zu hindern.

 

Gut, ich gebe zu: Bei so mancher Gestalt, die mir in Fußgängerzonen schon begegnet ist, konnte ich mir ein Schmunzeln beim besten Willen nicht verkneifen. Da waren hochbetagte Damen zu sehen, geschminkt und gekleidet wie Nina Hagen in ihren schrillsten Zeiten und sehr eigenwillig gestylte Herren, bei deren Anblick selbst die Mitglieder der Hard-Rock-Band Kiss vor Neid so sehr erblasst wären, dass sie sich vor ihren Auftritten keine weiße Farbe mehr ins Gesicht hätten schmieren müssen. Aber bitte, nur zu – jedem Tierchen sein Pläsierchen. Das muss man aushalten können.

 

Und wo wir schon mal bei Musik (beziehungsweise bei dem, was manche Menschen darunter verstehen) und beim Aushalten sind: Der Eurovision Song Contest, bei dem wir kürzlich mal wieder auf dem vorletzten Platz gelandet sind, der tut einem ja auch nicht wirklich weh. Vorausgesetzt, man zählt nicht zu den weit abgeschlagenen Teilnehmern oder zu den Masochisten, die es doch tatsächlich fertigbringen, sich das ganze Tralala von Anfang bis Ende freiwillig anzusehen und anzuhören.

 

Mir tun die Augen momentan bei etwas ganz anderem weh – und zwar beim Anschauen neuester Formen der Rechtschreibung. Da wird der deutschen Sprache wirklich etwas angetan, wie ich finde. Gleichberechtigung hin, Gleichberechtigung her, aber bei Betrachtung dessen, was „geschlechtergerechte Sprache“ sein soll, da kann ich nur noch den Kopf schütteln. Texte lassen sich überhaupt nicht mehr fließend lesen, wenn man ständig über Gender-Sternchen, Unterstriche, Auslassungsstriche und eigenwillige Wortkreationen wie „Menschin“ oder „jefraud“ (anstelle jemand) stolpert und Sachen wie „ein*e Beamt*er*in“ lesen muss. Darauf kann ich bestens verzichten. Anstatt geschlechtergerechter Sprache halte ich – solange man mit Sternchen kein Brot und keine Milch kaufen kann – geschlechtergerechte Bezahlung und Jobvergabe für wesentlich wichtiger.

 

Höchste Zeit, dass da mal wirklich was passiert und ein Profi sich drum kümmert... von mir aus, wenn's denn unbedingt sein muss, zur Not auch eine „Profine“.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Alles, was recht ist          11.05.2019

 

Seit fünfzehn Jahren (ja, ich habe genau nachgezählt, es sind wirklich so viele!) bin ich nun schon nebenberuflich als Kolumnistin für die OZ tätig. In dieser Zeit habe ich viel gelernt. Zum Beispiel, näher hinzuschauen und Dinge zu hinterfragen. Schließlich soll alles, von dem ich Ihnen erzähle und berichte, Hand und Fuß haben. Gut, die hat ein Bär, den ich Ihnen eventuell aufbinden könnte, in gewissem Sinne auch. Aber ich bin nun mal ein wahrheitsliebender Mensch und einer, der auf Gerechtigkeit sehr viel Wert legt. Gut möglich, dass das der Grund ist, warum ich hauptberuflich in den Diensten der Justiz stehe.

 

Doch als ich vor nunmehr fast neununddreißig Jahren meinen Dienst bei einer Frankfurter Gerichtsbehörde antrat, wurde ich ziemlich schnell mit der Realität konfrontiert. Nur schwer konnte ich mich damit abfinden, dass es Höchststrafen gibt, die nach meinem Gerechtigkeitsempfinden noch lange nicht hoch genug sind. Und warum in der deutschen Rechtsprechung „lebenslang“ nur fünfzehn Jahre Freiheitsstrafe und nicht wirklich ein ganzes Leben lang hinter Gittern zu bedeuten hat, das habe ich offengestanden bis heute immer noch nicht so recht verstanden.

 

Es gibt aber etwas, das ich mir fast genauso wenig erklären kann. Und wenn Justitia nicht ohnehin schon eine Augenbinde tragen würde, bin ich mir sicher, sie würde sich mit Blick auf solche Absurditäten ganz gewiss eine zulegen. Die Richterinnen und Richter, die sich in so manchem Lappalien-Fall nicht nur die Akte, sondern auch den wutentbrannten Kläger nebst des mindestens genauso echauffierten Beklagten in einer öffentlichen Verhandlung anschauen müssen, können dies leider nicht. Sie müssen Recht sprechen bezüglich einer streitigen Summe von sage und schreibe 2,50 Euro oder wegen eines dreißig Zentimeter langen Magnolienzweiges, der über den Zaun wuchs und den der beklagte Nachbar in unverschämter Manier, so wie der Kläger behauptet, mitten in dunkler Nacht so mir nichts dir nichts (und zu allem Überfluss auch noch absolut unfachmännisch!) abgeschnitten haben soll.

 

Auch wegen des Deutschen liebstem Garten-Mitbewohner, dem Gartenzwerg, werden nicht selten die Gerichte bemüht. Die entschieden einst, dass jede Gartenbesitzerin und jeder Gartenbesitzer so vielen Zwergen wie gewünscht auf ihrem Grundstück Heimat gewähren darf, auch wenn der Anblick der Vielzahl von dreihundert Zwergen dem Nachbarn sehr missfällt und weit davon entfernt ist, seinen ästhetischen Ansprüchen gerecht zu werden. Das Aufstellen von sogenannten „Frustzwergen“, die dem Nachbarn den blanken Po und obendrein auch noch den „Stinkefinger“ zeigen, erfüllt allerdings den Tatbestand der groben Beleidigung und wird vom Gesetzgeber nicht gebilligt.

 

Bezüglich Oskar, des fast ein Meter großen Gartenzwerges unserer lieben Nachbarin, ist es aber genau andersherum. Der lächelt mich jeden Morgen, wenn ich das Haus verlasse, aus dem schönen Nachbargarten an und wünscht mir einen guten Tag. Außerdem ist er Fenjas Freund. Sollte er also aus unerfindlichen Gründen irgendwann einmal verschwinden, sähe ich mich zu meinem Bedauern leider gezwungen, rechtlich dagegen vorzugehen und eine Anzeige wegen Entführung zu erstatten.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Zurück in die Zukunft          27.04.2019

 

Auf manche Dinge, die es früher gab, kann man heutzutage sehr gut verzichten. Auf Eisblumen am Fenster oder qualmende Ölöfen im Wohnzimmer, ganz zu schweigen von übelriechenden Donnerbalken-WCs außerhalb des Hauses. Auch den luftgepolsterten Bademützen mit Gummigurt am Kinn trauert niemand so wirklich nach, ebenso wie den Wärmflaschen aus Metall oder den Rückenschmerzen, die die Hausfrau bekam, wenn sie stundenlang am Waschbrett schrubben musste.

 

Nein, heute mögen wir es moderner. Wir haben Fußbodenheizungen, Waschmaschinen, Badezimmer mit jedem nur erdenklichen Komfort, gigantische LED-Fernseher und super isolierte Häuser, in denen sich sämtliche Gerätschaften aus kilometerweiter Entfernung kontrollieren und steuern lassen. Sogar sehr gesprächige Gesellschaft können wir uns ins Haus holen. Wenn uns langweilig ist, dann bestellen wir einfach Alexa. Was, liebe Leserinnen und Leser, Sie kennen Alexa nicht?

 

Nein, das ist keine Dame vom Escort-Service und schon gar nicht von dem Gewerbe, das man in geometrischer Umschreibung auch gerne als das Horizontale bezeichnet. Alexa ist ein internetbasiertes Gerät, das aussieht wie ein kleiner Tischmülleimer, der sprechen kann. Auf so gut wie jede Frage, die man ihr stellt, hat Alexa eine Antwort. Sie spricht alle Sprachen, kennt sämtliche Geigen- und Klavierkonzerte, die es gibt und sie erzählt ohne Unterlass Witze, wenn man sie darum bittet. Außerdem kennt sie alle Kochrezepte und binomischen Formeln, weiß bestens über Einsteins Relativitätstheorie Bescheid und sogar jodeln kann sie. Und wenn man insgeheim schon immer bedauert hat, dass man dermaßen bedeutungslos ist, dass kein Geheimdienst der Welt sich auch nur im Geringsten für einen interessiert, dann kann Alexa, wie kürzlich bekannt wurde, einen sogar unaufgefordert heimlich abhören.

 

Manchmal sieht der Mensch allerdings auch ein, dass er der Moderne geschuldet etwas abgeschafft hat, was er besser behalten hätte. So wie beim Plattenspieler beispielsweise, der wieder fleißig gekauft wird und der uns durch manches leise Knacken beim Abspielen alter LP's daran erinnert, dass etwas, das perfekt ist, nicht immer auch schön sein muss. Ebenso bezüglich des Buches, des guten alten Buches, das nach Papier und Druckerschwärze duftet und in dem man blättern kann, scheint sich zum Glück eine Wende abzuzeichnen. Auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse freute man sich über einen Besucherrekord und zum ersten Mal seit sechs Jahren meldeten die Marktforscher, dass im Jahr 2018 wieder mehr Bücher gekauft wurden – eine gute Nachricht für alle Papierbuch-Leseratten wie mich.

 

Ja, denn in gewissen Bereichen bin ich sehr gerne altmodisch. Was jedoch keinesfalls zu bedeuten hat, dass ich mich allem Neuen und Modernen verschließe. So eine Alexa, die kommt mir allerdings ganz bestimmt nicht ins Haus. Zwei weibliche Stimmen, die meinem Mann Ratschläge und Spezialauskünfte geben, reichen meiner Meinung nach nämlich vollkommen: Die von Tante Navia aus dem Navigationsgerät im Auto und die seiner Gattin – und wenn Letztere sich richtig anstrengt, kann sie dem Göttergatten ihre Meinung nicht nur geigen, sondern, falls ihm das lieber sein sollte, auch ziemlich gut jodeln...

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Summ summ summ          13.04.2019

 

(siehe Fenjas Kolumnen)

 

 

 

 

Ein Reiherchen rupfen          30.03.2019

 

Ach, was ist es doch für eine Freude, im beginnenden Frühling durch den Garten zu gehen – in jeder Ecke gibt es was zu bestaunen! Das Lungenkraut ist fleißig mit Blühen beschäftigt, die kleinen Primeln strecken neugierig ihre Blüten der Sonne entgegen und den Blütenansatz des Hasenglöckchens kann man auch schon deutlich erkennen. Hinzu kommt noch eine wunderbare Überraschung: Im Steingarten finden sich mehrere Büschel verschiedenfarbiger Hornveilchen, die sich im letzten Jahr wohl selbst dort ausgesät haben.

 

Auch Fenja wird staunen, wenn sie am Wochenende kommt, denn in ihrem kleinen Blumenbeet unter dem Schmetterlingsstrauch leuchten einem schon von Weitem pinkfarbene Blüten entgegen. Und was sie ebenfalls sehr freuen wird, das sind die ansehnlichen Triebe der Pfefferminze, die sie so gern abpflückt, um ihrem Schäfchen, ihrem Bär und Oma und Opa auf dem Puppengeschirr leckeren Tee zu servieren.

 

Ja, alles grünt und blüht, denn der Frühling lässt sein blaues Band wieder unermüdlich durch Wald, Wiesen, Flur und Gärten flattern. Auch an unserem kleinen Gartenteich tut sich so einiges. Die Sumpfdotterblumen sprießen und die Vögel nutzen die kleinen Mulden im Bachlauf als Badewanne. Das tun sie so ausgiebig, dass jede Menge Wassertropfen in den Teich prasseln und wie in jedem Jahr von den Fischen mit Futter verwechselt werden. Einer nach dem anderen traut sich neugierig (und vermutlich auch hungrig) aus seinem Winterquartier am Grund des Teiches nach oben und Fenja, selbsternannte Fischbeauftragte und hauptamtlich zuständig für deren gute und vor allen Dingen reichliche Ernährung, hat die Fische bei ihrem letzten Besuch schon ordentlich mit Futter versorgt, denn von Wasser, da hat sie absolut recht, kann nun wirklich kein Fisch satt werden.

 

In und am Teich gibt es aber außer den Fischen und Vögeln noch eine Menge anderer Tiere zu sehen. Teichmolche mit orangefarbenen Bäuchen zum Beispiel und wunderschöne grüne, blaue und rote Libellen. Bienen, Schmetterlinge und Igel, die zum Trinken kommen und vor einigen Jahren hat uns sogar ein Entenpaar besucht und auf dem Teich ein paar Runden gedreht.

 

Doch als ich in der vergangenen Woche völlig arglos vom Küchenfenster aus einen Blick in den Garten warf, da traf mich fast der Schlag: Im Uferbereich des Teiches stand, den Blick starr auf die Wasseroberfläche gerichtet, ein Fischreiher! Dermaßen schnell hat man mich noch nie von der Küche ins Wohnzimmer laufen sehen. Ungestüm riss ich die Terrassentür auf, um den elenden Fischdieb zu verscheuchen. Der wandte seelenruhig seinen Kopf in meine Richtung, schaute mich an und schien zu denken: Was will die denn hier? Dann ging er etwas in die Knie und mit einem Ruck schwang er sich nach oben – vermutlich mit all unseren Fischen im Bauch!

 

Ich hätte heulen können. Kein einziger war mehr zu sehen. Auch am Abend und am darauffolgenden Morgen nicht. Doch welch ein Glück, wenn man schlaue Fische hat, die zwar Wassertropfen mit Futter verwechseln, aber wissen, wo sie sich im Notfall verstecken können: Mittags waren alle wieder da! Was allerdings nichts daran ändert, dass ich mit dem Fischreiher, sollte er sich nochmal blicken lassen, ein Reiherchen zu rupfen habe – welches, das wird er dann schon sehen...

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Schützen und schätzen          16.03.2019

 

Ich habe großes Glück – alle zwei Wochen darf ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser der OZ, meine Meinung sagen und zwischendrin kommt Deutschlands jüngste Kolumnistin Fenja auch noch zu Wort. Doch damit nicht genug. Auch in anderen Bereichen hindert mich niemand daran, gleich welche Menschen, die mit mir auf unserer arg malträtierten Erde leben, wissen zu lassen, was ich von ihnen halte und was mir so alles durch den Kopf geht.

 

Wenn mir der Sinn danach stünde, dann könnte ich zum Beispiel meinem speziellen „Freund“ Donald Trump jeden Tag einen langen Brief schreiben, in dem ich ihm mitteile, wie schrecklich ich nicht nur seine Frisur, sondern auch seine menschlichen Qualitäten finde und welche gravierenden Defizite mir bezüglich seines Charakters aufgefallen sind.

 

Doch mal davon abgesehen, dass ich wirklich Besseres und vor allen Dingen Sinnvolleres zu tun habe, als mich über das schüttere und grausig gefärbte Haupthaar dieses unbelehrbaren Egozentrikers auszulassen, muss ich nirgendwo mit meiner Meinung hinterm Berg halten. Sogar den türkischen Präsidenten könnte ich in ungeschönter Form wissen lassen, was ich von seiner Sicht auf Menschenrechte, Pressefreiheit und freie Meinungsäußerung halte. Das Einzige, mit dem ich dann rechnen müsste, wäre eine Festnahme bei versuchter Einreise in die Türkei. Aber ein Besuch dieses Landes wäre ohnehin ganz sicher so ziemlich das Allerletzte, das mir heutzutage in den Sinn käme.

 

Jederzeit steht es mir frei, beim Bürgermeister, beim Landrat und beim Ministerpräsidenten meine Meinung kundzutun – bis hinauf zu Bundeskanzlerin und Bundespräsident. Und solange ich mich meiner guten Manieren erinnere und nichts Beleidigendes oder Anstößiges meinen Äußerungen zu entnehmen ist, das zum Beispiel geeignet wäre, das zarte Seelengemüt von sensiblen AfD-Politiker/innen verletzen zu können, die nur unser Bestes wollen, es um Himmels Willen aber bitte niemals kriegen werden, solange kann ich schriftlich, telefonisch oder persönlich alles sagen, was ich will. Alles.

 

Denn, welch ein Glück – wir leben in einer Demokratie. Aus dem Altgriechischen übersetzt bedeutet dieser Begriff soviel wie „Herrschaft des Staatsvolkes“. 95,5 % der Weltbevölkerung ist dieses Glück leider nicht beschieden, denn laut Demokratieindex von 2016 leben – das stelle man sich mal vor – nur 4,5 % aller diese Erde bewohnenden Menschen in einer „vollständigen“ Demokratie wie der unseren.

 

Demokratie ist überaus wertvoll, denn sie bedeutet bis zu einem gewissen Maß Freiheit. Sie bedeutet aber auch, nicht bloß meckern zu dürfen über dies, das und jenes, sondern Verantwortung zu übernehmen und mitzuarbeiten. Wir leben in einer Demokratie, die am Leben gehalten werden will. Es gilt, sie zu schützen vor den Pfeilen, die in den letzten Jahren vermehrt aus weit rechts befindlichen braunen Sumpflöchern auf sie geschossen werden. Und, ganz wichtig – wir sollten sie nicht nur schützen, sondern auch schätzen. Ein jeder kann dazu sein Scherflein beitragen. Zum Beispiel dadurch, dass wir nicht alles kommentar- und tatenlos hinnehmen, sondern uns einmischen und Falsches beim Namen nennen. Nicht umsonst hat George Bernard Shaw schließlich gesagt: Demokratie ist ein Verfahren, das garantiert, dass wir nicht besser regiert werden, als wir es verdienen.

 

Ihre

Lilli U. Kreßner

 

 

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