Bei uns da unten

 

Sie, Sie, Sie und Sie auch – genaugenommen ist jeder Steuerzahler in unserem Land ein Arbeitgeber. Mag eigenartig klingen, ist aber so. Unsere Angestellten sitzen in der Bundesregierung und im Bundestag. Allein in Letzterem erwarten sage und schreibe 630 Abgeordnete ihr Gehalt pünktlich jeden Monat im Voraus auf ihren Konten. Und da sie in einem demokratischen Verfahren gewählt wurden, bin ich notgedrungen sogar mit der Bezahlung der 152 Abgeordneten der Gruppierung, deren Anfangsbuchstaben ich mit „Ausschließlich-für-Doofe“ interpretiere, einverstanden.

 

Mit Fug und Recht können wir Steuerzahler also von uns behaupten, Arbeitgeber zu sein. Gut, aus der Natur der Sache und der Länge der Legislaturperioden ergibt sich, dass die Dam- und Herrschaften quasi nur über Zeitarbeitsverträge verfügen. Nichtsdestotrotz entlohnen wir unsere Angestellten ausgesprochen gut und lassen ihnen wirklich jede Menge Freiraum und Möglichkeiten zur Entfaltung. Ja, sogar die Festlegung ihrer Gehälter überlassen wir ihnen. Und verlängerte Wochenenden durch freitägliches Nichterscheinen tolerieren wir ebenso wie das ein oder andere Nickerchen während so mancher (zugegeben sehr langweiligen) Plenarsitzung.

 

Was mir aber so ganz und gar nicht gefällt, ist der Umstand, dass viele unserer Angestellten auch ansonsten für meinen Geschmack etwas zu oft die Augen verschließen. Und zwar vor Missständen, für deren Behebung sie eigentlich zuständig wären. Mindestens genauso gravierend ist, dass viele dieser Leute, denen wir einen solchen Traumjob verschafft haben, im Laufe der Zeit anscheinend völlig vergessen, dass sie unsere Angestellten sind, die wir mit unserem sauer verdienten Steuergeld bezahlen.

 

Aber so ist das nun mal im Regierungs-Wolkenkuckucksheim – die kleine Frau und den kleinen Mann da unten verliert man von dort oben ganz schnell aus dem Blick und auch der Bezug zur Realität, der kann auf dem Weg nach oben auf der politischen Karriereleiter sehr leicht verloren gehen. Nach Meinung der meisten unserer Angestellten geht es dem Volk doch ziemlich gut und alles ist in Butter. Was allerdings ein Pfund davon kostet, das wissen sie nicht. Noch viel weniger Ahnung haben sie vom Preis einer Busfahrkarte oder dem Stundenlohn einer Putzfrau. Und was es für einen 50-Jährigen bedeutet, völlig schuldlos arbeitslos geworden zu sein, davon haben sie nicht die Spur einer Ahnung. Ebenso wenig können sie sich eine Vorstellung davon machen, dass es so mancher alleinerziehenden Pflegekraft an Kraft fehlt, nach ihrem 8-Stunden-Dienst (die Zeit fürs frühmorgendliche Zeitungsaustragen nicht mitgerechnet) noch ein warmes Abendessen für ihre Kinder aus dem Hut zu zaubern.

 

So, und deshalb plädiere ich dafür, dass Minister- und Abgeordneten-Praktika eingeführt werden, damit unsere Angestellten sich mal ein Bild davon machen können, wie es sich auf dem Boden der Tatsachen so steht. Konkrete Vorschläge habe ich auch schon: Der Verkehrsminister darf vier Wochen lang einer der Teertruppen, die für die Asphaltierung unserer Autobahnen zuständig ist, tatkräftig unter die verschwitzten Arme greifen und unser Innenminister kann sich einen Monat lang auf der Inneren der Uniklinik Frankfurt mal hautnah ein Bild davon machen, wie es im Inneren überarbeiteter Pflegekräfte (und bei der Gelegenheit auch im Inneren der Bettpfannen, mit denen sie tagtäglich hantieren müssen) tatsächlich aussieht.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

 

Ali Gator hat Probleme

 

Probleme sind wie Schnupfen oder Husten. Jeder Mensch hat sie schon mal gehabt, schlägt sich momentan mit ihnen herum oder wird in Zukunft höchstwahrscheinlich welche haben. „Alles Leben ist Problemlösen“ meinte schon der Philosoph Karl Popper, der, wenn man die Sache näher betrachtet, absolut recht hat, denn es vergeht so gut wie kein Tag, an dem man nicht mit irgendeinem Problem konfrontiert wird.

 

Betrachtet man aber den Suchverlauf der größten Internet-Suchmaschine, lässt sich feststellen, dass in puncto Problemen die Gesundheit nicht im Vordergrund steht. Nein, erst ganz weit unten tauchen der Stuhlgang und die Galle auf. In der Top Ten der Problembereiter sind hingegen diverse Mobilfunkanbieter und ihre Internetprobleme zu finden. Kann man ja auch irgendwie nachvollziehen. Besonders die Menschen mit überaus großem Mitteilungsbedürfnis, von denen es unglaublich viele zu geben scheint, können einem echt leidtun, denn sie sind ohne Internetzugang vollkommen aufgeschmissen.

 

Ach, es ist ja auch wirklich schlimm. Nicht unbedingt in erster Linie der gesundheitliche Zustand, aber der Umstand, dass Kevin M. alias „Ali Gator“ heute nicht ins Internet kommt und deshalb niemandem von seinen Problemen erzählen kann. Außer, er rafft sich in einer durchfallfreien Minute auf, geht rüber zum Nachbarn und teilt ihm mit zusammengekniffenen Pobacken mit, dass er echt arge Probleme nicht nur mit dem Internet, sondern auch mit seinem Stuhlgang hat. Dann weiß es allerdings nur ein Einziger und das lohnt sich ja nun wirklich nicht. Und ob der ihm zum Trost von weinenden Einhörnern und Herzchen umrahmte Mitleidsbekundungen zuteil werden lässt, darf bezweifelt werden.

 

Ach ja, schon schlimm genug, wenn einen so ein echt krasser Durchfall heimgesucht hat. Aber noch viel schlimmer, dass man dann noch nicht einmal vom WC-Sitz aus all seine Internetbekanntschaften darüber informieren kann, dass man mit seinen Nerven am Ende ist und kurz vorm Exodus steht. Was für eine Sch....!

 

Aber welch ein Glück, dass der Internetzugang wenigstens gestern noch funktioniert hat und „Ali Gator“ der Welt und allen Wissbegierigen die überaus wichtige Mitteilung machen konnte, dass er beim Friseur gewesen ist und neue Felgen für sein 200-PS-Schätzi gekauft hat. Vor allen Dingen aber, dass er die fünfundzwanzig Bilder hochladen konnte, die ihn und seine Kumpel „Armer Ritter“, „Null Problemo“ und „Alf A. Romeo“ dabei zeigen, wie sie sich im All-you-can-eat-Fresstempel stundenlang die Bäuche vollschlagen... doch die leidige Tatsache, dass „Null Problemo“, wie sich herausstellte, als Einziger verschont blieb vom „Flotten Otto“, lässt „Ali Gator“ nun mit dem Gedanken an eine Änderung seines Nicknamens spielen... in „Alles Paletti“ oder so.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

 

 

 

Im Sturzflug

 

Ach, wie schön ist es doch, verliebt zu sein! Man schwebt im siebten Himmel, der voller Geigen hängt und voller rosaroter Brillen. Welch ein Glück! Vor lauter Freude könnte man unablässig von einer Wolke zur nächsten hüpfen, wäre da nicht die nagende Gewissheit, dass es sich nur noch um Sekunden handeln kann, bis man das Zeitliche wird segnen müssen. Doch nicht, weil der Hüpfsprung zur nächsten Wolke misslingt. Nein, ganz einfach deshalb, weil man sicher ist, die Marter der acht Stunden Wartezeit bis zum nächsten Wiedersehen mit dem geliebten Himmelswesen unmöglich überleben zu können.

 

Doch leider hat es sich in manchen Fällen recht schnell ausgeschwebt und eh man sich versieht, fällt man aus allen Wolken. Im Sturzflug gehts vom siebten Himmel in den sechsten, den fünften, den vierten, und irgendwann landet man dann unsanft auf der Erde. Mit erheblichen Kopfschmerzen - sind doch auch alle Geigen dank steigender Fallgeschwindigkeit mit Wucht auf dem ohnehin schon dröhnenden Schädel gelandet. Und als wenn das immer noch nicht genug der Pein wäre, macht es kurz darauf neben einem plumps... und wer sitzt da? Die angeblich bessere Hälfte, mit der man im Himmel die leider auch auf Erden gültige Ehe geschlossen hat und die einen nun ohne Unterlass mit rosaroten Brillen bewirft.

 

Solange es aber nur bei derlei Attacken bleibt, hat man immer noch Glück gehabt. Mit mehr oder minder großen Blessuren geht jeder seiner Wege und nimmt sich vor, beim nächsten Mal ein bisschen weniger anspruchsvoll zu sein und sein Glück anstatt mit flatterhaften Pseudo-Engeln mal mit jemand Bodenständigerem zu versuchen.

 

Zuweilen allerdings war das alles nur der Anfang vom sich in die Länge ziehenden Ende. Der Scheidungskrieg beginnt, und da wird schweres Geschütz in Stellung gebracht. Denn nicht mehr nur mit rosaroten Brillen und Schimpfwörtern wird um sich geworfen, nein, auch Nudelhölzer und gusseiserne Bratpfannen werden zu legitimen Kampfmitteln erklärt.

 

Das Schlimmste jedoch kommt noch: Die schon früher immer alles besser wissende Hälfte verlangt von der anderen Hälfte doch tatsächlich die Hälfte aller Besitztümer. Frechheit, als wenn man nicht schon genug damit zu tun hätte, sich mit den Hälften seines gebrochenen Herzens zu beschäftigen!

 

Aber so ist das nun mal: Es muss geteilt werden, auch wenn das einstmals als Sechser im Ehe-Lotto empfundene Himmelsgeschöpf sich auf Erden als blaues Wunder aus der Ehe-Überraschungstüte entpuppt. Da heißt es dann nicht mehr nur: Gib mir mein Herz zurück! Nein, auf profane Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs wird gesetzlich begründeter Anspruch erhoben – zumindest zur Hälfte.

 

Gesetz ist Gesetz, dachte sich deshalb auch eine immer schon gern alles wörtlich nehmende Ex-Ehefrau und beschloss, rechtmäßig zu handeln. Kurzerhand stellte sie, nachdem sie das Scheidungsurteil gelesen hatte, die nur noch zweirädrige Familienkarosse vor der neuen Liebesnest-Wohnstatt ihres ehemaligen Gatten ab – in der Mitte durchtrennt und versehen mit der Aufschrift: Hier hast du deine Hälfte!... ob es sich dabei allerdings um die bessere gehandelt hat, das mag – ebenfalls völlig zu Recht – bezweifelt werden.

 

Lilli U. Kreßner