Alles gut mit Aluhut          23.05.2020

 

Unser ganzes Leben lang sind wir gezwungen, Entscheidungen zu treffen. Schon am frühen Morgen fängt es an. Da muss zum Beispiel die Dame des Hauses, nachdem sie wahlweise mit dem rechten oder linken Bein aufgestanden ist, entscheiden, in welche Stoffe sie an diesem Tag ihren Körper zu hüllen gedenkt – mittlerweile auch, was einen bestimmten Bereich ihres Gesichtes anbelangt.

 

Gut, ich weiß, er ist nicht sonderlich kleidsam, aber was diesen so genannten Mund- und Nasenschutz betrifft, habe ich mich entschlossen, ihn aufgrund seiner Notwendigkeit zu akzeptieren. Denn, was so mancher Masken verweigernde Zeitgenosse, der bei Demonstrationen Sätze wie „Ich habe ein Recht darauf, mich mit dem Coronavirus zu infizieren!“ von sich gibt, anscheinend immer noch nicht kapiert hat: Hier geht es nicht um den eigenen Schutz, sondern um den der Mitmenschen.

 

Solche Äußerungen machen mich, die ich für gewöhnlich nicht verlegen bin, meinen Kommentarsenf dazuzugeben, echt sprachlos. Aber nicht nur die Sprache, sondern obendrein auch noch die Spucke blieb mir weg, als ich von Leuten hörte, die nicht auf Maskenschutz, dafür aber auf eine ganz spezielle Art von Kopfbedeckung großen Wert legen. Da muss es nämlich, wie auf einigen der so genannten „Hygiene-Demos“ zu sehen war, ein aus mehreren Lagen Alufolie gebastelter Hut sein, der angeblich vor unerwünschten Strahlungen der Regierung und Fernsteuerung durch Telepathie schützt.

 

Neugierig, wie ich bin, habe ich da mal ein bisschen nachgeforscht und herausgefunden, dass einige dieser Aluhut-Träger allen Ernstes überzeugt davon sind, dass die Erde hohl ist und ihr Inneres von Reptiloiden, einer überaus intelligenten Reptilienart, die unter angeborener Laktoseunverträglichkeit leidet, bewohnt ist. Nach Meinung der Aluhutisten steuern diese Echsenwesen, die die Gestalt von Menschen annehmen können, schon lange die Politik vieler Länder auf der Welt und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis sie sich die gesamte Menschheit untertan gemacht haben werden.

 

Harter Tobak, zu dem ich so einiges zu sagen hätte, jetzt, nachdem Sprache und Spucke wieder da sind. Aber da man sich ja nicht lustig über bedauernswerte, von Wahnvorstellungen gequälte kranke Leute machen soll, spare ich mir jetzt jeden Witz und schweige. Nein, ich denke mir meinen Teil. Sicherheitshalber wäre es aber vielleicht doch nicht so schlecht, wenn ich mir genau in Erinnerung rufe, wer aus meinem Umfeld unter einer Laktoseintoleranz leidet und eventuell zusätzlich auch noch unter schuppiger Haut.

 

Und Donald Trump, den muss ich mir unbedingt auch nochmal genauer anschauen. Na ja, Schuppen und alle möglichen Unverträglichkeiten mag er ja vielleicht haben, aber ich glaube, da müssen wir uns keine Sorgen machen... denn jahrelang tritt er nun schon tagtäglich den Beweis an, dass in seinem Fall von „überaus intelligent“ ja wirklich noch nicht einmal im Ansatz die Rede sein kann.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Muttis Jungs          09.05.2020

 

Als Mutter hat man es nicht leicht und als Mutti der Republik schon gar nicht. Da muss man sechzehn unterschiedliche Charaktere in Schach halten und das kann sich für Mutti Merkel, wie unlängst zu beobachten war, als außerordentlich schwierig erweisen. Zudem ist das ministerpräsidiale Geschlechterverhältnis ziemlich unausgeglichen: Vierzehn Jungs und nur zwei Mädchen. Von Letzteren hört man kaum etwas. Nicht weiter verwunderlich, denn Manuela und Malu sind gut erzogen und zeigen nicht die geringsten Anzeichen von Aufmüpfigkeit.

 

Bedauerlicherweise kann man das von den Jungs jedoch nicht behaupten. Ein paar schwer erziehbare Rabauken sind darunter, die ganz schön über die Stränge schlagen und durch vorlaute und naseweise Bemerkungen auf sich aufmerksam machen. Mahnende Worte von Mutti richten da nicht viel aus, zumal sie in der Videokonferenz nur auf dem Bildschirm zu sehen ist und nicht vor versammelter Mannschaft mit mütterlicher Faust auf den Tisch hauen kann.

 

Und wenn es ihnen zu blöd wird, können die Jungs, wenn sie wollen, einfach den Stecker ziehen und wieder mit ihren Autos spielen. Dumm nur, dass die Firmen, die die Autos herstellen, derzeit nicht so viele fahrbare Untersätze produzieren und verkaufen können. Und auch wenn die schlauen Firmenchefs unglaublich viel Geld gehortet haben, müsste man sie trotzdem aus Muttis Familienkasse unterstützen, finden einige der Jungs. Denn die Chefs sind wichtige Leute, die man nicht verärgern darf und außerdem sind Autos nicht nur Spielzeug, sondern genaugenommen so was wie Lebensmittel.

 

Und wo wir gerade beim Spielen sind: Auch die männlichen Fußball-Bundesligisten, die müssen unbedingt wieder spielen, selbst wenn sie nur als Geister über den Rasen huschen. Hauptsache, sie stehen wieder auf dem Platz. Schließlich dient so ein Fußballspiel dem Abbau von überschüssiger Energie und außerdem ist mittlerweile der Videobeweis erbracht, dass Fußballspieler in der Spätpubertät auf die dümmsten Gedanken kommen, wenn man sie nicht spielen, sondern ohne erzieherischen Beistand, dafür aber mit Handykamera durch Bundesliga-Kabinen laufen und munter drauflos filmen lässt.

 

Doch die Mädchen, die sollen sich bloß nicht beschweren. Schließlich hat man extra für sie die Friseurläden wieder öffnen lassen und den größtenteils weiblichen Verkäufern und Kassierern sogar angeboten, dass sie auch sonntags arbeiten dürfen. Und dafür, dass es schon vorher bei Weitem nicht genug Kita-Plätze und Krankenschwestern gab, da können die Jungs nun wirklich nichts – das ist schließlich schon immer Mädchensache gewesen.

 

Aber morgen, am Muttertag, da sollte Mutti in Berlin mal in sich gehen. Einen ganzen Tag lang hat sie dann Zeit, ohne von ihrer ministerpräsidialen Rasselbande genervt zu werden, sich Gedanken über ihren autoritären Erziehungsstil und darüber zu machen, wann sie denn endlich mal die Zeit findet, in München einen Besuch abzustatten... Familienbesuche sind in Bayern nämlich wieder erlaubt und nach der Absage des diesjährigen Oktoberfestes braucht Markus, ihr bayrischer Bub, ganz dringend Muttis persönlichen Trost.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Baumeln          25.04.2020

 

Mittlerweile hat sich wohl überall herumgesprochen, dass Englands Thronprinz Charles ein großer Naturfreund ist, der gerne und ausgiebig mit seinen Pflanzen spricht. Seine zukünftigen Untertanen stehen dem jedoch etwas skeptisch gegenüber. Ganz im Gegensatz zu Popstar Katy Perry, die kürzlich sogar verlauten ließ, dass sie sehr gerne einmal für die prinzlichen Pflanzen singen würde. Ebenso wie die königliche Hoheit scheint sie nämlich davon überzeugt zu sein, dass freundliche und liebevolle Worte oder Gesänge für das Wachsen und Gedeihen sowohl kleiner als auch großer Pflanzen ausgesprochen förderlich sind.

 

Am heutigen Welttag des Baumes ist es daher durchaus angebracht, sich mal ein paar Gedanken zu machen. Vor allem unter dem Aspekt, dass Naturforscher es nach jahrelangen Beobachtungen mittlerweile für erwiesen halten, dass Bäume zwar keiner Sprache, wie wir sie kennen, mächtig sind, aber trotzdem untereinander kommunizieren können. Unter anderem stellte sich zum Erstaunen der Forscher zum Beispiel heraus, dass eine Buche, die von Schädlingen befallen ist, an ihre Artgenossen in der Umgebung eine bestimmte Duftbotschaft sendet, um sie zu warnen und dazu zu veranlassen, Abwehrstoffe in ihrer Rinde zu bilden, damit sie nicht das gleiche Schicksal erleiden.

 

Bäume sind zudem anscheinend sehr sozial eingestellt. Hört sich komisch an, ist aber so. Denn es wurde festgestellt, dass die umliegenden Bäume einen unter Nährstoffmangel leidenden Baum, auch wenn er nicht zur eigenen Art gehört, unterstützen. Über ihre Wurzeln und ein Pilzgeflecht im Boden versorgen umstehende Birken dann beispielsweise eine Tanne mit den notwendigen Nährstoffen. So mancher Mensch könnte sich hieran ein Beispiel nehmen. Und auch daran, wie Bäume sich verhalten, wenn sie sehr eng beieinander stehen. Nur dünne Äste wachsen vorsichtig in Richtung des Artgenossen, dafür nach außen umso mehr. Ebenfalls ein sehr lehrreiches Vorbild für Vertreter der menschlichen Ellbogen-Gattung.

 

Ja, Bäume sind so viel mehr als nur Schattenspender und Sauerstofflieferanten. Ein Spaziergang durch den Wald ist eine kleine Kur für stressgeplagte Menschen. Die Sorgen werden von Vogelgezwitscher und Blätterrascheln übertönt, der Blutdruck sinkt, die Stimmung hellt sich auf und man kann im wahrsten Sinne des Wortes die Seele baumeln lassen.

 

Da bleibt mir nur zu sagen: Tausend Dank, all ihr Bäume auf der ganzen Welt - wie schön, dass es euch gibt! Stellvertretend für euch alle bekommt der Ahornbaum in unserem Garten deshalb an eurem heutigen Ehrentag zwei große Extrakannen Wasser und jede Menge lieber Worte von mir – nur vom Singen eines Ständchens, da will ich doch lieber Abstand nehmen. Denn erstens heiße ich nicht Katy Perry und zweitens möchte ich vermeiden, dass der arme Baum bei dem Gejaule all seine hübschen kleinen Blätter, die ihm gerade erst gewachsen sind, vor lauter Schreck verliert.

 

Aber auch an Sie, liebe Leserinnen und Leser, möchte ich heute noch ein paar liebe Worte richten: Passen Sie gut auf sich auf, bleiben Sie gesund und lassen Sie Ihre Seele so oft wie möglich zwischen Bäumen baumeln...

 

Ihre Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Der Sommerhase          11.04.2020

 

(siehe Fenjas Kolumnen)

 

 

 

 

Ein großer Löffel Hoffnung          28.03.2020

 

Für niemanden, sei er nun alt oder jung, arm oder reich, gibt es eine Seitengasse, in die wir uns noch schnell verdrücken könnten. Nein, wir müssen jetzt da durch, ob wir wollen oder nicht. Und mit dem unsichtbaren und gefährlichen Gegner namens Sars-CoV-2-Virus werden wir wohl noch einige Zeit gezwungen sein, zu leben. Die Betonung liegt – fett gedruckt und unterstrichen – auf „leben“. Denn zwar gibt es mittlerweile Menschen, die den Kampf gegen diesen Gegner leider verloren haben und es werden ihm unweigerlich auch noch weitere zum Opfer fallen. Aber – und das ist viel mehr als nur ein Strohhalm, an dem wir uns festhalten können: Laut Robert-Koch-Institut gewinnen derzeit 99,5 % aller Infizierten in Deutschland den Kampf gegen dieses Virus.

 

Hinzu kommt aber auch, dass viele Menschen sich momentan um Gesundheit und Einkommen gleichermaßen sorgen. Doch diesbezüglich gibt es ebenfalls Hoffnung: Der Staat, an den wir immer brav und reichlich Steuern gezahlt haben, hat versprochen, dass er jedem Bedürftigen unbürokratisch Hilfe leisten wird. Und auch untereinander können wir uns helfen. Sei es durch Hilfsangebote, tröstende Telefonate, das Erledigen von Besorgungen, freundliche Worte über den Gartenzaun sowie den Kauf von Gutscheinen einheimischer Geschäfte oder die Online-Bestellung bei der Buchhandlung.

 

Ein Hoffnungselixier gibt’s da leider nicht im Bestellregister. Nein, Hoffnung muss man sich selbst machen. Vielleicht dadurch, dass man sich mal genau betrachtet, was es im eigenen Leben doch immer noch unglaublich viel Positives gibt. Und indem man sich die Worte von Udo Lindenberg zu Herzen nimmt, der kürzlich in seiner unverwechselbaren Art so treffend bemerkte: "Die Welt is voll am Arsch und wir mittendrin. Aber durchhängen is nich. unser Kumpel Hoffnung is ja auch noch da und trägt uns durch die schweren Zeiten."

 

Niemand kann im Augenblick sagen, wie lange es noch dauern wird, bis wir unser gewohntes Leben wieder aufnehmen können. Aber der Zeitpunkt wird kommen. Ja, es wird weitergehen. Hoffentlich aber ein wenig langsamer, bewusster, mit mehr Achtung vor dem Leben und mehr Dankbarkeit für jeden neuen geschenkten Tag. Und mehr Achtung und auch finanziell demonstrierter Dankbarkeit für alle unsere Mitmenschen, die im Gesundheitswesen und Dienstleistungsgewerbe arbeiten. Wenn sie dichtmachen, dann können wir nämlich einpacken – im wahrsten Sinne des Wortes.

 

Bleiben Sie gesund und nach Möglichkeit zu Hause, liebe Leserinnen und Leser, halten Sie Abstand und denken Sie daran, dass man nicht nebeneinander stehen muss, um zueinander zu stehen. Und pflegen Sie das Hoffnungspflänzchen. Geben Sie ihm genug zu trinken, ein wenig Dünger vielleicht und gehen Sie mit ihm so oft wie möglich raus in die Sonne.

 

Von Herzen wünsche ich Ihnen, dass Ihr Pflänzchen wächst und gedeiht und Sie auf allen Wegen und Gedankengängen treu begleiten möge... und denken Sie immer daran: Die Hoffnung ist der große Löffel Honig im manchmal bitteren Tee des Lebens.

 

Ihre Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

German Zuversicht“          14.03.2020

 

Dumme Sprüche gibt es ja zuhauf. Einer der dümmsten Reim-dich-oder-ich-beiß-dich-Sprüche: Keine Panik auf der Titanic. Am 14. April 1912 ist das Passagierschiff, das diesen Namen trug, nach der Kollision mit einem Eisberg untergegangen. Und da muss man sich doch die berechtigte Frage stellen, ob die absolut begründete Todesangst von 2200 Menschen nicht sehr wohl ein äußerst triftiger Grund gewesen ist, in Panik zu geraten. Vor allem, wenn man bedenkt, dass 1514 von ihnen, also fast 69 Prozent der Passagiere, schlussendlich dann auch wirklich sterben mussten.

 

Zwar nicht direkt von Panik, aber von der für Deutsche bei schwerwiegenderen Anlässen angeblich so charakteristischen „German Angst“ war im Ausland lange Zeit die Rede. Mag ein bisschen was Wahres dran sein. Aber wir haben, wie ich finde, dazugelernt und wissen mittlerweile, dass Angst ein denkbar schlechter Ratgeber ist. Und weil wir inzwischen auch gelernt haben, dass es ganz häufig das Unbekannte ist, das am meisten Angst macht, informieren sich viele von uns und hinterfragen die Dinge. Und da – seien sie auch noch so oft und nicht immer zu Unrecht an den Pranger gestellt worden – leisten uns die Medienwelt und das Internet wertvolle Hilfe, solange wir uns dort seriöser Quellen bedienen und auf den Rat erwiesener Spezialisten hören.

 

Und deshalb habe ich keine Angst vor diesem Corona-Virus. Ich habe großen Respekt und befolge die Ratschläge der Experten, aber Angst habe ich keine. Außerdem war ich schon immer der Meinung, dass es verschwendete Energie ist, sich Sorgen zu machen wegen etwas, das vielleicht nie eintreten wird. Und wenn wegen der Ansteckungsgefahr Schulen geschlossen werden, Messen nicht stattfinden und Sportveranstaltungen abgesagt werden müssen, dann geschieht das ausschließlich zu unserem Schutz und nicht, weil uns jemand mal so richtig ärgern will.

 

Den mit Abstand größten Respekt habe ich allerdings nicht vor dem Virus, sondern vor all den Menschen, die Tag und Nacht mit viel Herzblut im Gesundheitsbereich arbeiten und einen großen Anteil daran tragen, dass ich mich im wahrsten Sinne des Wortes beschützt fühlen darf. Im Fall der Fälle werden sie für jeden Erkrankten absolut alles tun, was in ihrer Macht steht – und das, obwohl ihre aufopferungsvolle und unermüdliche Arbeit noch lange nicht so wertgeschätzt wird, wie sie es eigentlich verdient.

 

Ja, ich weiß: Wir müssen uns auf teils gravierende Veränderungen einstellen. Die ganze Welt wird sich ein Stück weit verändern, wie immer, wenn etwas sie ins Wanken gebracht hat, aber untergehen wird sie nicht. Womit wir wieder bei der Titanic wären. Die ist mit einem Haufen Toilettenpapier an Bord untergegangen und niemand konnte das verhindern. Unsere Chancen stehen jedoch ganz gut, dass wir überleben werden... ob uns 150 Rollen Toilettenpapier dabei behilflich sein können, das möchte ich allerdings doch sehr bezweifeln.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Batman kann das          29.02.2020

 

Rotkäppchen, Tiger, Biene Maja oder Feuerwehrmann: Fasching ist für Kinder eine freudig erwartete und willkommene Gelegenheit, sich zu verwandeln. Schon Wochen vorher wird hin und her überlegt, als was man sich diesjährig denn verkleiden könnte. Hübsch soll das Kostüm sein und praxistauglich obendrein. Also scheidet der Elefant schon mal aus, denn mit dem hat man im vergangenen Jahr bei der Kinderfasching-Polonäse die kleine Hexe vor einem ziemlich verärgert, weil man ihr ganz ohne Absicht mit dem Rüssel ständig den Hut vom Kopf geschubst hat. Und da sein Polonäsen-Hintermann mit seinen Tigertatzen mehr als nur einmal auf seinem Drachenschwanz stand, kam der kleine Drache nach reiflicher Überlegung zu dem Entschluss, sich in diesem Jahr als Rennfahrer zu verkleiden.

 

Sehr zum Leidwesen vieler Kinder und Eltern schob ein Erfurter Kindergarten dem Ganzen in diesem Jahr jedoch einen Riegel vor: Sowohl am vergangenen Rosenmontag wie auch am Faschingsdienstag durften die Kinder nicht verkleidet in die Kita kommen. Trotzdem mitgebrachte Faschingskostüme, so teilte die Leitung mit, müssen ausgezogen werden, denn „man möchte die Kinder sensibilisieren, dass Stereotype, die durch Kostüme dargestellt werden, für die Betroffenen schmerzhaft und entwürdigend sein können“.

 

Wie bitte? Man möge mir bitte mal nachvollziehbar erklären, wieso ein Feuerwehrmann, der einem kleinen verkleideten Arbeitskollegen begegnet, schmerzhaft berührt sein und ein Gefühl der Entwürdigung empfinden sollte – von allen real existierenden Krankenschwestern, Bauarbeitern oder Prinzessinnen mal ganz abgesehen.

 

Doch leider ist die Entscheidung der Thüringer Kita kein Einzelfall. Auch in Cappeln, einer Gemeinde in Baden-Württemberg, ist die Karnevalsparty ersatzlos gestrichen worden. Laut Auskunft der Kita-Leitung, weil die Kinder „von der letztjährigen Karnevalsparty überfordert“ gewesen seien. Und ein Psychologe setzte dem Ganzen noch die (Prinzessinnen-)Krone auf, indem er erklärte, dass er derlei Entscheidungen sehr begrüße. Seiner Meinung nach sei nämlich das Verkleiden für die Kinder Stress und auch die Feier an sich reiße sie völlig aus ihrem gewohnten Tagesablauf.

 

Die armen Kinder! Na, da schaffen wir zur Stressreduktion doch gleich mal Weihnachten und alle Geburtstagsfeierlichkeiten ab und Klassenarbeiten sowieso. Und dem Psychologen schicken wir die Ergebnisse seiner renommierten Kollegen der Universität Pennsylvania, die im Rahmen ihrer Studien eine wertvolle Entdeckung gemacht haben: Tragen Mädchen oder Jungs auch außerhalb der Faschingszeiten hin und wieder mal Batman-Kostüme, sind sie nicht nur viel hilfsbereiter, toleranter und geduldiger, nein, sie legen auch wesentlich mehr Selbstvertrauen an den Tag – und aus meiner eigenen Erfahrung sei ergänzt: Mit Pippi-Langstrumpf-Kostümen funktioniert das ebenfalls ganz wunderbar.

 

Mein Ratschlag an die besagten Kita-Leitungen und den neunmalklugen Psychologen wäre also: Einfach mal zwei Gänge runter schalten, das ganzjährig getragene Besserwisser-Kostüm ausziehen und zur Beruhigung eine große schwedische Zuckerstange lutschen.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Ali Gator hat Probleme          15.02.2020

 

Probleme sind wie Schnupfen oder Husten. Jeder Mensch hat sie schon mal gehabt, schlägt sich momentan mit ihnen herum oder wird in Zukunft höchstwahrscheinlich welche haben. „Alles Leben ist Problemlösen“ meinte schon der Philosoph Karl Popper, der, wenn man die Sache näher betrachtet, absolut recht hat, denn es vergeht so gut wie kein Tag, an dem man nicht mit irgendeinem Problem konfrontiert wird.

 

Betrachtet man aber den Suchverlauf der größten Internet-Suchmaschine, lässt sich feststellen, dass in puncto Problemen die Gesundheit nicht im Vordergrund steht. Nein, erst ganz weit unten tauchen der Stuhlgang und die Galle auf. In der Top Ten der Problembereiter sind hingegen diverse Mobilfunkanbieter und ihre Internetprobleme zu finden. Kann man ja auch irgendwie nachvollziehen. Besonders die Menschen mit überaus großem Mitteilungsbedürfnis, von denen es unglaublich viele zu geben scheint, können einem echt leidtun, denn sie sind ohne Internetzugang vollkommen aufgeschmissen.

 

Ach, es ist ja auch wirklich schlimm. Nicht unbedingt in erster Linie der gesundheitliche Zustand, aber der Umstand, dass Kevin M. alias „Ali Gator“ heute nicht ins Internet kommt und deshalb niemandem von seinen Problemen erzählen kann. Außer, er rafft sich in einer durchfallfreien Minute auf, geht rüber zum Nachbarn und teilt ihm mit zusammengekniffenen Pobacken mit, dass er echt arge Probleme nicht nur mit dem Internet, sondern auch mit seinem Stuhlgang hat. Dann weiß es allerdings nur ein Einziger und das lohnt sich ja nun wirklich nicht. Und ob der ihm zum Trost von weinenden Einhörnern und Herzchen umrahmte Mitleidsbekundungen zuteil werden lässt, darf bezweifelt werden.

 

Ach ja, schon schlimm genug, wenn einen so ein echt krasser Durchfall heimgesucht hat. Aber noch viel schlimmer, dass man dann noch nicht einmal vom WC-Sitz aus all seine Internetbekanntschaften darüber informieren kann, dass man mit seinen Nerven am Ende ist und kurz vorm Exodus steht. Was für eine Sch....!

 

Aber welch ein Glück, dass der Internetzugang wenigstens gestern noch funktioniert hat und „Ali Gator“ der Welt und allen Wissbegierigen die überaus wichtige Mitteilung machen konnte, dass er beim Friseur gewesen ist und neue Felgen für sein 200-PS-Schätzi gekauft hat. Vor allen Dingen aber, dass er die fünfundzwanzig Bilder hochladen konnte, die ihn und seine Kumpel „Armer Ritter“, „Null Problemo“ und „Alf A. Romeo“ dabei zeigen, wie sie sich im All-you-can-eat-Fresstempel stundenlang die Bäuche vollschlagen...

... doch die leidige Tatsache, dass „Null Problemo“, wie sich herausstellte, als Einziger verschont blieb vom „Flotten Otto“, lässt „Ali Gator“ nun mit dem Gedanken an eine Änderung seines Nicknamens spielen... in „Alles Paletti“ oder so.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Gute Nacht          01.02.2020

 

Manchmal kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Plenarsaal des Deutschen Bundestages dringend einer Namensänderung bedarf. Betrachtet man sich nämlich so manche Sitzung, wäre die Bezeichnung „Schlafsaal“ um einiges treffender. Denn sind wir mal ehrlich: Manche unserer Volksvertreter kommen mir so vor, als würden sie einen Wettbewerb darin veranstalten, wer sich am überzeugendsten tot stellen kann. Und sind die Dam- beziehungsweise Herrschaften dann aus unerfindlichen Gründen doch mal wach geworden, dann stellen sich einem nicht selten die Haare zu Berge, wenn man ihnen zuhört.

 

Nehmen wir zum Beispiel mal unsere derzeitige Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner. In einer ihrer Wachphasen lobte die ehemalige deutsche Weinkönigin doch tatsächlich lautstark die Verbraucherfreundlichkeit eines sehr großen und sehr umstrittenen Nahrungsmittelkonzerns, der neben vielen weiteren Vorwürfen unter anderem zu Recht in der Kritik steht, weil er große Mengen Wasser in wasserarmen Regionen der Welt abgräbt und es anschließend zu horrenden Preisen verkauft. Da muss man sich doch wirklich fragen: Hat Frau Klöckner diese Geschehnisse alle verschlafen? Und liegt es womöglich auch am Dämmerschlaf, dass der Ministerin anscheinend völlig entgangen ist, dass man Fleisch nur zu einem Kilopreis von 4 Euro verkaufen kann, wenn die Natur unter Zuhilfenahme von Dünger und Massentierhaltung bis zum Kollaps ausgebeutet wird?

 

Vermutlich durch die Klimadebatte unsanft aus dem Schlaf geschreckt, hat Frau Klöckner nun kurzerhand verkündet, dass nicht mehr so viel gedüngt werden darf – und sieht zum Ausgleich geringerer Erträge der Bauern vorrangig die Verbraucher in der Pflicht. Die sollen ihrer Verlautbarung nach gefälligst weniger Geld für Smartphones und mehr Geld für Agrarprodukte ausgeben. Was der Ministerin, mal ganz nebenbei bemerkt, mit einem stattlichen Vater-Staat-Salär von über 16.000 Euro im Monat sicher nicht schwerfallen dürfte, ebenso wenig wie den Bundestagsabgeordneten, von denen jeder Einzelne im Monat über 10.000 Euro bezieht. Und da der Bundestag mit jeder Legislaturperiode mehr Abgeordnete bekommt, platzt er mittlerweile aus allen Nähten. Echt schade, denn leider lässt sich dadurch meine Einsparidee nicht mehr umsetzen. Matratzenhersteller weltweit hätten sich nämlich gewiss darum gerissen, durch ausgedehnte Belastungstests ihrer Produkte den Abgeordneten so manches angenehme Nickerchen im Plenarsaal zu ermöglichen und im Gegenzug für solch eine Superwerbung ordentlich was in die Staatskasse eingezahlt.

 

Ja, wirklich schade. So bleibt mir also leider nur noch übrig, für eine Kappung der Stromversorgung im Plenar-Schlaf-Saal zu plädieren. Das spart eine Menge Geld. Außerdem garantiert das Fehlen störender Lichtquellen auch im Sitzen einen besseren Schlaf und bessere Träume, in denen keine aufmüpfigen, auf Krawall gebürsteten Bürger mehr vorkommen. Und, wer weiß, vielleicht werden dem ein oder anderen auch noch wertvolle Erkenntnisse zuteil, ganz nach dem Motto: Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf... wollen wir deshalb in unserem eigenen Interesse hoffen, dass der liebe Gott bezüglich derer, die zu diesem erlauchten Kreis gehören, ab und zu außerhalb seiner Schlafenszeiten auch mal ein Auge zudrückt.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Es war einmal          18.01.2020

 

Schon als junge Frau war meine Tante nach Kanada ausgewandert, was für mich mit nicht unerheblichen Vorteilen verbunden war. Zum einen bekam ich in regelmäßigen Abständen Päckchen mit hierzulande unbekannten Süßigkeiten, Kleidern und Spielzeug und zum anderen, was mich als stolze Besitzerin eines Postkartenalbums über die Maßen erfreute, jeden Monat eine Ansichtskarte mit atemberaubenden Motiven: Wunderbare Landschaften, tiefblaue Seen, Bären, Wasserfälle und Wolkenkratzer – ungeahnt viele Dinge, die mich sehr beeindruckten.

 

Doch die Karte, die mir am besten gefiel und die ich hütete wie meinen Augapfel, hatten Tante Gerda und Onkel Ted mir nicht aus Kanada, sondern von einem Englandurlaub geschickt. Auf ihr war in seiner vollen Pracht der Buckingham-Palast in London nebst eines Porträts seiner Bewohnerin, der englischen Königin, abgebildet. Ich war schwer beeindruckt. Ach, welche Freude musste es sein, in diesem Palast zu leben, dachte ich mir, und welch ein Glück, eine Königin oder eine Prinzessin zu sein! Als Prinzessin musste man bestimmt nicht immer abtrocknen und sicher keine Mathe-Hausaufgaben machen, weil man nämlich das ganze Jahr über Ferien hatte. Außerdem musste man nicht ständig auf seine kleine Schwester aufpassen und sich von ihr an den Haaren ziehen lassen. Ohne Unterlass konnte man die schönsten Kleider tragen und Süßigkeiten gab es bestimmt auch bis zum Abwinken – mal ganz davon abgesehen, dass auf dem Essteller gewiss niemals auch nur die geringste Spur von so etwas Grässlichem wie Blumenkohl zu finden war. Tja, aber leider war ich nun mal keine Prinzessin, sondern nur ein ganz normales Mädchen mit jeder Menge Mathe-Hausaufgaben, das jeden Tag abtrocknen und auf seine Schwester aufpassen musste.

 

Aus heutiger Sicht kann ich allerdings nur sagen: Welch unermessliches Glück! Im Gegensatz zu mancher königlichen Hoheit ist es mir nämlich erlaubt, so unglaubliche Dinge zu tun wie Autotüren eigenhändig zu öffnen oder zu schließen, der Öffentlichkeit den Anblick meiner nackten Beine zuzumuten, die Rocklänge frei zu wählen und vor allen Dingen meine Meinung zu jedwedem Thema frei zu äußern. Ich muss keine Angst haben, dass ich auf Schritt und Tritt von allen Seiten einer peniblen Kontrolle unterzogen werde und sämtliche Klatschblätter rund um den Globus es in ihren Titelzeilen für vorrangig berichtenswert halten, wenn meine Wimperntusche tags zuvor mal nicht zu hundert Prozent da saß, wo sie sitzen sollte.

 

Deshalb haben die jungen englischen Royals Meghan und Harry mein vollstes Verständnis für ihren angekündigten Teilrückzug. Und mit Kanada haben sie sich genau den richtigen Rückzugsort ausgesucht. Ordentlich weit weg von der buckligen Verwandtschaft und aufdringlichen englischen Teleobjektiven. Ab und zu, da können sie der Oma in England ja mal 'ne schöne Postkarte schicken.

Und wenn sie nicht gestorben sind und man sie vor allen Dingen endlich mal in Ruhe gelassen hat, dann leben sie noch viele Jahrzehnte... glücklich, zufrieden und die Dame des fast bürgerlich anmutenden Hauses von mir aus auch gerne ohne Dünnstrumpfhose und mit verklebten Wimpern.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Glückskind          04.01.2020

 

Nicht umsonst heißt es: Glück lässt sich nicht erzwingen, aber es mag hartnäckige Menschen. Wohl unter anderem auch deshalb stehen nun seit Anbruch des neuen Jahres auf vielen Fensterbänken kleine Töpfchen, in denen der sogenannte Glücksklee sprießt. Und damit die Portion des gewünschten Glückes sich verdoppeln möge, hat es sich nicht selten noch ein kleiner Schornsteinfeger aus Pfeifenputzerdraht mitten im Klee gemütlich gemacht. In der Süßwarenabteilung so manchen Wohnzimmerschrankes finden sich zudem so einige rosa Glücksschweinchen aus Marzipan, vorausgesetzt, sie haben nicht sogleich nach Erhalt ihren Weg in menschliche Mägen gefunden, weil sie, wie wir aus eigener Erfahrung wissen, in angemessener Dosierung auch dem leiblichen Glücks- und Wohlbefinden zuträglich sind.

 

Und glücklicherweise brachte die stets gut gelaunte Briefträgerin am letzten Tag des vergangenen Jahres auch noch eine Karte, die die geballte Glücksladung verheißt: Ein auf einem Schwein durch eine Kleewiese voller Glückspilze reitender Schornsteinfeger mit einem Hufeisen am Hut und einem überdimensionalen Goldtaler in der Hand. Doch damit nicht genug: Zu alledem hat man in den letzten Tagen seit Anbruch des neuen Jahres von allen Seiten unzählige Male den wohlwollenden Wunsch vernommen, einem möge ein glückliches neues Jahr beschieden sein. Da kann doch jetzt wirklich nichts mehr schiefgehen, oder?

 

Na ja, wie man's nimmt. Denn der Volksmund besagt nicht nur, dass man Glück nicht erzwingen kann, sondern auch, dass jeder seines Glückes Schmied ist. Das ist jedoch leichter gesagt als getan. Denn was macht derjenige, der weder Amboss noch Hammer hat und auch nicht in der Lage ist, das dazu unbedingt notwendige Feuerchen zu machen? Soll der einen Uri-Geller-Kurs belegen, in dem er lernt, wie man aus einem Löffel ein Hufeisen formt? Ja, wäre doch aus Optimistensicht sicher gar keine so schlechte Idee. Und der, der meint, dass das Glück immer auf der anderen Seite der Brücke ist, der kann doch wirklich froh sein, dass er nicht rüber schwimmen muss, um das Glück mit nasser Hand beim Schopf zu fassen.

 

Aber egal, wie man es nimmt: Mit dem Glück ist das wirklich so eine Sache – beziehungsweise Ansichtssache. Nicht wenige, die welches haben, erkennen es manchmal gar nicht. Und andere wiederum, die verzweifelt auf der Suche nach ihm sind, finden es nicht. Und dann gibt es noch die, die erkennen ihr Glück – aber erst beim Blick zurück.

 

Mit der kreßnerianischen Erkenntnis, dass das Glück ein ewiger Wanderer ist, das Unglück zum Glück aber auch, wünsche ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, offene Augen und ein offenes Herz, damit Sie jedwedes Glück erkennen: Das, das ihr Begleiter ist – das, das Ihnen in unterschiedlichster Gestalt in diesem Jahr begegnen wird und schließlich jenes, das sich zwar gut versteckt hat, aber trotzdem von Ihnen gefunden wird... ganz einfach, weil Sie ein Glückskind sind.

 

Ihre Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Die schönsten Geschenke          21.12.2019

 

(siehe Fenjas Kolumnen)

 

 

 

 

Mit Grippe im Stall          07.12.2019

 

Ja, die Zeiten ändern sich. Das hat auch der Nikolaus nicht erst gestern, sondern wohl schon seit vielen Jahren zur Kenntnis nehmen müssen. Heutzutage kann er getrost darauf verzichten, mit seiner Rute in der Gegend herumzufuchteln, denn kein Kind lässt sich damit mehr in Angst und Schrecken versetzen. Vielmehr kann es passieren, dass der kleine Knirps, der da vor ihm steht, sein Handy zückt und von Nikolaus und Rute (also sozusagen von Täter und Tatwerkzeug) Fotos macht, mit denen er tags darauf zu Polizei, Jugendamt und Kinderschutzbund marschiert. Und auf die Frage „Na, bist du denn auch immer schön brav gewesen?“, muss Nikolaus damit rechnen, dass er Antworten bekommt wie „Das geht dich gar nichts an, Alter. Oder glaubst du, meine Eltern bezahlen dich dafür, dass du mir hier krass die Ohren voll laberst?“

 

Tja, früher, da war nicht nur mehr Lametta, sondern auch mehr Ehrfurcht. Aber wenn ich mich an die Nikolaustage meiner Kindheit erinnere, so sind diese Erinnerungen süß und bitter zugleich – zur Hälfte Vorfreude und zur Hälfte Angst. Und womit wir wieder mal beim Thema weibliche Wesen und das Beherrschen fahrbarer Untersätze wären: Schon im Hochsommer, als ich ganz ohne Absicht vom Pfad der Rechtschaffenheit abgekommen war und mit dem Kettcar meines Bruders die Blumen im Vorgarten unserer Nachbarin dem Erdboden gleichgemacht hatte, war Nikolaus der Erste, an den ich denken musste. Oh je, wenn er mir das jetzt als Boshaftigkeit auslegen würde, dann könnte ich mich im Dezember auf was gefasst machen! Drei Nächte lang konnte ich nicht schlafen, grübelte hin und her, hatte das Malheur dann aber wieder im Laufe der Sommerferien vergessen. Doch pünktlich Anfang Dezember fiel es mir siedend heiß wieder ein.

 

Fenja hat diesbezüglich zum Glück jedoch überhaupt keine Probleme. Sie glaubt fest an den Nikolaus, der in ihren Augen ein sehr alter, aber auch sehr lieber Mann ist, der kleine Kinder so sehr mag, dass er sich selbst bei schlechtestem Wetter auf den Weg macht, um ihnen Süßigkeiten und kleine Geschenke zu bringen. Von einer Rute hat sie noch nie etwas gehört – und das ist auch gut so. Heutzutage scheinen die Kleinen sowieso alles in modernerem Licht zu sehen. Die Beantwortung der Frage, warum Maria und Josef keine Unterkunft fanden und Jesus in einem Stall geboren wurde, fällt ihnen leicht: Ganz einfach, weil wegen der Weihnachtsferien alles ausgebucht war. Und Jesus, der arme kleine Kerl, der musste doch dann tatsächlich mit einer Grippe im Stall liegen und von ganz allein wieder gesund werden, weil alle Krankenhäuser und Ärzte ebenfalls Weihnachtsferien hatten. Ach, da haben wir es doch heute um einiges besser, mag man nun geneigt sein, spontan zu denken. Doch weil die zuständigen Gremien leider immer noch nicht begriffen haben, dass es in einem Krankenhaus einzig um das Wohl der Menschen und nicht um maximalen Profit gehen sollte, müssen werdende Alsfelder Eltern mittlerweile sehr weit über Land bis zum nächsten Krankenhaus mit Geburtsstation fahren... na ja, zum Glück kommen sie da ja wenigstens an dem ein oder anderen Stall vorbei.

 

Eine schöne, geruhsame Adventszeit wünscht Ihnen und allen werdenden Eltern

 

Ihre Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Kleiner Schlingel          23.11.2019

 

(siehe Fenjas Kolumnen)

 

 

 

 

Beobachterin          09.11.2019

 

Die Berufsziele meiner saarländischen Klassenkameradinnen standen schon früh fest: Sie wollten ihr Geld als Ballerina, Sängerin, Tierärztin oder Schauspielerin verdienen. Meine Entscheidung ging allerdings in eine ganz andere Richtung: Ich wollte unbedingt Beobachterin werden. Und obwohl von diesem Berufszweig kein Mensch jemals zuvor etwas gehört hatte, so stand doch für mich fest, dass ich zur Ausübung jenes von mir neu geschaffenen Berufsbildes prädestiniert war.

 

Meine ausgiebigen Berufsvorbereitungen stießen jedoch nicht immer auf Verständnis. Des Öfteren bekam ich deswegen sogar Ärger zu Hause, und meine Mutter – anstatt froh zu sein, dass ich mein Leben in die Hand nahm und mich tatkräftig um meine Zukunft kümmerte – schimpfte mit mir, weil ich ihrer Meinung nach zu oft in der Gegend „herum trödelte“. Dabei war ich doch völlig schuldlos. Mein nicht gerade kurzer Nachhauseweg von der Schule führte einfach an zu viel beobachtungswerten Dingen vorbei, an denen ich unmöglich vorbeigehen und so tun konnte, als hätte ich sie nicht gesehen.

 

Ach, die Welt, die aus meiner damaligen Sicht so gut wie keine Schönheitsfehler außer Blumenkohl, Stechmücken und Mathe-Klassenarbeiten hatte, war wirklich ein Wunder! Über unserer Erde konnte die Sonne scheinen oder sich Regen und weicher Schnee auf sie ergießen. Wunderschöne Pflanzen wuchsen auf ihr und sie wurde bevölkert von unzähligen Tieren. Das größte Wunder jedoch waren die Menschen, die auf ihr lebten. Keiner von ihnen war wie der andere. Allein auf dem Marktplatz konnte man sehen, wenn man sich umschaute, dass sie sich alle unterschieden: Durch ihr Alter, ihre Größe, ihre Haarfarbe, ihre Kleidung oder ihre Art zu sprechen.

 

Am interessantesten fand ich die Markttage. Da waren die meisten Leute unterwegs, weil sie einkaufen und zwischendrin vielleicht einen kleinen Plausch halten wollten. Herr Wenke pries seine Bananen an und es war eine Freude, ihm zuzuhören. Aufgrund seiner Wortgewandtheit und Schlagfertigkeit war er bei mir äußerst angesehen, aber am liebsten mochte ich ihn, weil er manchmal Leuten, denen man ansah, dass sie bestimmt nur sehr wenig Geld hatten, nicht nur eine, sondern gleich zwei oder drei seiner Bananen schenkte. Sehr großzügig, wie ich fand.

 

Noch heute tut es mir in der Seele weh, dass mein kleines Notizbuch, in dem ich all meine Beobachtungen festgehalten habe (einschließlich fast naturgetreuer Nachbildung des Wenke-Firmenschildes auf dem Lieferwagen), im Lauf von Zeit und Umzügen verloren gegangen ist. Doch eine Beobachterin, die sich Details ziemlich gut merken kann, die bin ich bis heute. Aber wem sage ich das – der treuen Leserschaft meiner Kolumne ist das in fünfzehn Jahren gewiss nicht verborgen geblieben.

 

Und deshalb ist es an der Zeit, zu sagen: Herzlichen Dank, liebe Leserinnen und Leser, dass Sie immer so aufmerksam und mit freudigem Interesse beobachten, was Ihre Kolumnistin so alles an Beobachtungswertem für Sie zu Zeitungspapier bringt...

 

Ihre Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Nackte Tatsachen          26.10.2019

 

Von den kürzlich wieder einmal verliehenen Nobelpreisen hat ja gewiss jeder schon mal gehört. Dass es allerdings in satirischer Anlehnung an ihn noch einen anderen Preis gibt, den so genannten Ig-Nobelpreis, das ist nicht jedem bekannt. Hierbei handelt es sich um eine nicht ganz ernst gemeinte Auszeichnung, die seit 1991 von der Harvard-Universität im amerikanischen Cambridge vergeben wird für unnütze, unwichtige und skurrile wissenschaftliche Arbeiten, die die Leute zunächst zum Lachen, dann aber doch irgendwie zum Nachdenken bringen sollen.

 

Im Laufe der Jahre kam man so zu mehr oder minder wichtigen Erkenntnissen. So wurde zum Beispiel endlich wissenschaftlich erwiesen: Wer Alkohol trinkt, ist attraktiver – oder besser gesagt: er fühlt sich zumindest so. Das ist ja jetzt nicht unbedingt verwunderlich, möchte man meinen. Doch im Rahmen der Studien hat sich herausgestellt, dass auch der, der alkoholfreies Bier in der Annahme zu sich nimmt, es handele sich um alkoholhaltiges, zu der Überzeugung gelangt, attraktiver zu sein. Apropos attraktiv: Dank findiger Ig-Nobelpreisträger wissen wir nun auch, dass sich die Malaria-Mücke vom Limburger Käse genauso stark angezogen fühlt wie vom Geruch menschlicher Füße. Außerdem ließ man uns wissen, dass die rotfüßige Schildkröte sich nicht vom Gähnen ihrer Artgenossen anstecken lässt und Kühe mit Namen mehr Milch geben als Kühe ohne Namen.

 

Auch im Bereich der Medizin ist man ein gutes Stück weitergekommen. So fand man im Laufe der Forschungen heraus, dass eine Fahrt mit der Achterbahn den Abgang von Nierensteinen beschleunigen kann und im Rahmen der medizinischen Diagnostik entwickelten Wissenschaftler einen nahezu genialen Test, um eine akute Blinddarmentzündung feststellen zu können. Ganz einfach, indem man den Patienten mit dem nötigen Schwung über Straßenerhebungen chauffiert, die für gewöhnlich der Geschwindigkeitsbegrenzung dienen. Je stärker die Schmerzen sind, die der Patient beim Durchschütteln erleidet, desto schlimmer steht es um seinen Blinddarm. Eine bahnbrechende Erkenntnis, auf die man mit Blick auf die oft angemahnten Einsparungen im Gesundheitsbereich eigentlich schon früher hätte kommen können.

 

Und auch in diesem Jahr wurde der Ig-Nobelpreis wieder in mehreren Kategorien vergeben. Zum Beispiel im Bereich Physik an emsige Forscher, die herausfanden, dass die elastischen Darmwände der Wombats dafür verantwortlich sind, dass der Kot dieser in Australien beheimateten Pelztiere nicht rund, sondern tatsächlich würfelförmig ist.

 

Nun mag man streiten über Sinn, Zweck und Notwendigkeit solcher Forschung. Der diesjährige Ig-Nobelpreis für Anatomie zum Beispiel, der wurde an Wissenschaftler aus Frankreich verliehen, die sich der fundamentalen Frage widmeten, wie sich die Temperatur am Hodensack bei nackten und bekleideten französischen Briefträgern unterscheidet.

 

Ach ja, das wollte ich doch alles schon immer mal wissen. Nur eine Frage hätte ich jetzt unbedingt noch gerne geklärt: Wie bekloppt (auf einer Skala von 1 bis 130) muss man eigentlich sein, einen Maut-Vertrag zu verfassen, der irre hohe Zahlungen von Steuergeldern für nicht erbrachte Leistungen garantiert... und wie bescheuert obendrein, den in vollständig bekleidetem und nüchternen Zustand dann tatsächlich auch noch zu unterschreiben??

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Die spinnt doch          12.10.2019

 

Obwohl man sie weder eingeladen noch ihren Besuch voll Vorfreude herbeigesehnt hat, kommen speziell jetzt zur Herbstzeit zu den bekannten, amtlich gemeldeten und pro Kopf Wassergeld und Müllabfuhrgebühren zahlenden Mitbewohnern wie Ehegatten, Lebensgefährten oder Kindern noch eine ganze Menge anderer Lebewesen hinzu, die das Haus und bedauerlicherweise manchmal sogar das Bett mit einem teilen wollen.

 

Dabei ist es ja nicht so, dass man nicht ein wenig Verständnis dafür aufbringen könnte. Nein, als Mensch, dessen frühe Vorfahren sich im Neandertal in Höhlen flüchteten, um Schutz vor Kälte und Nässe zu suchen, kann man das schon ein Stück weit nachempfinden. In meinem Fall zugegebenermaßen allerdings kein Stück, sondern eher nur ein Stückchen. Vor allen Dingen dann, wenn man bezüglich des Flecks, den man in seinem Bett beim Aufwachen an der Zimmerdecke entdeckt, nach dem Aufsetzen der Brille feststellt, dass er acht Beine hat und doch tatsächlich Anstalten macht, sich direkt über einem am seidenen Faden abzuseilen.

 

Aber was Spinnentiere in meinem direkten Umfeld angeht, da war ich schon immer ausgesprochen empfindlich. Spätestens, seit mir mein Mann, als ich vor vielen Jahren krank darniederlag, frisch vom Briefkasten die Samstagsausgabe unserer Zeitung ans Bett brachte und – igitt! - mir beim Aufschlagen derselben eine Spinne entgegensprang, die meiner untrüglichen Erinnerung nach fast über den Durchmesser eines Tennisballs verfügte, stehe ich noch mehr auf Kriegsfuß mit dieser tierischen Gattung. Und das nicht nur, weil sie für meine Begriffe ausgesprochen gruselig und hässlich ist, sondern heimtückisch noch obendrein. Alle Fenster und Türen bei den Kreßners mit Fliegennetzen verbarrikadiert? Na, überhaupt kein Problem – benutze ich doch einfach die Zeitung als Trojanisches Pferd und statte der Dame des Hauses mal einen kleinen Krankenbesuch ab. Pfui Spinne!

 

In einer Hinsicht gibt es jedoch Positives zu vermelden. Nein, ein Spinnenspray wurde im Gegensatz zum Mückenspray leider noch nicht erfunden. Zum Glück weiß ich aber dank findiger Forscher nun, dass sich die Spinne von allem, was grün ist, stark angezogen fühlt und im Gegensatz zu mir alles, was blau ist, überhaupt nicht mag. Was ihr außerdem angeblich ganz und gar nicht behagt und was sie als durchaus bedrohlich empfindet, das sind tiefe Männerstimmen.

 

Zumindest für unser Schlafzimmer habe ich deshalb nun die perfekte Lösung gefunden: Es gibt nur noch blaue Tapeten, blaue Bettwäsche und mein lieber Ehemann muss jeden Abend im blauen Schlafanzug mit so tiefer Stimme wie nur möglich seitenweise aus meinem dicken Rilke-Band zitieren. So lange, bis seine holde Gattin eingeschlafen ist.

 

Okay, ich gebe Ihnen recht, wenn Ihnen das jetzt ziemlich plemplem vorkommt, liebe Leserinnen und Leser. Ja, ich habe sogar vollstes Verständnis und kann mehr als nur ein Stückchen weit nachvollziehen, wenn Sie nun denken: Na, unsere Kolumnistin, die spinnt anscheinend heute mal wieder ein bisschen...

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Fenja for Future         28.09.2019

 

(siehe Fenjas Kolumnen)

 

 

 

 

Das Dutzend des Teufels          14.09.2019

 

Für gewöhnlich ist der Freitag einer der beliebtesten Wochentage, ist er doch für die meisten ein Tag der Vorfreude. Von Montag bis Donnerstag hat man geschuftet und nun darf man sich auf das redlich verdiente Wochenende freuen. Doch den Abergläubischen unter uns wollte das gestern leider so gar nicht gelingen, denn der Blick auf den Kalender ließ die Alarmglocken schrillen: Oh, nein... Freitag, der 13.!

 

Auch bei mir, obwohl ich mich eigentlich überhaupt nicht für abergläubisch halte, bimmelte gestern ein leises Glöckchen und die Worte meiner Blumenkohl-Oma fielen mir wieder ein: „Nimm dich vor der 13 in Acht, die 13 ist das Dutzend des Teufels!“ Ähnlich wie bezüglich Harry Potters gefürchtetem Gegenspieler Lord Voldemort („Er, dessen Name nicht genannt werden darf“) sprach sie niemals die Wortfolge „Freitag, der 13.“ aus und verbot es auch uns Kindern. Schlimm genug, dass es solche Tage, die sie als Mahnung Gottes verstand, überhaupt gab, dann musste man sie nicht auch noch bei ihrem verhängnisvollen Namen nennen.

 

Überglücklich war sie, wie sie mich wissen ließ, dass ich an einem 23. geboren war, nicht an einem 13. und nicht auch noch obendrein an diesem grässlichsten aller Wochentage, denn das wäre in ihren Augen ein Kainsmal gewesen, das ich mein ganzes Leben lang mit mir hätte herumtragen müssen. An einem Freitag hatte man Jesus gekreuzigt und die 13 war ihrer Meinung nach die böseste Zahl, die man sich nur vorstellen konnte, war es doch Judas, der dreizehnte Gast des Abendmahls gewesen, der Jesus heimtückisch verraten hatte und der für sie deshalb auf einer Stufe mit dem Teufel stand.

 

Im Alltagsleben ignorierte meine Großmutter normalerweise geflissentlich alles, was ihr missfiel und sie nicht direkt persönlich betraf. War jedoch ein solch Unglück verheißender Tag angebrochen, half auch das hartnäckigste Ignorieren nichts mehr, das wusste sie. Keine Hundertschaft Pferde hätte sie deshalb veranlassen können, das Haus zu verlassen. Argwöhnisch beäugte sie ihre Nachbarin, die einmal bei einem Kaffeekränzchen freimütig verkündet hatte, an einem 13er-Freitag geboren zu sein und überhaupt nicht das geringste Problem mit diesem Tag zu haben. Ganz im Gegensatz zu Oma, die nie wieder einen Fuß über die Schwelle der Kainsmal-Nachbarin setzte und meinen Vater mit einem vernichtenden Blick bedachte, als er sie amüsiert und augenzwinkernd fragte, ob sie Angst habe, sich dort „anzustecken“.

 

Zum Glück habe ich dieses Horror-13-Gen von meiner Oma nicht geerbt. Nein, ganz im Gegenteil. Der gestrige Tag war mir genauso lieb wie jeder andere. Genau genommen war er mir sogar noch viel lieber als so manch anderer. Ein regelrechter Glückstag war es nämlich, weil unser Zuckerrübchen-Wochenende angefangen hat – und, liebe Blumenkohl-Oma, du kannst beruhigt sein: Deine Ururenkelin Fenja wurde an einem 15. geboren... puh, nochmal Glück gehabt!

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Und heut' Abend...          31.08.2019

 

Ein großer Schlager- oder Volksmusikfan war ich noch nie. Nein, ganz im Gegenteil. Schon in jungen Jahren nahm ich Reißaus, wenn mein Vater seine reichlich vorhandenen Mireille Matthieu-Platten abspielte. Irgendwann würde ich schon noch auf den Geschmack kommen, meinte er. Ich müsse mir diese schöne Musik, bei der man in so gute Stimmung kommt, bloß mal ein bisschen öfter und genauer anhören.

 

Einige Jahre später kam ich dann nichtsahnend und völlig unvorbereitet in den fragwürdigen Genuss, mir Schlager „mal ein bisschen öfter und genauer“ anhören zu dürfen. Allerdings gezwungenermaßen und gänzlich ohne die gute Stimmung, die mein Vater mir prophezeit hatte. Hätte ich nämlich nur die allerkleinste Möglichkeit gesehen, diesen Bus, den ich im Rahmen unseres alljährlichen Betriebsausfluges völlig ahnungslos bestiegen hatte, zu verlassen, ohne die Befürchtung haben zu müssen, dass mich ein wilder Bär im tiefen Thüringer Wald zum Frühstück verspeist, man hätte von mir nur noch eine Staubwolke gesehen.

 

So aber saß ich im wahrsten Sinne des Wortes fest und musste die Folter über mich ergehen lassen. Ach, was hätte ich für ein kleines Stückchen Watte gegeben, um es mir in die Ohren zu stopfen! Aber es blieb mir nichts anderes übrig, ich musste mich in mein Schicksal ergeben und Heino, Freddy, Costa Cordalis und Konsorten ungedämpft über mich ergehen lassen. Das alles in Dauerschleife, denn der Musikfundus des Busfahrers schien nur aus einer einzigen Kassette, bezüglich derer er sich rühmte, sie selbst aufgenommen zu haben, zu bestehen. Der Höhepunkt der Quälerei war allerdings mit dem mir unvergesslichen Lieblingslied des Busfahrers, bei dem er jedes Mal lauthals mitsang, erreicht: „Und heut' Abend hab ich Kopfweh...!“ von Ireen Sheer. Bei diesem bescheuerten Text, das war mir klar, würde ich nicht bis zum Abend warten müssen, um Kopfschmerzen zu bekommen.

 

Doch mittlerweile habe ich durch meinen fußballbegeisterten Mann, der eigentlich auch nichts mit der leichten Muse am Hut hat und es lieber rockig mag, erkennen dürfen, was mein eigentliches Problem ist. Es kommt nämlich einzig und allein auf die richtige Stimmung an und das, was vorher passiert ist. Und irgendwie auch auf den Bus, in dem man sitzt. Ist es nämlich ein Fan-Bus, der „die Alsfealler Junge, die die Alsfealler Mädche liebe, versaalzene Kuche esse un Kadoffeln met Worscht“, vom Fußballstadion in Mönchengladbach zurück nach Alsfeld chauffiert, gefällt einem sogar Heinos Musik und man singt voller Inbrunst mit, freut sich über das gemütliche Beisammensein und ist guter Stimmung, selbst wenn die Lieblingsmannschaft verloren hat.

 

Aber ich bin halt ein gebranntes Kind. Noch heute zieht meine liebe Kollegin mich auf. Dann lächelt sie mich verschmitzt an und beginnt zu singen: „Und heut' Abend...“ Viel weiter kommt sie aber nicht, denn sie muss husten... wegen der riesigen Staubwolke, die ich bei meiner Flucht hinterlasse.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Miesepeter Sauertopf          17.08.2019

 

Niemand ist immer gut gelaunt. Ab und zu erwischen fast jeden von uns Tage, an denen die Laune im Keller ist und partout so schnell nicht wieder dort rauskommen will. Zu nichts hat man richtig Lust, so gut wie alles geht einem irgendwie auf den Wecker und es fällt schwer, sich aufzuraffen, um der nötigen Pflichterfüllung nachzukommen. Zum Glück jedoch haben sich die dunklen Schlechte-Laune-Wolken in den meisten Fällen rasch aufgelöst und ein paar Stunden später sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.

 

Manchmal klappt es sogar noch ein wenig schneller. Dann nämlich, wenn man sich aufrappelt und in den Keller hinabsteigt, um seine Laune mal zu fragen, warum sie eigentlich so verdrießlich ist. Und siehe da: Sie weiß es selbst nicht! Auch nach eingehender und gründlicher Untersuchung der Laune-Leber lassen sich nicht die geringsten Anzeichen dafür finden, dass auch nur die kleinste Griesgram-Laus über sie gekrabbelt sein könnte. Na, da hat sich der Weg in den Keller doch echt gelohnt und auf dem Weg nach oben geht es der Laune Kellerstufe für Kellerstufe wieder ein wenig besser.

 

Leider gibt es jedoch Artgenossen, deren Laune ihren festen Wohnsitz in der dunkelsten Ecke des Kellers zu haben scheint. Dort sitzt sie miesepetrig vor dem Fernseher, der in Endlosschleife Filme zeigt mit Muffi Schlumpf, dem übellaunigsten Schlumpf, den Schlumpfhausen je gesehen hat. Und als ob das allein nicht schon genug wäre, betreibt so mancher allem Anschein nach da unten im Keller auch noch eine Zuchtanstalt für besonders dicke und fette Griesgram-Läuse. Anders lässt sich wohl nicht erklären, warum manche Menschen permanent grottenschlechte Laune haben. Sie sind nicht nur muffelig, sondern ausgesprochen unfreundlich, machen ein Gesicht wie drei Jahre Regenwetter und reagieren überaus gereizt auf die kleinste Störung.

 

Sind mir zu früheren Zeiten solche Leute begegnet, dann hätte ich sie am liebsten postwendend zum Standesamt geschickt, damit sie zum Schutze ihrer Mitmenschen alle den Nachnamen Sauertopf annehmen und ihre Vornamen so schnell wie möglich in Miesepeter beziehungsweise Miesepetra ändern lassen, damit jeder Unbedarfte gleich weiß, mit wem er es da zu tun hat. Doch heutzutage, da sich ein gewisses Maß an Altersmilde auch bei mir bemerkbar macht, käme mir dergleichen nicht mehr in den Sinn. Vielleicht hat aber auch das immer stärker werdende Bewusstsein damit zu tun, wie glücklich ich sein darf, ein größtenteils sehr fröhlicher und optimistischer Mensch zu sein, der sich riesig über ganz kleine Sachen freuen kann. Für nichts auf der Welt möchte ich tauschen und in eine Griesgram-Haut schlüpfen. Nein, wenn mir mal wieder ein Artgenosse begegnet, auf dessen Laune-Leber die Griesgram-Läuse sich drängeln wie bei einem Rolling-Stones-Konzert, dann denke ich mir immer: Sei freundlich zu Leuten, die schlecht gelaunt und unfreundlich zu dir sind – zumeist können die sich selbst nämlich noch viel schlechter leiden als dich...

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Hosenherz          03.08.2019

 

Der von mir ansonsten sehr geschätzte Barack Obama macht es, Frank Walter Steinmeier hat es sich zum Glück, seitdem er Bundespräsident ist, abgewöhnt, Gerhard Schröder hat es als Bundeskanzler mit Vorliebe an jedem Ort zelebriert, Jogi Löw tut es zuweilen am Spielfeldrand und Helmut Kohl hätte es vermutlich auch sehr gerne gemacht, wäre seine körperliche Fülle ihm da nicht arg im Weg gewesen. Ich jedoch mag sie nicht: Männer mit der Hand in der Hosentasche. Soll salopp und lässig aussehen, ich weiß, aber mir gefällt dieser Anblick überhaupt nicht.

 

In Zeiten, als Männer noch Waffen trugen, waren „freie“ Hände ein sichtbares Zeichen dafür, keine Mordwerkzeuge mit sich zu führen. Hosentaschen gab es damals zwar noch keine, aber jeder Mann, der eine Hand in seinem Gewand versteckte, machte sich äußerst verdächtig. Häufig erwies sich der Verdacht als begründet, wie schon Friedrich Schillers Ballade „Die Bürgschaft“ belegt, in der es heißt: „Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich - Damon, den Dolch im Gewande“.

 

Warum verstecken aber noch heute viele Männer ihre Hände? Wissen sie nicht wohin mit ihren Fingern? Haben sie das Gefühl, ihre Arme seien zu lang und wollen deshalb verhindern, dass sie sich an ihrer Kniescheibe die Fingerknöchel blau schlagen? Keine Ahnung, ich weiß es nicht. Ich weiß nur eins: es sieht kein bisschen cool, sondern einfach nur bescheuert aus.

 

Wer mich mit dieser blöden Angewohnheit jedoch am meisten nervt, das ist unser derzeitiger Außenminister Heiko Maas, der 2016 von einem Männer-Magazin zum bestangezogenen Mann Deutschlands gekürt wurde. Ganz gleich, ob bei der Amtsübergabe im Ministerium oder beim Antrittsbesuch in Frankreich – Herr Maas hat in ganz und gar nicht staatsmännischer Manier die linke Hand in der Tasche. Aber auch der Umstand, dass die Hosentasche maßgeschneidert und obendrein prämiert ist, ändert nichts an der Tatsache, dass diese Geste völlig fehl am Platz ist.

 

Höchste Zeit also, dass Heiko Maas heiratet. Nein, soweit ich weiß, ist seine Lebensgefährtin Natalia Wörner nicht schwanger. Aber wenn er einen Ehering tragen würde, dann könnte er es dem Bundespräsidenten gleichtun und in Situationen, in denen er nicht weiß, was er mit seinen herunterbaumelnden Händen anstellen soll, einfach ein bisschen am Ehering spielen.

 

Oder, noch einfachere und sofort umsetzbare Lösung: Herr Maas orientiert sich an seiner Chefin und ihrer bis in den letzten Winkel der Welt bekannten Merkel-Raute. Okay, ein bisschen Übung wäre vermutlich schon nötig, aber mit Kreis, Quadrat und Rechteck gäbe es mögliche Varianten. Oder er verändert kurzerhand die Rautenform, indem er die Daumen leicht angewinkelt nach unten zeigen lässt. Wer weiß, vielleicht geht ja dann das sogenannte Maas-Herz in die Weltgeschichte ein und unser Außenminister verkündet noch nebenbei: Ich bin so cool und lässig, dass mir das Herz ruhig auch mal in Höhe der Hose rutschen darf.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

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