Bullshitter          24.10.2020

 

Ach, hätte ich doch besser mal auf die Friseurin meines Vertrauens gehört! Keine Sorge, ich habe mir nicht entgegen ihres wohlgemeinten Rates die Haare knallpink färben oder einen Irokesenschnitt verpassen lassen. Nein, viel schlimmer. Denn ich Ahnungslose hielt es für völlig abwegig, als sie mir an einem schönen Herbsttag anno 2016, nachdem ich in Erwartung des immer wieder phänomenalen Haarschnitts auf dem Coiffeurstuhl Platz genommen hatte, sagte, dass sie überzeugt sei, dass ein (größen-)wahnsinniger Typ namens Donald Trump der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden würde.

 

Im ganzen Leben nicht, sagte ich zu ihr. Man hat ja immer schon mal mitbekommen, dass der Verstand einiger Bewohner des Landes der unbegrenzten Möglichkeiten wirklich ziemlich begrenzt ist, aber so blöd und verblendet kann unmöglich über die Hälfte eines Volkes sein, dass es diesen großmäuligen, selbstverliebten Dödel-TV-Entertainer zu seinem Staatsoberhaupt macht. Jemand, der doch tatsächlich im Vorwahlkampf behauptet hat, seine Fans seien ihm so bedingungslos und treu ergeben, dass er am helllichten Tag mitten auf der Fifth Avenue jemanden erschießen könnte und sie ihn trotzdem wählen würden. Einer, der herabwürdigend und verächtlich über Frauen spricht und meint, dass jede Frau sich bereitwillig von einem Mann unter den Rock fassen lässt, solange er nur reich und berühmt genug ist.

 

Doch dann geschah das Unvorstellbare: Donald Trump nahm mit seinem dicken Hintern auf dem Präsidentenstuhl Platz. Im Weißen Haus wurde es so dunkel wie in einem Gruselkabinett und sämtliche Nachrichten, die dem präsidialen Grusel-Hauptdarsteller nicht passten, wurden fortan zu „Fake-News“ erklärt. Dabei verbreitet er selbst pausenlos dermaßen viele und dreiste Lügen, dass das Weiße Haus eigentlich schon längst hätte in sich zusammenfallen müssen, so sehr biegen sich dort die Balken.

 

Doch es geht schon lange nicht mehr nur um all die Unwahrheiten, die Mister Trump verbreitet. Sehr treffend und trefflich formuliert wirft ihm der republikanische US-Senator Ben Sasse vor, mit „Rassisten zu flirten“, „Diktatoren den Hintern zu küssen“ und ein amerikanischer Philosophieprofessor hat ihm ebenso treffsicher den Titel „Bullshitter“ verliehen.

 

Das Schlimmste jedoch: Dieser Präsident ist lebensgefährlich. Er hat sich über die Benutzung von Masken lustig gemacht, die Gefahr des Coronavirus bewusst heruntergespielt und ist somit verantwortlich für zumindest einen Teil der Menschen in Amerika, die durch dieses Virus ihr Leben verloren haben.

 

Deshalb hoffe ich inständig, dass die amerikanischen Wähler diesen skrupellosen Kerl hochkant aus dem altehrwürdigen Weißen Haus befördern. Noch mindestens zehn Tage müssen wir allerdings mit der brennenden Frage leben, ob dies gelingen wird. Nun ja, ich könnte es ja vielleicht schon früher rauskriegen... aber aus lauter Angst vor der möglichen Antwort befrage ich mein Friseurinnen-Orakel doch besser nicht.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Verdient          10.10.2020

 

Auf unserer schönen Erde, die noch viel schöner sein könnte, als sie ohnehin schon ist, wenn ihre Bewohner sie nicht oftmals mit sehr wenig Achtsamkeit und Wertschätzung behandeln würden, leben über den Globus verteilt derzeit rund 7,8 Milliarden Menschen. Leider ist allerdings unser Heimatplanet neben dem Umstand, dass wir alle Luft zum Leben brauchen und äußerlichen Attributen wie beispielsweise zwei Augen, zwei Beinen und zwei Pobacken so ziemlich die einzige Gemeinsamkeit, die wir Menschen haben.

 

Am deutlichsten zeigt sich der Unterschied in Einkommen und Vermögen. Jeff Bezos, Gründer der Firma Amazon und reichster Mann der Welt, könnte jedem einzelnen Bewohner dieser Erde 25,64 Dollar auszahlen, wenn er sein geschätztes Vermögen von 200 Milliarden Dollar auf ebendiese 7,8 Milliarden Menschen verteilen würde. Mal davon abgesehen, dass er das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wohl nicht tun wird, muss man sich, wie ich finde, die grundlegende Frage stellen, was das aus sozialpolitischer Sicht für eine Welt ist, in der wir leben. Hat ein einzelner Mensch es verdient, so viel Geld zu verdienen? Nein, hat er ganz sicher nicht.

 

Nun mag so mancher anführen, dass in Amerika Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Verhältnisse herrschen. Aber bei uns in Deutschland sieht es vergleichsweise ähnlich aus. Konzernmanager „verdienen“ hier im Jahr 10 Millionen Euro und auf den obersten Plätzen der deutschen Reichtumsliga residieren ausnahmslos bestsituierte Eigentümer großer Wirtschaftsimperien wie beispielsweise Lidl-Besitzer Dieter Schwarz, der – nicht zuletzt dank der Arbeitskraft seiner zahlreichen Angestellten – über ein geschätztes Vermögen von 40 Milliarden Euro verfügt.

 

Das muss man sich mal verdeutlichen: Den obersten zehn Prozent der deutschen Bevölkerung gehören sage und schreibe rund zwei Drittel, dem reichsten Prozent der Menschen in Deutschland über 35 Prozent des Gesamtvermögens und die Hälfte der Bevölkerung hat kein oder nur ein geringes Vermögen. Also ein wirklich gewaltiger Unterschied zwischen oben und unten.

 

Und ebenso wie die in Gucci-Diamant-Gürtel gezwängten Taillen so mancher Millionärsgattinnen ist oben ja bekanntlich auch die Luft immer etwas dünner. Bei uns hier unten herrscht hingegen ob der ungerechten und unverdienten Einkommens- und Vermögensunterschiede ziemlich dicke Luft. Verständlicherweise. Und deshalb ist es meiner Meinung nach höchste Zeit, von den Herrschaften da oben eine gepfeffert dicke Dünne-Luft-Abgabe zu verlangen, um damit zum Beispiel die mickrige Armutsrente angemessen zu erhöhen, die immer mehr Menschen bekommen, obwohl sie ihr ganzes Leben lang hart gearbeitet haben – und endlich den lächerlich geringen Mindestlohn so anzuheben, dass ein vierzig Stunden hart arbeitender Mensch davon auch leben kann. Denn das hat er sich redlich verdient... im wahrsten Sinne des Wortes.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Auf die Pelle          26.09.2020

 

Noch nie habe ich ein Auto besessen, also ein eigenes nur für mich allein. Schon in meinen jungen Saarbrücker Berufsjahren, in denen ich noch nicht in den Diensten des Landes Hessen, sondern in denen eines französischen Automobilherstellers stand, konnten meine Kollegen nicht aufhören, über mich den Kopf zu schütteln. Trotz direktem Zugang zur Quelle, satter Prozente, kostenlosem Werkstattservice und sonstigem Pipapo beziehungsweise französischem et cetera lehnte ich es ab, mir einen vierrädrigen fahrbaren Untersatz zuzulegen und jedes Mal, wenn ich mit meinem Fahrrad auf das Betriebsgelände fuhr, konnten sich die Herren ein sattes Grinsen nicht verbeißen. Ich hingegen war mit diesem Zustand äußerst zufrieden. In zu dunklen, nassen oder frostigen Zeiten stieg ich vom Fahrrad auf den alle fünfzehn Minuten fahrenden Bus um, dessen Haltestelle direkt vor meiner Haustür lag.

Und dann, ja dann verschlug das Leben mich Lebensfrohe zuerst ins schöne Alsfeld (wo ich mich doch tatsächlich dazu hinreißen ließ, den Führerschein zu machen) und ein paar Jahre später ins fast genauso schöne Altenburg. Tja, und dort ging der Fahrbare-Untersatz-Ärger nach ein paar Jahren los. Am Anfang, als der Stadtbus noch fuhr, herrschten rosige Zeiten. Sogar für meine Unterhaltung war bestens gesorgt. An der Bushaltestelle erkundigten sich jeden Herbst- und Wintermorgen mehrere sehr nette ältere Damen nach meinem Befinden, erzählten mir aus erster Hand brandaktuelle Neuigkeiten und versorgten mich mit wirklich sehr nützlichen Koch- und Backtipps. Ach ja, ewig hätte es so weitergehen können, aber zu unser aller Leidwesen wurde die Stadtbus-Linie nach Altenburg schließlich eingestellt. Okay, dachte ich mir: Fährst du halt morgens, wenn es kalt ist oder wie aus Eimern schüttet, mit dem Schulbus nach Alsfeld. Alles gut und schön. Zu schön, um wahr zu sein, denn dann fuhr – zumindest in Ferienzeiten – auch kein Schulbus mehr. Dafür wurde ein so genanntes Anruflinientaxi eingeführt, in dem man sich bis zur Benutzung geräumigerer Fahrzeuge je nach Körperfülle der Fahrgäste auf dem Rücksitz dermaßen auf die Pelle rückte, dass es von mir nur noch „Sardinentaxi“ genannt wurde.

Nun jedoch kam mir überraschend in einem Artikel unserer OZ frohe Kunde zu Augen: Der Fahrgastverband Pro Bahn spricht sich für den erstmaligen Bau einer Bahnhaltestelle in Altenburg (mit Erschließung Alsfeld-Süd) aus. Altenburg-Alsfeld-Süd, ach, wie schön sich das anhört... nach Freiheit und der Leichtigkeit des Seins beziehungsweise Bahn-Fahrscheins! Stellt sich mir nur noch eine Frage: Wem genau muss ich – selbstverständlich unter Einhaltung aller derzeit notwendigen Hygienevorschriften – zwecks Umsetzung dieser ausgesprochen guten Idee auf die Pelle rücken? … sachdienliche Hinweise hierzu nehme ich jederzeit äußerst gerne entgegen.

 

Ihre Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Sieh an          12.09.2020

 

Wenn ich aus meinem Bürofenster schaue, dann sehe ich neben jeder Menge Himmel einen Kirchturm und etwas weiter entfernt mehrere Windräder, auf die mein Blick schon viele Jahre lang immer wieder mal fällt. Ohne nochmal eingehend nachzuschauen, konnte ich allerdings bis vor Kurzem nicht sagen, wie viele Windräder es eigentlich genau sind. Auch, was das Zifferblatt der Kirchturmuhr betrifft, war ich mir unsicher. Sind auf ihm nun arabische oder römische Zahlen zu sehen? Gute Frage, hätte ich bis zur vergangenen Woche gesagt... stellen Sie doch bitte die nächste. Denn ich muss gestehen: Obwohl sich mir über einen langen Zeitraum ausgiebig die Möglichkeit dazu bot, habe ich nie wirklich genau hingesehen und tausende Male nur mit sehr nachlässigem und flüchtigem Blick zur Kirchturmuhr geschaut.

 

Zuerst habe ich mich ziemlich geärgert und mich gefragt, wie so etwas sein kann. Die Unschuld des üblichen Verdächtigen namens Alter war schnell erwiesen, hatte ich doch schon vor über zwanzig Jahren zum ersten Mal vom Bürofenster aus die Zeit von dieser Kirchturmuhr abgelesen. Aber woran lag's dann? Keine Ahnung – an meiner Gehirn-Festplatte vielleicht, die zum Schutz ihrer Speicherkapazität alle Sinneseindrücke, die sie als unnütz erachtet, automatisch sofort wieder löscht.

 

Schließlich bin ich zu der Erkenntnis gelangt, dass es einzig und allein darauf ankommt, dass ich die wirklich wichtigen Dinge sehe. Zum Beispiel, dass der kleine Junge, der mir auf dem Bürgersteig entgegenkommt, Tränen in den Augen hat und ich ihn fragen kann, warum das so ist. Oder dass ich sehe, dass der alten Dame, die vor mir geht, gerade unbemerkt ihr schönes Halstuch zu Boden gefallen ist, das sie vielleicht von ihren Enkelkindern geschenkt bekommen hat und an dem sie sehr hängt.

 

Und wichtig auch, dass ich weiß, wie mein Mann aussieht. Nicht, dass ich vielleicht doch mal den Falschen mit nach Hause bringe und den armen Kerl dann später umtauschen muss. Nee, Spaß beiseite – es scheint schon was dran zu sein, wenn es heißt, dass man nur mit dem Herzen wirklich gut sieht... obwohl man in Anbetracht einer Scheidungsrate von 36 Prozent vielleicht doch feststellen muss: So manches Herz, das hätte eine Brille bitter nötig.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

PS: Es sind übrigens acht Windräder und auf dem Zifferblatt der Kirchturmuhr sind weder arabische noch römische Zahlen zu sehen, sondern zwölf Punkte – dabei hätten die römischen Zahlen so wunderbar gepasst, ist Rom doch die Heimat des obersten (sterblichen) Chefs dieser Kirche.

 

 

 

 

 

 

Unterste Schublade          29.08.2020

 

Ihre Vergesslichkeit gleichen Eichhörnchen durch Fleißarbeit aus. Im Sommer und Herbst sammeln die Tiere, die keinen Winterschlaf halten, unermüdlich Vorräte, die sie an unzähligen Stellen in der Erde vergraben. Auf diese Weise verbuddelt ein einziges Eichhörnchen tausende Nüsse, Eicheln, Bucheckern und andere Baumsamen, damit es, da es sich im Winter an einen Großteil der Verstecke nicht mehr erinnern kann, die kalte und frostige Jahreszeit übersteht.

 

Und so wie den Eichhörnchen geht es zuweilen auch manchen Menschen. Selbst ganze Gemeinschaften akademisch gebildeter Vertreter der Gattung Homo sapiens können von einer Art Vergesslichkeits-Virus befallen sein. So gab im Jahr 2012 die Bundesregierung eine Risikoanalyse in Auftrag, um die Gefahr einer Pandemie und ihrer Folgen für Deutschland abzuschätzen. Schwarz auf weiß lag das Ergebnis zu Beginn des Jahres 2013 sämtlichen Regierungsmitgliedern und Bundestagsabgeordneten vor. Wort für Wort konnten sie nachlesen, wie man sich wappnen kann und welche Vorsorge- und Abwehrmaßnahmen im Falle eines Virus-Ausbruchs zu ergreifen wären. Unter anderem wurde zum Beispiel die Bedeutung von ausreichend Schutzausrüstungen wie Schutzmasken, Schutzbrillen und Handschuhen in dem erdachten Szenario hervorgehoben, das eine von Asien ausgehende weltweite Verbreitung eines neuartigen SARS-Virus beschreibt und auch in anderen Bereichen erschreckende Ähnlichkeit mit der jetzigen Pandemie aufweist.

 

Und was ist dann passiert? Nichts, gar nichts. Die 88-seitige Risikoanalyse verschwand ganz unten in der untersten Schublade und wurde vergessen. Es gab ja schließlich Wichtigeres zu tun. Im Oktober 2013 stand die Bundestagswahl an und ganz oben in den obersten Regierungsschubladen lagen die Manuskripte für das neue Wahlrecht, das durch Neuverteilung der Mandate ermöglichte, noch eine Menge mehr an Mitgliedern der eigenen Partei auf Staatskosten gut bezahlt im Bundestag unterzubringen.

 

Womit wir beim zweiten Armutszeugnis wären. Und auch wieder bei der Vergesslichkeit. Den von uns gewählten Parlamentariern ist nämlich anscheinend völlig entfallen, dass sie in erster Linie zum Wohle des deutschen Volkes handeln sollen und nicht zu ihrem eigenen. Dabei ist es nicht so, dass es keinen Handlungsplan für eine angemessene Wahlrechtsreform gäbe, die für die dringend nötige Verschlankung des Bundestags sorgen könnte, bevor er endgültig aus allen geflickten Nähten platzt. Den gibt es sehr wohl. Leider ist aber auch er, wie wir in dieser Woche feststellen durften, offenbar völlig in Vergessenheit geraten. Und dreimal dürfen Sie raten, wo dieser Plan sich vermutlich befindet – ja, genau, er leistet der Pandemie-Gebrauchsanweisung in der untersten Schublade Gesellschaft und keiner kann ihn mehr finden. Wie ich das finde? Na, das können Sie sich sicher denken: Eindeutig allerunterste Schublade...!

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Sommerlöchrig          15.08.2020

 

Ach ja, das gute alte Sommerloch ist auch nicht mehr das, was es früher mal war. Schlimmer noch: In diesem Jahr gibt es überhaupt keins. Dort, wo es einst zu finden war, hat sich ein großes, bösartiges Monster namens Coronavirus wie ein dicker Stöpsel breitgemacht und posaunt nun vierundzwanzig Stunden rund um die Uhr neue Schreckensnachrichten in die sommerlochleere Welt hinaus.

 

Viele Dinge weiß man halt leider erst zu schätzen, wenn sie plötzlich nicht mehr da sind. Und so ist es auch mit dem Sommerloch. Nie und nimmer hätte ich gedacht, dass ich das mal sagen würde, aber ja, ich vermisse es. Unter anderem auch, weil ich erkannt habe, dass es echt mal guttut, wenn sich so gut wie nix tut. Alles schön ruhig, entspannt und chillig. Müßiggang, Melonencocktail und Mangoeis mitten im entschleunigten Sommerloch... wie herrlich! Nachrichten so gut wie keine und wenn, dann nur ziemlich unwichtige oder welche zum Schmunzeln: Von Klausi, dem Badeweiher-Krokodil, das sich letztendlich als Biber outete oder dem Wunsch eines bayrischen Politikers, man möge Mallorca doch bitte endlich zum siebzehnten deutschen Bundesland küren.

 

Auch das politische Parkett in Berlin ist in normalen Sommerlochzeiten für gewöhnlich wie leergefegt. Glatt gebohnert liegt es da und ist froh, dass mal keiner auf ihm herumtrampelt. Weder ein Verkehrsminister, der von Straßenverkehr keinen blassen Schimmer zu haben scheint, noch eine Ministerin für Landwirtschaft und Ernährung, bei deren Anblick die Volksseele kocht, weil sie in einer Kochsendung, begleitet von einem breitem Grinsen und der nicht zu übersehenden Werbebotschaft eines Lebensmitteldiscounters ihre nicht vorhandenen Kochkünste demonstriert.

 

Ach, was war das doch so schön, als im Sommer noch so richtig schön tote Hose war. Selbst das gähnend langweilige Sommerloch-Fernsehprogramm war doch gar nicht so schlimm, auch wenn einem so mancher Sender aus lauter Verzweiflung „Neuigkeiten“ mitteilte wie jene, dass Poppaea, die Ehefrau des römischen Kaisers Nero, 500 Esel mit in den Urlaub nahm, um in Eselsmilch baden zu können.

 

Und jetzt? Die Eselsmilch kann mir gestohlen bleiben, aber eine schöne, unbeschwerte, sommerlöchrige Ferienzeit, wie sie früher einmal war, die wäre echt schön. Ja, bitte, ich hätte gerne das Sommerloch zurück! Ich verspreche auch hoch und heilig, dass ich mich nie wieder beschweren werde über langweilige Nachrichten, zu dünne Zeitungen und alte Spielfilme aus der Klamottenkiste des letzten Jahrhunderts, selbst, wenn sie vor Schmalz so sehr triefen, dass ich all meine alten Handtücher vor und unter dem Fernseher verteilen muss – Hauptsache wieder unbehelligt von immer neuen Hiobsbotschaften sorglos ausruhen können im tiefen, friedlichen Sommerloch.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Sicherlich          01.08.2020

 

Noch nicht lange her, da flatterte uns ein Brief ins Haus, den mir mein Mann mit einem fragenden Blick seiner schönen braunen Augen überreichte. Ich war etwas irritiert. Bei uns herrscht nämlich ansonsten die Sitte, dass der, der den Weg zum Briefkasten auf sich nimmt, den dort vorgefundenen Inhalt sogleich zur allgemeinen Ansicht auf dem Küchentisch platziert. Aber noch eine zweite Sache irritierte mich. Nach Überreichen des Briefes blieb mein Göttergatte wie angewurzelt vor mir stehen. Das tut er sonst nie, außer, wenn ich Gefahr laufe, mal wieder über das Rasenmäherkabel zu stolpern und mir den Hals oder sonst ein wichtiges Körperteil zu brechen.

 

Ich nahm den Umschlag, aber noch bevor ich einen Blick auf ihn werfen konnte, kamen aus dem Mund meines Mannes die leicht erstaunt klingenden Worte „Für dich... Magistrat der Stadt Alsfeld“. Ach du grüne Neune, hatte ich irgendwas ausgefressen und wenn ja, was? Mein Fahrrad falsch geparkt oder zu laut geschimpft, als der übermütige Autofahrer mich neulich in der Wallgasse mit einem Abstand von gerade mal zwanzig Zentimetern überholte?

 

Na ja, aber vielleicht war es auch gar nichts Schlimmes. Möglicherweise enthielt der Umschlag ja sogar das längst überfällige Belobigungsschreiben mit dem Text: „Der Magistrat der Stadt Alsfeld bedankt sich herzlich bei Ihnen, dass Sie in über 16 Jahren ihrer Tätigkeit als Kolumnistin der Oberhessischen Zeitung nicht müde werden, ihre Heimatstadt und deren Bewohner/innen immer wieder äußerst lobend zu erwähnen“.

 

In Erwartung des baldigen, feierlich zelebrierten Empfangs eines eigens für mich geprägten Alsfelder Verdienstordens 1. Klasse öffnete ich schließlich unter wachsamem Göttergattenblick den Umschlag – um dann festzustellen, dass es sich zum Glück um keine Bußgeldverwarnung handelte, bedauerlicherweise aber auch nicht um die erhoffte Belobigung. Nein, noch 3749 weitere, nach einem Zufallsverfahren ausgewählte Bewohner/innen Alsfelds und seiner Stadtteile fanden einen solchen Brief in ihrem Briefkasten, in dem sie gebeten wurden, an einer vom Hessischen Innenministerium ins Leben gerufenen Sicherheitsbefragung teilzunehmen.

 

Ehrlich, wie ich nun mal bin, habe ich alle in Frage kommenden Fragen wahrheitsgetreu beantwortet. In einer Stadt wie Frankfurt wäre das vermutlich nicht so, aber ja, ich fühle mich in Alsfeld ziemlich sicher. Doch sicher bin ich mir immer noch nicht, in welch konkretem Zusammenhang die Frage „Wie beurteilen Sie Ihre aktuelle wirtschaftliche Lage“ mit dem Sicherheitsgefühl steht, das ich im öffentlichen Raum empfinde. Na ja, aber der Professor der Universität Gießen, der den Fragebogen erstellt hat, der wird doch sicher wissen, warum er das wissen will. Vielleicht bleibt die Antwort auf diese Frage aber auch für alle Zeit ein unergründliches Mysterium des Ministeriums... da kann man sich sicherlich wohl nicht so richtig sicher sein.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Seltene Schalentiere          18.07.2020

 

(siehe Fenjas Kolumnen)

 

 

 

 

Selbstverständlich          04.07.2020

 

Jahrzehntelang haben wir uns keine großen Gedanken gemacht. Warum auch? Es wurde ein Einkaufszettel geschrieben und dann zum Lebensmittelmarkt oder Wochenmarkt gegangen oder gefahren, um die gewünschten Artikel zu kaufen – und außer bei sehr lukrativen Discounter-Angeboten kam es so gut wie niemals vor, dass ein Regal mal leer war. Dann, unter mittlerweile ganz und gar nicht mehr heiterem Himmel, mussten wir uns umstellen. Plötzlich kein Toilettenpapier, keine Nudeln, kein Mehl und keine Hefe mehr käuflich zu erwerben. Sogar bei des Deutschen heißgeliebtem Spargel gab es Probleme.

 

Das alles wäre ja vielleicht noch hinzunehmen gewesen dank guter Tipps aus verschiedenen Ratgeber-Quellen: Kosmetiktücher oder notfalls sogar Zeitungs- statt Toilettenpapier, Kichererbsen-Pasta anstelle von Nudeln, Grieß statt Mehl und selbstgemachte „wilde“ Hefe aus Trockenfrüchten. Eine Zeitlang hätten wir uns zu helfen gewusst und diese Missstände ausgehalten.

 

Doch das war leider nur der Anfang - es sollte noch viel dicker und vor allen Dingen alternativloser kommen. Auf der Gewohnheitsliste fanden sich plötzlich zuhauf noch nie dagewesene Streichungen. Spontan geplante Wochenendtrips... vorbei – Urlaub im Ausland... träum' weiter. Vereinsleben und Partys mit Freunden gestrichen und – ganz schlimm – Familientreffen auf unbestimmte Zeit untersagt. Noch nicht mal auf den Spielplatz durfte man mehr gehen. Irgendwie kam man sich vor wie ein Kind, das von einem launigen und unberechenbaren Erziehungsberechtigten zum wer weiß wie langen Hausarrest verdonnert worden war.

 

Doch man tut gut daran, sich nicht nur auf das Schlechte, von dem es ja heißt, dass es immer auch ein Stückchen Gutes in sich birgt, zu fokussieren. Klar, wir waren verwöhnt und haben uns an viele Dinge gewöhnt, sie als Selbstverständlichkeit betrachtet. Und dabei ist die Dankbarkeit leider auch ein wenig zu kurz gekommen. Nun jedoch hat das Coronavirus uns vor Augen geführt, wie viele Dinge es doch gibt, die Wertschätzung verdienen, sie aber nie wirklich bekommen haben, einfach, weil man dachte, sie stehen einem ja zu – und zwar ohne Unterbrechung für alle Ewigkeit und in Stein gemeißelt.

 

So schlimm und ungewiss in ihrem Verlauf diese Pandemie – in der wir leider immer noch mittendrin stecken – auch sein mag, so hat sie uns doch eines deutlich vor Augen geführt: All das Gute, das wir haben und an das wir gewöhnt sind, ist keinesfalls selbstverständlich, auch wenn wir es, so lange wir denken können, immer so gewohnt waren. Ein schmerzliches, aber sinnvolles Lehrstück... auf das wir alle aber trotzdem wohl sehr, sehr gerne verzichtet hätten.

 

Bleiben Sie gesund, hoffnungsfroh und dankbar!

 

Ihre Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Zappenduster          20.06.2020

 

Sofern sie ihnen nicht in früher Kindheit schon eingetrichtert werden, sind kleine Kinder größtenteils frei von Vorurteilen. Im Kindergarten sind sie begeistert von der Haut ihrer aus Afrika stammenden Spielkameradin, die ihrer Meinung nach aussieht wie Schokolade und kaum zuhause angekommen, macht sich so manches kleine Fräulein heimlich am Make-up-Tiegel der Frau Mama zu schaffen – mit vier bis fünf Lagen von dem Zeug müsste es ja vielleicht zu schaffen sein, genauso schöne Schokoladenhaut zu bekommen.

 

Und auch der kleine Junge im Zug schaut ganz fasziniert in das schwarze Gesicht des jungen Mannes, der ihm gegenüber Platz genommen hat. Dazu bietet sich ihm ausgiebig Gelegenheit, denn im Gegensatz zu dem Paar in der Sitzreihe nebenan, das fluchtartig seine Plätze verlassen und sich vier Reihen entfernt wieder hingesetzt hat, kennt er keine Scheu und begrüßt den neuen Fahrgast mit einem freundlichen Hallo. Munter plappert der Kleine drauflos, erzählt, dass er mit seinem Papa auf dem Weg zu Oma und Opa ist und fragt den Mann, ob er auch zu seinen Großeltern wolle. Nein, sagt der, das sei leider nicht möglich, weil seine Großeltern auf einem anderen Kontinent leben, der ganz weit entfernt ist und man dort nicht einfach schnell mal hinfahren kann. Eine rege Unterhaltung entwickelt sich, in der es unter anderem um Löwen, Elefanten und Giraffen geht und im Zielbahnhof angekommen bedauert der junge Mann sehr, dass er das großzügige Angebot des kleinen Mannes, einfach mitzukommen zu seinen Großeltern, leider nicht annehmen kann.

 

Doch auch ohne heutige Verwendung der früher oft gebrauchten Drohung, dass der „Schwarze Mann“ einen holen kommt, wenn man als Kind nicht brav und folgsam ist, ändert sich die Sache im Laufe der Lebensjahre. Von „Schwarzarbeit“, „Schwarzfahren“ und „Schwarzen Konten“ ist die Rede und niemand außer den Kindern, die sie zum ersten Mal hören, denkt sich bei der Redewendung „Da sehe ich schwarz“ noch irgendwas. Schwarz bedeutet nichts Gutes und ist Sinnbild für Tod und Trauer. Also kann nach Meinung vieler Zeitgenossen mit schwarzen Menschen was nicht stimmen und sie dürfen sich zum Beispiel nicht wundern, dass Hausbesitzer sich weigern, ihnen eine Wohnung zu vermieten. Und dass sie viel seltener den Abschluss einer Ausbildung oder eines Studiums vorweisen können, liegt nicht etwa daran, dass sie trotz bester Voraussetzungen häufig erst gar keinen Ausbildungs- oder Studienplatz bekommen, sondern gründet sich einzig und allein darauf, dass nach Meinung der Leute, die bevorzugt die Welt durch die schmierigen Gläser ihrer Vorurteilsbrillen betrachten, alle schwarze Menschen im Oberstübchen von Natur aus nicht besonders helle sind. Dabei ist es genau umgekehrt: Wer allen Ernstes der Überzeugung ist, dass die Farbe der Haut auch nur den geringsten Einfluss auf den Charakter, das Wesen oder die Intelligenz eines Menschen hat, bei dem muss es zappenduster sein da oben in der hohlen Birne... mag sie von außen auch noch so hell erscheinen.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Pfingstmarkt-Feeling          06.06.2020

 

- siehe Fenjas Kolumnen -

 

 

 

 

Alles gut mit Aluhut          23.05.2020

 

Unser ganzes Leben lang sind wir gezwungen, Entscheidungen zu treffen. Schon am frühen Morgen fängt es an. Da muss zum Beispiel die Dame des Hauses, nachdem sie wahlweise mit dem rechten oder linken Bein aufgestanden ist, entscheiden, in welche Stoffe sie an diesem Tag ihren Körper zu hüllen gedenkt – mittlerweile auch, was einen bestimmten Bereich ihres Gesichtes anbelangt.

 

Gut, ich weiß, er ist nicht sonderlich kleidsam, aber was diesen so genannten Mund- und Nasenschutz betrifft, habe ich mich entschlossen, ihn aufgrund seiner Notwendigkeit zu akzeptieren. Denn, was so mancher Masken verweigernde Zeitgenosse, der bei Demonstrationen Sätze wie „Ich habe ein Recht darauf, mich mit dem Coronavirus zu infizieren!“ von sich gibt, anscheinend immer noch nicht kapiert hat: Hier geht es nicht um den eigenen Schutz, sondern um den der Mitmenschen.

 

Solche Äußerungen machen mich, die ich für gewöhnlich nicht verlegen bin, meinen Kommentarsenf dazuzugeben, echt sprachlos. Aber nicht nur die Sprache, sondern obendrein auch noch die Spucke blieb mir weg, als ich von Leuten hörte, die nicht auf Maskenschutz, dafür aber auf eine ganz spezielle Art von Kopfbedeckung großen Wert legen. Da muss es nämlich, wie auf einigen der so genannten „Hygiene-Demos“ zu sehen war, ein aus mehreren Lagen Alufolie gebastelter Hut sein, der angeblich vor unerwünschten Strahlungen der Regierung und Fernsteuerung durch Telepathie schützt.

 

Neugierig, wie ich bin, habe ich da mal ein bisschen nachgeforscht und herausgefunden, dass einige dieser Aluhut-Träger allen Ernstes überzeugt davon sind, dass die Erde hohl ist und ihr Inneres von Reptiloiden, einer überaus intelligenten Reptilienart, die unter angeborener Laktoseunverträglichkeit leidet, bewohnt ist. Nach Meinung der Aluhutisten steuern diese Echsenwesen, die die Gestalt von Menschen annehmen können, schon lange die Politik vieler Länder auf der Welt und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis sie sich die gesamte Menschheit untertan gemacht haben werden.

 

Harter Tobak, zu dem ich so einiges zu sagen hätte, jetzt, nachdem Sprache und Spucke wieder da sind. Aber da man sich ja nicht lustig über bedauernswerte, von Wahnvorstellungen gequälte kranke Leute machen soll, spare ich mir jetzt jeden Witz und schweige. Nein, ich denke mir meinen Teil. Sicherheitshalber wäre es aber vielleicht doch nicht so schlecht, wenn ich mir genau in Erinnerung rufe, wer aus meinem Umfeld unter einer Laktoseintoleranz leidet und eventuell zusätzlich auch noch unter schuppiger Haut.

 

Und Donald Trump, den muss ich mir unbedingt auch nochmal genauer anschauen. Na ja, Schuppen und alle möglichen Unverträglichkeiten mag er ja vielleicht haben, aber ich glaube, da müssen wir uns keine Sorgen machen... denn jahrelang tritt er nun schon tagtäglich den Beweis an, dass in seinem Fall von „überaus intelligent“ ja wirklich noch nicht einmal im Ansatz die Rede sein kann.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Muttis Jungs          09.05.2020

 

Als Mutter hat man es nicht leicht und als Mutti der Republik schon gar nicht. Da muss man sechzehn unterschiedliche Charaktere in Schach halten und das kann sich für Mutti Merkel, wie unlängst zu beobachten war, als außerordentlich schwierig erweisen. Zudem ist das ministerpräsidiale Geschlechterverhältnis ziemlich unausgeglichen: Vierzehn Jungs und nur zwei Mädchen. Von Letzteren hört man kaum etwas. Nicht weiter verwunderlich, denn Manuela und Malu sind gut erzogen und zeigen nicht die geringsten Anzeichen von Aufmüpfigkeit.

 

Bedauerlicherweise kann man das von den Jungs jedoch nicht behaupten. Ein paar schwer erziehbare Rabauken sind darunter, die ganz schön über die Stränge schlagen und durch vorlaute und naseweise Bemerkungen auf sich aufmerksam machen. Mahnende Worte von Mutti richten da nicht viel aus, zumal sie in der Videokonferenz nur auf dem Bildschirm zu sehen ist und nicht vor versammelter Mannschaft mit mütterlicher Faust auf den Tisch hauen kann.

 

Und wenn es ihnen zu blöd wird, können die Jungs, wenn sie wollen, einfach den Stecker ziehen und wieder mit ihren Autos spielen. Dumm nur, dass die Firmen, die die Autos herstellen, derzeit nicht so viele fahrbare Untersätze produzieren und verkaufen können. Und auch wenn die schlauen Firmenchefs unglaublich viel Geld gehortet haben, müsste man sie trotzdem aus Muttis Familienkasse unterstützen, finden einige der Jungs. Denn die Chefs sind wichtige Leute, die man nicht verärgern darf und außerdem sind Autos nicht nur Spielzeug, sondern genaugenommen so was wie Lebensmittel.

 

Und wo wir gerade beim Spielen sind: Auch die männlichen Fußball-Bundesligisten, die müssen unbedingt wieder spielen, selbst wenn sie nur als Geister über den Rasen huschen. Hauptsache, sie stehen wieder auf dem Platz. Schließlich dient so ein Fußballspiel dem Abbau von überschüssiger Energie und außerdem ist mittlerweile der Videobeweis erbracht, dass Fußballspieler in der Spätpubertät auf die dümmsten Gedanken kommen, wenn man sie nicht spielen, sondern ohne erzieherischen Beistand, dafür aber mit Handykamera durch Bundesliga-Kabinen laufen und munter drauflos filmen lässt.

 

Doch die Mädchen, die sollen sich bloß nicht beschweren. Schließlich hat man extra für sie die Friseurläden wieder öffnen lassen und den größtenteils weiblichen Verkäufern und Kassierern sogar angeboten, dass sie auch sonntags arbeiten dürfen. Und dafür, dass es schon vorher bei Weitem nicht genug Kita-Plätze und Krankenschwestern gab, da können die Jungs nun wirklich nichts – das ist schließlich schon immer Mädchensache gewesen.

 

Aber morgen, am Muttertag, da sollte Mutti in Berlin mal in sich gehen. Einen ganzen Tag lang hat sie dann Zeit, ohne von ihrer ministerpräsidialen Rasselbande genervt zu werden, sich Gedanken über ihren autoritären Erziehungsstil und darüber zu machen, wann sie denn endlich mal die Zeit findet, in München einen Besuch abzustatten... Familienbesuche sind in Bayern nämlich wieder erlaubt und nach der Absage des diesjährigen Oktoberfestes braucht Markus, ihr bayrischer Bub, ganz dringend Muttis persönlichen Trost.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Baumeln          25.04.2020

 

Mittlerweile hat sich wohl überall herumgesprochen, dass Englands Thronprinz Charles ein großer Naturfreund ist, der gerne und ausgiebig mit seinen Pflanzen spricht. Seine zukünftigen Untertanen stehen dem jedoch etwas skeptisch gegenüber. Ganz im Gegensatz zu Popstar Katy Perry, die kürzlich sogar verlauten ließ, dass sie sehr gerne einmal für die prinzlichen Pflanzen singen würde. Ebenso wie die königliche Hoheit scheint sie nämlich davon überzeugt zu sein, dass freundliche und liebevolle Worte oder Gesänge für das Wachsen und Gedeihen sowohl kleiner als auch großer Pflanzen ausgesprochen förderlich sind.

 

Am heutigen Welttag des Baumes ist es daher durchaus angebracht, sich mal ein paar Gedanken zu machen. Vor allem unter dem Aspekt, dass Naturforscher es nach jahrelangen Beobachtungen mittlerweile für erwiesen halten, dass Bäume zwar keiner Sprache, wie wir sie kennen, mächtig sind, aber trotzdem untereinander kommunizieren können. Unter anderem stellte sich zum Erstaunen der Forscher zum Beispiel heraus, dass eine Buche, die von Schädlingen befallen ist, an ihre Artgenossen in der Umgebung eine bestimmte Duftbotschaft sendet, um sie zu warnen und dazu zu veranlassen, Abwehrstoffe in ihrer Rinde zu bilden, damit sie nicht das gleiche Schicksal erleiden.

 

Bäume sind zudem anscheinend sehr sozial eingestellt. Hört sich komisch an, ist aber so. Denn es wurde festgestellt, dass die umliegenden Bäume einen unter Nährstoffmangel leidenden Baum, auch wenn er nicht zur eigenen Art gehört, unterstützen. Über ihre Wurzeln und ein Pilzgeflecht im Boden versorgen umstehende Birken dann beispielsweise eine Tanne mit den notwendigen Nährstoffen. So mancher Mensch könnte sich hieran ein Beispiel nehmen. Und auch daran, wie Bäume sich verhalten, wenn sie sehr eng beieinander stehen. Nur dünne Äste wachsen vorsichtig in Richtung des Artgenossen, dafür nach außen umso mehr. Ebenfalls ein sehr lehrreiches Vorbild für Vertreter der menschlichen Ellbogen-Gattung.

 

Ja, Bäume sind so viel mehr als nur Schattenspender und Sauerstofflieferanten. Ein Spaziergang durch den Wald ist eine kleine Kur für stressgeplagte Menschen. Die Sorgen werden von Vogelgezwitscher und Blätterrascheln übertönt, der Blutdruck sinkt, die Stimmung hellt sich auf und man kann im wahrsten Sinne des Wortes die Seele baumeln lassen.

 

Da bleibt mir nur zu sagen: Tausend Dank, all ihr Bäume auf der ganzen Welt - wie schön, dass es euch gibt! Stellvertretend für euch alle bekommt der Ahornbaum in unserem Garten deshalb an eurem heutigen Ehrentag zwei große Extrakannen Wasser und jede Menge lieber Worte von mir – nur vom Singen eines Ständchens, da will ich doch lieber Abstand nehmen. Denn erstens heiße ich nicht Katy Perry und zweitens möchte ich vermeiden, dass der arme Baum bei dem Gejaule all seine hübschen kleinen Blätter, die ihm gerade erst gewachsen sind, vor lauter Schreck verliert.

 

Aber auch an Sie, liebe Leserinnen und Leser, möchte ich heute noch ein paar liebe Worte richten: Passen Sie gut auf sich auf, bleiben Sie gesund und lassen Sie Ihre Seele so oft wie möglich zwischen Bäumen baumeln...

 

Ihre Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Der Sommerhase          11.04.2020

 

(siehe Fenjas Kolumnen)

 

 

 

 

Ein großer Löffel Hoffnung          28.03.2020

 

Für niemanden, sei er nun alt oder jung, arm oder reich, gibt es eine Seitengasse, in die wir uns noch schnell verdrücken könnten. Nein, wir müssen jetzt da durch, ob wir wollen oder nicht. Und mit dem unsichtbaren und gefährlichen Gegner namens Sars-CoV-2-Virus werden wir wohl noch einige Zeit gezwungen sein, zu leben. Die Betonung liegt – fett gedruckt und unterstrichen – auf „leben“. Denn zwar gibt es mittlerweile Menschen, die den Kampf gegen diesen Gegner leider verloren haben und es werden ihm unweigerlich auch noch weitere zum Opfer fallen. Aber – und das ist viel mehr als nur ein Strohhalm, an dem wir uns festhalten können: Laut Robert-Koch-Institut gewinnen derzeit 99,5 % aller Infizierten in Deutschland den Kampf gegen dieses Virus.

 

Hinzu kommt aber auch, dass viele Menschen sich momentan um Gesundheit und Einkommen gleichermaßen sorgen. Doch diesbezüglich gibt es ebenfalls Hoffnung: Der Staat, an den wir immer brav und reichlich Steuern gezahlt haben, hat versprochen, dass er jedem Bedürftigen unbürokratisch Hilfe leisten wird. Und auch untereinander können wir uns helfen. Sei es durch Hilfsangebote, tröstende Telefonate, das Erledigen von Besorgungen, freundliche Worte über den Gartenzaun sowie den Kauf von Gutscheinen einheimischer Geschäfte oder die Online-Bestellung bei der Buchhandlung.

 

Ein Hoffnungselixier gibt’s da leider nicht im Bestellregister. Nein, Hoffnung muss man sich selbst machen. Vielleicht dadurch, dass man sich mal genau betrachtet, was es im eigenen Leben doch immer noch unglaublich viel Positives gibt. Und indem man sich die Worte von Udo Lindenberg zu Herzen nimmt, der kürzlich in seiner unverwechselbaren Art so treffend bemerkte: "Die Welt is voll am Arsch und wir mittendrin. Aber durchhängen is nich. unser Kumpel Hoffnung is ja auch noch da und trägt uns durch die schweren Zeiten."

 

Niemand kann im Augenblick sagen, wie lange es noch dauern wird, bis wir unser gewohntes Leben wieder aufnehmen können. Aber der Zeitpunkt wird kommen. Ja, es wird weitergehen. Hoffentlich aber ein wenig langsamer, bewusster, mit mehr Achtung vor dem Leben und mehr Dankbarkeit für jeden neuen geschenkten Tag. Und mehr Achtung und auch finanziell demonstrierter Dankbarkeit für alle unsere Mitmenschen, die im Gesundheitswesen und Dienstleistungsgewerbe arbeiten. Wenn sie dichtmachen, dann können wir nämlich einpacken – im wahrsten Sinne des Wortes.

 

Bleiben Sie gesund und nach Möglichkeit zu Hause, liebe Leserinnen und Leser, halten Sie Abstand und denken Sie daran, dass man nicht nebeneinander stehen muss, um zueinander zu stehen. Und pflegen Sie das Hoffnungspflänzchen. Geben Sie ihm genug zu trinken, ein wenig Dünger vielleicht und gehen Sie mit ihm so oft wie möglich raus in die Sonne.

 

Von Herzen wünsche ich Ihnen, dass Ihr Pflänzchen wächst und gedeiht und Sie auf allen Wegen und Gedankengängen treu begleiten möge... und denken Sie immer daran: Die Hoffnung ist der große Löffel Honig im manchmal bitteren Tee des Lebens.

 

Ihre Lilli U. Kreßner

 

 

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Lillis Sinnliches