Schützen und schätzen          16.03.2019

 

Ich habe großes Glück – alle zwei Wochen darf ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser der OZ, meine Meinung sagen und zwischendrin kommt Deutschlands jüngste Kolumnistin Fenja auch noch zu Wort. Doch damit nicht genug. Auch in anderen Bereichen hindert mich niemand daran, gleich welche Menschen, die mit mir auf unserer arg malträtierten Erde leben, wissen zu lassen, was ich von ihnen halte und was mir so alles durch den Kopf geht.

 

Wenn mir der Sinn danach stünde, dann könnte ich zum Beispiel meinem speziellen „Freund“ Donald Trump jeden Tag einen langen Brief schreiben, in dem ich ihm mitteile, wie schrecklich ich nicht nur seine Frisur, sondern auch seine menschlichen Qualitäten finde und welche gravierenden Defizite mir bezüglich seines Charakters aufgefallen sind.

 

Doch mal davon abgesehen, dass ich wirklich Besseres und vor allen Dingen Sinnvolleres zu tun habe, als mich über das schüttere und grausig gefärbte Haupthaar dieses unbelehrbaren Egozentrikers auszulassen, muss ich nirgendwo mit meiner Meinung hinterm Berg halten. Sogar den türkischen Präsidenten könnte ich in ungeschönter Form wissen lassen, was ich von seiner Sicht auf Menschenrechte, Pressefreiheit und freie Meinungsäußerung halte. Das Einzige, mit dem ich dann rechnen müsste, wäre eine Festnahme bei versuchter Einreise in die Türkei. Aber ein Besuch dieses Landes wäre ohnehin ganz sicher so ziemlich das Allerletzte, das mir heutzutage in den Sinn käme.

 

Jederzeit steht es mir frei, beim Bürgermeister, beim Landrat und beim Ministerpräsidenten meine Meinung kundzutun – bis hinauf zu Bundeskanzlerin und Bundespräsident. Und solange ich mich meiner guten Manieren erinnere und nichts Beleidigendes oder Anstößiges meinen Äußerungen zu entnehmen ist, das zum Beispiel geeignet wäre, das zarte Seelengemüt von sensiblen AfD-Politiker/innen verletzen zu können, die nur unser Bestes wollen, es um Himmels Willen aber bitte niemals kriegen werden, solange kann ich schriftlich, telefonisch oder persönlich alles sagen, was ich will. Alles.

 

Denn, welch ein Glück – wir leben in einer Demokratie. Aus dem Altgriechischen übersetzt bedeutet dieser Begriff soviel wie „Herrschaft des Staatsvolkes“. 95,5 % der Weltbevölkerung ist dieses Glück leider nicht beschieden, denn laut Demokratieindex von 2016 leben – das stelle man sich mal vor – nur 4,5 % aller diese Erde bewohnenden Menschen in einer „vollständigen“ Demokratie wie der unseren.

 

Demokratie ist überaus wertvoll, denn sie bedeutet bis zu einem gewissen Maß Freiheit. Sie bedeutet aber auch, nicht bloß meckern zu dürfen über dies, das und jenes, sondern Verantwortung zu übernehmen und mitzuarbeiten. Wir leben in einer Demokratie, die am Leben gehalten werden will. Es gilt, sie zu schützen vor den Pfeilen, die in den letzten Jahren vermehrt aus weit rechts befindlichen braunen Sumpflöchern auf sie geschossen werden. Und, ganz wichtig – wir sollten sie nicht nur schützen, sondern auch schätzen. Ein jeder kann dazu sein Scherflein beitragen. Zum Beispiel dadurch, dass wir nicht alles kommentar- und tatenlos hinnehmen, sondern uns einmischen und Falsches beim Namen nennen. Nicht umsonst hat George Bernard Shaw schließlich gesagt: Demokratie ist ein Verfahren, das garantiert, dass wir nicht besser regiert werden, als wir es verdienen.

 

Ihre

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Der Meerjunghase         02.03.2019

 

(siehe Fenjas Kolumnen)

 

 

 

 

Wer austeilt...          16.02.2019

 

Ganz selbstverständlich steht er heutzutage ebenso wie Muttertag oder Volkstrauertag im Kalender: Der vorgestern stattgefundene Valentinstag. Doch mal davon abgesehen, dass ich seit jeher schon immer etwas gegen verordnete Freu- oder Trauertage hatte, muss ich gestehen, dass dieser Tag mich doch ein wenig nachdenklich gemacht hat. Über Stunden hinweg wollte Gerhard Schröder mir nämlich nicht mehr aus dem Kopf gehen. Dauernd musste ich an ihn denken. Nein, nicht aus Gründen, die man an einem solchen Tag vermuten könnte. Romantische Gefühle waren da nun wirklich keine im Spiel. Nein, eher das Gegenteil war der Fall in Bezug auf meinen ehemaligen Hoffnungsträger.

 

Und das nicht, weil er letztes Jahr kein Sterbenswörtchen auf meine Altkanzler-Albtraum-Kolumne hat verlauten lassen. Großzügig und verständnisvoll, wie ich nun mal bin, sehe ich ihm das nach. Vielleicht hatte er zum Lesen derselben aufgrund der Vorbereitungen zu seiner fünften Eheschließung trotz erheblicher Hochzeitsroutine keine Zeit. Oder er war mal wieder damit beschäftigt, einstweilige Verfügungen gegen dreiste Presseagenturen zu erwirken, die die ungeheuerliche Behauptung aufstellten, er würde immer noch so verwerfliche Dinge tun, wie sich die Haare zu färben. Und nicht zuletzt hat man als Chef des Aufsichtsrats eines großen russischen Energiekonzerns ja auch noch alle Hände voll zu tun, wenn man nicht gerade das Wodkaglas erheben muss, um mit seinem guten Freund Wladimir auf 98 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz anzustoßen.

 

Ja, ein wirklich vielbeschäftigter Mann, der aber allem Anschein nach bei Weitem noch nicht ausgelastet ist. Denn in überheblicher Gutsherrenmanier findet der einstige SPD-Kanzler immer noch Zeit, im Nebel seiner Selbstbeweihräucherung den Stab des Politweisen zu brechen über die derzeitige SPD-Vorsitzende Andrea Nahles, ihr „Amateurfehler“ vorzuwerfen und jegliche wirtschaftliche Kompetenz abzusprechen. Gut, man kann Frau Nahles sympathisch finden oder auch nicht. Ich tendiere eher zu Letzterem. Nichtsdestotrotz muss man anerkennen, dass die Frau was von Politik versteht. Meiner Meinung nach auf jeden Fall mehr als ein gewisser Altkanzler mit dem Spitznamen „Genosse der Bosse“, der den Hartz4-Bock zum Sozialabbau-Gärtner machte und verantwortlich dafür ist, dass Deutschland zum Niedriglohn-Land wurde.

 

Da fragt man sich doch allen Ernstes: Hat Herr Schröder, dieser alte, aber leider keineswegs weise Mann nicht genug damit zu tun, sich um seine fünfte Ehefrau zu kümmern? Und wenn er so gar nicht weiß, was er mit seiner Zeit anstellen könnte, dann soll er von mir aus Veranstaltungen der Finanzuniversität der Regierung der Russischen Föderation, die ihm die Ehrendoktorwürde verliehen hat, besuchen, um dort ein paar schröderianische Altherrenwitze zum Besten zu geben – oder, noch besserer Vorschlag: Er könnte das tun, was Ulrich Schulte, Journalist der „taz“ und wie ich ein einstiger Fan von Gerhard Schröder, ihm in einem trefflich formulierten Brief kürzlich nahegelegt hat... einfach mal die Klappe halten.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Schneeflöckchen          02.02.2019

 

(Siehe Fenjas Kolumnen)

 

 

 

 

Wählerisch          19.01.2019

 

Suffragetten – wer die Bezeichnung zum ersten Mal hört oder liest, kann besonders in Anbetracht der ersten Silbe stutzig werden. Geht es hier vielleicht um den übermäßigen Genuss alkoholischer Getränke, der den ein oder anderen Artgenossen schon mal in Rage bringen kann? Oder ist eventuell eine neue Schokoladenkreation in Form hochprozentiger Schogetten gemeint? Nein, nichts von alledem. Abgeleitet vom englischen/französischen „suffrage“, das man mit Wahlrecht oder Abstimmung übersetzen kann, wurden damit Frauen in England und Amerika bezeichnet, die Anfang des 20. Jahrhunderts mit Protestkundgebungen erreichen wollten, dass nicht nur Männer, sondern endlich auch Frauen wählen dürfen.

 

Nach jeder Menge politischer Demonstrationen, einer nicht geringen Anzahl eingeschlagener Schaufensterscheiben und Damen, die öffentlich in den Hungerstreik traten oder tatsächlich so weit gingen, sich in Selbstmordabsicht vor galoppierende Pferde zu werfen, wurde 1919/1920 in Amerika und 1928 schließlich in England das Wahlrecht für Frauen eingeführt. Auch deutsche Frauenrechtlerinnen blieben nicht tatenlos und deshalb dürfen wir uns in diesem Jahr über 100 Jahre Frauenwahlrecht freuen.

 

So manchem Mann, der davon überzeugt war, seine Frau habe von Politik so viel Ahnung wie ein Fisch vom Fahrradfahren, war das allerdings ganz und gar nicht recht. Und da er zu seinem größten Bedauern das Ausfüllen des Wahlscheins durch die ihm angetraute Politik-Analphabetin nicht persönlich überwachen konnte, bekam sie schon Wochen vor der Wahl von ihrem Gatten fünfundzwanzig Mal am Tag vorgekaut, wohin sie denn gefälligst ihr Kreuzchen zu machen habe. Denn seiner Meinung nach hatten die Frauen sowieso schon genügend Möglichkeiten, zu wählen. Sie durften entscheiden, ob sie ihm am Sonntagmittag einen Schweine- oder einen Rinderbraten kredenzten und außerdem hatten sie die freie Wahl, wohin sie die Bierflaschen stellten – Hauptsache, sie waren angenehm temperiert und in genügender Anzahl vorhanden. Auch die Farbe ihrer Küchenschürze blieb voll und ganz ihnen überlassen, schließlich war der Hausherr großzügig.

 

A propos Hausherr – Wolfgang Schäuble, Präsident des Deutschen Bundestages und damit sozusagen Hausherr des Parlaments, richtete in dieser Woche bei einer Feierstunde im Plenarsaal zum 100. Geburtstag des Wahlrechts für Frauen mahnende Worte an seine Geschlechtsgenossen und forderte sie auf, sich mehr an Kindererziehung und Hausarbeit zu beteiligen.

 

Zum Glück muss sich mein Mann da überhaupt nicht angesprochen fühlen. Er ist nämlich so was wie ein fahrradfahrender Fisch, der nicht nur (gemeinsam mit seiner ihm sehr ans Herz gewachsenen Langzeitfreundin, der Küchenmaschine) backen, kochen, Geschirrspülen und Staubsaugen kann, sondern ich habe auch noch die Wahl und darf mir aussuchen, welcher Kuchen oder welches Hauptgericht es denn sein soll. Das Einzige, was er noch braucht, das wäre eine Küchenschürze. Na, da schauen wir mal im Haushalts-Shop für emanzipierte Männer, dort kann er sich dann eine aussuchen... schließlich darf der Mann des 21. Jahrhunderts ja ruhig ab und zu auch ein bisschen wählerisch sein.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Im Karton 2018           05.01.2019

 

Mal abgesehen davon, dass man Glück hat, es erleben zu dürfen, gibt es so einiges, dass man an einem neuen Jahr schön finden kann. Denn obwohl der 1. Januar genaugenommen ein Tag wie jeder andere ist, an dem morgens die Sonne auf- und abends wieder untergeht, hat man doch das Gefühl, als sei alles irgendwie zurück auf Null gestellt. Das Weihnachtsfest war schön, die Zeit zwischen den Jahren hat man auch irgendwie rumgekriegt und jetzt – taratata! – ist es da, das neue Jahr, begleitet von zahllosen mehr oder minder guten Ratschlägen zur Förderung des Seelenheils, mit denen man förmlich überschüttet wird.

 

Und da ich für gute Ratschläge, sofern sie sich denn wirklich als gut erweisen, eigentlich immer zu haben bin, begann ich umgehend mit dem Packen. Nein, keine Sorge, ich bin nicht Zuhause ausgezogen. Dafür gefällt es mir dort viel zu gut. Einem der angeblich so guten Ratschläge folgend habe ich aber vor meinem geistigen Auge einen großen Karton entstehen lassen, in den ich alles entsorgte, was mir im Jahr 2018 nicht gefallen hat. Gut, der allzu heiße Sommer hat ganz schön viel Platz in Anspruch genommen. Und als ich dann noch versuchte, Donald Trump – arm im Geiste, aber reich an Körperfülle – in den Karton zu stopfen, musste ich feststellen, dass ein Karton für die Altlasten aus 2018 bei Weitem zu wenig war.

 

Wie empfohlen umklebte ich im Anschluss an das Packen die Kartons mit ungefähr einem Kilometer Paketband und schnürte zusätzlich sicherheitshalber noch eine feste Kordel gleicher Länge darum – und dabei, das gebe ich zu, war es mir piepegal, dass Mister Trump in seinem Karton wie ein wild gewordener Berserker randalierte. Sodann schaffte ich die Dinger in die letzte Ecke des 2018-Kellers, schloss die Kellertür ab und warf den Schlüssel zum Fenster raus. Uff, geschafft! Den Karton zu schleppen, in dem sich der randalierende Präsident befand, war mir sehr schwer gefallen. Kein Wunder, war doch ein wahrlich überheblicher Typ darin verstaut.

 

Aber egal, es war vollbracht. Glücklich und erleichtert schloss ich die 2018er-Tür hinter mir und öffnete erwartungsvoll und guter Dinge die Tür zum Jahr 2019. Ach, und hier war sie ja auch schon wieder: Die gute, alte OZ (das „alt“ darf ich mir erlauben, denn immerhin gibt es unsere Zeitung schon seit dem Jahre 1833). Doch als ich sie aufschlug, traf mich fast der Schlag. Wer grinste mich da gleichermaßen großformatig wie großkotzig an? Ja, der großmäulige Donald Trump!

 

Und so musste ich mir eingestehen, dass kein Problem der Welt aus der Welt zu schaffen ist, egal, wie gut man es auch verschnürt und in der hintersten Ecke versteckt hat. Gereift durch diese Erkenntnis machte ich mich alsdann auf den geistigen Weg, um den Kellerschlüssel zu suchen und den Kerl wieder aus seinem Karton zu befreien – denn mit einem Typ, der mexikanische Kinder von ihren Eltern trennt und sie dann einsperrt, nur weil sie eine aus seiner Sicht falsche Staatsangehörigkeit haben, wollte ich mich denn doch nicht auf eine (Keller)Stufe stellen...

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Noch zweimal schlafen          22.12.2018

 

(siehe Fenjas Kolumnen)

 

 

 

 

Nikolausig          08.12.2018

 

Kein Nikolaustag vergeht, an dem ich nicht an meinen Opa, der mit Vornamen Nikolaus hieß, denken muss. Aufgrund seiner lothringischen Vorfahren und des Umstands, dass der heilige St. Nikolaus der Schutzpatron der Lothringer ist, hatte man ihm diesen ehrenvollen Namen gegeben. Sage und schreibe acht Lebensjahre brauchte ich, bis ich dahinterkam, dass es mein Opa Nikolaus war, der uns St. Nikolaus vorspielte. Aber eigentlich hatte ich nicht meinen Opa erkannt, sondern Opas besten Freund, der den nicht ganz so ehrenvollen Part des Knecht Ruprecht an seiner Seite übernommen hatte. Denn als der Nikolaus, also mein Opa, Knecht Ruprecht versehentlich mit „Albert“ ansprach, fiel es mir wie Schuppen von den kindlichen Augen – vor uns standen nicht der heilige St. Nikolaus und Knecht Ruprecht, sondern Opa mit seinem besten Freund!

 

Und wie die Erwachsenen manchmal so sind – sie können einfach nicht dazu stehen, die Unwahrheit gesagt zu haben. Wollten sie uns Kindern doch tatsächlich weismachen, dass Opa nur für den richtigen Nikolaus eingesprungen war, weil der angeblich schwer erkältet das Bett hüten musste! Und nicht nur verlogen, sondern obendrein auch ein bisschen dumm schienen mir die Erwachsenen zu sein. Im darauffolgenden Jahr glaubten sie doch allen Ernstes, dass wir die Sache längst vergessen hätten und wollten uns tatsächlich schon wieder Opa und Onkel Albert als Nikolaus-Ruprecht-Gespann verkaufen!

 

Doch das war nicht das, was mich am meisten ärgerte. Am schlimmsten für mich war die Erinnerung an meine Angst in den Zeiten, in denen ich das Schauspiel noch für bare Münze genommen hatte. Schon Wochen vor dem Nikolaustag machte ich mir Gedanken darüber, was Knecht Ruprecht wohl von den kleinen Streichen hielt, die im vergangenen Jahr von mir ausgeheckt worden waren. Ja, ich hatte die Zuckerdose mit Salz befüllt und meiner kleinen Schwester eine Plastikspinne unter die Bettdecke gelegt. Aber immerhin war ich nicht so weit gegangen wie unser Nachbarjunge Richard, der an das Taschentuch, das sein Opa immer in der Jackentasche trug, den Schwanz einer toten Maus geknotet hatte. Aber konnte ich mich deshalb in Sicherheit wiegen? Konnte ich wissen, ob es nur beim Drohen mit der Rute blieb oder ob Knecht Ruprecht sie aufgrund der aus seiner Sicht doch recht schwerwiegenden Verfehlungen dieses Mal nicht vielleicht zum Einsatz bringen würde?

 

Nein, da war mir das Christkind doch tausendmal lieber. Zumal ich auch auf den Nikolaus ziemlich sauer war. Wie konnte er gemeinsame Sache mit so einem schlimmen Kerl, der Kinder mit einer Rute schlug, machen? Da sollte er am Nikolaustag lieber dort bleiben, wo die Pfeffernüsse wachsen und seine Schokolade, Apfelsinen, ja selbst die neuen Malstifte für sich behalten. Und die Äpfel sowieso. Denn wenn mich einer veräppeln will, dann muss er schon ein bisschen früher aufstehen, als dies Nikolaus- und Ruprecht-Doubles für gewöhnlich zu tun pflegen.

 

Eine schöne Adventszeit, liebe Leserinnen und Leser – und lassen Sie sich ja nicht veräppeln...

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Und tschüss...          24.11.2018

 

Wer weiß, wo es sich jetzt befindet, das gute Programm, von dessen Verschwinden ich Ihnen in der letzten Kolumne erzählt habe. Vielleicht hat es ja den Mann im Mond besucht und schwirrt jetzt irgendwo zwischen den Sternen der Milchstraße herum. Oder es hat sich, da es ja viel mit Zahlen arbeiten musste, auf den Weg zum seligen Albert Einstein gemacht, um ihm mal zu zeigen, was sich in Puncto Rechnerei auf der Erde seit seinem Ableben so alles getan hat. Für diesen Fall hoffe ich allerdings sehr, dass es die Datei mit meiner Einstein-Feldmaus-Kolumne mitgenommen hat, schließlich wissen wir ja nicht genau, wie viel oder wie wenig es da oben zu schmunzeln oder zu lachen gibt.

 

Ja, der Herbst ist eine Zeit des Abschiednehmens. Da heißt es Adieu sagen zum Sommer, zum mehr oder weniger goldenen Oktober, zu luftiger Kleidung und zu Scheibenwaschanlagen, die ohne Frostschutzmittel ihren Dienst versehen. Das ist in jedem Jahr dasselbe. In diesem Jahr jedoch kommen noch ein paar aufsehenerregende Abschiedsankündigungen hinzu. Nach sage und schreibe achtzehn Jahren als Bundesvorsitzende ihrer Partei hat unsere Bundeskanzlerin, das alte Schlachtross – Frau Merkel möge mir diese despektierlich anmutende, aber durchaus anerkennend gemeinte Bezeichnung verzeihen –, verlauten lassen, dieses Amt im Dezember aus freien Stücken niederlegen zu wollen. Nicht ganz so freiwillig, wie mir scheint, folgte sodann mit weithin hörbarem Zähneknirschen Horst Seehofer und kündigte an, ebenfalls den Bundesvorsitz seiner Partei im Januar des kommenden Jahres aufzugeben.

 

Okay, mit beidem können wir ganz gut leben, finde ich. Vom Hocker gerissen oder zu Tränenausbrüchen verleitet haben mich die Mitteilungen jedenfalls nicht. Diesen Part hat eine ganz andere Abschiedsnachricht übernommen, die mich nicht nur vom sprichwörtlichen Hocker riss, sondern mit entsetztem Aufschrei hoch hinaus aus dem Fernsehsessel katapultiert hat: Nach 34 Jahren soll die „Lindenstraße“ aufhören – was für ein Schock!

 

Werte ARD, das könnt ihr doch nicht ernst meinen, oder? Es war ja schon harter Tobak, vor nicht allzu langer Zeit miterleben zu müssen, wie Hansemann, Mutter Beimers Ex, mitten in einer Waldhütte den plötzlichen Serientod sterben musste – aber Mutter Beimer ab 2020 nie wieder beim Spiegeleier braten zuschauen zu dürfen, das geht nun wirklich nicht! Gaby und Andy niemals mehr auf dem Lindenstraßenasphalt den obligatorischen Silvesterwalzer tanzen sehen? Keine Familienfeier mehr im Akropolis, bei der die Fetzen fliegen und ab und zu auch ein paar Teller? Und verdammt nochmal – Klausi kennen wir nun schon seit seiner Kindergartenzeit. Wir haben ihm beim Blockflötespielen die Daumen gedrückt und mit ihm gelitten, als er von seiner gewalttätigen Ehefrau malträtiert wurde. Wäre es da nicht das Mindeste, dass wir uns mit ihm freuen dürfen, wenn er in ein paar Jahren Großvater wird?

 

Also bitte, überlegt euch das nochmal. Im Gegensatz zu Angela Merkel und Horst Seehofer ist es mit der Lindenstraße nämlich wie mit der Schokolade... ein Leben ohne sie ist zwar möglich, aber völlig sinnlos.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Einstein und die Feldmaus          10.11.2018

 

Ist ja nicht so, dass ich das nicht schon mal mitgemacht hätte. Aber ich bin halt ein anhänglicher Typ und ein Gewohnheitsmensch obendrein. Vertrautheit ist mir wichtig. Ich glaube, das weiß auch mein recht betagter Computer, der schon unzählige Jahre auf seinem Gehäusebuckel hat und der wirklich ziemlich alt ist. So alt, dass jemand, auf dessen namentliche Nennung ich hier aus Datenschutzgründen verzichten möchte, ihn doch tatsächlich „Dinosaurierteil“ genannt hat. Aber so ist es nun mal, wenn man alt ist. Da ist man nicht nur viel langsamer als in jungen Jahren, nein, es kann vorkommen, dass man Dinge irgendwohin verlegt, wo man sie nicht mehr wiederfindet – oder im schlimmsten Fall etwas in die Mülltonne wirft, was da gar nicht hingehört.

 

Tja, und so ließ mein guter alter PC kürzlich doch tatsächlich nach einem Absturz, den er glücklicherweise überlebt hat, ein auf ihm installiertes Programm in den Weiten des Software-Nirwanas so mir nichts, dir nichts verschwinden. Es war weg, einfach weg. Alle Suchaktionen waren vergeblich, das Programm hatte sich in Luft aufgelöst.

 

Wie gesagt, alles schon mal mitgemacht – und deshalb wusste ich nur zu gut, was nun auf mich zukam. Anruf bei der Hotline, die, wie ich mittlerweile auch bei einigen ihrer Artgenossinnen schon mehrfach feststellen durfte, deswegen wohl als „heiß“ bezeichnet wird, weil man sich wie auf glühenden Kohlen wartend etliche Minuten lang zuerst einmal nervtötende Dudeldüdü-Musik anhören muss, bis sich schließlich endlich jemand bequemt, einen von den Kohlen herunterzuholen. Und das ist dann nicht selten jemand, der so tut, als hätte er einen Intelligenzquotienten wie Einstein, der jetzt einem absoluten Dussel, dessen IQ noch unter dem einer Feldmaus liegt, etwas erklären soll.

 

Und genauso kam es. Das Gedudel wurde unterbrochen von einem ziemlich unfreundlich klingenden Herrn mit einer unangenehmen Stimme, der sich zu alledem auch noch als überzeugter Anhänger der Einstein-Feldmaus-Theorie entpuppte. Ganz fix war er fertig, indem er mich fragte, ob ich zuvor schon mal dies, das und jenes ausprobiert hätte. Erst nach Erledigung dessen solle ich mich wieder melden. Folgsam und feldmausbrav wurde dies, das und jenes sodann von mir in Angriff genommen. Leider mit wenig beziehungsweise gar keinem Erfolg. Tja, aber was will man schon von einer total überforderten, zu allem Überfluss auch noch weiblichen Feldmaus erwarten, nicht wahr?

 

Also alles wieder von vorne. Dudeldüdü, dudeldüdü. Doch dann - welche Überraschung! Am anderen Ende der Leitung hörte ich die zarte Stimme einer jungen Frau, die sich ausgesprochen höflich danach erkundigte, wie sie mir denn helfen könne. Punkt für Punkt und auf sehr verständliche Weise ging sie mit mir die einzelnen Schritte durch und legte dabei eine bewundernswerte Geduld an den Tag. Eine geschlagene Viertelstunde führten wir beide ein sehr angenehmes Gespräch und danach war alles wieder im Lot... einschließlich einer genauen Anleitung für zukünftige Notfälle, die Einsteins Schwester mir computergebeutelten Feldmaus liebenswürdigerweise noch obendrein zuteilwerden ließ.

 

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Herzbübchen          27.10.2018

 

- Siehe Fenjas Kolumnen -

 

 

 

 

Freunde aus Holz          13.10.2018

 

- Siehe Fenjas Kolumnen -

 

 

 

 

Lilli Schneeflocke          29.09.2018

 

Ein bisschen was Wahres ist ja schon dran, wenn die Franzosen über die Deutschen sagen, dass sie sich viel zu viel gefallen lassen. Ja, nicht ganz zu Unrecht ist man in Frankreich der Meinung, dass die Deutschen ziemlich duckmäuserig und obrigkeitshörig sind. Denn wo unsere Nachbarn aus den verschiedensten Gründen zu Tausenden auf die Straße gehen und lautstark demonstrieren, sitzen wir mit unserem dicken Fell auf der Wohnzimmercouch. Dabei ist es jedoch beileibe nicht so, dass wir keine Meinung hätten. Nein, aber leider halten wir mit ihr allzu gerne und oft hinterm hohen Berg aus Sofakissen.

 

Zum Beispiel wissen die meisten von uns, dass Pflegekräfte in Deutschland einen sehr anstrengenden Beruf haben, dass sie in der Regel nicht nur immens überlastet, sondern auch unterbezahlt sind und unsere Meinung dazu ist eindeutig: Das ist echt schlecht und ungerecht. Aber was tun wir dagegen? Nichts. Dabei wäre das eine Gruppe, die unsere persönliche Unterstützung dringend bräuchte, denn gerade diese Menschen machen von dem ihnen zustehenden Demonstrationsrecht nur selten Gebrauch. Ganz einfach deshalb, weil die ihnen Anvertrauten unter ihrer Abwesenheit zu leiden hätten und womöglich in dieser Zeit sogar sich selbst überlassen bleiben müssten.

 

Spätestens im Fall des Herrn Maaßen, der mein Maß an Verständnis und Duldsamkeit weit über die Maßen strapaziert hat, sehen wir doch, was passiert, wenn wir uns endlich mal auflehnen gegen absolut unverständliche und ungerechte Entscheidungen unserer Obrigkeit. Oho, hat man sich da an der Regierungsspitze wohl gedacht – die da unten können ja so laut schimpfen, dass wir es bis hier oben hören! … und zack verschwand dieser Herr zwar leider nicht in der Versenkung, durfte aber auch nicht unverdienterweise Platz auf dem dick gepolsterten Stuhl des hochdotierten Staatssekretärs nehmen.

 

Zugegeben, auch ich nehme mich nicht aus – bis auf das gelegentliche Unterzeichnen von Petitionen im Internet konnte man mich bislang ebenfalls zu den Couchfreunden zählen. Aber damit ist jetzt Schluss. Ein starker innerer Drang ließ mich der trägen Gemütlichkeit ein Ende bereiten. Ich bin aufgestanden, habe mich nach der Arbeit nicht auf die Couch, sondern in den Zug gesetzt und bin nach Gießen gefahren, um zu demonstrieren. Und das werde ich in Zukunft jetzt öfter tun, um denen da oben mein Gesicht zu zeigen für die Menschen, die Welt, die Natur und (nicht nur Hambacher) Bäume.

 

Gut, es mag Leute geben, die die Auffassung vertreten, dass ich kleines einzelnes Menschlein allein an nichts werde etwas ändern können. Aber das kümmert mich nicht. Ich finde, es ist an der Zeit, dass ich meine Meinung öffentlich kundtue. Und außerdem verkennen diese Leute vollkommen, dass es so ist wie bei den Schneeflocken – eine einzelne richtet vielleicht nichts aus, aber wenn sie sich mit ihren Artgenossen verbündet, kann sie Teil einer mächtigen Lawine werden und ganz schön was ins Rollen bringen.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Big Sister          15.09.2018

 

- Siehe Fenjas Kolumnen -

 

 

 

 

Bei uns da unten          01.09.2018

 

Sie, Sie, Sie und Sie auch – genaugenommen ist jeder Steuerzahler in unserem Land ein Arbeitgeber. Mag eigenartig klingen, ist aber so. Unsere Angestellten sitzen in der Bundesregierung und im Bundestag. Allein in Letzterem erwarten sage und schreibe 709 Abgeordnete ihr Gehalt pünktlich jeden Monat im Voraus auf ihren Konten. Und da sie in einem demokratischen Verfahren gewählt wurden, bin ich notgedrungen sogar mit der Bezahlung der 92 Abgeordneten der Gruppierung, deren Anfangsbuchstaben ich mit „Ausschließlich-für-Doofe“ interpretiere, einverstanden.

 

Mit Fug und Recht können wir Steuerzahler also von uns behaupten, Arbeitgeber zu sein. Gut, aus der Natur der Sache und der Länge der Legislaturperioden ergibt sich, dass die Dam- und Herrschaften quasi nur über Zeitarbeitsverträge verfügen. Nichtsdestotrotz entlohnen wir unsere Angestellten ausgesprochen gut und lassen ihnen wirklich jede Menge Freiraum und Möglichkeiten zur Entfaltung. Ja, sogar die Festlegung ihrer Gehälter überlassen wir ihnen. Und verlängerte Wochenenden durch freitägliches Nichterscheinen tolerieren wir ebenso wie das ein oder andere Nickerchen während so mancher (zugegeben sehr langweiligen) Plenarsitzung.

 

Was mir aber so ganz und gar nicht gefällt, ist der Umstand, dass viele unserer Angestellten auch ansonsten für meinen Geschmack etwas zu oft die Augen verschließen. Und zwar vor Missständen, für deren Behebung sie eigentlich zuständig wären. Mindestens genauso gravierend ist, dass viele dieser Leute, denen wir einen solchen Traumjob verschafft haben, im Laufe der Zeit anscheinend völlig vergessen, dass sie unsere Angestellten sind, die wir mit unserem sauer verdienten Steuergeld bezahlen.

 

Aber so ist das nun mal im Regierungs-Wolkenkuckucksheim – die kleine Frau und den kleinen Mann da unten verliert man von dort oben ganz schnell aus dem Blick und auch der Bezug zur Realität, der kann auf dem Weg nach oben auf der politischen Karriereleiter sehr leicht verloren gehen. Nach Meinung der meisten unserer Angestellten geht es dem Volk doch ziemlich gut und alles ist in Butter. Was allerdings ein Pfund davon kostet, das wissen sie nicht. Noch viel weniger Ahnung haben sie vom Preis einer Busfahrkarte oder dem Stundenlohn einer Putzfrau. Und was es für einen 50-Jährigen bedeutet, völlig schuldlos arbeitslos geworden zu sein, davon haben sie nicht die Spur einer Ahnung. Ebenso wenig können sie sich eine Vorstellung davon machen, dass es so mancher alleinerziehenden Pflegekraft an Kraft fehlt, nach ihrem 8-Stunden-Dienst (die Zeit fürs frühmorgendliche Zeitungsaustragen nicht mitgerechnet) noch ein warmes Abendessen für ihre Kinder aus dem Hut zu zaubern.

 

So, und deshalb plädiere ich dafür, dass Minister- und Abgeordneten-Praktika eingeführt werden, damit unsere Angestellten sich mal ein Bild davon machen können, wie es sich auf dem Boden der Tatsachen so steht. Konkrete Vorschläge habe ich auch schon: Verkehrsminister Andreas Scheuer darf vier Wochen lang einer der Teertruppen, die für die Asphaltierung unserer Autobahnen zuständig ist, tatkräftig unter die verschwitzten Arme greifen und Innenminister Horst Seehofer kann sich einen Monat lang auf der Inneren der Uniklinik München mal hautnah ein Bild davon machen, wie es im Inneren überarbeiteter Pflegekräfte (und bei der Gelegenheit auch im Inneren der Bettpfannen, mit denen sie tagtäglich hantieren müssen) tatsächlich aussieht.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Ganz neu          18.08.2017

 

Ständig war meine liebe Großmutter etwas am suchen. Als brave Enkeltochter beteiligte ich mich natürlich an den Suchaktionen, konnte in meinem jugendlichen Alter aber absolut nicht verstehen, wie man dermaßen vergesslich sein konnte. Und dann diese Zettelwirtschaft! Überall waren die Dinger verteilt – in der Küche hinter dem Filterhalter an der Wand steckte einer, gleich mehrere lagen auf dem kleinen Wohnzimmertisch neben der Leselampe und selbst hinter dem Schlüsselbord in der Diele klemmten zwei Exemplare mit irgendwelchen Notizen, die sie an etwas erinnern sollten.

 

Ja, das fand ich schon ein bisschen komisch. Noch komischer kam mir allerdings vor, dass bei Oma an jedem Samstagnachmittag der Wecker klingelte und dies nicht, um ihren Mittagsschlaf zu beenden. Nein, das Klingeln sollte sie daran erinnern, dass der Sonntagskuchen aus dem Ofen musste.

 

Das Alter macht einen vergesslich, sagte sie zu mir, während sie ihre Brille suchte, um dann schließlich festzustellen, dass sie sie auf den Kopf geschoben hatte. Und bevor wir zu unseren Spaziergängen aufbrachen, bat Oma mich, durchs ganze Haus zu gehen, um nachzuschauen, ob alle Fenster geschlossen waren. Am merkwürdigsten fand ich jedoch, dass sie sich immer, wenn wir schon fast an der Haustür waren, umdrehte und noch mal schnell in die Küche ging, um zu prüfen, ob auch alle Herdplatten ausgeschaltet waren.

 

Ich machte mir Sorgen. War das bei allen Leuten so, wenn sie alt wurden? Würde das bei mir vielleicht auch so sein, wenn ich irgendwann mal alt wäre? Nein, völlig ausgeschlossen, dachte ich damals. Ich würde mich doch garantiert daran erinnern, meine Brille verschoben, ein Fenster geöffnet oder eine Herdplatte angeschaltet zu haben. Ganz sicher!

 

Ach ja, und heute schicke ich nicht selten ein kleines Entschuldigungslächeln gen Himmel zu Oma, die sich da oben gewiss köstlich amüsiert über meine Vergesslichkeit. Ich vergesse nämlich noch viel mehr als sie. Zum Beispiel mein Fahrrad, mit dem ich zum Dienst fahre und das mir erst wieder einfällt, wenn ich mittags daheim vor unserer Altenburger Haustür stehe und mich über den leeren Fahrradparkplatz wundere. Oder meine Teetasse, die spurlos verschwunden ist und nach zehnminütiger Suche doch tatsächlich in der Mikrowelle wieder auftaucht. Wie die da bloß reingekommen ist?

 

Kuchen verbrennen mir nur aus einem einzigen Grund nicht: weil es heutzutage schrill alarmierende Zeitschaltuhren gibt. Und dreimal dürfen Sie raten, wer morgens, bevor er das Haus verlässt, ganz genau nachschaut, ob alle Fenster geschlossen sind – ja, diejenige, die deswegen einst nicht aufhören konnte, über ihre Großmutter den Kopf zu schütteln.

 

Zum Glück habe ich aber eine Enkelin mit jeder Menge Verständnis. Als ich neulich beim Spielen mit ihr etwas vergaß und ihr sagte, das läge daran, dass ich schon alt sei, meinte Fenja tröstend: „Das macht nichts, Oma, ich habe das nicht vergessen... ich bin ja noch ganz neu!“

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Höllenpein          04.08.2018

 

Da saßen sie also, jene Gelehrten, die sich dereinst auf Geheiß von oberster Stelle der deutschen Sprache angenommen hatten. Mitten im Hochsommer hatte man sie dazu verdonnert, nun endlich die Dinge, für die noch keine Bezeichnung gefunden worden war, beim Namen zu nennen. Nachdem jedoch aufgrund der hohen Temperaturen dem ersten der Gelehrten beim angestrengten Grübeln von der Stirn dicke Tropfen fielen, rief er aus „Das Nachdenken fällt viel zu schwer, denn es ist viel zu heiß!“... und kurzerhand ergab die Verbindung von „schwer“ und „heiß“ die Bezeichnung „Schweiß“.

 

Leider kann ich mich jedoch für den Wahrheitsgehalt dieser Geschichte nicht verbürgen. Habe ich sie mal in ferner Vergangenheit irgendwo gehört oder entsprang sie den hochsommerlichen Auswüchsen meiner Phantasie? Keine Ahnung, das kann ich nicht sagen. Ist auch egal, denn ich habe momentan wirklich andere Probleme. Bei gefühlten 45 Grad sitze ich hier an meinem Schreibtisch und habe mich kurzentschlossen, um einen Kurzschluss zu vermeiden, dazu durchgerungen, ein wollenes Stirnband zu tragen, damit mein Schweiß nicht dauernd in die mit dem PC und somit mit dem Stromnetz verbundene Tastatur tropft.

 

Da versuche ich armer tropfender Tropf jetzt also, mir was für meine Kolumne einfallen zu lassen, aber mein Kopf ist leer. Nichts drin außer Hitze. Meine Füße befinden sich unter dem Schreibtisch in einer Schüssel mit Wasser. Wie bedauerlich, dass ich das mit dem anderen Ende meines Körpers nicht machen kann – und wie schade, dass mein Mann die Kühlakkus aus dem Gefrierschrank mit zur Arbeit genommen hat! Ob ich mir stattdessen vielleicht die zwei eingefrorenen Kartoffelwürste unter das Stirnband klemme? Irgendein Weg muss sich doch finden lassen, damit ich endlich wieder einen halbwegs klaren Gedanken fassen kann!

 

Beim Thema Gedanken fällt mir ein Artikel ein, den ich neulich gelesen habe. Darin stand, dass man ganz gut mit der Hitze fertig wird, wenn man sich nur ausreichend kühle Gedanken macht. Also gut, ich versuche es. Ich denke an die Tiefkühlabteilung im Supermarkt, um die ich im Winter immer einen großen Bogen mache. Ich versuche, mir das Eismeer, Eisberge und Gletscher vorzustellen. Ja, in meiner Not denke ich sogar an dieses mitunter sehr schmerzhafte, aber wirklich eiskalte Trockeneis, mit dem der Zahnarzt die Zahnnerven testet. Doch alle Mühe ist umsonst, ich komme mir vor, als hätte mich der Teufel höchstpersönlich in einen überdimensionalen Backofen gesteckt.

 

Ich geb's auf, es hat keinen Zweck. Tut mir leid, meine lieben Leserinnen und Leser, aber diesmal müssen Sie ohne Kolumne auskommen. Außerdem hab ich jetzt auch gar keine Zeit mehr. Die Kartoffelwürste an meiner Stirn sind nämlich schon seit geraumer Zeit aufgetaut. Und da bei uns nichts weggeschmissen wird (und Essen schon gar nicht) muss ich jetzt – oh Höllenpein! – schleunigst in die Küche, um die Dinger zu braten...

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Klein Meisje           21.07.2018

 

Siehe Fenjas Kolumnen

 

 

 

 

 

 

Schleich di!          07.07.2018

 

Die ganze Republik regt sich momentan auf über Horst. Nein, keine Sorge, ich spreche nicht von meinem Mann. Die einzige Übereinstimmung, die es zwischen meinem liebreizenden, lammfrommen Gatten und diesem völlig aus der Koalitionsspur geratenen Bajuwaren gibt, ist der Vorname. Gut, die Größe vielleicht noch. Allerdings nur die des Körpers. Denn was Herzensgröße anbelangt, dürfte das Herz meines Mannes im Vergleich ungefähr über die Größe von Schloss Neuschwanstein, jenes von Horst Seehofer hingegen maximal über die eines abgewetzten Lederhosenknopfes verfügen.

 

Aber immer wieder – ich kann nicht begreifen, warum – kriegt dieser Typ die Frauen rum. Wie macht er das bloß? Da betrügt er seine Frau wer weiß wie lange mit einer jungen Geliebten, die schließlich auch noch ein Kind von ihm bekommt, und was tut die Gattin? Nicht das Geringste. Sie schaut tatenlos bei der Affäre zu, anstatt ihm ordentlich den Kopf zu waschen und ihn anschließend mit einem lauten „Schleich di!“ an der Trachtenjacke zu packen und vor die Tür zu setzen. Gut, um direkten Körperkontakt zu vermeiden, hätten es auch ein paar gezielte Schläge mit dem Nudelholz und ein kräftiger Tritt in den Allerwertesten getan.

 

Und selbst Angela Merkel, mit der er in zerrütteter Polit-Ehe lebt, hat er diese Woche wieder rumgekriegt – dabei habe ich so sehr darauf gehofft, dass unsere Bundeskanzlerin den Mumm hat, endlich für klare Verhältnisse zu sorgen. Gut, die Anwendung der Nudelholzmethode hätte ich ihr jetzt nicht unbedingt zugetraut, aber zumindest erwartet, dass sie ihm unmissverständlich klarmacht, dass nun für ihn nach seinen neuerlichen Provokationen kein Weg zurück ins Koalitionsbett mehr führt.

 

Aber weit gefehlt. Trotz seiner unverschämten Aussage, dass sie nur Kanzlerin von seinen Gnaden sei, hat sie sich von dem Schwaller (so bezeichnet mein Mann Sprücheklopfer) wieder einlullen lassen. Zugegebenermaßen nicht ganz uneigennützig. Der eventuelle Verlust von Macht und Kanzlerschaft waren keine sehr verlockenden Aussichten für Frau Merkel. Und da er ja über Nacht von seinem großspurig angekündigten Rücktritt wieder zurückgetreten ist, muss sie es jetzt zur Strafe mit ihm aushalten. Aber nicht nur sie, wir leider auch. Schließlich ist der selbsternannte Kanzlermacher immer noch Bundesinnenminister, ob es uns nun gefällt oder nicht. Doch solange (oder hoffentlich so kurz) er dieses Amt noch innehat und auf millionenfaches Schleich-di aus allen Ecken der Republik absolut nicht reagieren will, wird er von mir nur noch „Bundesspinner-Minister“ genannt.

 

Aber ich wäre nicht Kolumnistin der OZ, wenn ich nicht schon eine Idee hätte, wie wir ihn endgültig loswerden können. In Anlehnung an die geplanten Verwaltungsabkommen mit anderen EU-Ländern bezüglich der Rücknahme von Asylbewerbern schwebt mir nämlich eine ganz andere Vereinbarung vor – und zwar ein Schleich-di-Abkommen mit dem Freistaat Bayern bezüglich der Rücknahme von Horst Seehofer... inklusive vorheriger Besinnungszeit im Transit-Zentrum für besonders auffällig gewordene Bazi-Schwaller.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

10:1           23.06.2018

 

Siehe Fenjas Kolumnen

 

 

 

 

Bitte recht höflich         09.06.2018

 

Sei höflich gegen jedermann. Nicht, weil dein Gegenüber eine Lady oder ein Gentleman ist, sondern weil du eine Lady oder ein Gentleman bist. Gut gesagt. Leider muss man bezüglich dieses treffenden amerikanischen Sprichworts jedoch feststellen, dass es nur noch wenige Ladys und Gentleman zu geben scheint. Und bedauerlicherweise nicht nur in den Vereinigten Staaten, wo der derzeit amtierende Präsident mit seinen Pöbeleien und Hasstiraden das genaue Gegenteil eines Gentleman verkörpert, sondern auch hierzulande.

 

Ja, der Höflichkeit wird keine allzu große Bedeutung mehr beigemessen. Das merkt man schon daran, dass die Benutzung des Wortes „höflich“ im täglichen Sprachgebrauch immer mehr schwindet. Höflichkeit gehört zu den Eigenschaften, die aussterben. Drei von vier Deutschen sind laut Forschungsinstitut dieser Meinung und ebenso viele denken, dass speziell junge Leute gegenüber älteren Menschen zu wenig Respekt an den Tag legen. In mancherlei Hinsicht kann ich dem zustimmen. Denn mal davon abgesehen, dass mir im Bus oder Zug nur noch jugendliche Kriegsflüchtlinge ihren Platz anbieten, gefällt es mir gar nicht, wenn mein Mann und ich von jungen Leuten in Eisdielen oder Gaststätten gefragt werden: „Wollt 'ihr' noch was trinken?“

 

Umgekehrt ist das Verständnisproblem aber mindestens genauso groß. Denn als eine 86-jährige Großmutter, die den Umgang mit moderner Technik nicht scheut und im Besitz eines Laptops ist, von ihrer Suchmaschine wissen wollte, was die römische Zahl MCMXCVIII in arabischen Ziffern bedeutet und eintippte "Bitte übersetzen Sie diese römische Ziffernfolge: MCMXCVIII. Danke“, verstand ihr Enkel die Welt nicht mehr. Er machte von der Suchanfrage seiner Großmutter einen Screenshot, den er auf Twitter mit dem Kommentar postete "Oh mein Gott! Ich habe den Laptop meiner Omi geöffnet. Sie hat was gegoogelt und 'bitte' und 'danke' dazugeschrieben. Ich krieg mich nicht mehr ein!"

 

Doch nicht nur junge Leute können mit dem Begriff Höflichkeit und vor allem mit dessen Umsetzung nichts oder nur noch sehr wenig anfangen. Nein, ältere Semester sind, wie ich bestätigen kann, ebenso betroffen. Und genau aus diesem Grund werde ich von dieser Kolumne Kopien anfertigen und in meiner Fahrradtasche verstauen. Die sind bestimmt für zwei Herren, denen ich hoffentlich noch einmal begegnen werde und die noch viel über Höflichkeit im täglichen Miteinander lernen müssen. Und nicht nur diesbezüglich. Zusätzlich müssen sie auch noch lernen, Straßenschilder richtig zu lesen und nicht armen Kolumnistinnen, die amtlich erlaubt mit ihrem Fahrrad Einbahnstraßen entgegen der vorgeschriebenen Fahrtrichtung befahren, den Vogel zu zeigen oder ihnen hinterherzurufen: „Hast du sie noch alle?“

 

Erstem Herrn sei gesagt: Auch durch unentwegtes Tippen mit dem Zeigefinger an die Stirn lassen sich weder Sehvermögen, Intelligenz noch die Fähigkeit zur Pflege guter Umgangsformen erhöhen beziehungsweise überhaupt herstellen. Und letzterem Herrn sei mitgeteilt: Ja, ich glaube, ich habe sie noch alle – und zwar alle Achtung vor Menschen, die freundlich, höflich und hilfsbereit sind und nicht nur die PS-Zahl ihres fahrbaren Untersatzes, sondern auch die Grundvoraussetzungen für respektvolles und höfliches Benehmen kennen.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Ein Ball für die Eintracht          26.05.2018

 

Siehe Fenjas Kolumnen :)

 

 

 

 

Verschrödert          12.05.2018

 

Bis zu jener Stunde war dieser wunderbar warme Tag mit einem Himmel, der fast die Farbe meines azurblauen Badeanzuges hatte, ein überaus angenehmer gewesen. Ich befand mich in einem außergewöhnlich schönen Schwimmbad, zog seelenruhig meine Bahnen durch das wohltuend frische Wasser und machte mir entgegen sonstiger Gewohnheit ausnahmsweise mal über gar nichts Gedanken.

 

Doch plötzlich betrat ein Pulk von Männern den Außenbereich des Beckens. Nur einer von ihnen trug eine Badehose, alle anderen schwarze Anzüge, weiße Hemden und dunkle Sonnenbrillen. Jeder der Anzugträger war um die zwei Meter groß und so breit wie ein Schrank. Aufgrund der seitlichen Wölbungen ihrer Jacketts war eindeutig zu erkennen, dass es sich um bewaffnete Bodyguards handelte. Beim Näherkommen sah ich mit Erstaunen, wer der Mann war, der als Einziger eine Badehose trug: Es handelte sich doch tatsächlich um den früheren Bundeskanzler Gerhard Schröder!

 

Unglaublich, mein einstiger Hoffnungsträger nur zehn Meter entfernt von mir – das war die Gelegenheit! Kurzentschlossen verließ ich das Becken, steuerte auf ihn zu und stand schließlich direkt vor ihm. Ein bisschen wunderte mich schon, dass keiner der Schränke versuchte, mich daran zu hindern. Vielleicht, weil die gut sichtbaren Wölbungen im Hüftbereich meines Badeanzuges eindeutig nicht die Form einer Pistole hatten, sondern zweifelsfrei als solche aus Fleisch zu erkennen waren.

 

Jetzt oder nie, ging mir durch den Kopf, und ich richtete das Wort an den Altbundeskanzler: „Wie gut, dass ich Sie mal persönlich treffe, Herr Schröder. Über Jahre hinweg habe ich mit dem Gedanken gespielt, Ihnen einen Brief zu schreiben, ließ es dann aber immer wieder sein. Wer weiß, ob sie ihn überhaupt gelesen und erfahren hätten, dass ich ganz aus dem Häuschen war vor lauter Freude, als Sie 1998 zum Bundeskanzler gewählt wurden. Ja, was habe ich mich gefreut! Jetzt endlich, dachte ich mir, bestimmt ein Mann die Geschicke unseres Landes, der öffentlich erklärt hatte, in seiner schweren, vaterlosen Kindheit zu den Ärmsten der Armen gehört und mit der auf Sozialhilfe angewiesenen achtköpfigen Patchwork-Familie in einer winzigen Zweizimmerwohnung gelebt zu haben. So jemand, dachte ich voller Vertrauen, der wird jetzt ganz sicher dafür sorgen, dass es endlich gerecht und wirklich sozial zugeht in unserem Land.

 

Aber von wegen! Mit Ihrer Agenda 2010 und dem immer noch gültigen Hartz-Konzept fand ein massiver Sozialabbau statt. Und heute? Da sind Sie Lobbyist, haben das Sagen in den obersten Etagen riesengroßer Konzerne und nennen Wladimir Putin einen ihrer besten Freunde... ich fasse es nicht!“

 

Na, spätestens jetzt müssten die schwarzweißen Kolosse mich abführen, dachte ich. Doch komisch, nichts geschah. Nur stets lauter werdende Musik nahm ich wahr. Wo kam die denn plötzlich her? Von meinem Radiowecker, wie sich herausstellte. Und noch im Bett liegend beschloss ich beim Hören von John Lennons Song „Imagine“ im Gedenken an meine Geschlechtsgenossin Rosa Luxemburg, die auch einmal der Partei Gerhard Schröders angehört hatte und ihren Kampf für die kleinen Leute sogar mit ihrem Leben bezahlen musste, diese Kolumne zu schreiben, sie nach Veröffentlichung umgehend Herrn Schröder zu schicken und ihm mitzuteilen, dass er mich sehr enttäuscht hat ... mehr noch, ich fühle mich in der Tat von ihm ganz arg verschrödert.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Ein bisschen          28.04.2018

 

Mein Mann hat mich angesteckt. Zwar ist es jetzt schon fast zwei Jahre her, dass das geschah, aber die Symptome haben sich nicht im Geringsten gebessert. Nein, ganz im Gegenteil. Dieser spezielle Virus ist wirklich ein ausgesprochen hartnäckiger Geselle. Wenn er einen erst mal im Griff hat, dann lässt er nicht mehr locker. Filmisch für die Nachwelt festgehalten ist sein erstes Auftauchen. Das fand am 3. August 2013 statt und seit diesem Tag hat der Virus sich in Windeseile verbreitet, so flächendeckend, dass sich mittlerweile sage und schreibe über drei Millionen Deutsche infiziert haben.

 

Jetzt möchte ich Sie aber nicht länger auf die Folter spannen, sicher wollen Sie endlich wissen, über welchen anscheinend sehr gefährlichen Virus ich mich hier schon einen ganzen Absatz lang ereifere. Jene, die wie mein Mann und ich befallen sind, haben es sich sicher schon gedacht: Ich spreche vom Bares für Rares-Virus, der mich eines schönen Nachmittags unversehens mitten in unserem Wohnzimmer überfiel. Denn just da rief mein fern sehender Mann, der weiß, dass ich Klänge aus der alten Heimat liebe, nach mir, um mitzuteilen, dass in der gerade von ihm angeschauten Sendung Saarländer zu sehen (und vor allen Dingen zu hören) seien.

 

Und tatsächlich: Da war ein saarländisches Ehepaar, das gerade dabei war, Horst Lichter und dem Experten eine schöne antike Keramikschale aus Lothringen wortreich in saarländischer Mundart anzupreisen. Der Experte war begeistert, schätzte den Wert und anschließend begaben sich Ehefrau, Ehemann und Keramikschale zu den Händlern. Auch die erwiesen sich als Schalenfans und der Erlös übertraf schließlich sogar noch die Schätzung des Experten.

 

Tja, und ab diesem Tag war es um mich geschehen. Das BfR-Virus hatte mich gepackt und seitdem fiebere ich mit. Bekommt die Großmutter, die den Erlös ihren acht Enkeln geben will, hoffentlich auch genug für den Ring, den ihr einst ihre Patentante vermacht hat? Zeigen sich die Händler spendabel, denn vor ihnen steht ein auf einen teuren Profi-Fußball sparender kleiner Junge, der das Schaukelpferd seines Opas verkaufen will?

 

Es gibt nur zwei Dinge, die mir bei dieser Sendung nicht gefallen. Zum einen, wenn Horst Lichter, der mir eigentlich ganz sympathisch ist, zu älteren Frauen „Junge Dame“ sagt. Und zum anderen, dass viel zu viele Verkäufer, wenn sie von den Händlerinnen und Händlern nach ihrer Zufriedenheit mit dem von ihnen gebotenen, recht niedrigen Preis gefragt werden, sagen: Noch ein bisschen!

 

Ein bisschen... da könnte ich explodieren! Schon mit „Ein bisschen Frieden“ ging es mir so. Vollkommener Frieden ist wichtig, was wollen wir mit einem bisschen?! Ein bisschen ist nur in Ordnung, wenn es um Ärger, schlechtes Wetter oder mehr Gramm auf der Personenwaage geht. Bescheidenheit in allen Ehren, aber ein bisschen – das sind die Krümel vom Kuchen, das sind fünf Minuten Sonnenschein an einem Tag, der vierundzwanzig Stunden hat.

 

Sie jedoch, liebe Leserinnen und Leser, haben heute Glück gehabt – denn hätte ich nur ein bisschen Kolumne geschrieben, wäre schon nach dem ersten Absatz Schluss gewesen und Sie hätten nie erfahren, was genau es mit dem sagenumwobenen BfR-Virus auf sich hat.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Aus dem Vollen          14.04.2018

 

Mal abgesehen von den Superreichen und Wirtschaftsbossen, die recht- als auch unrechtmäßige Mittel und Wege kennen, um das zu verhindern, gehen ansonsten über fünfzig Prozent des Einkommens in Deutschland in Form von Steuern und Abgaben an den Staat. Und da der Bund der Steuerzahler das nur allzu gut weiß, veröffentlicht er alljährlich zu diesem Thema ein sehr interessantes, lehrreiches Buch, das „Schwarzbuch“ heißt und seinen Namen vollkommen zu Recht trägt, denn selbst derjenige, der es mit rosa Brille liest, sieht nachher – und das liegt nicht nur an den Tränen in seinen Augen – kohlrabenschwarz.

 

Von tief unten aus dem übervollen Steuertopf erfährt man die unglaublichsten Sachen und lernt zudem auch noch was über Staatsarchitektur, denn man erkennt, dass staatliche Gebäude sehr große Fenster haben müssen, die man richtig gut verdunkeln kann. Zum einen muss es nämlich eine breite Fensterbank geben, über die sich täglich zigtausende, wenn nicht sogar Millionen Euros zum Fenster rauswerfen lassen und zum anderen blickdichte Rollos, damit von außen bloß nicht der winzigste Schein des Lichts der Erkenntnis nach innen dringen kann. Wie sonst ließe sich auch anders erklären, für welche Absurditäten der Staat nicht unerhebliche Teile unseres sauer verdienten Steuergeldes so mir nichts, dir nichts tagtäglich verpulvert.

 

Da werden im Nirgendwo Bahnübergänge und Brücken, zu denen keine Straße führt, gebaut. Und an anderer Stelle darf eine funkelnagelneue Straße nicht befahren werden, weil man „zufällig“ nach Bauabschluss festgestellt hat, dass sie durch ein Vogelschutzgebiet führt. Teure, sehr wartungsbedürftige Hightech-Mülleimer für 10.500 Euro pro Stück werden angeschafft, Fledermausquartiere errichtet, wo keine Fledermaus je im Leben hin will, einer sterbenden Linde wird eine 77.000 Euro teure „künstlerische Installation“ in Form eines Metallkäfigs verpasst und 85.000 Euro aus Steuermitteln werden zur Verfügung gestellt, damit ein Künstler auf einer Fläche von 300 Quadratmetern die Fassade eines Mehrfamilienhauses mit echtem Blattgold „verschönern“ kann.

 

Doch das alles ist nur die Spitze des Steuerverschwendungseisbergs. Ganz oben wird nämlich nicht gekleckert, sondern richtig geklotzt. Milliardenschwere Wirtschaftskonzerne werden mit Forschungsgeldern in Millionenhöhe bedacht und laut Haushaltsentwurf soll die Filmförderung um 150 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf geplante 125 Millionen Euro für das Jahr 2018 anwachsen. Deutschland ist zwar seit 29 Jahren nicht mehr geteilt, aber 20 Milliönchen gehen jährlich drauf für den immer noch geteilten Regierungssitz Berlin/Bonn. Unzählige Staatssekretäre, die uns jährlich 18 Millionen Euro kosten, wachsen wie Pilze aus dem Boden. Ottilie und Otto Normalverbraucher haben nicht den geringsten Schimmer, was diese Leute den ganzen Tag treiben und auch ich würde zu gern wissen, wofür sie eigentlich ihr stattliches Salär erhalten. Am meisten interessieren würde mich allerdings, warum parteinahe Stiftungen im vergangenen Jahr sage und schreibe 581 Millionen Euro bekommen haben. Wer hat diese Riesensumme festgelegt und was genau passiert mit dem vielen Geld?

 

Ach ja, apropos Geld: Speziell für uns Damen hat das Lesen des Schwarzbuches außer wertvollen Erkenntnissen noch etwas Gutes – die Haare stehen einem nämlich dermaßen zu Berge, dass sich die Verwendung von teurem Volumen-Shampoo für geraume Zeit erübrigt haben dürfte.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Über Bord          17.03.2018

 

Mit Ausnahme von Herbert Grönemeyer, Konstantin Wecker und Reinhard May sind deutsche Songs nicht so unbedingt meins. Nein, ich bin eher der Fleetwood Mac-, Barbra Streisand-, Adele- oder Amy Winhouse-Typ. Manchmal allerdings kommen mir per Zufall deutsche Texte zu Ohren, die mich wirklich aufhorchen lassen und bezüglich derer der so genannte Ohrwurm direkt bis ins Speicherareal meines Gehirns wandert. So ging es mir mit einem Song der deutschen Pop-Rock-Band Silbermond, den ich vor ein paar Jahren im Radio hörte und in dem es heißt: „Eines Tages fällt dir auf, dass du 99 % nicht brauchst. Du nimmst all den Ballast und schmeißt ihn weg, denn es reist sich besser mit leichtem Gepäck.“

 

Und komisch – jedes Jahr im Frühling fällt mir dieser Text wieder ein. Denn es ist nun mal so, dass sich im Laufe der Jahre sowohl in den Schubladen als auch in den Kleiderschränken so Einiges angehäuft hat. Zugegeben, mein letztjähriges Frühlingsvorhaben, endlich alle Sachen, die ich zwei Jahre oder mehr nicht mehr getragen habe, aus meinem Kleiderschrank zu verbannen, habe ich dann doch auf den 2018er-Frühling verschoben. Aber nächste Woche, das habe ich mir fest vorgenommen, fliegt das ganze Zeug raus – und zwar in hohem Bogen... zuerst aufs Bett und dann in die Tüten für die Altkleidersammlung beziehungsweise die Bahnhofsmission. Und mit den ganzen Teelichthaltern, Kerzenständern, Vasen und Windlichtern, die schon gefühlte Jahrzehnte nicht mehr im Gebrauch waren, mache ich weiter. Dann sind die gehorteten Kerzen dran - nach und nach werden sie alle abgebrannt. Reiner Tisch, genauer gesagt reiner Schrank wird gemacht, basta.

 

Doch damit nicht genug. Es gibt nämlich noch einige Sachen nicht materieller Natur, die meiner Meinung nach ebenfalls unbedingt entsorgt werden müssten. Das schlechte Gewissen beim Nein-Sagen zum Beispiel. Wenn ich nein sage, dann tue ich das nicht aus irgendeiner Laune heraus, sondern habe einen triftigen Grund dafür. Warum dann ein schlechtes Gewissen haben? Also, weg damit!

 

Und genau dasselbe passiert mit der Was-sollen-die-Leute-denken-Angst. Sollen die Leute doch denken, was sie wollen! Der ganze Ballast der Erwartungen, Meinungen und Ansichten fremder Leute, der gehört ganz eindeutig über Bord! Und auch die eigenen, oftmals viel zu hohen Ansprüche an sich selbst, die sollte man dringend entsorgen. Es muss nicht immer alles perfekt sein. Irgendwann ist man nämlich so fix und fertig, dass man das Perfekte, das man glaubt, geschaffen zu haben, überhaupt nicht mehr genießen kann.

 

Voller Inbrunst und so laut, dass die kurz vor der Wanderung zum Flohmarkt stehenden Windlichter und Vasen geräuschvoll im Schrank scheppern, kann man dann im wahrsten Sinn des Wortes erleichtert mitsingen beim Song von Silbermond: „Denn eines Tages fällt dir auf, es ist wenig, was du wirklich brauchst – also nimmst du den Ballast und schmeißt ihn weg, denn es lebt sich besser, so viel besser mit leichtem Gepäck...“

 

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Wie Frauen ticken         03.03.2018

 

Nein, liebe Männer, lassen Sie sich von der Überschrift bitte nicht dazu verleiten, gleich bis zu den Sportseiten weiterzublättern. Ich verspreche Ihnen, es wird sich auch für Sie lohnen, diese Kolumne zu lesen. Denn mal ehrlich – im Geheimen hat Sie doch schon immer brennend interessiert, wie die Frau, dieses unbekannte und mysteriöse Wesen, eigentlich wirklich tickt. Und genau das will ich Ihnen heute mal im Detail erklären.

 

Ja, ich weiß: Viele Männer sind der Meinung, dass der Großteil der Frauen sowieso nicht mehr richtig tickt. Und dann gibt es Damen, die werden von ihnen sogar als tickende Zeitbomben bezeichnet. Nicht zuletzt behaupten nicht wenige der Herren, dass es kein einziges weibliches Wesen gibt, das nicht (mindestens) einen Tick hat. Wobei Handtaschen- und Schuhticks da eigentlich noch die harmlosesten sind, denn dank des Geldes, das wir mittlerweile verdienen, können wir uns mit diesen ledernen Kostbarkeiten auch außerhalb von Weihnachtsfesten und Geburtstagen wunderbar selbst eindecken.

 

Und das Ganze könnte noch viel besser funktionieren, wenn wir endlich für die gleiche Arbeit auch das gleiche Geld bekämen. Außerdem wäre es ganz schön, wenn die Chef-Etagen in angemessener Zahl zu Chefinnen-Etagen würden... und wenn schon Chefs, dann bitte solche, die anzügliche und sexistische Bemerkungen für sich und ihre Finger bei sich behalten. In solchen Fällen, liebe Herren der Schöpfung, müssen Sie wirklich Verständnis dafür aufbringen, dass den Damen der Schöpfung gar nichts anderes übrigbleibt, als mal so richtig auszuticken.

 

Ach ja – die Frau, das anspruchsvolle Wesen! Viele Männer fragen sich, was wir eigentlich noch alles wollen. Seit 1919 dürfen wir wählen, seit 1958 ohne Zustimmung des Ehemannes den Führerschein machen oder ein eigenes Konto eröffnen und seit 1977 sogar ohne das Einverständnis des Gatten in einem Beruf unserer Wahl arbeiten, ohne das verdiente Geld bei ihm abliefern zu müssen. Wonach uns der Sinn also ansonsten noch steht? Na, nach ein ganz klein wenig männlichem Einfühlungsvermögen zum Beispiel. Nur so kann Mann nämlich ergründen, wie Frau eigentlich wirklich tickt. Das hat – tick tack – auch was mit Zeitgefühl zu tun. Sobald wir im Bad sind, ticken unsere Uhren halt einfach langsamer. Umgekehrt lässt sich das mit dem schnelleren Gehen männlicher Uhren bei Fußballspielen vergleichen – besonders in der Nachspielzeit, wenn die Lieblingsmannschaft im Rückstand ist.

 

Und wo ich gerade dabei bin, noch was in Bezug auf Rückständigkeit, liebe Männer: Verschont uns bitte mit roten Rosen... das ist so was von einfallslos! Belegt lieber einen Kochkurs – aus eigener Erfahrung wisst ihr doch, dass Liebe durch den Magen geht. Auch wenn beim ersten Versuch der Fisch ein bisschen angebrannt ist und das Püree mehr nach Salz als nach Kartoffeln schmeckt – egal, der gute Wille zählt! Strengt euch an und nutzt die Zeit, immerhin sind es noch ganze vier Tage bis zum Weltfrauentag, bis zu dem jeder Ehemann ohne große Anstrengung endlich festgestellt haben müsste, dass er das unbeschreibliche Glück hat, mit einem Goldstück verheiratet zu sein, das gar nicht goldrichtiger ticken könnte...

 

Lilli U. Kreßner

 

 

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