Alles, was recht ist          11.05.2019

 

Seit fünfzehn Jahren (ja, ich habe genau nachgezählt, es sind wirklich so viele!) bin ich nun schon nebenberuflich als Kolumnistin für die OZ tätig. In dieser Zeit habe ich viel gelernt. Zum Beispiel, näher hinzuschauen und Dinge zu hinterfragen. Schließlich soll alles, von dem ich Ihnen erzähle und berichte, Hand und Fuß haben. Gut, die hat ein Bär, den ich Ihnen eventuell aufbinden könnte, in gewissem Sinne auch. Aber ich bin nun mal ein wahrheitsliebender Mensch und einer, der auf Gerechtigkeit sehr viel Wert legt. Gut möglich, dass das der Grund ist, warum ich hauptberuflich in den Diensten der Justiz stehe.

 

Doch als ich vor nunmehr fast neununddreißig Jahren meinen Dienst bei einer Frankfurter Gerichtsbehörde antrat, wurde ich ziemlich schnell mit der Realität konfrontiert. Nur schwer konnte ich mich damit abfinden, dass es Höchststrafen gibt, die nach meinem Gerechtigkeitsempfinden noch lange nicht hoch genug sind. Und warum in der deutschen Rechtsprechung „lebenslang“ nur fünfzehn Jahre Freiheitsstrafe und nicht wirklich ein ganzes Leben lang hinter Gittern zu bedeuten hat, das habe ich offengestanden bis heute immer noch nicht so recht verstanden.

 

Es gibt aber etwas, das ich mir fast genauso wenig erklären kann. Und wenn Justitia nicht ohnehin schon eine Augenbinde tragen würde, bin ich mir sicher, sie würde sich mit Blick auf solche Absurditäten ganz gewiss eine zulegen. Die Richterinnen und Richter, die sich in so manchem Lappalien-Fall nicht nur die Akte, sondern auch den wutentbrannten Kläger nebst des mindestens genauso echauffierten Beklagten in einer öffentlichen Verhandlung anschauen müssen, können dies leider nicht. Sie müssen Recht sprechen bezüglich einer streitigen Summe von sage und schreibe 2,50 Euro oder wegen eines dreißig Zentimeter langen Magnolienzweiges, der über den Zaun wuchs und den der beklagte Nachbar in unverschämter Manier, so wie der Kläger behauptet, mitten in dunkler Nacht so mir nichts dir nichts (und zu allem Überfluss auch noch absolut unfachmännisch!) abgeschnitten haben soll.

 

Auch wegen des Deutschen liebstem Garten-Mitbewohner, dem Gartenzwerg, werden nicht selten die Gerichte bemüht. Die entschieden einst, dass jede Gartenbesitzerin und jeder Gartenbesitzer so vielen Zwergen wie gewünscht auf ihrem Grundstück Heimat gewähren darf, auch wenn der Anblick der Vielzahl von dreihundert Zwergen dem Nachbarn sehr missfällt und weit davon entfernt ist, seinen ästhetischen Ansprüchen gerecht zu werden. Das Aufstellen von sogenannten „Frustzwergen“, die dem Nachbarn den blanken Po und obendrein auch noch den „Stinkefinger“ zeigen, erfüllt allerdings den Tatbestand der groben Beleidigung und wird vom Gesetzgeber nicht gebilligt.

 

Bezüglich Oskar, des fast ein Meter großen Gartenzwerges unserer lieben Nachbarin, ist es aber genau andersherum. Der lächelt mich jeden Morgen, wenn ich das Haus verlasse, aus dem schönen Nachbargarten an und wünscht mir einen guten Tag. Außerdem ist er Fenjas Freund. Sollte er also aus unerfindlichen Gründen irgendwann einmal verschwinden, sähe ich mich zu meinem Bedauern leider gezwungen, rechtlich dagegen vorzugehen und eine Anzeige wegen Entführung zu erstatten.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Zurück in die Zukunft          27.04.2019

 

Auf manche Dinge, die es früher gab, kann man heutzutage sehr gut verzichten. Auf Eisblumen am Fenster oder qualmende Ölöfen im Wohnzimmer, ganz zu schweigen von übelriechenden Donnerbalken-WCs außerhalb des Hauses. Auch den luftgepolsterten Bademützen mit Gummigurt am Kinn trauert niemand so wirklich nach, ebenso wie den Wärmflaschen aus Metall oder den Rückenschmerzen, die die Hausfrau bekam, wenn sie stundenlang am Waschbrett schrubben musste.

 

Nein, heute mögen wir es moderner. Wir haben Fußbodenheizungen, Waschmaschinen, Badezimmer mit jedem nur erdenklichen Komfort, gigantische LED-Fernseher und super isolierte Häuser, in denen sich sämtliche Gerätschaften aus kilometerweiter Entfernung kontrollieren und steuern lassen. Sogar sehr gesprächige Gesellschaft können wir uns ins Haus holen. Wenn uns langweilig ist, dann bestellen wir einfach Alexa. Was, liebe Leserinnen und Leser, Sie kennen Alexa nicht?

 

Nein, das ist keine Dame vom Escort-Service und schon gar nicht von dem Gewerbe, das man in geometrischer Umschreibung auch gerne als das Horizontale bezeichnet. Alexa ist ein internetbasiertes Gerät, das aussieht wie ein kleiner Tischmülleimer, der sprechen kann. Auf so gut wie jede Frage, die man ihr stellt, hat Alexa eine Antwort. Sie spricht alle Sprachen, kennt sämtliche Geigen- und Klavierkonzerte, die es gibt und sie erzählt ohne Unterlass Witze, wenn man sie darum bittet. Außerdem kennt sie alle Kochrezepte und binomischen Formeln, weiß bestens über Einsteins Relativitätstheorie Bescheid und sogar jodeln kann sie. Und wenn man insgeheim schon immer bedauert hat, dass man dermaßen bedeutungslos ist, dass kein Geheimdienst der Welt sich auch nur im Geringsten für einen interessiert, dann kann Alexa, wie kürzlich bekannt wurde, einen sogar unaufgefordert heimlich abhören.

 

Manchmal sieht der Mensch allerdings auch ein, dass er der Moderne geschuldet etwas abgeschafft hat, was er besser behalten hätte. So wie beim Plattenspieler beispielsweise, der wieder fleißig gekauft wird und der uns durch manches leise Knacken beim Abspielen alter LP's daran erinnert, dass etwas, das perfekt ist, nicht immer auch schön sein muss. Ebenso bezüglich des Buches, des guten alten Buches, das nach Papier und Druckerschwärze duftet und in dem man blättern kann, scheint sich zum Glück eine Wende abzuzeichnen. Auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse freute man sich über einen Besucherrekord und zum ersten Mal seit sechs Jahren meldeten die Marktforscher, dass im Jahr 2018 wieder mehr Bücher gekauft wurden – eine gute Nachricht für alle Papierbuch-Leseratten wie mich.

 

Ja, denn in gewissen Bereichen bin ich sehr gerne altmodisch. Was jedoch keinesfalls zu bedeuten hat, dass ich mich allem Neuen und Modernen verschließe. So eine Alexa, die kommt mir allerdings ganz bestimmt nicht ins Haus. Zwei weibliche Stimmen, die meinem Mann Ratschläge und Spezialauskünfte geben, reichen meiner Meinung nach nämlich vollkommen: Die von Tante Navia aus dem Navigationsgerät im Auto und die seiner Gattin – und wenn Letztere sich richtig anstrengt, kann sie dem Göttergatten ihre Meinung nicht nur geigen, sondern, falls ihm das lieber sein sollte, auch ziemlich gut jodeln...

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Summ summ summ          13.04.2019

 

(siehe Fenjas Kolumnen)

 

 

 

 

Ein Reiherchen rupfen          30.03.2019

 

Ach, was ist es doch für eine Freude, im beginnenden Frühling durch den Garten zu gehen – in jeder Ecke gibt es was zu bestaunen! Das Lungenkraut ist fleißig mit Blühen beschäftigt, die kleinen Primeln strecken neugierig ihre Blüten der Sonne entgegen und den Blütenansatz des Hasenglöckchens kann man auch schon deutlich erkennen. Hinzu kommt noch eine wunderbare Überraschung: Im Steingarten finden sich mehrere Büschel verschiedenfarbiger Hornveilchen, die sich im letzten Jahr wohl selbst dort ausgesät haben.

 

Auch Fenja wird staunen, wenn sie am Wochenende kommt, denn in ihrem kleinen Blumenbeet unter dem Schmetterlingsstrauch leuchten einem schon von Weitem pinkfarbene Blüten entgegen. Und was sie ebenfalls sehr freuen wird, das sind die ansehnlichen Triebe der Pfefferminze, die sie so gern abpflückt, um ihrem Schäfchen, ihrem Bär und Oma und Opa auf dem Puppengeschirr leckeren Tee zu servieren.

 

Ja, alles grünt und blüht, denn der Frühling lässt sein blaues Band wieder unermüdlich durch Wald, Wiesen, Flur und Gärten flattern. Auch an unserem kleinen Gartenteich tut sich so einiges. Die Sumpfdotterblumen sprießen und die Vögel nutzen die kleinen Mulden im Bachlauf als Badewanne. Das tun sie so ausgiebig, dass jede Menge Wassertropfen in den Teich prasseln und wie in jedem Jahr von den Fischen mit Futter verwechselt werden. Einer nach dem anderen traut sich neugierig (und vermutlich auch hungrig) aus seinem Winterquartier am Grund des Teiches nach oben und Fenja, selbsternannte Fischbeauftragte und hauptamtlich zuständig für deren gute und vor allen Dingen reichliche Ernährung, hat die Fische bei ihrem letzten Besuch schon ordentlich mit Futter versorgt, denn von Wasser, da hat sie absolut recht, kann nun wirklich kein Fisch satt werden.

 

In und am Teich gibt es aber außer den Fischen und Vögeln noch eine Menge anderer Tiere zu sehen. Teichmolche mit orangefarbenen Bäuchen zum Beispiel und wunderschöne grüne, blaue und rote Libellen. Bienen, Schmetterlinge und Igel, die zum Trinken kommen und vor einigen Jahren hat uns sogar ein Entenpaar besucht und auf dem Teich ein paar Runden gedreht.

 

Doch als ich in der vergangenen Woche völlig arglos vom Küchenfenster aus einen Blick in den Garten warf, da traf mich fast der Schlag: Im Uferbereich des Teiches stand, den Blick starr auf die Wasseroberfläche gerichtet, ein Fischreiher! Dermaßen schnell hat man mich noch nie von der Küche ins Wohnzimmer laufen sehen. Ungestüm riss ich die Terrassentür auf, um den elenden Fischdieb zu verscheuchen. Der wandte seelenruhig seinen Kopf in meine Richtung, schaute mich an und schien zu denken: Was will die denn hier? Dann ging er etwas in die Knie und mit einem Ruck schwang er sich nach oben – vermutlich mit all unseren Fischen im Bauch!

 

Ich hätte heulen können. Kein einziger war mehr zu sehen. Auch am Abend und am darauffolgenden Morgen nicht. Doch welch ein Glück, wenn man schlaue Fische hat, die zwar Wassertropfen mit Futter verwechseln, aber wissen, wo sie sich im Notfall verstecken können: Mittags waren alle wieder da! Was allerdings nichts daran ändert, dass ich mit dem Fischreiher, sollte er sich nochmal blicken lassen, ein Reiherchen zu rupfen habe – welches, das wird er dann schon sehen...

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Schützen und schätzen          16.03.2019

 

Ich habe großes Glück – alle zwei Wochen darf ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser der OZ, meine Meinung sagen und zwischendrin kommt Deutschlands jüngste Kolumnistin Fenja auch noch zu Wort. Doch damit nicht genug. Auch in anderen Bereichen hindert mich niemand daran, gleich welche Menschen, die mit mir auf unserer arg malträtierten Erde leben, wissen zu lassen, was ich von ihnen halte und was mir so alles durch den Kopf geht.

 

Wenn mir der Sinn danach stünde, dann könnte ich zum Beispiel meinem speziellen „Freund“ Donald Trump jeden Tag einen langen Brief schreiben, in dem ich ihm mitteile, wie schrecklich ich nicht nur seine Frisur, sondern auch seine menschlichen Qualitäten finde und welche gravierenden Defizite mir bezüglich seines Charakters aufgefallen sind.

 

Doch mal davon abgesehen, dass ich wirklich Besseres und vor allen Dingen Sinnvolleres zu tun habe, als mich über das schüttere und grausig gefärbte Haupthaar dieses unbelehrbaren Egozentrikers auszulassen, muss ich nirgendwo mit meiner Meinung hinterm Berg halten. Sogar den türkischen Präsidenten könnte ich in ungeschönter Form wissen lassen, was ich von seiner Sicht auf Menschenrechte, Pressefreiheit und freie Meinungsäußerung halte. Das Einzige, mit dem ich dann rechnen müsste, wäre eine Festnahme bei versuchter Einreise in die Türkei. Aber ein Besuch dieses Landes wäre ohnehin ganz sicher so ziemlich das Allerletzte, das mir heutzutage in den Sinn käme.

 

Jederzeit steht es mir frei, beim Bürgermeister, beim Landrat und beim Ministerpräsidenten meine Meinung kundzutun – bis hinauf zu Bundeskanzlerin und Bundespräsident. Und solange ich mich meiner guten Manieren erinnere und nichts Beleidigendes oder Anstößiges meinen Äußerungen zu entnehmen ist, das zum Beispiel geeignet wäre, das zarte Seelengemüt von sensiblen AfD-Politiker/innen verletzen zu können, die nur unser Bestes wollen, es um Himmels Willen aber bitte niemals kriegen werden, solange kann ich schriftlich, telefonisch oder persönlich alles sagen, was ich will. Alles.

 

Denn, welch ein Glück – wir leben in einer Demokratie. Aus dem Altgriechischen übersetzt bedeutet dieser Begriff soviel wie „Herrschaft des Staatsvolkes“. 95,5 % der Weltbevölkerung ist dieses Glück leider nicht beschieden, denn laut Demokratieindex von 2016 leben – das stelle man sich mal vor – nur 4,5 % aller diese Erde bewohnenden Menschen in einer „vollständigen“ Demokratie wie der unseren.

 

Demokratie ist überaus wertvoll, denn sie bedeutet bis zu einem gewissen Maß Freiheit. Sie bedeutet aber auch, nicht bloß meckern zu dürfen über dies, das und jenes, sondern Verantwortung zu übernehmen und mitzuarbeiten. Wir leben in einer Demokratie, die am Leben gehalten werden will. Es gilt, sie zu schützen vor den Pfeilen, die in den letzten Jahren vermehrt aus weit rechts befindlichen braunen Sumpflöchern auf sie geschossen werden. Und, ganz wichtig – wir sollten sie nicht nur schützen, sondern auch schätzen. Ein jeder kann dazu sein Scherflein beitragen. Zum Beispiel dadurch, dass wir nicht alles kommentar- und tatenlos hinnehmen, sondern uns einmischen und Falsches beim Namen nennen. Nicht umsonst hat George Bernard Shaw schließlich gesagt: Demokratie ist ein Verfahren, das garantiert, dass wir nicht besser regiert werden, als wir es verdienen.

 

Ihre

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Der Meerjunghase         02.03.2019

 

(siehe Fenjas Kolumnen)

 

 

 

 

Wer austeilt...          16.02.2019

 

Ganz selbstverständlich steht er heutzutage ebenso wie Muttertag oder Volkstrauertag im Kalender: Der vorgestern stattgefundene Valentinstag. Doch mal davon abgesehen, dass ich seit jeher schon immer etwas gegen verordnete Freu- oder Trauertage hatte, muss ich gestehen, dass dieser Tag mich doch ein wenig nachdenklich gemacht hat. Über Stunden hinweg wollte Gerhard Schröder mir nämlich nicht mehr aus dem Kopf gehen. Dauernd musste ich an ihn denken. Nein, nicht aus Gründen, die man an einem solchen Tag vermuten könnte. Romantische Gefühle waren da nun wirklich keine im Spiel. Nein, eher das Gegenteil war der Fall in Bezug auf meinen ehemaligen Hoffnungsträger.

 

Und das nicht, weil er letztes Jahr kein Sterbenswörtchen auf meine Altkanzler-Albtraum-Kolumne hat verlauten lassen. Großzügig und verständnisvoll, wie ich nun mal bin, sehe ich ihm das nach. Vielleicht hatte er zum Lesen derselben aufgrund der Vorbereitungen zu seiner fünften Eheschließung trotz erheblicher Hochzeitsroutine keine Zeit. Oder er war mal wieder damit beschäftigt, einstweilige Verfügungen gegen dreiste Presseagenturen zu erwirken, die die ungeheuerliche Behauptung aufstellten, er würde immer noch so verwerfliche Dinge tun, wie sich die Haare zu färben. Und nicht zuletzt hat man als Chef des Aufsichtsrats eines großen russischen Energiekonzerns ja auch noch alle Hände voll zu tun, wenn man nicht gerade das Wodkaglas erheben muss, um mit seinem guten Freund Wladimir auf 98 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz anzustoßen.

 

Ja, ein wirklich vielbeschäftigter Mann, der aber allem Anschein nach bei Weitem noch nicht ausgelastet ist. Denn in überheblicher Gutsherrenmanier findet der einstige SPD-Kanzler immer noch Zeit, im Nebel seiner Selbstbeweihräucherung den Stab des Politweisen zu brechen über die derzeitige SPD-Vorsitzende Andrea Nahles, ihr „Amateurfehler“ vorzuwerfen und jegliche wirtschaftliche Kompetenz abzusprechen. Gut, man kann Frau Nahles sympathisch finden oder auch nicht. Ich tendiere eher zu Letzterem. Nichtsdestotrotz muss man anerkennen, dass die Frau was von Politik versteht. Meiner Meinung nach auf jeden Fall mehr als ein gewisser Altkanzler mit dem Spitznamen „Genosse der Bosse“, der den Hartz4-Bock zum Sozialabbau-Gärtner machte und verantwortlich dafür ist, dass Deutschland zum Niedriglohn-Land wurde.

 

Da fragt man sich doch allen Ernstes: Hat Herr Schröder, dieser alte, aber leider keineswegs weise Mann nicht genug damit zu tun, sich um seine fünfte Ehefrau zu kümmern? Und wenn er so gar nicht weiß, was er mit seiner Zeit anstellen könnte, dann soll er von mir aus Veranstaltungen der Finanzuniversität der Regierung der Russischen Föderation, die ihm die Ehrendoktorwürde verliehen hat, besuchen, um dort ein paar schröderianische Altherrenwitze zum Besten zu geben – oder, noch besserer Vorschlag: Er könnte das tun, was Ulrich Schulte, Journalist der „taz“ und wie ich ein einstiger Fan von Gerhard Schröder, ihm in einem trefflich formulierten Brief kürzlich nahegelegt hat... einfach mal die Klappe halten.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Schneeflöckchen          02.02.2019

 

(Siehe Fenjas Kolumnen)

 

 

 

 

Wählerisch          19.01.2019

 

Suffragetten – wer die Bezeichnung zum ersten Mal hört oder liest, kann besonders in Anbetracht der ersten Silbe stutzig werden. Geht es hier vielleicht um den übermäßigen Genuss alkoholischer Getränke, der den ein oder anderen Artgenossen schon mal in Rage bringen kann? Oder ist eventuell eine neue Schokoladenkreation in Form hochprozentiger Schogetten gemeint? Nein, nichts von alledem. Abgeleitet vom englischen/französischen „suffrage“, das man mit Wahlrecht oder Abstimmung übersetzen kann, wurden damit Frauen in England und Amerika bezeichnet, die Anfang des 20. Jahrhunderts mit Protestkundgebungen erreichen wollten, dass nicht nur Männer, sondern endlich auch Frauen wählen dürfen.

 

Nach jeder Menge politischer Demonstrationen, einer nicht geringen Anzahl eingeschlagener Schaufensterscheiben und Damen, die öffentlich in den Hungerstreik traten oder tatsächlich so weit gingen, sich in Selbstmordabsicht vor galoppierende Pferde zu werfen, wurde 1919/1920 in Amerika und 1928 schließlich in England das Wahlrecht für Frauen eingeführt. Auch deutsche Frauenrechtlerinnen blieben nicht tatenlos und deshalb dürfen wir uns in diesem Jahr über 100 Jahre Frauenwahlrecht freuen.

 

So manchem Mann, der davon überzeugt war, seine Frau habe von Politik so viel Ahnung wie ein Fisch vom Fahrradfahren, war das allerdings ganz und gar nicht recht. Und da er zu seinem größten Bedauern das Ausfüllen des Wahlscheins durch die ihm angetraute Politik-Analphabetin nicht persönlich überwachen konnte, bekam sie schon Wochen vor der Wahl von ihrem Gatten fünfundzwanzig Mal am Tag vorgekaut, wohin sie denn gefälligst ihr Kreuzchen zu machen habe. Denn seiner Meinung nach hatten die Frauen sowieso schon genügend Möglichkeiten, zu wählen. Sie durften entscheiden, ob sie ihm am Sonntagmittag einen Schweine- oder einen Rinderbraten kredenzten und außerdem hatten sie die freie Wahl, wohin sie die Bierflaschen stellten – Hauptsache, sie waren angenehm temperiert und in genügender Anzahl vorhanden. Auch die Farbe ihrer Küchenschürze blieb voll und ganz ihnen überlassen, schließlich war der Hausherr großzügig.

 

A propos Hausherr – Wolfgang Schäuble, Präsident des Deutschen Bundestages und damit sozusagen Hausherr des Parlaments, richtete in dieser Woche bei einer Feierstunde im Plenarsaal zum 100. Geburtstag des Wahlrechts für Frauen mahnende Worte an seine Geschlechtsgenossen und forderte sie auf, sich mehr an Kindererziehung und Hausarbeit zu beteiligen.

 

Zum Glück muss sich mein Mann da überhaupt nicht angesprochen fühlen. Er ist nämlich so was wie ein fahrradfahrender Fisch, der nicht nur (gemeinsam mit seiner ihm sehr ans Herz gewachsenen Langzeitfreundin, der Küchenmaschine) backen, kochen, Geschirrspülen und Staubsaugen kann, sondern ich habe auch noch die Wahl und darf mir aussuchen, welcher Kuchen oder welches Hauptgericht es denn sein soll. Das Einzige, was er noch braucht, das wäre eine Küchenschürze. Na, da schauen wir mal im Haushalts-Shop für emanzipierte Männer, dort kann er sich dann eine aussuchen... schließlich darf der Mann des 21. Jahrhunderts ja ruhig ab und zu auch ein bisschen wählerisch sein.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Im Karton 2018           05.01.2019

 

Mal abgesehen davon, dass man Glück hat, es erleben zu dürfen, gibt es so einiges, dass man an einem neuen Jahr schön finden kann. Denn obwohl der 1. Januar genaugenommen ein Tag wie jeder andere ist, an dem morgens die Sonne auf- und abends wieder untergeht, hat man doch das Gefühl, als sei alles irgendwie zurück auf Null gestellt. Das Weihnachtsfest war schön, die Zeit zwischen den Jahren hat man auch irgendwie rumgekriegt und jetzt – taratata! – ist es da, das neue Jahr, begleitet von zahllosen mehr oder minder guten Ratschlägen zur Förderung des Seelenheils, mit denen man förmlich überschüttet wird.

 

Und da ich für gute Ratschläge, sofern sie sich denn wirklich als gut erweisen, eigentlich immer zu haben bin, begann ich umgehend mit dem Packen. Nein, keine Sorge, ich bin nicht Zuhause ausgezogen. Dafür gefällt es mir dort viel zu gut. Einem der angeblich so guten Ratschläge folgend habe ich aber vor meinem geistigen Auge einen großen Karton entstehen lassen, in den ich alles entsorgte, was mir im Jahr 2018 nicht gefallen hat. Gut, der allzu heiße Sommer hat ganz schön viel Platz in Anspruch genommen. Und als ich dann noch versuchte, Donald Trump – arm im Geiste, aber reich an Körperfülle – in den Karton zu stopfen, musste ich feststellen, dass ein Karton für die Altlasten aus 2018 bei Weitem zu wenig war.

 

Wie empfohlen umklebte ich im Anschluss an das Packen die Kartons mit ungefähr einem Kilometer Paketband und schnürte zusätzlich sicherheitshalber noch eine feste Kordel gleicher Länge darum – und dabei, das gebe ich zu, war es mir piepegal, dass Mister Trump in seinem Karton wie ein wild gewordener Berserker randalierte. Sodann schaffte ich die Dinger in die letzte Ecke des 2018-Kellers, schloss die Kellertür ab und warf den Schlüssel zum Fenster raus. Uff, geschafft! Den Karton zu schleppen, in dem sich der randalierende Präsident befand, war mir sehr schwer gefallen. Kein Wunder, war doch ein wahrlich überheblicher Typ darin verstaut.

 

Aber egal, es war vollbracht. Glücklich und erleichtert schloss ich die 2018er-Tür hinter mir und öffnete erwartungsvoll und guter Dinge die Tür zum Jahr 2019. Ach, und hier war sie ja auch schon wieder: Die gute, alte OZ (das „alt“ darf ich mir erlauben, denn immerhin gibt es unsere Zeitung schon seit dem Jahre 1833). Doch als ich sie aufschlug, traf mich fast der Schlag. Wer grinste mich da gleichermaßen großformatig wie großkotzig an? Ja, der großmäulige Donald Trump!

 

Und so musste ich mir eingestehen, dass kein Problem der Welt aus der Welt zu schaffen ist, egal, wie gut man es auch verschnürt und in der hintersten Ecke versteckt hat. Gereift durch diese Erkenntnis machte ich mich alsdann auf den geistigen Weg, um den Kellerschlüssel zu suchen und den Kerl wieder aus seinem Karton zu befreien – denn mit einem Typ, der mexikanische Kinder von ihren Eltern trennt und sie dann einsperrt, nur weil sie eine aus seiner Sicht falsche Staatsangehörigkeit haben, wollte ich mich denn doch nicht auf eine (Keller)Stufe stellen...

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Noch zweimal schlafen          22.12.2018

 

(siehe Fenjas Kolumnen)

 

 

 

 

Nikolausig          08.12.2018

 

Kein Nikolaustag vergeht, an dem ich nicht an meinen Opa, der mit Vornamen Nikolaus hieß, denken muss. Aufgrund seiner lothringischen Vorfahren und des Umstands, dass der heilige St. Nikolaus der Schutzpatron der Lothringer ist, hatte man ihm diesen ehrenvollen Namen gegeben. Sage und schreibe acht Lebensjahre brauchte ich, bis ich dahinterkam, dass es mein Opa Nikolaus war, der uns St. Nikolaus vorspielte. Aber eigentlich hatte ich nicht meinen Opa erkannt, sondern Opas besten Freund, der den nicht ganz so ehrenvollen Part des Knecht Ruprecht an seiner Seite übernommen hatte. Denn als der Nikolaus, also mein Opa, Knecht Ruprecht versehentlich mit „Albert“ ansprach, fiel es mir wie Schuppen von den kindlichen Augen – vor uns standen nicht der heilige St. Nikolaus und Knecht Ruprecht, sondern Opa mit seinem besten Freund!

 

Und wie die Erwachsenen manchmal so sind – sie können einfach nicht dazu stehen, die Unwahrheit gesagt zu haben. Wollten sie uns Kindern doch tatsächlich weismachen, dass Opa nur für den richtigen Nikolaus eingesprungen war, weil der angeblich schwer erkältet das Bett hüten musste! Und nicht nur verlogen, sondern obendrein auch ein bisschen dumm schienen mir die Erwachsenen zu sein. Im darauffolgenden Jahr glaubten sie doch allen Ernstes, dass wir die Sache längst vergessen hätten und wollten uns tatsächlich schon wieder Opa und Onkel Albert als Nikolaus-Ruprecht-Gespann verkaufen!

 

Doch das war nicht das, was mich am meisten ärgerte. Am schlimmsten für mich war die Erinnerung an meine Angst in den Zeiten, in denen ich das Schauspiel noch für bare Münze genommen hatte. Schon Wochen vor dem Nikolaustag machte ich mir Gedanken darüber, was Knecht Ruprecht wohl von den kleinen Streichen hielt, die im vergangenen Jahr von mir ausgeheckt worden waren. Ja, ich hatte die Zuckerdose mit Salz befüllt und meiner kleinen Schwester eine Plastikspinne unter die Bettdecke gelegt. Aber immerhin war ich nicht so weit gegangen wie unser Nachbarjunge Richard, der an das Taschentuch, das sein Opa immer in der Jackentasche trug, den Schwanz einer toten Maus geknotet hatte. Aber konnte ich mich deshalb in Sicherheit wiegen? Konnte ich wissen, ob es nur beim Drohen mit der Rute blieb oder ob Knecht Ruprecht sie aufgrund der aus seiner Sicht doch recht schwerwiegenden Verfehlungen dieses Mal nicht vielleicht zum Einsatz bringen würde?

 

Nein, da war mir das Christkind doch tausendmal lieber. Zumal ich auch auf den Nikolaus ziemlich sauer war. Wie konnte er gemeinsame Sache mit so einem schlimmen Kerl, der Kinder mit einer Rute schlug, machen? Da sollte er am Nikolaustag lieber dort bleiben, wo die Pfeffernüsse wachsen und seine Schokolade, Apfelsinen, ja selbst die neuen Malstifte für sich behalten. Und die Äpfel sowieso. Denn wenn mich einer veräppeln will, dann muss er schon ein bisschen früher aufstehen, als dies Nikolaus- und Ruprecht-Doubles für gewöhnlich zu tun pflegen.

 

Eine schöne Adventszeit, liebe Leserinnen und Leser – und lassen Sie sich ja nicht veräppeln...

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Und tschüss...          24.11.2018

 

Wer weiß, wo es sich jetzt befindet, das gute Programm, von dessen Verschwinden ich Ihnen in der letzten Kolumne erzählt habe. Vielleicht hat es ja den Mann im Mond besucht und schwirrt jetzt irgendwo zwischen den Sternen der Milchstraße herum. Oder es hat sich, da es ja viel mit Zahlen arbeiten musste, auf den Weg zum seligen Albert Einstein gemacht, um ihm mal zu zeigen, was sich in Puncto Rechnerei auf der Erde seit seinem Ableben so alles getan hat. Für diesen Fall hoffe ich allerdings sehr, dass es die Datei mit meiner Einstein-Feldmaus-Kolumne mitgenommen hat, schließlich wissen wir ja nicht genau, wie viel oder wie wenig es da oben zu schmunzeln oder zu lachen gibt.

 

Ja, der Herbst ist eine Zeit des Abschiednehmens. Da heißt es Adieu sagen zum Sommer, zum mehr oder weniger goldenen Oktober, zu luftiger Kleidung und zu Scheibenwaschanlagen, die ohne Frostschutzmittel ihren Dienst versehen. Das ist in jedem Jahr dasselbe. In diesem Jahr jedoch kommen noch ein paar aufsehenerregende Abschiedsankündigungen hinzu. Nach sage und schreibe achtzehn Jahren als Bundesvorsitzende ihrer Partei hat unsere Bundeskanzlerin, das alte Schlachtross – Frau Merkel möge mir diese despektierlich anmutende, aber durchaus anerkennend gemeinte Bezeichnung verzeihen –, verlauten lassen, dieses Amt im Dezember aus freien Stücken niederlegen zu wollen. Nicht ganz so freiwillig, wie mir scheint, folgte sodann mit weithin hörbarem Zähneknirschen Horst Seehofer und kündigte an, ebenfalls den Bundesvorsitz seiner Partei im Januar des kommenden Jahres aufzugeben.

 

Okay, mit beidem können wir ganz gut leben, finde ich. Vom Hocker gerissen oder zu Tränenausbrüchen verleitet haben mich die Mitteilungen jedenfalls nicht. Diesen Part hat eine ganz andere Abschiedsnachricht übernommen, die mich nicht nur vom sprichwörtlichen Hocker riss, sondern mit entsetztem Aufschrei hoch hinaus aus dem Fernsehsessel katapultiert hat: Nach 34 Jahren soll die „Lindenstraße“ aufhören – was für ein Schock!

 

Werte ARD, das könnt ihr doch nicht ernst meinen, oder? Es war ja schon harter Tobak, vor nicht allzu langer Zeit miterleben zu müssen, wie Hansemann, Mutter Beimers Ex, mitten in einer Waldhütte den plötzlichen Serientod sterben musste – aber Mutter Beimer ab 2020 nie wieder beim Spiegeleier braten zuschauen zu dürfen, das geht nun wirklich nicht! Gaby und Andy niemals mehr auf dem Lindenstraßenasphalt den obligatorischen Silvesterwalzer tanzen sehen? Keine Familienfeier mehr im Akropolis, bei der die Fetzen fliegen und ab und zu auch ein paar Teller? Und verdammt nochmal – Klausi kennen wir nun schon seit seiner Kindergartenzeit. Wir haben ihm beim Blockflötespielen die Daumen gedrückt und mit ihm gelitten, als er von seiner gewalttätigen Ehefrau malträtiert wurde. Wäre es da nicht das Mindeste, dass wir uns mit ihm freuen dürfen, wenn er in ein paar Jahren Großvater wird?

 

Also bitte, überlegt euch das nochmal. Im Gegensatz zu Angela Merkel und Horst Seehofer ist es mit der Lindenstraße nämlich wie mit der Schokolade... ein Leben ohne sie ist zwar möglich, aber völlig sinnlos.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Einstein und die Feldmaus          10.11.2018

 

Ist ja nicht so, dass ich das nicht schon mal mitgemacht hätte. Aber ich bin halt ein anhänglicher Typ und ein Gewohnheitsmensch obendrein. Vertrautheit ist mir wichtig. Ich glaube, das weiß auch mein recht betagter Computer, der schon unzählige Jahre auf seinem Gehäusebuckel hat und der wirklich ziemlich alt ist. So alt, dass jemand, auf dessen namentliche Nennung ich hier aus Datenschutzgründen verzichten möchte, ihn doch tatsächlich „Dinosaurierteil“ genannt hat. Aber so ist es nun mal, wenn man alt ist. Da ist man nicht nur viel langsamer als in jungen Jahren, nein, es kann vorkommen, dass man Dinge irgendwohin verlegt, wo man sie nicht mehr wiederfindet – oder im schlimmsten Fall etwas in die Mülltonne wirft, was da gar nicht hingehört.

 

Tja, und so ließ mein guter alter PC kürzlich doch tatsächlich nach einem Absturz, den er glücklicherweise überlebt hat, ein auf ihm installiertes Programm in den Weiten des Software-Nirwanas so mir nichts, dir nichts verschwinden. Es war weg, einfach weg. Alle Suchaktionen waren vergeblich, das Programm hatte sich in Luft aufgelöst.

 

Wie gesagt, alles schon mal mitgemacht – und deshalb wusste ich nur zu gut, was nun auf mich zukam. Anruf bei der Hotline, die, wie ich mittlerweile auch bei einigen ihrer Artgenossinnen schon mehrfach feststellen durfte, deswegen wohl als „heiß“ bezeichnet wird, weil man sich wie auf glühenden Kohlen wartend etliche Minuten lang zuerst einmal nervtötende Dudeldüdü-Musik anhören muss, bis sich schließlich endlich jemand bequemt, einen von den Kohlen herunterzuholen. Und das ist dann nicht selten jemand, der so tut, als hätte er einen Intelligenzquotienten wie Einstein, der jetzt einem absoluten Dussel, dessen IQ noch unter dem einer Feldmaus liegt, etwas erklären soll.

 

Und genauso kam es. Das Gedudel wurde unterbrochen von einem ziemlich unfreundlich klingenden Herrn mit einer unangenehmen Stimme, der sich zu alledem auch noch als überzeugter Anhänger der Einstein-Feldmaus-Theorie entpuppte. Ganz fix war er fertig, indem er mich fragte, ob ich zuvor schon mal dies, das und jenes ausprobiert hätte. Erst nach Erledigung dessen solle ich mich wieder melden. Folgsam und feldmausbrav wurde dies, das und jenes sodann von mir in Angriff genommen. Leider mit wenig beziehungsweise gar keinem Erfolg. Tja, aber was will man schon von einer total überforderten, zu allem Überfluss auch noch weiblichen Feldmaus erwarten, nicht wahr?

 

Also alles wieder von vorne. Dudeldüdü, dudeldüdü. Doch dann - welche Überraschung! Am anderen Ende der Leitung hörte ich die zarte Stimme einer jungen Frau, die sich ausgesprochen höflich danach erkundigte, wie sie mir denn helfen könne. Punkt für Punkt und auf sehr verständliche Weise ging sie mit mir die einzelnen Schritte durch und legte dabei eine bewundernswerte Geduld an den Tag. Eine geschlagene Viertelstunde führten wir beide ein sehr angenehmes Gespräch und danach war alles wieder im Lot... einschließlich einer genauen Anleitung für zukünftige Notfälle, die Einsteins Schwester mir computergebeutelten Feldmaus liebenswürdigerweise noch obendrein zuteilwerden ließ.

 

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Herzbübchen          27.10.2018

 

- Siehe Fenjas Kolumnen -

 

 

 

 

Freunde aus Holz          13.10.2018

 

- Siehe Fenjas Kolumnen -

 

 

 

 

Lilli Schneeflocke          29.09.2018

 

Ein bisschen was Wahres ist ja schon dran, wenn die Franzosen über die Deutschen sagen, dass sie sich viel zu viel gefallen lassen. Ja, nicht ganz zu Unrecht ist man in Frankreich der Meinung, dass die Deutschen ziemlich duckmäuserig und obrigkeitshörig sind. Denn wo unsere Nachbarn aus den verschiedensten Gründen zu Tausenden auf die Straße gehen und lautstark demonstrieren, sitzen wir mit unserem dicken Fell auf der Wohnzimmercouch. Dabei ist es jedoch beileibe nicht so, dass wir keine Meinung hätten. Nein, aber leider halten wir mit ihr allzu gerne und oft hinterm hohen Berg aus Sofakissen.

 

Zum Beispiel wissen die meisten von uns, dass Pflegekräfte in Deutschland einen sehr anstrengenden Beruf haben, dass sie in der Regel nicht nur immens überlastet, sondern auch unterbezahlt sind und unsere Meinung dazu ist eindeutig: Das ist echt schlecht und ungerecht. Aber was tun wir dagegen? Nichts. Dabei wäre das eine Gruppe, die unsere persönliche Unterstützung dringend bräuchte, denn gerade diese Menschen machen von dem ihnen zustehenden Demonstrationsrecht nur selten Gebrauch. Ganz einfach deshalb, weil die ihnen Anvertrauten unter ihrer Abwesenheit zu leiden hätten und womöglich in dieser Zeit sogar sich selbst überlassen bleiben müssten.

 

Spätestens im Fall des Herrn Maaßen, der mein Maß an Verständnis und Duldsamkeit weit über die Maßen strapaziert hat, sehen wir doch, was passiert, wenn wir uns endlich mal auflehnen gegen absolut unverständliche und ungerechte Entscheidungen unserer Obrigkeit. Oho, hat man sich da an der Regierungsspitze wohl gedacht – die da unten können ja so laut schimpfen, dass wir es bis hier oben hören! … und zack verschwand dieser Herr zwar leider nicht in der Versenkung, durfte aber auch nicht unverdienterweise Platz auf dem dick gepolsterten Stuhl des hochdotierten Staatssekretärs nehmen.

 

Zugegeben, auch ich nehme mich nicht aus – bis auf das gelegentliche Unterzeichnen von Petitionen im Internet konnte man mich bislang ebenfalls zu den Couchfreunden zählen. Aber damit ist jetzt Schluss. Ein starker innerer Drang ließ mich der trägen Gemütlichkeit ein Ende bereiten. Ich bin aufgestanden, habe mich nach der Arbeit nicht auf die Couch, sondern in den Zug gesetzt und bin nach Gießen gefahren, um zu demonstrieren. Und das werde ich in Zukunft jetzt öfter tun, um denen da oben mein Gesicht zu zeigen für die Menschen, die Welt, die Natur und (nicht nur Hambacher) Bäume.

 

Gut, es mag Leute geben, die die Auffassung vertreten, dass ich kleines einzelnes Menschlein allein an nichts werde etwas ändern können. Aber das kümmert mich nicht. Ich finde, es ist an der Zeit, dass ich meine Meinung öffentlich kundtue. Und außerdem verkennen diese Leute vollkommen, dass es so ist wie bei den Schneeflocken – eine einzelne richtet vielleicht nichts aus, aber wenn sie sich mit ihren Artgenossen verbündet, kann sie Teil einer mächtigen Lawine werden und ganz schön was ins Rollen bringen.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

 

 

Big Sister          15.09.2018

 

- Siehe Fenjas Kolumnen -

 

 

 

 

Bei uns da unten          01.09.2018

 

Sie, Sie, Sie und Sie auch – genaugenommen ist jeder Steuerzahler in unserem Land ein Arbeitgeber. Mag eigenartig klingen, ist aber so. Unsere Angestellten sitzen in der Bundesregierung und im Bundestag. Allein in Letzterem erwarten sage und schreibe 709 Abgeordnete ihr Gehalt pünktlich jeden Monat im Voraus auf ihren Konten. Und da sie in einem demokratischen Verfahren gewählt wurden, bin ich notgedrungen sogar mit der Bezahlung der 92 Abgeordneten der Gruppierung, deren Anfangsbuchstaben ich mit „Ausschließlich-für-Doofe“ interpretiere, einverstanden.

 

Mit Fug und Recht können wir Steuerzahler also von uns behaupten, Arbeitgeber zu sein. Gut, aus der Natur der Sache und der Länge der Legislaturperioden ergibt sich, dass die Dam- und Herrschaften quasi nur über Zeitarbeitsverträge verfügen. Nichtsdestotrotz entlohnen wir unsere Angestellten ausgesprochen gut und lassen ihnen wirklich jede Menge Freiraum und Möglichkeiten zur Entfaltung. Ja, sogar die Festlegung ihrer Gehälter überlassen wir ihnen. Und verlängerte Wochenenden durch freitägliches Nichterscheinen tolerieren wir ebenso wie das ein oder andere Nickerchen während so mancher (zugegeben sehr langweiligen) Plenarsitzung.

 

Was mir aber so ganz und gar nicht gefällt, ist der Umstand, dass viele unserer Angestellten auch ansonsten für meinen Geschmack etwas zu oft die Augen verschließen. Und zwar vor Missständen, für deren Behebung sie eigentlich zuständig wären. Mindestens genauso gravierend ist, dass viele dieser Leute, denen wir einen solchen Traumjob verschafft haben, im Laufe der Zeit anscheinend völlig vergessen, dass sie unsere Angestellten sind, die wir mit unserem sauer verdienten Steuergeld bezahlen.

 

Aber so ist das nun mal im Regierungs-Wolkenkuckucksheim – die kleine Frau und den kleinen Mann da unten verliert man von dort oben ganz schnell aus dem Blick und auch der Bezug zur Realität, der kann auf dem Weg nach oben auf der politischen Karriereleiter sehr leicht verloren gehen. Nach Meinung der meisten unserer Angestellten geht es dem Volk doch ziemlich gut und alles ist in Butter. Was allerdings ein Pfund davon kostet, das wissen sie nicht. Noch viel weniger Ahnung haben sie vom Preis einer Busfahrkarte oder dem Stundenlohn einer Putzfrau. Und was es für einen 50-Jährigen bedeutet, völlig schuldlos arbeitslos geworden zu sein, davon haben sie nicht die Spur einer Ahnung. Ebenso wenig können sie sich eine Vorstellung davon machen, dass es so mancher alleinerziehenden Pflegekraft an Kraft fehlt, nach ihrem 8-Stunden-Dienst (die Zeit fürs frühmorgendliche Zeitungsaustragen nicht mitgerechnet) noch ein warmes Abendessen für ihre Kinder aus dem Hut zu zaubern.

 

So, und deshalb plädiere ich dafür, dass Minister- und Abgeordneten-Praktika eingeführt werden, damit unsere Angestellten sich mal ein Bild davon machen können, wie es sich auf dem Boden der Tatsachen so steht. Konkrete Vorschläge habe ich auch schon: Verkehrsminister Andreas Scheuer darf vier Wochen lang einer der Teertruppen, die für die Asphaltierung unserer Autobahnen zuständig ist, tatkräftig unter die verschwitzten Arme greifen und Innenminister Horst Seehofer kann sich einen Monat lang auf der Inneren der Uniklinik München mal hautnah ein Bild davon machen, wie es im Inneren überarbeiteter Pflegekräfte (und bei der Gelegenheit auch im Inneren der Bettpfannen, mit denen sie tagtäglich hantieren müssen) tatsächlich aussieht.

 

Lilli U. Kreßner

 

 

Mai 2019
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 
 
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31